eJournals motorik44/3

motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2021.art20d
7_044_2021_3/7_044_2021_3.pdf71
2021
443

Forum Psychomotorik: »Das WESENtliche sichtbar machen« – Martemeo trifft Psychomotorik

71
2021
Silvia Bender-Joans
Im psychomotorischen Setting sowie in der Beratung von Eltern oder Angehörigen finden kleinste Interaktionen statt, die in der Regel schnell und oft unbewusst geschehen. Die Martemeo Methode bietet eine wichtige Informationsquelle, gemeinsam erlebte Situationen nochmal zu betrachten, anstatt sich auf eigene subjektiv gefärbte Erinnerungen zu beziehen. In diesem Artikel wird die Methode vorgestellt, Elemente aus der Martemeo Arbeit den Prinzipien psychomotorischer Arbeit gegenübergestellt und Gemeinsamkeiten sowie Grenzen zur Anwendbarkeit herausgearbeitet.
7_044_2021_3_0003
Zusammenfassung / Abstract Im psychomotorischen Setting sowie in der Beratung von Eltern oder Angehörigen finden kleinste Interaktionen statt, die in der Regel schnell und oft unbewusst geschehen. Die Martemeo Methode bietet eine wichtige Informationsquelle, gemeinsam erlebte Situationen nochmal zu betrachten, anstatt sich auf eigene subjektiv gefärbte Erinnerungen zu beziehen. In diesem Artikel wird die Methode vorgestellt, Elemente aus der Martemeo Arbeit den Prinzipien psychomotorischer Arbeit gegenübergestellt und Gemeinsamkeiten sowie Grenzen zur Anwendbarkeit herausgearbeitet. Schlüsselbegriffe: (Video-)Interaktion, Martemeo Methode, entwicklungsförderliche Momente, Resonanz, Dialog Martemeo meets psychomotricity. The Martemeo method within psychomotor developmental support as a helpful instrument for observation, consultation and reflection of interaction and developmental processes In psychomotor settings as well as in the counselling of parents or relatives, the smallest interactions take place, which usually happen quickly and often unconsciously. The Martemeo method offers an important information source to review these interactions together instead of referring to one’s own subjective memories. In this article the method is presented, elements from the Martemeo work are compared with the principles of psychomotor work, and commonalities, as well as limitations to applicability, are elaborated. Key words: (video-)interaction, Martemeo method, development promoting moments, resonance, dialogue Praxissituation: Jana bewegt sich in der Halle mit einem Reifen, sie ist ganz bei sich, scheint niemanden zu brauchen. Sie hält sich den Reifen über den Kopf, lässt ihn zu ihrem Bauch sinken, dreht die Hüften und als der Reifen zu Boden fällt, lächelt sie in sich hinein. Ich beobachte sie, spüre, dass sie sehr bei sich ist. Leise beginne ich zu singen und meinen eigenen Reifen zu bewegen. Jana horcht auf, hält kurz in ihrem Tun inne. Als mein Reifen zu Boden fällt schaut sie hoch. Ich sage »Oh«- - und mache eine bedauernde Geste. Jana schaut mich kurz an, ich begegne ihrem (seltenen) Blick und einem kleinen, an mich gerichtetem Lächeln-- ein winziger Moment der Begegnung, fast flüchtig. Und doch hinterlässt er bei mir ein Gefühl des Gelingens, des behutsamen Kontaktes. Dieses Gefühl stärkt, doch was genau ist passiert? [ 104 ] 3 | 2021 motorik, 44. Jg., 104-109, DOI 10.2378 / mot2021.art20d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik Die Martemeo Methode in der psychomotorischen Entwicklungsbegleitung als hilfreiches Instrument zur Beobachtung, Beratung und Reflexion von Interaktions- und Entwicklungsprozessen Silvia Bender-Joans Die Martemeo Perspektive Marte Meo ist ein Kunstwort und bedeutet »aus eigener Kraft«. In diesem Wort steckt das Kernelement positiver und aktivierender Entwicklungserfahrungen, die aus dem Menschen selbst heraus erwachsen. Die Methode wurde von Maria Aarts, Niederlande, zu Beginn der 1980er Jahre entwickelt. Aarts arbeitet während dieser Zeit in der Heimerziehung und entwickelt das »Orion«-Projekt der »Dagebehandling« (Aarts 2011, 45), in dem Eltern von Kindern in der Heimerziehung entscheiden können, ob ihr Kind stationär oder ambulant begleitet wird. Das Pro- [ 105 ] Bender-Joans • »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik 3 | 2021 jekt von Aarts und Kollegen stützt sich stark auf Arbeiten von Daniel Stern (1992) und Colvyn Trevarthen (2006), die die frühe Mutter-Kind-Beziehung in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stellten. Auch Stern benutzte schon Videobilder, um seine Analysen durchzuführen. Davon angeregt, beobachtet Aarts ein Jahr lang Säuglinge in der Kinderabteilung eines Krankenhauses, um Ideen zu generieren, wie eine gelingende kindliche Entwicklung unterstützt werden kann. Aus dieser Beobachtung entsteht das »Orion-Video- Home-Training« mit dem Ziel, Familien an ihren eigenen Kompetenzen zu stärken und somit individuelle Entwicklungsmöglichkeiten zu aktivieren. Heute wird die Martemeo Methode in zahlreichen Ländern der Welt praktiziert, um Eltern und Fachkräfte in der Begleitung von Entwicklungsprozessen zu unterstützen. Grundhaltungen in der Martemeo Methode Maria Aarts (2011) begreift Entwicklung im Sinne einer Aktivierung von »natürlichen« Entwicklungsprozessen, die sich vorwiegend auf der Basis von Interaktion und Beziehung bewegt. Sie geht davon aus, dass Interaktion und Beziehung die grundlegenden »Bausteine« von Entwicklung sind, bzw. auch problematische Entwicklungsverläufe entspannen und annehmbar machen können. Maria Aarts legt in ihrer Haltung zur Sicht auf Interaktionen und Beziehungsprozesse die Fähigkeit des Menschen zugrunde, sich anhand von natürlichen Ressourcen eigenaktiv und aus eigener Kraft heraus entwickeln zu können. Wie Maria Aarts während meiner Ausbildung zur Martemeo Supervisorin formuliert, könne sie Eltern nicht beraten, etwas zu tun, was sie nicht können. Aber sie könne sie beraten, etwas zu tun, was sie schon einmal getan haben und ihnen in den bewegten Bildern zeigen, dass sie es können. Wesentlich für eine solche Betrachtungsweise ist die Kompetenz, den individuellen Entwicklungsprozess eines Kindes und seiner BegleiterInnen zu erkennen und aus der gegenseitigen Interaktion Schlüsse für entsprechende Entwicklungsbotschaften zu ziehen. Diese Entwicklungsbotschaften können nach Aarts über die Videoanalyse sichtbar und über eine Aktivierung schon gezeigter Fähigkeiten angeregt werden. Interaktionale Faktoren können neben der Gestaltung einer anregungsreichen und herausfordernden, motivierenden und einladenden Umgebung wesentliche Faktoren für gelingende Entwicklungsbegleitung sein. Die Arbeit mit der Martemeo Methode kann hilfreich sein, sich unbewussten Prozessen bewusster anzunähern. Die psychomotorische Perspektive Die Gestaltung einer anregungsreichen und zu Bewegung und Selbstwirksamkeit motivierenden Umwelt, ebenso wie die achtsame Gestaltung dialogischer Prozesse finden sich in den Prinzipien psychomotorischer Arbeit wieder (Keßel 2014). Das psychomotorische Verständnis von Aucouturier (2006) spiegelt sich in vielen Facetten auch in der Martemeo Arbeit. Aucouturier bezieht sich in seinem Verständnis psychomotorischer Entwicklungsbegleitung auf Abstimmungsprozesse im Dialog, die implizit und leiblich erfolgen. Dabei sind die Bedürfnisse gesehen und wahrgenommen zu werden, zutiefst verwurzelt und können durch ein dialogisches Miteinander erfüllt werden. Dialogische Begleitung sichert und stützt demzufolge Entwicklungsprozesse durch Annahme und Offenheit, aber auch durch Klarheit und Struktur. Kommunikations- und Resonanzphänomene entstehen ständig und werden intuitiv und unmittelbar erzeugt und beantwortet. Die Fähigkeit zur Resonanz ist in der psychomotorischen Arbeit von zentraler Notwendigkeit. Resonanz wirkt charakterisierend als eine »emotionale, neuronale und vor allem durch und durch leibliche Realität. …- eine aus Selbstwirksamkeitserfahrungen gebildete Form der Weltbeziehung, in der sich Subjekt und Welt gegenseitig berühren« (Rosa 2016, 298). Resonanzerfahrungen sind die ersten Kontakte eines Individuums mit der Welt und seinen engsten Bezugspersonen, geprägt von Affizierung und Emotion. Leibliche Erfahrungen bezogen auf Tonus, Stimme und Mimik prägen unsere Interaktionserfahrungen. Schon Fuchs (2000, 19) spricht davon, dass wir nicht in einem »subjektiven Innenraum leben, aus dem heraus erst die Existenz des anderen entdeckt wird«, sondern dass wir sofort mit unserem ganzen Sein, unserer Leiblichkeit auf- [ 106 ] 3 | 2021 Forum Psychomotorik einander bezogene Wesen sind. Aus einer Erfahrung von leiblicher Bezogenheit heraus werden die Grundlagen für Empathie, Affektregulation und Erfahrung von Halt und Sicherheit gelegt. Auf Basis dieser Erfahrungen kann ein Kind in die Erkundung gehen, seine Entwicklung mitgestalten und sich als selbstwirksam erleben. Aus diesen, aufeinander meist fein abgestimmten Erfahrungen entsteht ein Beziehungswissen, in dem der Mensch ein Leben lang lebt (Fuchs 2000, 275). Hat also Resonanz eine große Rolle in der Begegnung mit Jana gespielt? Brauchte es eine Antwort auf ihr Angebot? Woran habe ich das gemerkt? In psychomotorischen Situationen werden solche »tonisch-emotionalen Resonanzen und deren Echos, welches die Haltung des Kindes in uns erzeugt und das leiblich-emotional nachhallt« (Esser 2009, 57), sehr häufig erlebt. Resonanzphänomene sind Kommunikationsphänomene, Begegnungen im Dialog mit einem anderen Menschen. Dabei ist Kommunikation nicht steuerbar und geschieht ohne unsere Kontrolle. Das kommunikative Geschehen wird aus diesem Blickwinkel heraus als ein offenes, komplexes, sich selbst organisierendes System verstanden, welches an den Körper gebunden ist und von Synchronität lebt (Tschacher / Storch 2014, 115). Kommunikation findet stets in einem Wechselspiel von Körper und Geist statt. »In allen neuronalen Prozessen, die kognitiven Prozessen zur Seite gestellt sind, steckt eine körperliche, sensomotorische Basis« (Tschacher / Storch 2014, 57). Ein wesentlicher Teil von kommunikativen Ausdrucksformen liegt in Signalen, die nahezu unbewusst sensomotorisch erlebt, verstanden und beantwortet werden (Tab. 1). Unter diesem Blickwinkel kann eine Verbindung von theoretischem Kommunikationsverständnis und der dialogischen, resonanten Haltung im Kontakt mit einem Gegenüber verstanden werden. Die Martemeo Elemente Videoaufnahmen und die Fokussierung auf Entwicklungsbotschaften undInteraktionsmomente können unbewusste, minimale Signale sichtbar und nachvollziehbar machen. Mit Hilfe der Videointeraktionsanalyse nach der Martemeo Methode lassen sich kleine Momente finden, in denen Entwicklungsbegleitung gelingt und vor allem-- warum sie gelingt. »Zeigen, nicht erklären« (Hawellek 2011, 37) hilft, individuelle Fähigkeiten in der Begleitung zu sehen und zu stärken. Entwicklungsanliegen und Potenziale zu erkennen, eigene Fähigkeiten zu sehen und individuelle Lösungen zu entwickeln, ist zentrales Anliegen der Martemeo Arbeit. Dabei hilft es, über die Bilder eine gemeinsame Wirklichkeit zu betrachten und daraus Aufträge zu entwickeln. Aus der Betrachtung vielfältiger Videosequenzen in gelingenden, entwicklungsfördernden Situationen haben sich die sogenannten »Martemeo Elemente« entwickelt. Diese Elemente sind grundlegende Elemente menschlicher Kommunikation, einer gegenseitigen Achtsamkeit und Aufmerksamkeit sowie der Fähigkeit zur Empathie. Was der Martemeo Methode gelingt, ist diese Komplexität zu vereinfachen und anhand von Videobildern mit Entwicklungsinformationen zu verbinden. Dabei wird in kurzen Sequenzen nach Momenten gesucht, in denen viel Entwicklungspotenzial steckt. Aarts prägt dafür den Begriff der drei W’s: WANN passiert WAS und WARUM ist das bedeutsam für die gemeinsame Entwicklung? Dabei ist besonders hervorzuheben, dass der gemeinsame Blick auf das Wesentliche in der Entwicklungsbegleitung nicht per se das Problem behebt, welches die Klientel mitbringen-- er darf Raum schaffen für Entwicklungsmomente. Ausdrucksform Umsetzung Entwicklungsbezug Kontaktsignale Lächeln, Blicken, Nicken Zusammengehörigkeitsgefühl, Gesehenwerden, Miteinander sein Ausdruckssignale Stirnrunzeln, Folgen der Blickrichtung, diverse mimische Ausdruckformen Wahrnehmung des Gegenübers, Verdeutlichung von Gefühlen, Sich zeigen wollen Handlungssignale Deuten, Vormachen, mimische Übertreibungen Einladung des anderen in die eigene Vorstellungswelt, Eröffnung von Interaktion mit der Welt Tab.1: Signale in der Martemeo Arbeit [ 107 ] Bender-Joans • »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik 3 | 2021 [ 107 ] Bender-Joans • »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik 3 | 2021 Kontakt-Elemente Abb. 1: Kontaktmomente ermöglichen Beziehungsaufbau Diese Situation erscheint im Rahmen eines psychomotorischen Settings banal und selbstverständlich. Schaut man sich jedoch dann die Aufnahme an, wird sichtbar, dass in dem Moment (WANN) als ich sage, ich würde mich auch verstecken, sich etwas im Gesicht des Kindes löst und sich der Blick hebt (WAS), genau in dem Moment, als ich sage, dass sie sich Zeit lassen kann. Der Blick, das Lächeln, kleine Gesten, die Stimme und die Körperhaltung signalisieren dem Kind, dass es in die Beziehung vertrauen darf, dass ein offenes Gegenüber sehr präsent mit ihm in Kontakt ist (WARUM). Die Herstellung von Kontaktmomenten wird in der Martemeo Arbeit als »Atmosphäre schaffen« bezeichnet. Nur in einer sicheren, annehmenden Atmosphäre kann Entwicklung stattfinden (Abb. 1). Alltagssituation: Ein Kind kommt zum ersten Mal in die Psychomotorik, steht neben Mama, verbirgt ein wenig das Gesicht. Der ganze Körper drückt Verunsicherung aus, Mama schiebt das Kind noch ein bisschen vor und sagt: »Sie ist immer so schüchtern«. Das Kind schaut zu Boden, der Halt an Mama verstärkt sich. Ich hocke mich vor das Kind, schaue es an und sage: »Das ist aber auch alles ganz neu hier, mir würde es auch so gehen, dass ich mich erstmal verstecken möchte. Du darfst dir in Ruhe alles ansehen.« Folge-Elemente Die Initiativen des Kindes zu sehen und ihnen aufmerksam Zeit zu lassen, eigene Wege zu gehen, eigene Ideen zu entwickeln, befähigt das Kind, sich in der Welt zurecht zu finden und die eigenen Stärken zu entdecken (Abb. 2). Auch Gefühle des Kindes zu erspüren und diese in Worte zu fassen, hilft dem Kind, Gefühle wahrzunehmen und zuzuordnen. Im Video dieser Stunde ist zu sehen, dass immer, wenn ich Tim zunicke (WANN), ein kleines Lächeln in seinem Gesicht ist (WAS) und am Ende sogar das Lächeln vorher erscheint. Für mich die Zuversicht: Jetzt hat Tim sein eigenes Handeln sich selbst zugeschrieben und kann sich innerlich motivieren. Wenn wir einem Kind in seine Welt folgen, wenn wir wahrnehmen, wofür es sich interessiert und diesem Interesse dann Worte geben, helfen wir dem Kind, sich die Welt begreiflich zu machen (WARUM). Dies setzt Abb. 2: Folgemomente ermöglichen einen Zugang zur Welt des anderen Alltagssituation: Tim nähert sich der Klappleiter, er greift vorsichtig an die erste Strebe und setzt dann den ersten Fuß auf. Schritt für Schritt steigt er nach oben. Ich stehe daneben, nicke ihm zu, als er mich anschaut. Als er oben auf der Leiter ist, sage ich: »Jetzt bist du oben«- und Tim schaut zuerst zu mir und dann unter sich. Sein Gesicht zeigt ein kleines Erschrecken. »Uh, ganz schön hoch hier« sage ich. Tim entschließt sich, wieder abzusteigen. Ich bleibe in der Nähe. Im Laufe der Stunde klettert er noch öfter auf die Leiter. Immer wieder sucht er meinen Blick, wenn er oben ist. Und immer wieder nicke ich ihm zu. Am Ende der Stunde sagt Tim: »Heute hohe Leiter klettert« -und ich ergänze: »Ja und so hoch. Ganz schön mutig.« [ 108 ] 3 | 2021 Forum Psychomotorik eine hohe Aufmerksamkeit und Präsenz sowie leibliche Spürfähigkeit voraus. Auf diese Weise kann das Kind seine Wirksamkeit bewusst erleben, sein Selbstkonzept stärken und sich mit seinen Gefühlen und Ideen angenommen fühlen. Dabei geht es nicht darum, selbst ein Spielangebot für das Kind bereitzustellen, sondern zu verfolgen, wohin das individuelle Interesse sich wendet und diesem Impuls zu folgen. Es geht also nicht um das WAS des Angebotes, sondern darum, WIE wir auf seine dialogischen und kommunikativen Anfragen reagieren. Leiten-Elemente Die Mutter geht in den Kontakt mit ihrem Kind, denn nur so ist es möglich, ihr zu vermitteln, was sie von ihr erwartet. Dabei benennt die Mutter noch ihre Motivation und sagt dann klar, was sie von Marie erwartet. In der Aufnahme ist zu sehen, dass in dem Moment, als die Mutter auf die Schuhe deutet (WANN), Marie dem Blick folgt und den Schuh in die Hand nimmt (WAS). Das Kind erlebt sich durch die angebotenen Strukturen als geschützt und beschützt, aber auch als Abb. 3: Leitungsmomente ermöglichen Struktur und Sicherheit Alltagssituation: Marie wird abgeholt. Die Mama scheint in Eile zu sein. Marie möchte der Mama noch alles zeigen und erzählen, was sie in der Stunde gemacht hat. Mama hockt sich vor Marie und sagt: »Oh ich sehe, du willst mir noch ganz viel erzählen. Doch wir haben es eilig, deshalb tut es mir leid, ich kann dir jetzt nicht zuhören. Du kannst mir im Auto ja etwas erzählen. Jetzt möchte ich, dass du deine Turnschuhe ausziehst«. Mama zeigt auf die Turnschuhe und Marie beginnt ihre Schuhe auszuziehen. eingebettet in soziale Kontexte, in denen es Regeln und Bräuche gibt (WARUM). Soziale Modelle werden ebenso wie Werte über Strukturen vermittelt. Hierbei geht es nicht darum, dem Kind in seine Welt zu folgen, sondern ihm durch klares, strukturiertes Leiten zu helfen, sich eine eigene innere Struktur für Handlungsabläufe und Verhaltensregeln zu entwickeln (Abb. 3). Dabei sind ein klarer Anfang und ein klares Ende hilfreich, das Kind braucht eine Schritt für Schritt Anleitung in dem Tempo, in dem es ihm möglich ist, zu handeln. Dies kann über Sprache genauso gelingen, wie über ein Handlungsmodell. Wenn das Kind getan hat, was von ihm erwartet wurde, ist eine Bestätigung des erwünschten Verhaltens wichtig. So können schon kleine Kinder lernen, dass es Regeln und Bräuche gibt, die eingehalten werden sollten, um das gemeinsame Miteinander zu erleichtern. Martemeo trifft Psychomotorik Die Martemeo Methode ist eine Möglichkeit, über Videobilder Prozesse und Entwicklungen sichtbar zu machen. Im Umgang mit den entstehenden Bildern und der daraus folgenden Beratung von Eltern oder Fachpersonal lassen sich vielfältige Parallelen zu einer psychomotorischen Haltung feststellen. Im Rahmen der Videoanalyse werden die Stärken fokussiert (Stärken- und Ressourcenorientierung) und den Beteiligten Momente aufgezeigt, in denen es ihnen gelingt, Entwicklung an bestimmten Punkten zu unterstützen. Schauen wir uns das Alltagsbeispiel aus der Kontaktszene an: Die Mutter zeigt wenig Kontaktmomente mit ihrem Kind, sie kommuniziert oft über ihr Kind hinweg. Was sie noch entwickeln kann, ist offensichtlich. Es gibt einen Moment in der Szene, in der sie sich zu ihrem Kind beugt und nachdem sie in das Gesicht der Tochter geschaut hat, eine Geste in den Raum macht. Dazu sagt sie: »Schau mal, hier sind ganz viele interessante Dinge«- - und schaut erneut in das Gesicht der Tochter. Diese Szene kann man der Mutter zeigen und dabei betonen, wie hilfreich es für das Kind ist, wenn die Mutter sie in bestimmte neue Situationen einführt, wie sie ihr Zeit lässt und im Gesicht der Tochter deren Gefühl sehen kann. Die [ 109 ] Bender-Joans • »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik 3 | 2021 [ 109 ] Bender-Joans • »Das WESENtliche sichtbar machen«-- Martemeo trifft Psychomotorik 3 | 2021 Mutter erlebt hier, WIE sie es machen kann, ihre Tochter in neuen, unsicheren Situationen zu begleiten. Sie sieht, dass sie das kann und sieht die Reaktion ihres Kindes darauf. Indem wir den Kindern in der Psychomotorik mit einer dialogisch-zugewandten Haltung begegnen, geben wir ihnen und uns die Chance, den weiteren gemeinsamen Entwicklungsweg gelingend zu gehen. Die Videobilder können Fachkräfte und Eltern stärken, sich ihrer dialogischen Fähigkeiten und deren Wirkungen bewusst zu werden. Das Element des Folgens ermöglicht in hohem Maße selbstwirksames Handeln, aufmerksames Beobachten, Benennen und Warten gibt Klienten Zeit für eigene Entwicklungsprozesse. Wie wir diese Entwicklung begünstigen können, ist durchaus fassbar und sichtbar: durch Aufmerksamkeit, Zugewandtheit und Hilfestellung, wo sie benötigt wird. Durch Anregungen, um die Welt zu begreifen. Durch gelebte Fehlerfreundlichkeit, Aufmunterung und Bestätigung. Im Element des Leitens finden wir Halten des Containments, in der Strukturierung eines Angebotes wieder. Die eigene Klarheit ermöglicht die Erfahrung von Halt und Grenzen und gibt den Klienten Sicherheit, Dinge zu tun, die von ihnen erwartet werden. Eltern und Fachkräfte erleben durch die Videobilder oft, dass ein klares, freundliches Wort durchaus dazu führt, dass Menschen das tun, was man von ihnen erwartet. Zusammenfassung Die Martemeo Methode kann die psychomotorische Arbeit gut ergänzen. Sie kann als hilfreiches Instrument zur Selbstreflexion, zur detaillierten Beobachtung und zur Beratung von Angehörigen dienen. In den Bildern eröffnet sich die Chance, in kleinsten Interaktionen das WESENtliche zu entdecken und darüber in entwicklungsförderliche Stimmung zu kommen. Die Martemeo Methode ist mit der grundlegenden Haltung gegenüber den Entwicklungsressourcen und -kompetenzen des Menschen nah an der Psychomotorik und kann über die ganze Lebensspanne ein Lupenglas für pädagogische / therapeutische Begleitung sein. Videoarbeit wirkt in diesen Zeiten nicht mehr so befremdlich, natürlich sind dem Ganzen dort Grenzen gesetzt, wo zum einen die Technik nicht ausreicht (z. B. in bewegten Situationen) oder wo durch eine weitere Person hinter der Kamera der Prozess im psychomotorischen Setting mit beeinflusst wird. Mit der Martemeo Methode zu arbeiten, verändert den Sprachgebrauch in der Beratung, fokussiert auf die eigenen Kommunikationskompetenzen als Fachkraft und das Wissen um Entwicklungsprozesse. Es erfordert, ebenso wie die psychomotorische Arbeit, ein Einlassen auf die Individualität der zu Beratenden und eine gemeinsame bewegte »Bildersuche« nach den magischen Momenten von Entwicklung. Literatur Aarts, M. (2011): Marte Meo. Ein Handbuch. Aarts Productions, Eindhoven Aucouturier, B. (2006): Der Ansatz Aucouturier. Handlungsphantasmen und psychomotorische Praxis. Projecta, Bonn Esser, M. (2009): Beziehung wagen. Mit Körper und Bewegung (psycho-) therapeutisch arbeiten. Projecta, Bonn Fuchs, T. (2000): Leib. Raum. Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie. Klett-Cotta, Stuttgart Hawellek, C. (2011): Die Philosophie und Standortbestimmung von Marte Meo. In: Hawelleck, C., v. Schlippe, A. (Hrsg.): Entwicklung unterstützen-- Unterstützung entwickeln. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 35- 56, https: / / doi.org/ 10.13109/ 9783666462276 Keßel, P. (2014): Prinzipien psychomotorischer Entwicklungsförderung. motorik 37 (1), 23-27, https: / / doi. org/ 10.2378/ mot2014.art05d Rosa, H. (2018): Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung. Suhrkamp, Berlin Stern, D. (1992): Die Lebenserfahrung des Säuglings. Klett-Cotta, Stuttgart Trevarthen, C. (2006): Warum Bindung wichtig ist. In: http: / / www.iriss.org.uk/ resources/ why-attach ment-matters-sharing-meaning-colwyn-trevarthen, 12.03.2021 Tschacher, W., Storch, M. (2014): Embodied communication. Hans Huber, Bern Die Autorin Silvia Bender-Joans Logopädin in eigener Praxis mit Schwerpunkt Frühförderung, Marte Meo Supervisorin, Lehrqualifikation Psychomotorik dakp, Dozentin für Psychomotorik dakp Anschrift Michelbacher Str. 18 a D-35041 Marburg Silvia_bender@web.de