eJournals motorik44/2

motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2021.art15d
7_044_2021_2/7_044_2021_2.pdf41
2021
442

Aktuelles Stichwort: Krise und Krisenbewältigung

41
2021
Ruth Haas
Krisen gehören zum menschlichen Leben. Die mediale Gegenwärtigkeit von Krisen lässt diese scheinbar alltäglich sein. Politische Krisen, Finanzkrisen, die Flüchtlingskrise, Unternehmenskrisen, die Klimakrise, aber auch Krisen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens werden medial thematisiert. Aktuell wird die Welt von der globalen Krise der Corona-Pandemie erschüttert. Dies stellt eine Krise dar, deren gesundheitliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Wirkungen noch nicht absehbar sind.
7_044_2021_2_0007
[ 85 ] motorik, 44. Jg., 85-87, DOI 10.2378 / mot2021.art15d © Ernst Reinhardt Verlag 2 | 2021 [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Aktuelles Stichwort: Krise und Krisenbewältigung Ruth Haas Krisen gehören zum menschlichen Leben. Die mediale Gegenwärtigkeit von Krisen lässt diese scheinbar alltäglich sein. Politische Krisen, Finanzkrisen, die Flüchtlingskrise, Unternehmenskrisen, die Klimakrise, aber auch Krisen von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens werden medial thematisiert. Aktuell wird die Welt von der globalen Krise der Corona-Pandemie erschüttert. Dies stellt eine Krise dar, deren gesundheitliche, wirtschaftliche, gesellschaftliche und soziale Wirkungen noch nicht absehbar sind. Die Selbstverständlichkeit des Lebens wird in Frage gestellt (Abb. 1). Diese kollektive Krise bedroht die körperliche Unversehrtheit, das Gefüge des materiellen und gesellschaftlichen Lebens, aber auch die individuelle Beziehungsgestaltung und das soziale Miteinander. Infektionserkrankungen mit globaler Ausprägung verbunden mit umfassenden Maßnahmen und Einschränkungen stellen eine hohe psychische Belastung und akuten Stress dar (Benoy et al. 2020, 23). Völlig unvorbereitet werden Menschen mit einer elementaren, gesundheitlichen Bedrohung konfrontiert. Die politischen Maßnahmen beschränken die Handlungsfreiheit des Einzelnen. Die multiplen Folgen der Corona-Krise sind unvorhersehbar. Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus wie Ausgangs- und Abb. 1: Orientierungsverlust Kontaktbeschränkungen, Selbst-Isolation, Quarantäne oder Ausgangssperren erschweren unmittelbare, zwischenmenschliche Kontakte und das Erleben von physischer Nähe und Verbundenheit. Diese Einschränkungen sind mittelfristig mit mangelnder Befriedigung von Grundbedürfnissen verbunden (Benoy et al. 2020, 24). Kontrolle, Sicherheit, Selbstbestimmung, aber auch Nähe, Wertschätzung, Zugehörigkeit stellen menschliche Grundbedürfnisse dar, deren Befriedigung sich als gesundheitlich sehr relevant erweist (Becker 2006, 112). [ 86 ] 2 | 2021 Auf den Punkt gebracht Begriffsbestimmung Die oben beschriebenen Aspekte finden sich in begrifflichen Klärungen zum Begriff der Krise wieder. Was führt also dazu, dass ein (Lebens-) Ereignis zur Krise wird? Entwicklungstheoretische Konzepte betrachten den einzelnen Menschen mit seinen Krisen. Kritische Lebensereignisse schaffen ein Ungleichgewicht des »Person-Umwelt-Passungsgefüge« (Filipp / Aymanns 2018, 47). Sie stellen subjektive, theoretische Gewissheiten in Frage und lösen heftige Emotionen aus (Filipp / Aymanns 2018, 47). Kritische Lebensereignisse werden in normative oder non-normative Krisen unterteilt. Kritische Lebensereignisse treffen das Individuum unvorhergesehen und können wie bei der Corona- Krise, bei Naturkatastrophen oder Krieg größere Populationen betreffen (Montada et al. 2018, 52). Altersnormative Krisen, wie z. B. Entwicklungsaufgaben, entstehen, wenn sie mit einer hohen emotionalen Belastung einhergehen und eine Lösung bzw. erforderliche Anpassung nicht gelingt (Montada et al. 2018, 52). Eine Krise kann allgemein definiert werden als »(…) die Zuspitzung einer schwierigen Situation oder gefährlichen Entwicklung, die unbedingt eine Reaktion erfordert, um eine drohende Katastrophe zu vermeiden« (Schüler-Lubienetzki / Lubienetzki 2020). Krisen unterbrechen die Routinen des Denkens und Handelns und die erlebte Kontinuität. Es entsteht die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, ohne deren Folgen voraussehen zu können (Hinzke 2018, 70). »Sie betrifft die Subjekte direkt, denn das Subjekt kann verändert aus ihr hervorgehen« (Hinzke 2018, 70). Grundsätzlich kennzeichnend für eine Krise sind ein labiles Gleichgewicht und ein hohes Maß an Unsicherheit. Eine Vorhersage, auf welche Weise und in welche Richtung die Lösung sich entwickeln wird, ist am Gipfel einer Krise nicht möglich. Eine Krise kann positive oder negative Prozesse aktivieren (Filipp / Aymanns 2018, 48) (Abb. 2). Krisenbewältigung Die Bewältigung von Krisen geschieht nicht linear. Propulsive und regressive Reaktionen, Hoffnung und Deprimiertheit, Initiative und Handlungsunfähigkeit sowie Konfrontation und Verleugnung können sich abwechseln. Der Prozess der Bewältigung beinhaltet Fort- und Rückschritt, aber auch Moratorien und Stillstand (Conzen 2017, 48). Die individuelle Verarbeitung von Krisen geschieht auf der z. T. unbewussten Grundlage persönlicher Erfahrung von existentieller Bedrohung, Verunsicherung oder von Verlust, Gewalt und Hilflosigkeit. Krisen können auch gesellschaftlich-kulturelle übermittelte Erfahrungen mit Krieg, Naturkatastrophen und Epidemien wie Pest, Cholera oder spanischer Grippe reaktivieren (Vogel 2020, 5). In der Phase tiefer Verunsicherung durch eine Krise »(…) blüht v. a. die (subjektive wie auch kollektive) Schattenprojektion, also die Projektion der eigenen »dunklen« Seelenanteile, etwa Aggressivität, Unbarmherzigkeit etc. auf« (Vogel 2020, 26). Bewältigungsprozesse können in Prozesse der »Reorganisation der Person-Umwelt-Passung« [und] (…) »Regulation von Ist-Soll-Diskrepanzen resp. Bewältigung als Selbst- und Emotionsregulation« eingeordnet werden (Filipp / Aymanns 2018, 145). Bewältigungsmechanismen beinhalten unterschiedliche mentale und aktionale Strategien, einen negativen Zustand zu überwinden und ins Positive zu transformieren (Filipp 1999 ) bzw. »(…) eine belastende objektive Realität in eine erträglichere subjektive Abb. 2: Neue Wege nach der Krise [ 87 ] Haas • Aktuelles Stichwort: Krise und Krisenbewältigung 2 | 2021 [ 87 ] Haas • Aktuelles Stichwort: Krise und Krisenbewältigung 2 | 2021 (d. h. perzeptive und interpretative) Realität zu überführen« (Filipp 1999 zit. in Filipp / Aymanns 2018, 146). Diese Strategien können bei genauerer Betrachtung sowohl individuell als auch gesellschaftlich im Kontext der globalen Krise der Corona-Pandemie erkennbar werden. Aspekte der Verdrängung oder der Schattenprojektion sind individuell und gesellschaftlich ersichtlich. Die Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse nach Selbstbestimmung, zwischenmenschlicher Nähe und der freien Gestaltung des Lebens sind eingeschränkt und bedroht. Krisenerfahrungen treffen den Menschen in seinen sozialen Bezügen und sind leiblich verankert (siehe auch den Beitrag zum Stress in diesem Heft). Emotionen der Angst, Wut, Verunsicherung haben ihren Niederschlag auf leiblicher Ebene und bedürfen der Anerkennung und Wahrnehmung in psychomotorischen Prozessen. Literatur Becker, P. (2006): Gesundheit durch Bedürfnisbefriedigung. Hogrefe, Göttingen Benoy, C. M., Braun, U., de Boer, C. (2020): COVID-19-- ein Virus nimmt Einfluss auf unsere Psyche. Einschätzungen und Maßnahmen aus psychologischer Perspektive. Kohlhammer, Stuttgart Conzen, P. (2017): Die bedrängte Seele. Identitätsprobleme in Zeit der Verunsicherung. Kohlhammer, Stuttgart Filipp, S.-H., Aymanns, P. (2018): Kritische Lebensereignisse und Lebenskrisen. Vom Umgang mit den Schattenseiten des Lebens. 2. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart Hinzke, J.-H. (2018): Krisentheoretische Grundlagen: Krise als Diskontinuitätserfahrung. In: Hinzke, J.-H. (Hrsg.): Lehrerkrisen im Berufsalltag. Springer, Wiesbaden, 9-71, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 658-22622-0_2 Montada, L., Lindenberger, U., Wolfgang, S. (2018): Fragen, Konzepte, Perspektiven. In: Schneider, W., Lindenberger, U. (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. 8. Aufl. Beltz, Weinheim / Basel, 26-79 Schüler-Lubienetzki, H., Lubienetzki, U. (2020): Durch die berufliche Krise und dann vorwärts. Wie Sie in und nach der Krise auf den Beinen bleiben. Springer, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662- 60536-3 Vogel, R. T. (2020): Psychotherapie in Zeiten kollektiver Verunsicherung. Therapieschulbergreifende Gedanken am Beispiel der Corona-Krise. Springer, Berlin, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658- 30946-6 Die Autorin Prof.in Dr. Ruth Haas Professur für Körper- und Bewegungstherapie an der Hochschule Emden-Leer im Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Studiengangsentwicklung und -leitung des Bachelorstudiengangs »Interdisziplinäre Physiotherapie-Motologie-Ergotherapie« Anschrift Hochschule Emden-Leer Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit Constantiaplatz 4 D-26725 Emden ruth.haas@hs-emden-leer.de C E R TI F ICAT E P R O G RAM IN L A B A N / B A R T E N I E F F M O V E M E N T S T U D I E S Director: Antja Kennedy Phone: +49 30 52282446 info@eurolab-programs.com www.eurolab-programs.com Intensive Format in English 2021 in Berlin Start: July Anzeige