eJournals motorik44/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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2021
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Qualifikationsarbeit

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2021
Elisabeth Geitz
Die kindliche Entwicklung wird durch Veränderungen der übergreifenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf der Bindungsebene belastet. Die Kinder erleben sich vermehrt in der Interaktion mit dem Fachpersonal von Einrichtungen und der innerfamiliäre Stress durch bspw. mangelnde gemeinsame Zeit steigt. Doch eine intakte Bindung zu den engsten Bezugspersonen ist für die Sozialisation und Identitätsbildung bedeutsam (Walper et al. 2015), da sie wichtige Fähigkeiten, Werte, Normen und kulturelle Ansätze vermittelt (Bowlby et al. 2010, 71).
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[ 95 ] Haas • Aktuelles Stichwort: Krise und Krisenbewältigung 2 | 2021 [ 95 ] Aktuelles / Kurz berichtet 2 | 2021 Qualifikationsarbeit Zusammenarbeit mit Eltern in der klinischen Psychomotorik Die kindliche Entwicklung wird durch Veränderungen der übergreifenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auf der Bindungsebene belastet. Die Kinder erleben sich vermehrt in der Interaktion mit dem Fachpersonal von Einrichtungen und der innerfamiliäre Stress durch bspw. mangelnde gemeinsame Zeit steigt. Doch eine intakte Bindung zu den engsten Bezugspersonen ist für die Sozialisation und Identitätsbildung bedeutsam (Walper et al. 2015), da sie wichtige Fähigkeiten, Werte, Normen und kulturelle Ansätze vermittelt (Bowlby et al. 2010, 71). Damit die Bindung gestärkt wird, ist der Einbezug der Bezugspersonen im pädagogischen und therapeutischen Kontext von großer Bedeutung. Die Zusammenarbeit mit Eltern findet sich in der psychomotorischen Arbeit verstärkt im systemisch-konstruktivistischen Ansatz nach Balgo und Voß (1995) wieder. Dieser geht davon aus, dass nicht das Kind als Störfaktor gesehen wird, sondern die auftretenden Probleme im Kontext des Systems zu betrachten sind (Balgo / Voß 1995, 167). Das Ziel liegt in der Förderung der Selbstwirksamkeit des Systems durch psychomotorische und systemische Aspekte. Die Wirksamkeit von systemischen Therapien konnte bereits nachgewiesen werden (Sydow / Borst 2018). Sie schnitten besser oder ebenso gut ab wie konventionelle Ansätze und sind hoch wirksam und langanhaltend (Retzlaff et al. 2013; Sydow et al. 2006; Sydow et al. 2013). Eine bedeutende Pilotuntersuchung von Richter und Siegmund (2011) zeigte auf, dass die systemisch-psychomotorische Familienberatung, basierend auf bewegungsorientierten Interventionen, die Beziehungs- und Bindungsebene zwischen Kind und Eltern sowie die kindlichen Selbstwerte verbesserte. Eigene Untersuchung Im Rahmen einer Masterarbeit an der Universität zu Köln wurde eine Betrachtung der Zusammenarbeit mit Eltern innerhalb der psychomotorischen Arbeit einer Fachklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie unternommen, um herauszufinden, inwiefern ein systemisch-psychomotorisches Arbeitsverständnis bereits in der Praxis angekommen ist. Mit der Untersuchungsfrage Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern sind in der Psychomotorik im klinischen Kontext vorzufinden? wurden leitfadengestützte Expertenbefragungen mit praktizierenden psychomotorischen Fachkräften (n=3) im klinischen Umfeld durchgeführt. Mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz (2018) entstanden dabei vier deduktive Hauptkategorien mit folgenden Ergebnissen: Ist-Stand Die allgemeine Kontaktzeit mit Eltern beläuft sich im ambulanten als auch im stationären Bereich auf wenige Minuten. In den Bring- und Abholsituationen kann es zu einem kurzen Informationsaustausch in Form von Tür- und Angelgesprächen kommen. Vereinzelt suchen Eltern gezielt Kontakt zu den Fachkräften und nehmen gelegentlich beobachtend bei Hospitationen und Bewegungsstunden teil. Möglichkeiten in der Zusammenarbeit Es kommt zu einem gewinnbringenden Informations- und Wissensaustausch zwischen Bezugspersonen und psychomotorischer Fachkraft, der weit über schriftliche Dokumentationsarbeit hinausgeht. Die Fachkräfte erleben das System direkt und können Verhaltensweisen der Kinder besser nachvollziehen. Zudem bietet die gemeinsame Zeit die Möglichkeit, dass sich das System in einem geschützten Rahmen auf Augenhöhe begegnet und auf kindgerechte Art und Weise in Beziehung tritt. Einstellung zur Zusammenarbeit Die befragten psychomotorischen Fachkräfte finden die Zusammenarbeit wichtig und gewinnbringend. Ihrer Ansicht nach wird in der untersuchten Einrichtung bereits viel getan, das den Einbezug der Eltern berücksichtige. Allerdings wird auch verdeutlicht, dass es sich bei diesem Feld um einen Defizitbereich handelt, der noch ausbaufähig ist. Perspektiven und Wünsche Die Zusammenarbeit soll in geplanten und zeitlich festen Rahmen geschehen, um eine zielführende Beobachtung und Reflexion anzustreben. Dabei soll der Einbezug von technischen Hilfsmitteln (Videoarbeit) unterstützen, um Situationen nach zu besprechen. Eltern sollen mithilfe von [ 96 ] 2 | 2021 Aktuelles / Kurz berichtet Reflexionsbögen mit in den Behandlungsprozess einbezogen werden, indem sie ihr Kind im gewohnten Umfeld beobachten und zu expliziten Fragestellungen Notizen machen. Die alltägliche Arbeit mit Eltern soll nicht über die Tür- und Angelgespräche hinausgehen und es sollen keine Beratungs- oder Reflexionstermine angesetzt werden. Die Beobachtungen sollen mit therapeutischen und medizinischen Fachkräften besprochen oder an sie weitergegeben werden. Fazit Im psychomotorischen klinischen Bereich geht es darum, das Kind in seiner Selbstwirksamkeit, seinem Selbstbewusstsein und seinen Stärken zu fördern. Dies macht es fast unumgänglich, das System mit einzubeziehen, um die Eltern-Kind-Bindung zu stabilisieren. Auch wenn die anfängliche Trennung der Systemmitglieder wichtig ist, um problemaufrechterhaltende Verhaltensmuster zu unterbrechen, scheint die Zusammenführung der einzelnen Mitglieder im weiteren Behandlungsverlauf ein wichtiger Teil zu sein. Die Psychomotorik strebt eine langanhaltende Wirksamkeit an und kann durch den systemischen Grundgedanken nach Balgo und Voß (1995) erweitert und nachhaltig werden. Denn dadurch wird die Beziehung und Bindung zwischen Kind und Bezugsperson gefördert. Dazu bieten die psychomotorischen Grundprinzipien viele Möglichkeiten, das System kindgerecht zu fördern und es autopoietisch werden zu lassen. Eine Behandlung der Kinder ohne Zusammenarbeit mit Eltern, wie es in der untersuchten Einrichtung stattfindet, kann den Beziehungs- und Bindungsaufbau des gesamten Systems nur rudimentär aufgreifen. Begründet wurde dies durch konzeptionelle, finanzielle, rechtliche, personelle, räumliche und zeitliche Faktoren. Obwohl sich die befragten Fachkräfte der Chancen und Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Eltern bewusst sind, möchte man das Augenmerk auf den Kindern beibehalten. Die konzeptionellen Vorgaben des psychomotorischen Ansatzes der Einrichtung lassen Erweiterungen in den systemischen Ansatz nur vereinzelt zu. Eine systemische Perspektive in der psychomotorischen Arbeit kann dabei helfen, sich neu zu begegnen, Probleme sichtbar zu machen und familiäre Ressourcen zu bilden, aufkommende Auseinandersetzungen- erfolgreich selbstständig zu bewältigen. Scheinbar ist dieses Wissen und Bewusstsein in der klinischen Arbeit noch nicht angekommen. Dabei stärkt eine gemeinsame Bewegung die gemeinsame Bindung. Literatur Balgo, R., Voß, R. (1995): »Kinder, die sich auffällig zeigen«. Die systemischkonstruktivistische Wende in der Psychomotorik. In: Kiphard, E. J., Olbrich, I. (Hrsg.): Psychomotorik und Familie. Psychomotorische Förderpraxis im Umfeld von Therapie und Pädagogik. Borgmann, Dortmund, 167-194 Bowlby, J., Ainsworth, M. D. S., Endres, M., Seemann, U. (2010): Frühe Bindung und kindliche Entwicklung. 6.- Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel Kuckartz, U. (2018): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. 4. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim / Basel Retzlaff, R., von Sydow, K., Beher, S., Haun, M. W., Schweitzer, J. (2013): The efficacy of systemic therapy for internalizing and other disorders of childhood and adolescence: a systematic review of 38 randomized trials. Family process 52 (4), 619-652, https: / / doi. org/ 10.1111/ famp.12041 Richter, J., Siegmund, A. (2011): Systemisch-psychomotorische und gesprächsorientiert-systemische Beratung bei Familien mit psychisch gestörten Kindern. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 60 (10), 789-804, https: / / doi.org/ 10. 13109/ prkk.2011.60.10.789 von Sydow, K., Beher, S., Schweitzer-Rothers, J., Retzlaff, R. (2006): Systemische Familientherapie bei Störungen des Kindes- und Jugendalters. Eine Metainhaltsanalyse von 47 randomisierten Primärstudien. Psychotherapeut 51 (2), 107-143, 107-143, https: / / doi.org/ 10.1007/ s00278-006-0480-3 von Sydow, K., Borst, U. (2018): Systemische Therapie in der Praxis. Beltz, Weinheim / Basel von Sydow, K., Retzlaff, R., Beher, S., Haun, M. W., Schweitzer, J. (2013): The efficacy of systematic therapy for childhood and adolescent externalizing disorders: a systematic review of 47 RCT. Familiy process 52 (4), 576-618, https: / / doi.org/ 10.1111/ famp.12047 Walper, S., Langmeyer, A., Wendt, E.-V. (2015): Sozialisation in der Familie. In: Hurrelmann, K., Bauer, U., Grundmann, M., Walper, S. (Hrsg.): Handbuch Sozialisationsforschung. 8. Aufl. Beltz (Pädagogik), Weinheim / Berlin, 364-392 Kontakt Elisabeth Geitz M. A. Rehabilitationswissenschaften Elisabeth.Geitz@gmx.de