eJournals motorik45/1

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2022.art03d
7_045_2022_1/7_045_2022_1.pdf11
2022
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Musik in der Psychomotorik und Motologie

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2022
Ulf Henrik Göhle
Miriam Gluth
Während in der Schweiz noch Musik in der Psychomotorik eingesetzt wird, sind diese rhythmisch-musikalischen Wurzeln in Deutschland verloren gegangen und auch die Motologie hat dieses kulturelle Defizit kaum reflektiert. Dabei erscheint die aufgeklärte und zeitgemäße Wiederbelebung dieser Tradition über die Elemente Rhythmus und Stimme gerade heute sehr leicht. Aufbauend auf einer schlaglichtartigen historischen Einordnung und dem Aufzeigen der neurologischphysiologischen Hintergründe werden Praxisbausteine für den Einsatz von Rhythmus und Stimme in Psychomotorik-Stunden vorgestellt.
7_045_2022_1_0003
Zusammenfassung / Abstract Während in der Schweiz noch Musik in der Psychomotorik eingesetzt wird, sind diese rhythmisch-musikalischen Wurzeln in Deutschland verloren gegangen und auch die Motologie hat dieses kulturelle Defizit kaum reflektiert. Dabei erscheint die aufgeklärte und zeitgemäße Wiederbelebung dieser Tradition über die Elemente Rhythmus und Stimme gerade heute sehr leicht. Aufbauend auf einer schlaglichtartigen historischen Einordnung und dem Aufzeigen der neurologischphysiologischen Hintergründe werden Praxisbausteine für den Einsatz von Rhythmus und Stimme in Psychomotorik-Stunden vorgestellt. Schlüsselbegriffe: Musik, Mikro- und Makro-Rhythmus, Stimme, Psychomotorik, Motologie Music in Psychomotricity and Motology While the use of rhythm and music is still alive in Psychomotricity in Switzerland, this tradition has gone lost in Germany. Moreover, this cultural deficit has hardly been reflected in the discourse of Motology as the academic partner discipline of Psychomotricity in Germany. However, it seems easy to revitalize this tradition in a contemporary and critical way via the practical use of pure rhythm and voice. Building on a brief historical orientation and a highlighting of the neurological and physiological background, this article presents components that may help to structure practical sessions in psychomotricity. Keywords: Music, Microand Macro Rhythm, Voice, Psychomotricity, Motology [ 10 ] 1 | 2022 motorik, 45. Jg., 10-15, DOI 10.2378 / mot2022.art03d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Musik in der Psychomotorik und-Motologie Ulf Henrik Göhle, Miriam Gluth kalische Übungen in die Stunden integriert wurden. Während sich die Schweizer Psychomotorik diese Fähigkeit bewahrt hat-- das Curriculum der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich sieht das Erlernen von Klavierimprovisation leider auch nur noch als Wahlfach vor (HfH 2021, Naville 2010)- - ist diese Tradition in Deutschland erst seit kurzem wieder Teil der Ausbildung im MA-Studiengang Motologie. Dabei ist gerade der Einsatz von (Live-)Musik eine wichtige Ressource, z. B. kann sie Menschen und einen Raum in eine (andere) Stimmung versetzen sowie bei vielerlei motorischen Lern- und Entwicklungsaufgaben unterstützend helfen. Lediglich die Lehrbücher der Psychomotorik von Klaus Fischer (2019, 13ff.) und Reichenbach (2010, 18ff. und 47) verweisen noch rudimentär auf das Erbe des Einsatzes von Musik in der Psychomotorischen Übungsbehandlung (PMÜ) nach Kiphard, während das jüngste »Lehrbuch Psychomotorik« (Kuhlenkamp 2017) überhaupt keine Angaben zum Einsatz von Musik in der Psychomotorik macht. Prominent ignoriert ist das Thema auch im »Handbuch Psychomotorik« von Zimmer (2019), dort fehlt jegliche Erwähnung von Musik. Dass hier die deutsche Psychomotorik und die Motologie ein kulturelles Defizit entwickelte, wurde nur von wenigen AutorInnen bemängelt. So forderte Seewald in der »motorik« vor nunmehr 20 Jahren: «Angesichts der zeitgenössischen Orientierungslosigkeit fragt es sich, ob Das versunkene Erbe der Musik in der Motologie Zu Zeiten von Jonny Kiphard war es noch ein integraler Bestandteil der Psychomotorik in Deutschland, dass Musik und rhythmisch-musi- [ 11 ] Göhle, Gluth • Musik in der Psychomotorik und-Motologie 1 | 2022 die Formgewinnungskraft von Rhythmus und Musik nicht genutzt werden sollte, um einen zeitgemäßen rhythmischen Ansatz in der Psychomotorik zu kreieren« (Seewald 2002, 29). Dieser Forderung soll hier ein weiterer Schritt hinzugefügt werden und so ist es Ziel dieses Artikels, die musikalischen Wurzeln für die Formulierung von Bausteinen einer zeitgemäßen Neuintegration von Musik in Motologie und Psychomotorik zu nutzen. Zumal Forschungen der Hochschule Darmstadt gezeigt hatten, dass eine Kombination aus Psychomotorik und Musiktherapie eine besondere Wirksamkeit erzielt haben und deshalb in diesem Arbeitskontext noch viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit notwendig sei, meinen Krus, Jasmund und Eckert (Krus und Jasmund 2015, 85). Der Rückblick in die Entstehungsgeschichte der Psychomotorik zeigt eine enge Verwandtschaft zur Rhythmik auf, die wiederum über das Zentrum in Hellerau Anfang des 20. Jahrhunderts in Berührung kam mit diversen pädagogischen (Heinrich Jacoby), künstlerischen (Mary Wigman) und körperbezogenen Strömungen (Elsa Gindler). Charlotte Pfeffer, die über Émile Jaques-Dalcroze nach Hellerau kam und später eine Professur in Rom bekam, prägte damals intensiv den Begriff der Psychomotorik, da sie auch im Austausch mit der französischen und italienischen Psychomotorik war und neue Erkenntnisse in ihre rhythmisch-musikalische Heilpädagogik und Erziehung mit einfließen ließ. Ohne seine rhythmisch-musikalischen Kompetenzen hätte Kiphard nicht solch einen Erfolg gehabt, denn sein Wissen aus dem Sportstudium reichte für »bewegungsgehemmte[n], überaktive[n] oder auch aggressive[n] Kinder[n]« nicht aus (Jasmund und Krus 2015, 16). Sein Übungsrepertoire hat Kiphard interessanterweise in vier Gruppen unterteilt, die sich auch in der Rhythmik wiederfinden lassen: ■ Sinnes- und Körperschemaübungen ■ Übungen der Behutsamkeit und Selbstbeherrschung ■ Rhythmisch-musikalische Übungen ■ Übungen des Erfindens und Darstellens Theoriebezüge: Verlässlichkeit und Variabilität Die Arbeit mit dem Rhythmus fußt auf angeborenen Fähigkeiten und kann somit als natürliche Ressource menschlicher Bewegungsgestaltung genutzt werden. Wir Menschen verfügen bereits auf der Ebene der Wirbelsäule über sogenannte »Central Pattern Generators«, die durch eine alternierende Aktivierung von Flexoren und Extensoren bereits das Grundmuster von Krabbel-, Schwimm- und später Gehbewegung vorstrukturieren (Marder / Bucher 2001). Zu diesen basalen neuronalen Strukturen gesellen sich vor allem der Atem-Rhythmus, der Puls sowie weitere neuronale und endokrine Zeitgeber (Grondin 2010), die zum einen Grund-Rhythmen produzieren oder aufnehmen können, sich aber ständig neu kalibrieren, um die notwendige Adaption an die Umwelt zu leisten. Gerade die Verbindung aus verlässlicher Grundstruktur und gleichzeitiger Adaptionsfähigkeit machen (menschliche) Rhythmen interessant für die leiblich orientierte Arbeit in der Psychomotorik und Motologie. Am Beispiel der Herzfrequenzvariabilität soll diese interessante Kombination aus Stabilität und Adaptionsfähigkeit kurz veranschaulicht werden. Die Herzfrequenzvariabilität (HRV) bezeichnet die Anpassung der Herzschläge an innere Prozesse und Umweltbedingungen. Grundsätzlich beschleunigt der Puls beim Einatmen, um mehr Blut in die Lunge zu befördern und bremst beim Ausatmen. Folgende Grafik veranschaulicht die Ein- und Ausatmung in einer Kurve. Die Abstände der Punkte auf der Linie markieren deren zeitlichen Abstand: Abbildung 1 aus: Schuller / Göhle (in Vorbereitung) [ 12 ] 1 | 2022 Forum Psychomotorik Das Herz ist in ein komplexes Multi-Organ-Netzwerk eingebunden und auch das Atmen ist eng an psycho-physiologische (Regulations-)Prozesse geknüpft. Allgemein anerkannt ist, dass die Balance des autonomen Nervensystems (aus Sympathikus und Parasympathikus) den entscheidenden Einfluss auf die HRV hat, und somit spiegeln sich u. a. auch emotionale Prozesse in der HRV wider (vgl. überblickartig bei Göhle 2017). Wir sehen hier, dass damit eine auf der Mikro-Ebene stets ablaufende Adaption im Millisekunden-Bereich innere Aktivierungs- und Stresszustände widerspiegelt, während gleichzeitig eine stabile Makro-Struktur des Ein- und Ausatmens stattfindet. Die Makroebene des (erfahrbaren) Atems gibt Verlässlichkeit, Orientierung und Stabilität, während die Mikroebene der (verborgenen) Herzfrequenzvariabilität permanent feinste Anpassungen an die (soziale) Umwelt widerspiegelt. Selbstverständlich kann auch die Makroebene des Atmens die Mikroebene der HRV beeinflussen (»Downward Causation«) und so ist die Arbeit mit dem Atem (respektive Stimme) ein profunder Zugang zur Regulation psycho-physiologischer Prozesse. Dass die Mikroebene bereits eine Musikalität in ihrer Zeitreihe aufweist und HRV-Daten direkt in Melodien »übersetzt« werden können, wurde vor Kurzem aufgezeigt (Schuller und Göhle, in Vorbereitung). Die Annahme, dass diese physiologischen Prozesse eine Rolle für den leib-tonischen Dialog spielen, erscheint plausibel: Dieser zwischenleibliche Abstimmungsprozess geschieht zum Teil in wenigen Bruchteilen von Sekunden (Dornes 2006, 172). Diese von kleinsten Bewegungen und Muskeltonusveränderungen erzeugte »Musikalität für die Resonanz der Zwischenleiblichkeit« (Fuchs 2020, 13) ist für die Psychomotorik und Motologie eine essenzielle Basis für die praktische Arbeit. Über Rhythmen- und Atemübungen und ggf. auch Body-Percussion kann ein Zugang zur Leiblichkeit gelegt werden, der dann wiederum eine Basis für weitere psychomotorische Arbeit bilden kann. Schon hier lässt sich für die Praxis ableiten, dass rhythmisch-musikalische Elemente eine Art Basisarbeit für die Erfahrung der Leiblichkeit legen können. Neben der Verlässlichkeit der Makrorhythmen und der Variabilität und Regulationsfähigkeit der Mikrorhythmen bietet die Stimme mit ihrer Melodik ebenso Verlässlichkeit und Variabilität und sollte als Ressource nicht ausgelassen werden. Doch auch hier findet sich eine Lücke im Diskurs, und zwar nicht nur in dem der Motologie, sondern auch, und das ist noch viel bemerkenswerter, im Diskurs der Körperpsychotherapie (KPT). Zwar wird dort die Stimme immer wieder als Diagnostikum erwähnt, dabei aber lediglich auf Intuition gesetzt, ohne dass dieser Zugang mit einer kritisch-faktischen Prüfung abgesichert wird: z. B. mit der Tatsache, dass jeder Mensch eine individuelle, normale Stimmlage hat, in der er nicht heiser wird, auch wenn er länger spricht und in der die Stimme reich an Farben, an emotionalem Ausdruck ist. Diese persönliche Stimmlage heißt im Fachjargon »Indifferenzlage« und wird weder bei etablierten Autoren wie Geuter (2018) noch in KPT-Lehrbüchern (Marlock & Weiß 2006) erwähnt. Die Indifferenzlage ließe sich jedoch als sinnvolles diagnostisches Mittel einsetzen, welches auch lehrbar ist. Wer die Stimme lesen bzw. hören kann, dem gibt sie verlässlich Aufschluss über den Stimmungszustand des Gegenübers: Sind wir nicht »in unserem Körper«, sondern vor lauter Stress mehr in unserem Kopf oder in der Außenwelt, klingt die Stimme oft höher und enger, ohne das Farbspektrum der Emotionen, welches durch die Obertöne entsteht. Ist die Stimme gedrückt und tiefer als die Indifferenzlage, ist oft auch die Stimmung gedrückt. Die Stimmlage kann aber auch durch Nachahmung und Spiegelungsprozesse stark beeinflusst werden und es könnte so ein Thema sein, die eigene Stimme, den eigenen Ausdruck zu finden. Die Stimme wird von vielen feinen, auch kulturell geprägten Details beeinflusst und hat Auswirkun- Die Psychomotorik kann ihre rhythmisch-musikalische Wurzel durch Rhythmus und Stimme wiederbeleben. [ 13 ] Göhle • Musik in der Psychomotorik und-Motologie 1 | 2022 [ 13 ] Göhle, Gluth • Musik in der Psychomotorik und-Motologie 1 | 2022 gen auf den leib-tonischen Dialog und die Zwischenleiblichkeit (vgl. Westphal 2014, 189ff ). Ein Bewusstsein für die eigene Stimme in der Ausbildung zu schaffen, wäre also sinnvoller Bestandteil, auch in Bezug auf Kommunikation und Selbstreflektion. Im Tanz dient die Verbindung von Bewegungsqualitäten und Klängen oder Lauten als Kommunikationsmittel, besonders sei hier der Einsatz von Vokalisation bei dem Choreografen William Forsythe erwähnt. Er benutzte seine Stimme, um Bewegungsverläufe, -formen und -qualitäten zu kommunizieren. Tänzer können sich Choreografien leichter über Geräusche merken. Der Vorteil der Stimme ist, dass wir sie immer dabei haben und sie auch beim Bewegen genutzt werden kann. Außerdem sind Ton-Übergänge und Geräusche wie auf kaum einem anderen Instrument möglich. Systematik und Transfer in die Praxis Wie aber kommen wir nun von der Erkenntnis des körperlichen Grundrhythmus und der Grundmelodik der Stimme zur Wiedereinbindung des rhythmisch-musikalischen Prinzips in die Psychomotorik und Motologie? Hier wollen wir den Kreis zu Seewalds oben genannter Forderung schließen und eine Grundskizze einer rhythmisch-musikalischen Konzeption für die Psychomotorik vorschlagen. Die einzelnen Teile sind nicht als perfekter Stundenverlauf, sondern als Bausteine zu verstehen, die je nach Gruppe neu zusammengesetzt und auch als einzelne Bausteine in die Psychomotorikeinheiten eingebaut werden können. Wichtig erscheint es, eine entwicklungspsychologische Perspektive zu nutzen, um die Angemessenheit der Bausteine der jeweiligen Altersstufe anzupassen. Weiterhin ist der spielerische Grundcharakter vor allem im Kindesalter zu betonen, so kann z. B. der folgende Baustein »Kraft & Raum« Teil eines Indianer-Spiels sein, bei dem die Kinder die Trommel-Signale mit ihren eigenen Fantasien verbinden. Es ist sogar denkbar, den musikalisch-rhythmischen Ansatz auch in eine non-direktive Spieltherapie (Axline 1980) zu integrieren, da die Musik aufgrund ihrer produktiven Unbestimmtheit zu nichts zwingt und unbeschränkte gestalterische Möglichkeiten zu Verfügung stellt. Kraft & Raum Die Lehrperson trommelt verschiedene Rhythmen und vereinbart mit den TN verschiedene Signale, z. B. ■ langsames, beschwingtes Trommeln: Hopserlauf im Takt durch den Raum ■ langsames, monotones Trommeln: schreiten ■ schnelles, leises Trommeln: Hüpfen auf einem Bein am Platz ■ schnelles, lautes Trommeln: Hüpfen auf zwei Beinen am Platz ■ in die Hände klatschen: Richtungswechsel ■ auf der Trommel im Kreis streichen: schleichen ■ Pause: »festfrieren« wo man gerade ist Hier sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt und wir ermutigen zum Ausprobieren! Diese Übung wärmt den Körper auf, fordert und fördert die Konzentration, Körperbeherrschung, Stabilität, Raumwahrnehmung, Krafteinteilung und das Rhythmusgefühl sowie gemeinsame Handlungskoordination. Musik ohne Musik-- Musik in mir Die TN legen sich auf den Boden und werden angeleitet, die Augen zu schließen und ihrem Herzschlag zu lauschen, eventuell indem sie eine Hand auf die Herzgegend legen. Nach einiger Zeit die zweite Hand auf den Bauch legen und das Heben und Senken des Atems spüren. Jetzt können sie versuchen, über den Atem den Puls zu beeinflussen, z. B. zu verlangsamen. Dieser Übungsblock eignet sich besonders gut nach dem Block Nr. 1, da dieser das Herz-Kreislaufsystem und den Atem angeregt hat und dadurch Herz- und Atemrhythmus leichter wahrnehmbar sind. Als nächstes auf verschiedenen Tonhöhen summen und beobachten, in welchen Körperteilen es anfängt zu vibrieren. Diese Übung fördert die Selbstwahrnehmung, Konzentration und Koordination von Atem und Stimme. [ 14 ] 1 | 2022 Forum Psychomotorik Bewegungslernen Musik kann durch unterschiedliche musikalische Qualitäten, vor allem in Bezug auf Kraft und Dynamik, unterschiedliche Bewegungsqualitäten unterstützen und Bewegungen durch ihren kontinuierlichen Fluss nach vorne geschmeidiger machen. Hier bietet es sich an, unterschiedliche Musiken auszuwählen und Bilder zu nutzen in der Anleitung: wie eine Feder zu Boden schweben, wie ein Schmetterling durch den Raum flattern, wie ein Panther leise schleichen. Diese Übung fördert Beweglichkeit, Geschmeidigkeit, Krafteinteilung und die Fähigkeit, Bewegungen zu improvisieren oder neue zu erlernen. Ausdruck & Improvisation / Spiel & Verarbeitung Um auch wirklich einen «zeitgemäßen rhythmischen Ansatz« (Seewald 2002, 29) zu vermitteln, ist es wichtig, im Blick zu behalten, dass die Klavierimprovisationen von Mimi Scheiblauer und auch ihre Übungen über 70 Jahre alt sind (Scheiblauer 1956) und die Welt nicht nur im urbanen Raum den Menschen mit Reizen überflutet, sondern auch über Kanäle wie YouTube oder Social Media. Diese Eindrücke können im Spiel mit Stimme und Bewegung Ausdruck und Verarbeitung finden. Abschlussritual Gerade als Abschluss einer Einheit ist es schön, als Gruppe im Kreis zusammen zu kommen, sich zu sammeln. Einfache Kreistänze, die man auf einfache Lieder auch selbst choreografieren kann, bieten sich hier an, genauso wie traditionell überlieferte Kreistänze. Hier wird die Koordination von Bewegung und Stimme geübt. Menschen finden Halt und Zentrierung in der Gemeinschaft und die Merkfähigkeit von Schritten und Melodien wird geschult. Fazit Die Psychomotorik könnte ihre rhythmisch-musikalische Wurzel sehr leicht durch eine erneute Integration von Rhythmus und Stimme wiederbeleben. In allen Altersklassen können jeweils z. B. in Fantasiespielen mit Kindern, in Zirkus- Übungen mit Jugendlichen oder Improvisationen mit Erwachsenen / Senioren die beschriebenen Bausteine gewinnbringend eingebracht werden. Musikalität fördert schließlich die Fähigkeit zur Zwischenleiblichkeit. Da in Deutschland die Psychomotorik an das akademische Fach der Motologie gekoppelt ist, ist sie wissenschaftlich viel besser aufgestellt als die Rhythmik-Tradition, die vor allem an Musikhochschulen ohne einen hinreichenden wissenschaftlich-kritischen Diskurs weitergeführt wird (vgl. Steffen-Wittek, Weise, Zaiser 2019). Daher steht nun eine theoretische Integration in die verschiedenen Arbeitsweisen wie dem Verstehenden oder dem Kompetenztheoretischen Ansatz aus. Literatur Axline, V. M. (1980): Kinder-Spieltherapie im nicht-direktiven Verfahren. Ernst Reinhardt Verlag, München. 11. Auflage Dornes, M. (2006): Die Seele des Kindes. Entstehung und Entwicklung. Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verl Fischer, K. (2019): Einführung in die Psychomotorik. Ernst Reinhardt Verlag, München. 4. Auflage Fuchs, T. (2020): Verteidigung des Menschen-- Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Berlin: Suhrkamp Verlag Geuter, U. (2018): Praxis Körperpsychotherapie. 10 Prinzipien der Arbeit im therapeutischen Prozess. Springer, Berlin. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 662-56596-4 Göhle, U. H. (2017): Gesundheit und Big Data. Reflexive Leiblichkeit versus digitale Selbstsorge? Implikationen für die motologische Gesundheitsförderung. In: J. Richter-Mackenstein & K. Blos (Hrsg.): Megatrends und Werte. Zukunftsweisende Themen und Herausforderungen für Psychomotorik und Motologie, 55-78. Marburg: Wiss. Verl. für Psychomotorik und Motologie [ 15 ] Göhle • Musik in der Psychomotorik und-Motologie 1 | 2022 [ 15 ] Göhle, Gluth • Musik in der Psychomotorik und-Motologie 1 | 2022 Grondin, S. (2010): Timing and time perception: A review of recent behavioral and neuroscience findings and theoretical directions. In: Attention, Perception, & Psychophysics 2010, 72 (3), 561-582. https: / / doi.org/ 10.3758/ APP.72.3.561 HfH (2021): Ausbildungsstruktur Bachelorstudiengang Psychomotoriktherapie. https: / / www.hfh.ch/ sites/ default/ files/ documents/ ausbildungsueber sicht_pmt_web_nb_20210430.pdf (Zugriff: 06.07. 2021) Jasmund, C., Krus, A. (Hrsg.) (2014): Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Kohlhammer, Stuttgart. 2015/ 1. Auflage Kuhlenkamp, S. (2017): Lehrbuch Psychomotorik. Ernst Reinhardt Verlag, München Marder, E., Bucher, D. (2001): Central pattern generators and the control of rhythmic movements. In: Curr Biol. Nov 27; 11(23). https: / / doi.org/ 10.1016/ S0960-9822(01)00581-4 Marlock, G., Weiß, H. (Hrsg.) (2006): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart Naville, S. (2010): https: / / www.youtube.com/ watch? v=XRmejD73Frg (Zugriff: 06.07.2021) Reichenbach, C. (2010): Psychomotorik. Ernst Reinhardt Verlag, München Scheiblauer, M. (1956). In: Mertens, R./ Marti, W. (Regie) Teleproduktion: Rhythmik, Zürich Schuller, J. C.; Göhle, U. H. (in Vorbereitung): The Music of Heart Rate Variability Seewald, J. (2002): Psychomotorische Vorläufer in der Geschichte der Rhythmus- und Gymnastikbewegung. In: motorik 25, Heft 1 Steffen-Wittek, M; Weise, D.; Zaiser, D. (2019): Rhythmik. Musik und Bewegung. Transcript Verlag, Bielefeld. https: / / doi.org/ 10.14361/ 9783839443712 Westphal, K. (2014). Stimme. In: C. Wulf, J. Zirfas (Hrsg.), Handbuch Pädagogische Anthropologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-531 18970-3_16 Zimmer, R. (2019): Handbuch Psychomotorik. Herder, Freiburg. 14. überarbeitete Auflage Die AutorInnen Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle Motologe (M. A.), Diplom- Musiklehrer, lehrt das Fach Bewegung in der Abteilung Gesang und Musiktheater der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main. Miriam Gluth, (B. Mus) studierte Gesang- und Tanzpädagogik am Institut für Musik der Hochschule Osnabrück und an der Musikhochschule Trossingen und arbeitet-als Dozentin (www.der gestimmtekoerper.de) und freischaffende Künstlerin (www.miriamgluth.de). Anschrift Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle Prodekan FB3 Professur für Bewegung FB3/ Abt. Gesang & Musiktheater Eschersheimer Landstr. 29-30 60322 Frankfurt am Main