eJournals motorik44/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2021.art35d
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Praxisimpuls: Der »Spielespaziergang«

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Luzia Conrads-Guthmann
Die Idee zum »Spielespaziergang« entstand nach einem Tagesausflug einer Kindertagesstätte mit einem längeren Fußweg, bei dem den Kindern schnell langweilig wurde. Es stellte sich die Frage, wie die Neugierde der Kinder angeregt werden könnte, sich den eigenen Sozialraum zu erschließen. Schon Muchow / Muchow (1923/2012) befassten sich in ihrer Studie »Der Lebensraum des Großstadtkindes« mit der Perspektive des Kindes auf seine Umwelt und zeigten, dass Straßen, Plätze und Räume in der kindlichen Wahrnehmung und Aneignung eine andere Bestimmung erhielten. Die Kinder erkundeten ihre Umwelt mit dem Sinn, diese als Spielraum zu nutzen (Hungerland 2015). Der Gedanke, die Kinderperspektive zu fokussieren und Spielräume zu erkunden, führte zu weiteren Überlegungen. Wie könnte ein weiterer Spaziergang gestaltet werden, in der das Draußenspiel (Richard-Elsner 2017) als wichtiger Bestandteil der informellen Bildung thematisiert wird und vielfältige Lern- und Bewegungsanlässe geschaffen werden? Aus den Beobachtungen der Kinder und Erzählungen der Eltern vom familiären Alltag entwickelte sich die Idee, einen Rucksack mit Kleinmaterialien und Alltagsgegenständen zu füllen, die den Kindern aus der Kita vertraut waren.
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[ 187 ] Impulse für die Praxis 4 | 2021 [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Der »Spielespaziergang« Kreative Sozialraumerkundung mit einem Rucksack voller Ideen Die Idee zum »Spielespaziergang« entstand nach einem Tagesausflug einer Kindertagesstätte mit einem längeren Fußweg, bei dem den Kindern schnell langweilig wurde. Es stellte sich die Frage, wie die Neugierde der Kinder angeregt werden könnte, sich den eigenen Sozialraum zu erschließen. Schon Muchow / Muchow (1923/ 2012) befassten sich in ihrer Studie »Der Lebensraum des Großstadtkindes« mit der Perspektive des Kindes auf seine Umwelt und zeigten, dass Straßen, Plätze und Räume in der kindlichen Wahrnehmung und Aneignung eine andere Bestimmung erhielten. Die Kinder erkundeten ihre Umwelt mit dem Sinn, diese als Spielraum zu nutzen (Hungerland 2015). Der Gedanke, die Kinderperspektive zu fokussieren und Spielräume zu erkunden, führte zu weiteren Überlegungen. Wie könnte ein weiterer Spaziergang gestaltet werden, in der das Draußenspiel (Richard-Elsner 2017) als wichtiger Bestandteil der informellen Bildung thematisiert wird und vielfältige Lern- und Bewegungsanlässe geschaffen werden? Aus den Beobachtungen der Kinder und Erzählungen der Eltern vom familiären Alltag entwickelte sich die Idee, einen Rucksack mit Kleinmaterialien und Alltagsgegenständen zu füllen, die den Kindern aus der Kita vertraut waren. Welche Spielideen die Kinder (max.- 6) während des zweistündigen Spaziergangs entwickelten und welches (Bildungs-)Potenzial darin steckt, zeigen die nachfolgenden Beispiele. Der Spaziergang Alle Kinder hatten Interesse daran, den Rucksack zu tragen und stellten mit Unterstützung der beiden begleitenden Fachkräfte folgende Regeln für den Spielespaziergang auf: ■ Ein Kind trägt den Rucksack und sucht den Platz zum Spielen aus. ■ Ein anderes Kind bestimmt das Spielzeug aus dem Rucksack, mit dem alle spielen sollen. ■ Diese beiden Kinder bestimmen dann die NachfolgerInnen. An das Kitagelände grenzten ein großer, geteerter und am Vormittag nicht genutzter Parkplatz, ein breiter Grünstreifen und eine frei zugängliche Sportanlage. Spielstation 1 Die Kinder wählten zunächst die freie Parkplatzfläche und Kreide aus. Jedes Kind malte eine Spielidee auf und erklärte diese anschließend den anderen. Abb. 1: Hinkelkästchen Der Rucksack wurde mit folgenden Materialien gepackt: ■ Gummiball/ Tischtennisbälle ■ Murmeln ■ Hüpfseil/ lange Schnur ■ Bunten Fäden, ca. 60 cm. lang ■ Gummitwist ■ Stoppuhr ■ Stifte und Papier ■ Becher- und Handlupen ■ Kreide ■ Knete ■ kleine Kreisel ■ leere Konservendosen ■ Schaufel ■ kleine Löffel ■ Luftballons ■ kleine Hüpffrösche ■ »Cross-Boccia« ■ »Klettballspiel« [ 188 ] 4 | 2021 Impulse für die Praxis Beim Hinkelkästchen (Abb. 1) wurden zuerst die Zahlen laut vorgelesen und dann hüpften die Kinder abwechselnd mit der Regel, die Linien nicht zu berühren. Dabei wurden verschiedene Hüpfarten erprobt. Abb. 2: Hüpfstrecke-- eine Hinkelkästchen- Variante Ein anderes Kind malte eine Hüpfstrecke (Abb. 2), die sehr schnell uninteressant wurde. Die Kinder kamen beim Hüpfen zu der Erkenntnis, dass die Felder zu klein waren, da die Füße die Linien bei jedem Sprung berührten. Der Impuls, die eigenen Fußumrisse neben die Hüpffelder zu malen, ermöglichte einen Vergleich zwischen der vorhandenen und der benötigten Fläche und konnte das mathematische Thema Größenvergleiche aufgreifen. Spielstation 2 Während einer kleinen Rast auf einer Wiese wählten die Kinder die Knetgummistangen und nahmen den Impuls »Weltall« auf, da dies zuvor Thema in der Kitagruppe gewesen war. Die Kinder zählten die ihnen noch bekannten Planeten auf und ordneten diesen Farben zu, zudem wurden Wolken, ein UFO und die Aliens beschrieben. Für die Aufteilung der drei Pakete Knete mit jeweils vier unterschiedlich gefärbten Stangen nutzen die Kinder ihre mathematischen Kompetenzen beim Zählen und Zuordnen. Die nächste Frage lautete: »Wo stellen wir die Knetfiguren hin? « Zuerst wurden die Figuren ins Gras gelegt, aber Sand und abgestorbene Halme blieben kleben, was den Kindern nicht gefiel. Außerdem waren sie kaum sichtbar und blieben nicht wie gewünscht liegen. Die Kinder entschieden sich für die Konservendosen als Ablage, allerdings gab es zu wenig Platz darauf für alle Figuren (Abb. 3). Abb. 3: Die Dosen als Ablagefläche Eine Fachkraft gab daraufhin den Impuls, eine Ausstellung für die anderen Kitakinder zu gestalten und so wurde gemeinsam entschieden, die Figuren auf ein Blatt Papier zu stellen und zu beschriften. Ausführlich wurden die einzelnen Positionen der Planeten besprochen und die Kinder nutzten ihr Fachwissen über die Lagebeziehungen der einzelnen Elemente des Weltalls (Abb. 4). Abb. 4: Das Weltall Spielstation 3 Ein gepflasterter Platz im Schatten war das nächste Ziel. Die Kinder wählten die kleinen Hüpffrösche aus und diskutierten, ob sie die Frösche allein oder gemeinsam nutzen und ob diese noch mit anderen Gegenständen aus dem Rucksack kombiniert werden können. Die Auswahl fiel auf die Kreide und die Dosen. Es wurden eine Start- und eine Ziellinie aufgezeichnet und die Frösche sollten möglichst schnell von der Startlinie zur Ziellinie und in die Dose hüpfen. Dabei stellten die Kinder fest, dass der Untergrund uneben war und die Frösche sehr unterschiedlich sprangen. Sie stellten mehrere Hypothesen auf, woran es liegen könnte. Hier bot sich die Möglichkeit, die Hypothesen der Kinder auszuprobieren und naturwissenschaftliches Forscherinteresse sowie sprachliche Kompetenzen zu fördern. Spielstation 4 Im weiteren Verlauf wählten die Kinder die Luftballons aus, die nicht auf den Boden fallen sollten. Den Impuls: »Gibt es andere Möglichkeiten die Luftballons allein zu benutzen? « setzten die Kinder vielfältig um. Die Luftballons wurden zwischen die Knie und unter einen Arm geklemmt. Zwei Kinder klemmten einen Ballon mit ihrem Rücken ein. Sie sind vorwärts, rückwärts und seitwärts gelaufen und verschiedenartig gehüpft. Die Variante, den [ 189 ] Richard-Elsner • Aktuelles Stichwort: Aktionsraumqualität 4 | 2021 [ 189 ] Impulse für die Praxis 4 | 2021 Luftballon mit dem Mund am Knoten festzuhalten, wurden nicht von allen Kinder aufgegriffen. Spielstation 5 An der letzten Spielstation kamen Gummitwist, Bälle und Kreide zum Einsatz. Das Gummitwistband wurde kreisförmig auf den Boden gelegt und von einer aufgemalten Linie aus sollte der Ball in diesen Kreis geworfen werden. Das Zielfeld wurde mit Kreide um weitere Ziele ergänzt und die Kinder konnten ihre Wurftechniken ausprobieren. Die Idee ist ansteckend-… (Transfer in den Kitaalltag) Zurück in der Einrichtung erzählten die Kinder begeistert von ihren Spielideen und weckten dadurch das Interesse der anderen Kinder und Fachkräfte. Beim nächsten Morgenkreis wurde der Rucksack ausführlich allen Kindern vorgestellt. Es gab die Option, morgens in der Turnhalle und nachmittags auf dem Außengelände die Materialien zu nutzen. Als Regel galt, gemeinsam einen Gegenstand für alle Beteiligten auszuwählen. Wieder wurden die Gegenstände aus dem Spielrucksack vielfältig erprobt und mit bekanntem, bereits vorhandenem Material, das zuvor selten genutzt worden war, kombiniert. Die Kinder haben sich selbst Bildungs- und Lerngelegenheiten geschaffen, in die sie sich nach Interesse und Entwicklungsstand einbringen konnten. Ein wichtiger Aspekt war das wiederkehrende, gemeinsame Aushandeln und Einhalten von Spielregeln. Interessant war dabei, dass sich im Spiel auch neue altersgemischte Gruppenkonstellationen entwickelten. Die Ausstellung Die Spielmaterialien, das Interesse der Kinder sowie das kreative Potenzial des Angebotes schienen sehr gut geeignet, um diese Impulse auch an die Eltern weiterzugeben. Im Rahmen der Kita-Alltagsdokumentationen wurde der Rucksack mit allen Materialien für die Familien gut sichtbar im Flur ausgestellt (Abb. 5-7). Die Ausstellung hat viele Eltern angesprochen und inspiriert. Die Kinder haben während der Bring- und Abholphasen immer wieder Gegenstände genommen, erprobt und ihre Eltern motiviert, sich auf die Impulse einzulassen. Neue Ideen wurden entwickelt, Gespräche initiiert und so die Idee der kreativen Sozialraumerkundung aktiv in den Sozialraum getragen. Literatur Hungerland, B. (2015): Die Lebensraumstudie von Martha Muchow und ihre Bedeutung für die Kindheitsforschung. In: Hünersdorf, B. (Hrsg.): Spielplätze in der Stadt. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, 17-34 Muchow, M., Muchow, H. H. (1923/ 2012): Der Lebensraum des Großstadtkindes. Beltz Juventa, Weinheim Richard-Elsner, C. (2017): Draußen spielen. Beltz Juventa, Weinheim DOI 10.2378 / mot2021.art35d Abb. 5: Die Ausstellung im Flur Abb. 6 und 7: Plakate mit den Hinweisen auf die Grundidee und die Kinderrechte Kontakt Luzia Conrads-Guthmann Luzia.conrads-guthmann@dgemail.de