motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2021.art02d
7_044_2021_1/7_044_2021_1.pdf11
2021
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Forum Psychomotorik: Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen in den Hofpausen
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2021
Hermann-Josef Stefes
Die große und kleine Hofpause ist in der Rhythmisierung des Schulalltags für die Schülerinnen und Schüler der Grundschulen von großer Relevanz. In diesem Zuge gibt es zahlreiche Literatur, die sich mit der Schulhofgestaltung und einer nicht zu beziffernden Anzahl von Pausenspielen und Konzepten beschäftigt. Aktuell fehlt es jedoch an einschlägiger Literatur, was die SuS intrinsisch und selbstorganisiert ohne Vorgaben vom Lehrpersonal in der Hofpause spielen. Die vorliegende Studie gibt einen ersten Überblick über die Spiele und Aktivitäten in den Hofpausen von Viertklässlern an sogenannten Brennpunktschulen. Ebenso wurde erfragt, welche Wünsche sie für ihren Schulhof haben.
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Zusammenfassung / Abstract Die große und kleine Hofpause ist in der Rhythmisierung des Schulalltags für die Schülerinnen und Schüler der Grundschulen von großer Relevanz. In diesem Zuge gibt es zahlreiche Literatur, die sich mit der Schulhofgestaltung und einer nicht zu beziffernden Anzahl von Pausenspielen und Konzepten beschäftigt. Aktuell fehlt es jedoch an einschlägiger Literatur, was die SuS intrinsisch und selbstorganisiert ohne Vorgaben vom Lehrpersonal in der Hofpause spielen. Die vorliegende Studie gibt einen ersten Überblick über die Spiele und Aktivitäten in den Hofpausen von Viertklässlern an sogenannten Brennpunktschulen. Ebenso wurde erfragt, welche Wünsche sie für ihren Schulhof haben. Schlüsselbegriffe: Grundschule, Spiele, Bewegung, Hofpause, Pausenspiele Activities of pupils in interval breaks at elementary schools in disadvantaged areas. An overview of break activities at Moenchengladbacher elementary schools Short and long breaks are of great importance in a daily school rhythm. There is a lot of literature dealing with these aspects of education. Currently there is a lack of pertinent literature on the matter how pupils deal with that aspect on their own, without help of the teachers. In this study you can find a first overview, what kind of games and other activities are played and performed by pupils of the fourth grade at elementary schools in disadvantaged areas in Moenchengladbach during their breaks. It had also been asked what the children would like to have for their schoolyard. Key words: elementary schools, games, movement, games during breaks [ 4 ] 1 | 2021 motorik, 44. Jg., 4-9, DOI 10.2378 / mot2021.art02d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen in den Hofpausen Eine Übersicht der Pausenaktivitäten von Kindern an fünf Mönchengladbacher Grundschulen Hermann-Josef Stefes Kinder können sich im Alter von 7 Jahren ca. 15 Minuten, im Alter von 8-9 Jahren ca. 20 Minuten und mit 10-12 Jahren ca. 25 Minuten konzentrieren (Klimt 1981, 84). Diesem Wissen muss durch die Rhythmisierung im Schulalltag mit ausreichend Pausen Rechnung getragen werden. Besonders in den Hofpausen können die Kinder ihren individuell bevorzugten Aktivitäten nachgehen. Durch körperliche Aktivität werden akut Hormone, wie Serotonin, Dopamin, Adrenalin u. ä., ausgeschüttet, die letztlich dazu führen, dass die Kinder über eine erhöhte Lernbereitschaft sowie eine verbesserte Konzentration und positivere Grundstimmung verfügen (Kubesch 2008, 62ff; Ratey / Hagemann 2013, 51f ). Körperliche Aktivität hat im Kindesalter akute, aber auch längerfristige Auswirkungen auf das physische Wohlbefinden der Schüler und Schülerinnen (SuS). Der besondere Wert der körperlichen Aktivität in der Hofpause, in Bezug auf protektive physiologische Faktoren, wird durch Studien zur körperlichen Aktivität bei Kindern und Jugendlichen durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterstrichen. Aktuell erreichen laut der WHO 79,7 % der Jungen und 87,9 % der Mädchen im Alter von 3-17 Jahren den gesundheitsrelevanten Maßstab von 60 Minuten [ 5 ] Stefes • Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen 1 | 2021 moderate bis intensiver körperliche Aktivität in Deutschland pro Tag nicht (Guthold et al. 2020, 6). Eine aktive Hofpause kann dazu beitragen, diesen Maßstab zu erreichen. Bei angemessener körperlicher Beanspruchung kommt es zu altersspezifischen positiven Adaptationen der Organe (Weineck 2004, 439ff ). Ferner sehen Hollmann und Strüder (2009, 497) zwar keine »lineare Beziehung zwischen Intelligenz und der Neuronenzahl […], jedoch eine tendenzielle«. Sie betonen: »Also ist es aus allgemein-intellektueller Sicht wünschenswert, im frühen Kindesalter möglichst viele Neuronen zu erhalten. Den intensiven Reiz hierfür stellt körperliche Bewegung dar [im Original ist der letzte Satz kursiv].« Zimpel (2013, 143) betont die Bedeutung des Spiels: »Die Verstrickung biologischer und kultureller Einflüsse im Spiel erzeugt Metakompetenzen: Phantasie, Perspektivwechsel, Vorausschau, Frustrationstoleranz, Kooperationsfähigkeit, Kreativität und Solidarität. Im Spiel entwickeln die Kinder ihre einmalige, mit keinem anderen Menschen vergleichbare Persönlichkeit«. Dieses Zitat zeigt, wie wichtig das Spielen bzw. körperlich aktive Spielerfahrungen für die Entwicklung des Kindes sind. Gerade an Brennpunktschulen ist zu beobachten, dass es den SuS schwerfällt, einen Perspektivwechsel zu schaffen und bei eventuellen impulsiven Handlungen die Folgen zu erkennen. Diese Funktionen sind häufig in vielen Spielen gefordert und können durch Spiele unterstützend geübt werden. »Phantasie ist verinnerlichtes Spiel« (Zimpel 2013, 80) und so banal es klingen mag, so wichtig ist genau diese Feststellung. Ohne Phantasie kann man sich nicht vorstellen »was wäre wenn-…«. Eine Handlung kann nicht zu Ende gedacht werden, geschweige denn die Folgen einer Handlung erkannt werden. Auch aus Sicht des Lehrplans im Bereich Sport sind Spiele in der Pause ebenso wünschenswert. Dem Lehrplan entsprechend wählen die SuS selbständig Spiele aus, stellen Regeln auf und sorgen für deren Aufrechterhaltung (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen 2008, 121). Eine spiel- und bewegungsfreudige Umgebung muss einem Kind eine reizvolle Abwechslung bieten und stellt somit auch eine erstrebenswerte Alternative zu Videospielen dar. Eine Umwelt, die diese Faktoren besitzt, schafft informelle Erfahrungs- und Entfaltungsräume für Kinder, die für die weitere Entwicklung unentbehrlich sind. Derecik (2018, 132) plädiert für Schulräume, die nicht pädagogisiert sind und Freiräume »selbstbestimmten Entdeckens und Ausprobierens erhalten«. Ein optimaler Schulhof müsste so aussehen, dass man sich keine Gedanken über Bewegungsanregungen für Kinder machen müsste. Bereits 1978 forderte Muenstermann (1978), dass ein Schulhof einen Aufforderungscharakter besitzen muss. Konzepte, eine Pause bewegt zu gestalten und teilweise von Lehrkräften durchführen zu lassen, müssten überflüssig sein. Kinder sollen im Idealfall selber agieren und Spielideen umsetzen, aber auch diverse Gegenstände selbständig einem Zweck im Spiel zuführen. Es gibt aber auch durchaus die Situation, dass Kinder nicht wissen, was man mit einem bestimmten Gerät oder z. B. einem aufgemalten Spielbild auf dem Schulhof spielen kann. Hier genügen Spielimpulse, die über den Sportunterricht oder Spielkarten aufgezeigt werden können und durch die Kinder selbstständig durchgeführt und variiert werden. Häufig findet man Broschüren von Kranken-, Unfallkassen oder Produktherstellern, wie Pausen gestaltet werden können. Dies impliziert aber meistens einen Erwachsenen, der die Kinder anleitet. Das Ziel sollte, wie oben angemerkt, das Erreichen eines intrinsisch motivierten und selbstorganisierten Pausenablaufs der SuS sein. In der deutschsprachigen Literatur finden sich derzeit keine einschlägigen Studien über Aktivitäten und Spiele der SuS während ihrer Hofpause. Es wurden dabei die Datenbanken Google Scholar, die Datenbanken der Deutschen Sporthochschule Köln sowie Spolit zur Recherche verwendet. Mit den Suchwörtern (große) Pause, Schulpause, Hofpause, Bewegung, Spiel in verschiedenen Kombinationen konnte nur eine vergleichbare Erhe- Kinder sollen im Idealfall selber agieren und Spielideen umsetzen. [ 6 ] 1 | 2021 Forum Psychomotorik bung aus dem Jahr 1952 von Menzel gefunden werden. In der vorliegenden Erhebung durften die Kinder zu Wort kommen und ihr Pausenverhalten sowie einen für sie interessanteren Schulhof schildern. Methodik In der vorliegenden Erhebung wurden fünf Mönchengladbacher Grundschulen untersucht, die durch »HOME PLUS«, einer Dienstleistung der Abteilung Jugendpflege und Prävention des »Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie«, betreut werden. Bei diesem Projekt betreut jeweils eine Sozialarbeiterin unterstützend eine Schule mit dem Ziel, herkunftsunabhängige Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen zu schaffen. Die Untersuchung wurde von Studierenden der Hochschule Niederrhein im Studiengang Kindheitspädagogik im Rahmen ihres Praxisforschungssemesters umgesetzt. Um die Erhebung vollziehen zu können, wurden nach positivem Votum vom Schulamt der Stadt Mönchengladbach alle Schulleitungen per Mail und postalisch über die Erhebung informiert. Alle fünf Schulleitungen gaben ihr Einverständnis für die Erhebung. Die Studierenden vereinbarten individuelle Termine mit den Schulleitungen zur Durchführung. Die Gemeinschafts-Grundschule (GGS) Eicken, die Katholische Grundschule (KGS) Untereicken, die GGS Waisenhausstraße, die GGS Erich Kästner und die GGS Mülfort-Dohr haben an der Erhebung teilgenommen. Die Studierenden befragten dabei jeweils die vierten Klassen dieser Grundschulen. An den fünf Grundschulen befanden sich zum Erhebungszeitpunkt im Mai 2019 284 SuS in den vierten Klassen. An der Erhebung haben 193 SuS (68 %) teilgenommen. Die Umfrage wurde innerhalb einer Woche umgesetzt. Jede der fünf ausgewählten Schulen wurde von einem Studierenden-Team von vier bis für Studierenden betreut. Der Ablauf der Erhebung wurde weitestgehend standardisiert. Dazu wurde ein Ablaufplan erstellt. Dieser stellte eine Orientierung dar und musste adaptiert werden, da jede Gruppe eine individuelle Schülerschaft erwartete. Die Studierenden gingen im Rahmen des Sachunterrichts in die Klassen und haben in den zweizügigen Schulen jeweils an einem Vormittag, je Klasse eine Doppelstunde, ermittelt, was die Kinder in ihrer Pause und Freizeit machen und was sie sich auf ihrem Schulhof wünschen. In diesem Artikel wird nur auf die Schulpause und die Wünsche an die Schulhofgestaltung eingegangen. In Tabelle 1 können die wesentlichen Geräte und Bereiche der einzelnen Schulhöfe entnommen werden. Die Schulen werden aber nicht explizit genannt, sondern nur von eins bis fünf durchnummeriert. Die SuS blieben während der Erhebung in ihren Tischgruppen im Unterricht. Jede Tischgruppe erhielt eine Karte vom eigenen Schulhof. Die Schulhofkarten wurden über einen Screenshot von Google Earth Aufnahmen erstellt, in Farbe auf DIN A3 gedruckt und auf Styroporplatten mit Nadeln befestigt. Alle weiteren Materialien, wie Nadeln und Fragezettel, wurden individuell rausgegeben. In der vorliegenden Erhebung wurde eine Abwandlung der Nadelmethode durchgeführt. Durch die Nadelmethode können bestimmte Orte und Plätze einer individuellen Bedeutung zugeführt werden. Ortmann (1991, 396ff ), der diese Methode entwickelt hat, legt den Kindern bei der Nadelmethode eine maßstabsgetreue Karte bestimmter Orte und Plätze vor. Die Kinder können dann diese Plätze bewerten und kommentieren. Mit einer Nadel pinnen sie dabei einen Zettel auf die Karte und schreiben auf den Zettel Kommentare, wie z. B. Treffpunkt oder die Tätigkeit, die dort vollzogen wird. Ferner haben die Nadelfarben auch eine bewertende Eigenschaft. Sie können z. B. anzeigen, welche Orte beliebt sind und welche Orte eher gemieden werden (Deinet et al. 2018, 195ff ). Für die vor- Tab. 1: Welche Spielmöglichkeiten gibt es an welcher Schule? [ 7 ] Stefes • Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen 1 | 2021 [ 7 ] Stefes • Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen 1 | 2021 liegende Auswertung haben die Nadeln keine weitere Bedeutung für die Qualitäten des Ortes. Deinet et al. (2018, 18) sehen die Methode als analytisch, partizipativ und motivierend an. Sie bezieht die Sicht der Kinder mit ein und sie können als Experten über ihre Welt berichten. Für die Frage »Was machst du in der Pause« bekamen die SuS jeweils drei Zettel, die sie dann mit einer Nadel an der Stelle befestigten, wo die Aktivität ausgeübt wird bzw. wo sie sich meistens zu Absprachen für diese Aktivität treffen. Ebenso erhielten sie einen Zettel mit der Frage: »Was wünschst du dir für deinen Schulhof? « (Abb.-1). Abb. 1: Die Fragezettel Die Wünsche an ihren Schulhof wurden von den Kindern ebenfalls auf die Karte gepinnt. Zudem wurde der Schulhof mittels drei Smileys von den Kindern als gut, mittel oder schlecht eingestuft. Kinder, die die Aufgabe nicht verstanden oder Einschränkungen beim Lesen oder Schreiben hatten, wurden durch die Studierenden aktiv unterstützt. Da das Wetter eine Relevanz bei der Spielauswahl haben kann, ist es wichtig zu erwähnen, dass zum Erhebungszeitraum das Wetter sonnig und trocken war. Ergebnisse Einen Eindruck, wie eine fertige Schulhofkarte aussieht, nachdem die Studierenden alle Karten der einzelnen Tischgruppen zusammengefasst haben, ist Abbildung 2 zu entnehmen. Die Top Ten der Aktivitäten in der Hofpause zeigt, dass Fangen und Fußballspielen die führenden Sportarten sind (Abb.- 3). Danach kommen Aktivitäten, wie Quatschen, Verstecken und Rollenspiele. An Schulen, an denen ein Klettergerüst vorhanden ist, wird es auch benutzt. Die Wünsche der Kinder bezogen sich auf Geräte, wie ein Klettergerüst, Schaukeln, Trampoline oder Rutschen (Abb.- 4). Besonders Mädchen wünschten sich die Schaukeln. Einen »Zockerbereich« und bessere Fußballmöglichkeiten wünschten sich hingegen die Jungen. Ein Kiosk und ein Schwimmbad waren ebenso auf der Wunschliste. Diskussion Die vorliegende Erhebung ermöglicht einen ersten Überblick darüber, was Kinder an »Brennpunktschulen« am häufigsten in den Hofpausen machen und welche Wünsche sie an ihren Schulhof haben. Die Umsetzung der Studie war mit einfachen Mitteln zu bewerkstelligen. Die Kinder waren mit vollem Eifer dabei, was nochmals unterstreicht, wie partizipativ diese Methode ist. Eine solche Erhebung kann eine Schule regelmäßig im Rahmen des Sachunterrichtes durchführen, um so die SuS aktiv an einer angemessenen und zeitgemäßen Gestaltung des Schulhofes partizipieren zu lassen. Ebenso lernen die SuS, sich im Raum und anhand von Karten zu orientieren, was Schnittpunkte zum Mathematikunterricht hat. Fächerübergreifend werden bei die- Abb. 2: Die Schulhofkarte nach der Auswertung [ 8 ] 1 | 2021 Forum Psychomotorik sem Vorhaben die Fächer Sport, Sachunterricht und Mathematik verbunden. Vor allem steht hier die Perspektive des Kindes im Vordergrund. Sie erklären den »Erwachsenen«, was sie für ihre psychomotorische Entwicklung und in ihrer Freizeit benötigen, um sich mit Freude einer Aktivität widmen zu können. Dem sollte man Gehör schenken! Aktuell sind Fangen und Fußball die bevorzugten Spiele der Kinder. Beim Fangen können die Kinder die im Sportunterricht erlernten Spiele umsetzen. Es ist niedrigschwellig und schnell organisiert und erfreut sich deswegen großer Beliebtheit. Fußball ist in vielen Kulturen bekannt und viele Kinder eifern ihren Idolen nach, was zur Popularität von diesem Sport, auch in der großen Pause, beiträgt. Im Zuge der Vielfalt sollten den Kindern weitere Ballspielmöglichkeiten, neben Fußball, offeriert werden. Auch wird gerne gequatscht und Verstecken gespielt. Für Versteckenspielen muss allerdings die Infrastruktur geschaffen werden. Interessanterweise spielen Kinder auch auf einsehbaren Schulhöfen verstecken, was im Besonderen die Phantasie der Kinder hervorhebt. Orte zum Verstecken müssen da sein sowie auch Orte zum Verweilen, wo man eben auch »quatschen kann«. Die Möglichkeit, sich in Ruhe zurückzuziehen und nicht beobachtet zu werden, muss den SuS eingeräumt werden, was nicht heißt, dass die Aufsichtspflicht verletzt wird. Klassische Klatschspiele, Hinkekästen oder Gummitwist wurden nicht genannt. Auch die Murmel hat als Spielgerät scheinbar ausgedient. Sie ist heute in der Schule mehr als positiver Verstärker in Klassenräumen bekannt. Hier wäre ein Revival dieser Spiele zu überdenken. SportlehrerInnen können den Schulhof in ihren Arbeitsplan aufnehmen und die Spiele, die den Kindern ggf. nicht bekannt sind, zeigen. Diese sind beispielsweise im Lehrplan NRW unter Schwerpunkt 2 »natürliche und künstliche Spiel- und Bewegungsräume erschließen und (um)gestalten« zu finden, (Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen 2008, 121). Bemerkenswerterweise wünschen sich die Kinder einfache Spielgeräte auf dem Schulhof. Klettergerüst, Schaukel, Rutsche und Trampoline-- alles Geräte, die die Körperwahrnehmung fördern. An den Schulen, an denen Klettergerüste existieren, wünschten sich die Kinder entweder größere Klettergerüste bzw. andere Klettermöglichkeiten oder aber ganz klassische »Spielplatz Geräte«, wie Schaukeln, Rutschen, besonders aber ein Trampolin. In der Schule, die kein Klettergerüst hat (Tab. 1), war das der wesentliche Wunsch der Kinder. Obwohl Schottmayer und Christmann (1976, 175) bei monofunktionalen Geräten von »seelenlosem Körperdrill« und »fantasiefeindlicher Bewegungstechnik« sprechen, war das der vordergründige Wunsch Abb. 3: Die 10 häufigsten Nennungen (n=516) zu der Frage: »Was spielst Du in der Pause? « Abb. 4: Die 10 häufigsten Nennungen (n=223) zu der Frage »Was wünschst du dir für deinen Schulhof? « [ 9 ] Stefes • Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen 1 | 2021 [ 9 ] Stefes • Aktivitäten von Schülerinnen und Schülern an Brennpunktgrundschulen 1 | 2021 der SuS. Anscheinend finden die Kinder diese Geräte noch sehr anregend. Hier wäre es interessant zu sehen, wie sich ihre Sicht verändern würde, wenn multifunktionales Material, z. B. eine Bewegungsbaustelle, vorhanden wäre. Interessant ist aber auch, dass die Kinder sich einen »Zockerbereich« wünschen, was auch den Stellenwert von Videospielen für die Kinder unterstreicht. Die gewünschten sauberen Toiletten sollten eine Selbstverständlichkeit sein. Fazit Die vorliegende Erhebung ist einfach durchzuführen, partizipativ und bietet der Schule die Möglichkeit, den Schulhof von Kindern für Kinder zu gestalten. Die Kinder lieben Fangspiele und Fußballspielen besonders. Es muss darauf geachtet werden, dass die Vielfalt der Spielmöglichkeiten, ggf. über Impulse, gewahrt wird. Dies lässt sich im Einklang mit dem Lehrplan vereinbaren. Kinder brauchen Orte, um in Ruhe zu quatschen, aber auch um sich verstecken zu können. Die Kinder wünschen sich besonders Geräte, die sie ihren Körper spüren lassen, wie ein Trampolin, Schaukeln, Rutschen und Klettergerüste. Die jeweilige Schulleitung konnte Rückschlüsse für die Schulhofgestaltung aus den durch die Nadeln markierten Orten ziehen. So konnten z. B. wenig genutzte Orte identifiziert und sogar an einer Schule neu erschlossen werden. Literatur Deinet, U., Gumz, H., Muscutt, C., Thomas, S. (2018): Offene Ganztagsschule- - Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Barbara Budrich, Opladen, https: / / doi. org/ 10.2307/ j.ctvdf0btc.8 Derecik, A. (2018): Bedarfe und Möglichkeiten bei der Gestaltung von Bewegungs-, Spiel- und Ruheräumen in Ganztagsgrundschulen. Folgerungen aus der Studie »Offenen Ganztagsschule aus der Sicht der Kinder« In: Deinet, U., Gumz, H., Muscutt, C., Thomas, S. (Hrsg.): Offene Ganztagsschule- - Schule als Lebensort aus Sicht der Kinder. Studie, Bausteine, Methodenkoffer. Barbara Budrich, Opladen, 113-132, https: / / doi.org/ 10.2307/ j.ctvd f0btc.8 Guthold, R., Stevens, G. A., Riley, L. M., Bull, F. C. (2020): Global trends in insufficient physical activity among adolescents: a pooled analysis of 298 population-based surveys with 1,6 million participants. Lancet Child Adolesc Health 4 (1), 23-35, https: / / doi.org/ 10.1016/ S2352-4642(19)30323-2 Hollmann, W., Strüder, H. (2009): Sportmedizin. Grundlagen für körperliche Aktivität, Training und Präventivmedizin. 5. Aufl. Schattauer, Stuttgart Klimt, F (1981): Die Gestaltung der Schulpause aus sozialpädiatrischer Sicht. Sozialpädiatrie 3, 82-87 Kubesch, S. (2008): Körperliche Aktivität und exekutive Funktionen 2. Aufl. Hofmann, Schorndorf Menzel, H. (1952): Die ungebundenen Spiele des Schulkindes während der Pause unter besonderer Berücksichtigung des 3. und 4. Jahrganges der Volksschule in Tannenhausen. Schriftliche Arbeit, Volksschullehrerlehrgang, Sporthochschule Köln- Müngersdorf Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (Hrsg.) (2008): Richtlinien und Lehrpläne für die Grundschule in Nordrhein- Westfalen. Ritterbach, Frechen Muenstermann, H. (1978): Der Pausenhof als Spiel- und Erholungsbereich. Internationale Fachzeitschrift für Sportstätten und Freizeitanlagen 12 (5), 504 Ortmann, N. (1991): Planung in der offenen Jugendarbeit- - nicht zwangsläufig phantasielos. Deutsche Jugend 91 (7), 396-404 Ratey, J. R., Hagerman, E. (2013): Superfaktor Bewegung. Das Beste für Ihr Gehirn. VAK, Freiburg Schottmayer, G., Christmann, R. (1976): Kinderspielplätze. Beiträge zur kinderorientierten Gestaltung der Wohnumwelt. Kohlhammer, Stuttgart Weineck, J. (2004): Sportbiologie. 9. Aufl. Spitta, Balingen Zimpel, A. (2013): Lasst unsere Kinder spielen. Der Schlüssel zum Erfolg. 3. Aufl. Vandehoeck & Ruprecht, Göttingen Der Autor Hermann-Josef Stefes Diplom Sportwissenschaftler, seit 2016 Lehrbeauftragter im Studiengang Kindheitspädagogik an der Hochschule Niederrhein, seit 2018 Berater für Bewegung im Kindergarten beim Stadtsportbund Mönchengladbach e. V. und Sportlehrer an der Gemeinschaftsgrundschule Eicken Anschrift Flurstr. 16 D-41065 Mönchengladbach Hermann-Josef.Stefes@hs-niederrhein.de
