motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2020.art33d
7_043_2020_4/7_043_2020_4.pdf101
2020
434
Fachbeitrag: Bedeutung des beruflichen Status der Eltern für grafomotorische Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern
101
2020
Judith Sägesser Wyss
Michael Eckhart
Für die heterogenen grafomotorischen Kompetenzen von Kindern in der Schuleintrittszeit gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Untersucht wird in diesem Artikel in erster Linie die Bedeutung des beruflichen Status von Eltern für die grafomotorischen Kompetenzen ihrer Kinder. Die Analysen werden unter Kontrolle weiterer möglicher relevanter Merkmale durchgeführt. Die Resultate zeigen, dass sich der berufliche Status der Eltern als relevant für die Zuweisung von Psychomotoriktherapie erweist. Zudem spielt der Status auch für effektiv erbrachte grafomotorische Leistungen der Kinder eine bedeutsame Rolle. Die Ergebnisse können theoretisch über primäre Herkunftseffekte erklärt werden.
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Zusammenfassung / Abstract Für die heterogenen grafomotorischen Kompetenzen von Kindern in der Schuleintrittszeit gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Untersucht wird in diesem Artikel in erster Linie die Bedeutung des beruflichen Status von Eltern für die grafomotorischen Kompetenzen ihrer Kinder. Die Analysen werden unter Kontrolle weiterer möglicher relevanter Merkmale durchgeführt. Die Resultate zeigen, dass sich der berufliche Status der Eltern als relevant für die Zuweisung von Psychomotoriktherapie erweist. Zudem spielt der Status auch für effektiv erbrachte grafomotorische Leistungen der Kinder eine bedeutsame Rolle. Die Ergebnisse können theoretisch über primäre Herkunftseffekte erklärt werden. Schlüsselbegriffe: Grafomotorische Kompetenzen, Heterogenität, sozioökonomischer Status, Psychomotoriktherapie Significance of parents occupational status on pupils’ graphomotor skills. Theoretical and empirical considerations considering other relevant features There are different approaches to explain the heterogeneous graphomotor skills of children entering school. This article primarily examines the significance of parents occupational status on their children’s graphomotor skills under control of further possibly relevant characteristics. The results show that the occupational status of parents is relevant for the assignment of psychomotor therapy. In addition, the status also plays a significant role in childrens effective graphomotor performance. The results can theoretically be explained by primary origin effects. Key words: graphomotor skills, heterogeneity, socioeconomic status, psychomotor therapy [ 185 ] motorik, 43. Jg., 185-192, DOI 10.2378 / mot2020.art33d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2020 [ FACHBEITRAG ] Während einzelne Kinder bei Schuleintritt bereits mit großer Sicherheit gesprochene Sprache schon in Silben, Worten oder gar Sätzen mit ihrem Schreibgerät zu Papier bringen und die damit verbundenen feinmotorischen Aufgaben problemlos meistern, stehen andere vor ernstzunehmenden Herausforderungen. Die Heterogenität grafomotorischer Leistungen ist von unterschiedlichen Faktoren wie beispielsweise grob-, fein- und visuomotorischen sowie sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten abhängig (z. B. Jasmin et al. 2018, 81; Vetter et al. 2009, 9f ). Die konkrete Bedeutung einzelner Faktoren und das geeignete pädagogisch-therapeutische Vorgehen im Hinblick auf eine Verbesserung grafomotorischer Leistungen werden in der einschlägigen Literatur kontrovers diskutiert. Neben dem lange üblichen sensomotorischen, entwicklungsorientierten Vorgehen, konnte in jüngerer Zeit die Wirksamkeit des aufgabenorientierten Einübens kognitiver Strategien zum Bewältigen spezifischer (grafo-)motorischer Anforderungen aufgezeigt werden (Schneck/ Amundson 2010, 267f; Smits-Engelsman et al. 2012, 1ff; Weintraub et al. 2009, 131f ). Auch in Bezug auf geschlechtsspezifische Unterschiede besteht in der Forschung keine Ei- Bedeutung des beruflichen Status der Eltern für grafomotorische Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern Theoretische und empirische Betrachtungen unter Berücksichtigung weiterer relevanter Merkmale Judith Sägesser, Michael Eckhart [ 186 ] 4 | 2020 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis nigkeit. Während mehrere Studien zum Schluss kommen, dass Mädchen klar bessere fein- und grafomotorische Leistungen erbringen als Jungen (Cordeiro et al. 2018, 2f; Hamstra- Bletz / Blöte 1990, 768; Jaščenoka / Petermann 2018, 88; Weintraub / Graham 2000, 124), wird diese Erkenntnis durch andere Autoren relativiert (Jenni et al. 2008, 4; Alfermann 2009), die darauf hinweisen, dass die Geschlechtsunterschiede eher geringfügig sind. Kinder mit und ohne Migrationshintergrund zeigen in Bezug auf grafomotorische Kompetenzen keine nennenswerten Unterschiede (Jaščenoka / Petermann 2018, 88; Sägesser / Eckhart 2016, 57). Indirekt stellen aber die im Durchschnitt deutlich geringeren materiellen und finanziellen Ressourcen von Migrationsfamilien ein gravierendes Entwicklungsrisiko dar (Uslucan 2010, 327). Kinder aus armen Familien zeigen in ersten Klassen schlechtere Schreibresultate als Kinder aus anderen Familien (Kim et al. 2015, 594ff ). Allerdings fokussieren nur wenige Untersuchungen explizit auf die soziale Herkunft der Kinder. Theoretischer Rahmen Aus theoretischer Sicht lässt sich die Annahme vertreten, dass Kinder aus sogenannten bildungsfernen Milieus bzw. niedrigeren sozialen Schichten in ihrem Elternhaus weniger Anregung zum Spielen und Lernen erhalten, als andere Kinder und dass dadurch die Bildungschancen beeinflusst werden (Becker 2016, 145). So werden in den frühen Kinderjahren wichtige Weichen gestellt. Bereits vor 45 Jahren hat Boudon (1974) auf diesen Sachverhalt hingewiesen, indem er zwischen primären und sekundären Herkunftseffekten unterschieden hat. Für die theoretische Einordnung der folgenden Analysen sind insbesondere die primären Herkunftseffekte von Bedeutung. Diese bezeichnen Nachteile, welche Kindern aus einem Elternhaus mit vergleichsweise ungünstigem sozialisatorischem Einfluss erwachsen (Boudon 1974, 29). Solche Effekte entstehen, weil die Möglichkeiten zur Unterstützung der Kinder je nach sozialer Herkunft variieren. Bessere Unterstützungsmöglichkeiten führen entsprechend zu höheren Leistungen und vice versa. Es ist davon auszugehen, dass solche primären Herkunftseffekte auch auf die Entwicklung visuomotorischer und feinmotorischer Kompetenzen einen Einfluss haben, welche wiederum wichtige Voraussetzungen für die Grafomotorik sind (z. B. Liu et al. 2017, 53; Groos / Jehles 2015, 39f ). Der außerschulischen, familiären Lebenswelt kommt bei der Schreibsozialisation eine entscheidende Rolle zu. Die Kinder, die in einer Umgebung aufwachsen, in der Schreiben eine wichtige Rolle im Alltag spielt, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit auch die erforderliche Motivation entwickeln, sich die entsprechenden Kompetenzen anzueignen (Merz- Grötsch 2010, 49). Empirische Einordnung Es bestehen nur wenige Untersuchungen, die sich explizit auf den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status der Familie und den grafomotorischen Leistungen in den Bereichen Feinmotorik und visuomotorische Integration beziehen. Die Untersuchungen stammen in der Regel aus dem angloamerikanischen Raum und bestätigen im Großen und Ganzen die eingangs beschriebenen primären Herkunftseffekte. So zeigen Noble et al. (2005, 83) auf, dass bei Kindergartenkindern der sozioökonomische Status verbunden ist mit Unterschieden in Bezug auf sprachliche Fähigkeiten, exekutive Funktionen, visuelle Wahrnehmung, visuoräumlichen Fähigkeiten und dem Gedächtnis. Gül Ercan et al. (2011, 102) bestätigen, dass visuomotorische Integration, visuelle Wahrnehmung und motorische Koordination abhängig vom sozioökonomischen Status variieren. Alter und sozioökonomischer Status sind nach ihrer Aussage entscheidend für die Leistung in der Visuomotorik. Vergleichbare Ergebnisse resultieren bei Africa und van Deventer (2015): Kinder mit niedrigem sozioökonomischem Status erbringen schlechtere Leistungen. Groos und Jehles (2015, 39f ) zeigen auf, dass die Bildung der Eltern und Armut einen Einfluss auf die visuomotorische Leistung der Kinder haben. Hat ein Kind in den ersten Schuljahren Schwierigkeiten mit der Grafomotorik, resultieren oft [ 187 ] Sägesser • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 [ 187 ] Sägesser, Eckhart • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 Enttäuschungen, da diese Kinder im Vergleich mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern trotz großer Anstrengung schlechtere Resultate erzielen (Eckhart/ Sägesser 2016, 14). Diese negativen Erfahrungen können schon früh zu Resignation oder Verweigerung führen (Stachelhaus 2004, 76). Grafomotorische Schwierigkeiten haben oft eine negative Auswirkung auf die Motivation, das Selbstvertrauen, die Schulleistungen und die akademische Laufbahn (z. B. Connelly et al. 2005, 98; Dinehart/ Manfra 2013). Betroffene Kinder laufen Gefahr, ein negatives Fähigkeitskonzept zu entwickeln und das Schreiben wenn möglich zu vermeiden, wodurch sich der Rückstand auf andere Kinder vergrößert (z. B. Feder / Majnemer 2007, 313f ). Der Nachteil, der durch eine schlecht automatisierte Handschrift entsteht, kann bis in die Mittelschulen nachgewiesen werden (Santangelo / Graham 2015, 226). Fragestellung und Berechnungsmodell Untersucht wird im Folgenden die Frage, ob und inwiefern sich der berufliche Status der Eltern als bedeutsam für die Zuweisung zur Psychomotoriktherapie und für die Ausprägung von grafomotorischen Leistungen bei Kindern in der Schuleintrittsphase erweist. Die Untersuchung der Fragestellung erfolgt in zwei Schritten. Erstens wird die Gruppe der Kinder mit Psychomotoriktherapie betrachtet. Der Vergleich zwischen den Kindern mit und ohne Psychomotoriktherapie soll zeigen, ob und inwiefern sich der berufliche Status der Eltern der untersuchten Kinder unterscheidet. Die Gruppe der Kinder mit therapeutischer Unterstützung ist relativ klein (N- = 85), was die Auswertungen limitiert. Auch sind die Gründe für eine Therapie in diesem Bereich vielfältig und nicht immer begleitet von schlechteren grafomotorischen Leistungen. Zweitens soll darum die Bedeutung des elterlichen Status für die grafomotorischen Leistungen in einem Berechnungsmodell überprüft werden. Hier können weitere Merkmale und deren Zusammenwirken überprüft werden. Dies geschieht mittels varianzanalytischer Auswertung (ANOVA: Bortz 1999, 476ff ) der Daten aller Kinder, von welchen die Berufsangaben der Eltern vorliegen (N-= 534). Das Verfahren wird gewählt, weil Interaktionen zwischen den Faktoren einfach interpretiert werden können. Zudem besteht die Möglichkeit, das Alter und den beruflichen Status als kovariierende Merkmale ins Berechnungsmodell zu integrieren. Eigene Untersuchung Die Untersuchung der Bedeutung verschiedener Merkmale, insbesondere des beruflichen Status der Eltern, für die grafomotorischen Leistungen ihrer Kinder erfolgt mit den Daten, welche für die Entwicklung des GRAFOS (Sägesser / Eckhart 2016) erhoben wurden. GRAFOS bezeichnet ein umfangreiches Diagnostikmaterial zum Erfassen des grafomotorischen Entwicklungsstandes bei Kindern zwischen vier und acht Jahren. Das Instrument gliedert sich in ein Screening, einen Beobachtungsbogen und eine Differentialdiagnostik. Das Verfahren wurde mithilfe der Daten von 1 145 Kindern entwickelt. Es ist davon auszugehen, dass diese Stichprobe den Anforderungen nach Repräsentativität genügt. Bei der Bildung der GRAFOS Stichprobe wurden Schulklassen zufällig ausgewählt. Von knapp der Hälfte der Kinder (N- = 534) liegen die Berufsangaben der Eltern vor. Diese Angaben wurden durch die Lehrpersonen gemeldet und sind, falls verfügbar, jeweils für alle Kinder einer Schulklasse vorhanden. Grafomotorische Leistung Im GRAFOS werden die grafomotorischen Leistungen in den beiden zentralen Entwicklungsbereichen visuomotorische Integration (Skala Form) und Feinmotorik (Skala Strich) gemessen. Der Aufbau der Aufgaben orientiert sich an der Entwicklung des Zeichnens von Formelementen. Während die einfachsten Items (Strich senkrecht und Strich waagrecht) von praktisch allen Kindern gezeichnet werden können, werden die Anforderungen entlang der Entwicklungslinien allmählich gesteigert. [ 188 ] 4 | 2020 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Die Skala Form beschreibt die visuomotorische Integration, welche im Screening Grafomotorik über die Formwiedergabe als manifeste Variable erfasst wird. Dabei wird erhoben, wie genau ein Kind eine vorgegebene Form wiedergeben kann, welche es nur visuell registriert hat. Mit der Skala Strich wird die feinmotorische Entwicklung in Bezug auf das Zeichnen / Schreiben mit einem Stift erfasst. Für eine effektive Überprüfung der Feinmotorik wurden relativ kleine Formelemente gewählt, damit die Formen aus der Fingerbewegung heraus gezeichnet werden können. Dabei wird die Strichführung als manifeste Variable gemessen. Die beiden Skalen verfügen über gute Reliabilitäten, die Homogenität der Skalen bzw. die interne Konsistenz wurde mittels Cronbachs Alpha ermittelt (Form ⍺ - = .884; Strich ⍺ - = .901). Auch die Trennschärfen und die Schwierigkeiten der Items sowie die Verteilungen der Skalen sind als gut zu bezeichnen (Sägesser / Eckhart 2016, 52f ). Für die folgenden Berechnungen werden die beiden Skalen im Gesamtwert »Grafomotorische Leistungen« zusammengefasst. Zwischen den beiden Skalen besteht ein hochsignifikanter statistischer Zusammenhang (Pearson Correlation; r(532)-= .75, p < .001). Beruflicher Status der Eltern Die Angaben zum beruflichen Status der Eltern wurden mit Hilfe der internationalen Berufsnomenklatur (ISCO08- = International Standard Classification of Occupation: Bundesamt für Statistik 2017) codiert. In dieser überabeiteten Variante der ISCO08 Nomenklatur wurde eine verbesserte Kategorisierung von Berufen des Managements, der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie des Gesundheitswesens vorgenommen. Die ISCO-Codierung wurde für die folgenden Analysen in den Internationalen Sozioökonomischen Index des beruflichen Status (ISEI) überführt (Ganzeboom 2010). Der ISEI verbindet Einkommen und Bildung, um damit den Status einer beruflichen Tätigkeit abzubilden. Entsprechend wird jedem Beruf ein Status zugewiesen. Der ISEI-08 wurde auf der Basis der Daten von beinahe 200 000 Frauen und Männern aus 42 Ländern konstruiert (Ganzeboom 2010). Weitere Faktoren und Kovariaten In die nachfolgenden Analysen fließen neben dem ISEI weitere Faktoren und Kovariaten ein. Die Daten wurden über einen separaten Fragebogen erhoben, der von den Lehrpersonen ausgefüllt wurde. Von großer Bedeutung für die grafomotorische Entwicklung ist das Alter der Kinder. Weiter wurde das Geschlecht der Kinder erfasst. Schließlich wurden im Bereich des Migrationshintergrunds Angaben zur Nationalität und Muttersprache der Kinder gesammelt. Angaben zur Stichprobe Für die Analysen kann auf die Daten der GRAFOS Untersuchung zurückgegriffen werden (N-= 1 145) (Sägesser / Eckhart 2016). Da nicht von allen Eltern die Berufsangaben vorliegen, reduziert sich die Stichprobengröße für die varianzanalytischen Auswertungen entsprechend (N-= 534). Diese Kinder verteilen sich auf 247 Mädchen und 273 Jungen. Von 14 Kindern fehlen die Angaben zum Geschlecht. Das Alter der Kinder streut zwischen 4,7 und 8,8 Jahren, bei einem Mittelwert von 6,2 Jahren. Die 534 Kinder stammen aus insgesamt über 30 Nationalitäten. Auch wenn Tab. 1: t-Test für unabhängige Stichproben zur Zuweisung von Therapie [ 189 ] Sägesser • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 [ 189 ] Sägesser, Eckhart • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 die Muttersprache betrachtet wird, so zeigt sich in der Stichprobe eine große Vielfalt. Für die weiteren Berechnungen wurden die Faktoren »Nationalität« und »Muttersprache« in je zwei Kategorien zusammengefasst (schweizerische oder nichtschweizerische, ausländische Nationalität bzw. deutsch / schweizerdeutsch oder eine andere Muttersprache). Der berechnete sozioökonomische Status variiert stark. Für die 534 Kinder werden über 150 verschiedene Werte für den beruflichen Status der Eltern ausgewiesen. Für die folgenden Berechnungen wurde jeweils der höchste Wert in einer Familie bzw. zwischen den Erziehungsberechtigten ermittelt. Beruflicher Status und Zuweisung zur Psychomotoriktherapie Von den 1 145 Schülerinnen und Schülern sind zum Zeitpunkt der Erhebung 85 Kinder in einer Psychomotoriktherapie, was einem prozentualen Anteil von knapp 7,5 % entspricht. Die Gründe für eine Psychomotoriktherapie sind verschieden und reichen von grob- und feinmotorischen Auffälligkeiten, über Probleme im Bereich der Körperwahrnehmung bis hin zu Erscheinungsbildern wie beispielsweise Hyperaktivität. Bei insgesamt 36 Kindern beschreiben die Lehrpersonen explizit das Auftreten grafomotorischer oder feinmotorischer Schwierigkeiten. Vergleicht man nun die erbrachten grafomotorischen Leistungen dieser Kinder (N-= 36; M-= 1.29; SD-= .30) mit denjenigen der Kinder mit anderen motorischen Schwierigkeiten (N-= 49; M-= 1.44; SD- = .25), so zeigen sich signifikante Unterschiede (t(83)-= 2.530; p-= .013). Diese Unterschiede bestätigen sich auch, wenn die Kinder mit grafomotorischem Förderbedarf (N-= 36; M-= 1.29; SD-= .30) mit den Kindern ohne motorische Auffälligkeit verglichen werden (N- = 1 060; M- = 1.42; SD- = .27) (t(1 094)- = 2.782; p- = .005). Die Kinder mit ausgewiesenem grafomotorischem Förderbedarf erreichen also niedrigere Leistungen in diesem Bereich. Bezogen auf die geschlechtliche Verteilung ist auffällig, dass rund vier Fünftel der Kinder mit Psychomotoriktherapie Jungen sind. Dieser Übervertretung der Jungen verstärkt sich deutlich, wenn auf die Kinder mit einem grafomotorischen Förderbedarf fokussiert wird. Unter den 36 Kindern mit therapeutischer Unterstützung in Tab. 2: ANOVA zu den grafomotorischen Leistungen [ 190 ] 4 | 2020 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis diesem Bereich befinden sich nur drei Mädchen. Überproportional vertreten in dieser Gruppe mit je ca. 40 % sind auch die Kinder mit einer ausländischen Nationalität und mit einer anderen Muttersprache als Deutsch (Gesamtstichprobe rund 30 %). Besonders interessiert die Bedeutung der sozialen Herkunft der Kinder. Die Mittelwerte in Tabelle 1 zeigen, dass der berufliche Status der Eltern von Kindern mit Psychomotoriktherapie signifikant niedriger liegt als derjenige der Eltern der Kinder ohne Psychomotoriktherapie. Aufgrund der unterschiedlichen Gruppengrößen ist das Ergebnis vorsichtig zu interpretieren. Der Vergleich verdeutlicht bei einer beinahe mittleren Effektstärke, dass die Eltern der Kinder mit Psychomotoriktherapie durchschnittlich einen niedrigeren beruflichen Status haben als dies bei den anderen Eltern der Fall ist. Beruflicher Status und grafomotorische Leistungen Die folgenden Auswertungen konzentrieren sich auf die grafomotorischen Leistungen der Kinder, die über die beiden Skalen »Form« und »Strich« gemessen wurden. Als Faktoren finden die Nationalität sowie die Muttersprache Berücksichtigung. Als Kovariaten werden das Alter und der berufliche Status (ISEI) aufgenommen. Die Überprüfung der Varianzhomogenität erfolgte mit dem Levene-Test (Bortz 1999, 275). Es kann von einer Gleichheit der Varianzen ausgegangen werden (p-= .594). In Tabelle 2 werden die wichtigsten Ergebnisse der durchgeführten Varianzanalyse zusammengefasst. Auf eine ausführliche Darstellung der deskriptiven Statistiken wird verzichtet. Auf die Fragestellung bezogene, bedeutsame Mittelwerte werden im folgenden Abschnitt erwähnt. Die Auswertungen zeigen im Bereich der Wirkfaktoren und Kovariaten drei signifikante Merkmale. Erstens entfaltet das Alter der Kinder die größte Wirkung. Dieses Ergebnis ist so zu erwarten, da mit zunehmendem Alter die grafomotorischen Leistungen besser werden. Mit einer beinahe mittleren Effektstärke erweist sich das Geschlecht als bedeutsame Kovariate. Werden die Mittelwerte miteinander verglichen, so sind die Unterschiede deutlich: Die Mädchen erreichen mit einem Mittelwert von 1.44 (SD- = .23) signifikant bessere grafomotorische Leistungen als die Jungen mit einem deutlich niedrigeren Wert von 1.31 (SD-= .27). Detaillierte Analysen zeigen zudem, dass die Unterschiede in der visuomotorischen Integration und der Feinmotorik vergleichbar groß sind. Die Vermutung, dass Jungen vor allem im Bereich der Feinmotorik Schwierigkeiten haben, kann anhand unserer Daten nicht bestätigt werden. Drittens tritt der berufliche Status der Eltern als signifikante Kovariate auf. Bessere grafomotorische Leistungen der Kinder gehen einher mit einem höheren beruflichen Status der Eltern. Dagegen sind die beiden Faktoren »Muttersprache« und »Nationalität« ohne bedeutsame Wirkung. Auch zeigen sich keine signifikanten Interaktionen. Diskussion und Ausblick Ausgangspunkt unserer Überlegungen bilden die sehr heterogenen grafomotorischen Leistungen von Schülerinnen und Schülern in der Schuleintrittszeit. Die Erklärungen dieser Heterogenität fallen innerhalb einschlägiger Literatur unterschiedlich aus. Im vorliegenden Artikel werden häufig genannte Merkmale berücksichtigt. Insbesondere liegt das Forschungsinteresse bei der Untersuchung der Bedeutung des beruflichen Status der Eltern bzw. der Erziehungsberechtigten. Die diesbezüglichen Auswertungen beziehen sich auf zwei Schwerpunkte: Erstens auf die Zuweisung zu einer Psychomotoriktherapie und zweitens auf die tatsächlich erbrachten grafomotorischen Leistungen. In den Auswertungen zur Zuweisung zur Psychomotoriktherapie wird deutlich, dass Kinder mit bestimmten Merkmalen übervertreten sind. Dazu gehören neben dem Geschlecht auch die Nationalität und die Muttersprache. Deutlich wird zudem, dass Kinder, deren Eltern einen niedrigeren beruflichen Status haben, in dieser Gruppe häufiger vertreten sind als Kinder, deren Eltern einen höheren Status aufweisen. Die varianzanalytischen Auswertungen stützen z. T. die bereits gemachten Aussagen. Auch hier treten das Geschlecht und der berufliche Status als bedeut- [ 191 ] Sägesser • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 [ 191 ] Sägesser, Eckhart • Bedeutung des beruflichen Status der Eltern 4 | 2020 same Merkmale auf. Keine Bedeutung kommt jedoch der Nationalität und der Muttersprache zu. Werden diese Ergebnisse mit den theoretischen Überlegungen zu den primären Herkunftseffekten verbunden, so muss konstatiert werden, dass der berufliche Status der Eltern für die grafomotorischen Leistungen ihrer Kinder eine bedeutsame Rolle spielt. Im Unterschied zur Nationalität oder der Muttersprache zeigt sich die soziale Herkunft der Kinder als bedeutsame Einflussgröße. Es kann damit vermutet werden, dass es eher schichtbezogene Aspekte sind, die sich auf die grafomotorischen Leistungen auswirken. Die dargestellten Auswertungen unterstützen damit die theoretische Annahme, dass sich primäre Herkunftseffekte auf die Entwicklung grafomotorischer Kompetenzen auswirken. Ungünstige Voraussetzungen wirken sich bei allen Kindern nachteilig aus, also auch bei den Kindern mit einer schweizerischen Nationalität und einer deutsch-schweizerischen Muttersprache. Auch wenn die ausgewiesenen Effekte nur bezogen auf das Geschlecht größer ausfallen, so sind sie für die betroffenen Kinder mit großer Wahrscheinlichkeit trotzdem folgenschwer, denn Untersuchungen veranschaulichen die Bedeutung von grafo- und feinmotorischen Kompetenzen für das schulische Lernen und die weitere Schullaufbahn (z. B. Santangelo / Graham 2015, 226; Connelly et al. 2005; Dinehart / Manfra 2013; Suggate et al. 2019). Die in diesem Artikel zusammengetragenen Erkenntnisse und die dargestellten Ergebnisse der eigenen Analysen unterstreichen die Notwendigkeit früher Förderangebote für Kinder, die in ihrer familiären Umwelt wenig Anregung für das Lernen erfahren. Solche Förderung muss vor allem Jungen und Kinder aus unteren sozialen Schichten erreichen, unabhängig ihrer Nationalität oder Muttersprache. Dabei ist entscheidend, dass Förderangebote für ein inklusives Setting entwickelt werden. Solche Angebote berücksichtigen die heterogenen Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler und ermöglichen eine Förderung ohne Separation. Denn die Förderung soll alle Kinder erreichen, insbesondere aber Kinder mit Eltern, die einen niedrigen Berufsstatus aufweisen. Mit den inklusiven Förderangeboten kann zudem einer Stigmatisierung vorgebeugt und die Gefahr einer zusätzlichen Benachteiligung gebannt werden. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Africa, E. K., van Deventer, K. J. 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