eJournals motorik45/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2022.art15d
7_045_2022_2/7_045_2022_2.pdf41
2022
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Forum Psychomotorik: Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter

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2022
Thesi Zak
Je älter der Mensch wird, desto eher dominieren Einschränkungen, Krankheit, Schwächung und Schmerzen bis hin zum Verlust diverser Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche zur Bewältigung der Herausforderungen des Alltags benötigt werden, die restliche Lebenszeit. Über motogeragogische Begleitung können wir diesem Negativerleben entgegenwirken. Vielfältige, humorvolle, kreative und vor allem erfolgreiche Selbst-, Material- und Sozialerfahrungen stärken das Selbstbewusstsein und Selbstkonzept der teilnehmenden Person.
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Zusammenfassung / Abstract Je älter der Mensch wird, desto eher dominieren Einschränkungen, Krankheit, Schwächung und Schmerzen bis hin zum Verlust diverser Kompetenzen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche zur Bewältigung der Herausforderungen des Alltags benötigt werden, die restliche Lebenszeit. Über motogeragogische Begleitung können wir diesem Negativerleben entgegenwirken. Vielfältige, humorvolle, kreative und vor allem erfolgreiche Selbst-, Material- und Sozialerfahrungen stärken das Selbstbewusstsein und Selbstkonzept der teilnehmenden Person. Schlüsselbegriffe: Bewegung, Erfahrungen, Experiment, Selbsttätigkeit, Kompetenz, Erfolg, Alter, Wohlbefinden Experimental learning; different impulses to create own movement ideas As we age, our bodies feel more and more increasingly impaired. The concept Motogeragogic brings the idea to settle impulses that the participants get motivated to experiment with different materials, in different settings and different tasks. Several, various, joyful and successful body-, materialand social experiences help to improve the well being and the self-confidence of each participant. Key words: movement, development, well-being, success, experiment, competence, self-activity, age, wellbeing [ 78 ] 2 | 2022 motorik, 45. Jg., 78-83, DOI 10.2378 / mot2022.art15d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter Bedeutung des experimentellen Zugangs als Kernstück motogeragogischer Begleitung Thesi Zak präsenter. Anfangs versucht die betroffene Person erste Anzeichen körperlichen oder geistigen Abbaus zu kaschieren, zu verdrängen, sich unter keinen Umständen etwas anmerken zu lassen. Solch ein Kompensationsverhalten kostet enorm viel Kraft und ist ab einem gewissen Stadium nicht mehr durchführbar. Der Mensch erlebt mit zunehmendem Alter und Gebrechlichkeit immer öfter, dass Tätigkeiten und Handlungen, über die man bis dahin nicht nachgedacht hat, zunehmend schwer fallen, misslingen oder letztendlich gar nicht mehr möglich sind. Diese sich häufenden Misserfolge nagen am Selbstbewusstsein und Selbstwert der Betroffenen. Je weniger die eigenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kompetenzen zur Verfügung stehen, desto größer wird die Unsicherheit und immer mehr schwindet die individuelle Freiheit und Autonomie. Schnell zieht sich der Mensch zurück, macht lieber gar nichts mehr, bevor er sich in unangenehme oder gar peinliche Situationen bringt. Die Angst und Scham, dass man einen Fehler machen könnte, führt zu Inaktivität, Rückzug, Verstummung und Isolation. Diese Entwicklung erfordert für die Begleitung des Menschen im Alter eine besonders einfühlsame und adäquate Herangehensweise. Mit steigendem Alter und möglicherweise damit verbundenen Erkrankungen, werden körperliche sowie kognitive Einschränkungen immer [ 79 ] Zak • Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter 2 | 2022 Handlungsfähigkeit (wieder) entdecken Durch den beschriebenen Abbauprozess versucht die betroffene Person die auftretenden Schwächen zu ver-decken. In der psychomotorischen Entwicklungsbegleitung für Menschen im Alter wollen wir den Menschen Möglichkeiten eröffnen eigene Stärken und Ressourcen wieder zu ent-decken. Gerne nenne ich motogeragogische Einheiten »bewegtes Erleben«- - physisches und psychisches Erleben im Sinne der ganzheitlichen Persönlichkeitsförderung. Hören die potenziellen TeilnehmerInnen das Wort »Bewegung«, löst dieses zunächst oft Skepsis oder Widerstand aus. Antworten wie: »Ich kann mich nicht mehr bewegen«, »Mein ganzes Leben war ich in Bewegung, aber jetzt geht das nicht mehr« oder gar »Ich will mich nicht mehr bewegen« bekomme ich oft zu hören. Gelingt es dann in gemeinsames Tun zu kommen, wendet sich das Blatt. Schon oft wurden-- meist im Rahmen der Reflexion, die am Ende jeder Einheit steht-- Aussagen wie diese formuliert: »Also dass ich DAS noch kann, hätte ich nicht gedacht! «, »Dass ich noch einmal Tennis (Kochlöffel mit Luftballon) spiele, hätte ich nicht gedacht! « oder »Meine Knieschmerzen waren in dieser Stunde wie weg! «. Die grundsätzlich eher negative Einstellung zu einem Bewegungsangebot, stellt die motogeragogische Fachkraft vor eine besondere Herausforderung: WIE sollen die Impulse gesetzt werden und WAS biete ich den Teilnehmenden an, um diese Hürde aus Skepsis und fehlender Bewegungsmotivation zu überwinden? Entwicklungselixier Experiment »Es ist das Wie des Umgangs, die Gestaltung der Atmosphäre und der persönlichen Beziehungen. Dazu gehört situative Flexibilität, Verständnis für kindliche Bedürfnisse, aber auch Konstanz, Konsequenz und Berechenbarkeit als Vermittler von Orientierung und Halt«, sagte Ernst Jonny Kiphard, »Vater« der deutschen Psychomotorik, auf einer Tagung im Jahr 2003. Tauschen wir das Wort »kindlich« gegen »menschlich«, trifft dieses Zitat auf die psychomotorische Entwicklungsbegleitung von Menschen jeglichen Alters und damit auch auf die Gestaltung motogeragogischer Begleitung zu. Grundlegend wichtig ist es das Prinzip der Freiwilligkeit (Keßel 2014) spürbar zu machen. Einer meiner Standardsprüche lautet: »Schön, dass Sie heute da sind. Jede und jeder macht so mit, wie es gerade gut passt- - so wie Sie es möchten! « Renate Zimmer formulierte einmal bei einem Vortrag: »Allein das Wissen einen freien Willen zu haben und diesen einsetzen zu können, reicht! « Weg vom übungszentrierten, angeleiteten Angebot, in welchem es darum geht Angesagtes umsetzen zu müssen. Derartige Stunden orientieren sich an Leistungsfähigkeit und beinhalten immer ein Richtig oder Falsch, Erfolg versus Misserfolg. Wenn der alternde Mensch im Alltagsleben zunehmend Erfahrungen des Scheiterns hinnehmen muss, meidet er verständlicher Weise jegliche Situationen, in welchen es bloß eine fünfzig zu fünfzig Chance gibt, sich erfolgreich zu erleben-- oder eben nicht. Im motogeragogischen Angebot ist deshalb das Kernstück der Einheit das Experiment. Bevor die Teilnehmenden dazu eingeladen werden, gibt es in einer »extensiven Phase« (Passolt / Pinter-Theiss 2013) ein »miteinander warm werden«. Zu einer beschwingten Musik im Sitzen aktiv werden und einander begrüßen. Eventuell gibt es ein bewegtes Gedächtnistrainingsspiel oder einen Gegenstand, welcher auch im Hauptteil der Stunde zum Einsatz kommt, welcher geworfen und gefangen wird (Abb.- 1). In dieser Phase steht oftmals auch eine Gymnastik von Kopf und Fuß auf dem Programm. Nach dieser Herz-Kreislaufaktivierung und eines gemeinsamen in Schwung kommen, wird das Material für den Hauptteil, die »intensive Phase« (Passolt/ Pinter-Theiss 2013), vorgestellt und jede Person wird eingeladen, ein Material auszuwählen. Hierbei ist es wichtig, die Menschen selbst zugreifen und aussuchen zu lassen. Würde man es ihnen zuteilen bzw. in die Hand geben, widerspricht eine solche Hand- [ 80 ] 2 | 2022 Forum Psychomotorik Jeglichen Ideen, aber auch möglicherweise unbewussten Regungen und Bewegungen, die durch den taktilen Reiz des Materials in der Hand ausgelöst werden, wird Aufmerksamkeit und Wertschätzung geschenkt. Die agierende Person wird mit Namen angesprochen, ihre Tätigkeit mit dem Material gespiegelt und dazu gesprochen. Somit wird der betreffenden Person ihr Tun bewusst gemacht. Wesentlich erscheint, dass die teilnehmenden Menschen von Anfang an spüren, dass jede Form aktiver Beteiligung am Geschehen in der Runde erwünscht ist, gesehen und wertgeschätzt wird (Keßel 2014). Es gibt kein Richtig oder Falsch und jede Person kann ohne Angst vor Blamage oder Scham mitmachen. Je weniger kognitive Ressourcen zur Verfügung stehen, desto intensiver agiert der Mensch über sein limbisches System- - das Gefühlsgedächtnis. Gerade in Gruppen mit Personen mit bereits hohem Beeinträchtigungsgrad spüren die Beteiligten sehr schnell die Stimmung und die Haltung, die ihnen entgegengebracht wird (Eisenburger / Zak 2013). Von Begegnung zu Begegnung entwickeln die TeilnehmerInnen mehr Motivation, Neugierde, Aktivität, Selbsttätigkeit, Ideen, Mut, Kreativität, Gelächter und oft auch Gespräche über das Geschehen. Den eigenen Körper wieder / noch positiv erleben Jede individuelle Regung oder Bewegung, ob klein gehalten oder komplex, ist ein Erleben im Sinne der Körpererfahrung (Fischer 2019, 20). Durch das dauernde Sitzen ist der Körper die meiste Zeit des Tages in Ruhe. Gelingt es nun, in den motogeragogischen Begegnungen, den alten, kranken, kaum mehr nutzbaren oder benutzten Körper und seine Bewegungsfähigkeiten und Fertigkeiten positiv zu erleben, stärkt dies die Ich-Kompetenz. Im experimentellen Tun bemerken die betroffenen Personen oft gar nicht, was sie alles in Bewegung setzen. Daher ist es als GruppenleiterIn essenziell wichtig darauf zu achten und die Beobachtungen zu spiegeln. lungsweise dem Prinzip der Freiwilligkeit, der Autonomie- und Selbständigkeitsförderung. Bei einigen Damen oder Herren nimmt dies möglicherweise längere Zeit in Anspruch. Es trägt aber wesentlich zu einer selbstbestimmten Atmosphäre bei und schon dadurch sind die Menschen anschließend mehr intrinsisch motiviert mitzumachen, als wenn sie das Material zugeteilt bekommen. In jeder Stunde lautet nun der Auftrag wie folgt: »Bitte bringen Sie das gewählte Material in Bewegung! Sie sind nun eingeladen, die unterschiedlichsten Ideen zu finden, wie es zu bewegen ist, was man damit probieren kann-- alleine oder mit Ihrer Nachbarin oder Ihrem Nachbarn! Viel Vergnügen! « Auch hier braucht es- - vor allem wenn eine neue Gruppe zusammengestellt wird- - Zeit. Zeit lassen und Raum geben- - im Sinne eines Spielraumes, Handlungsraumes und Freiraumes- - lautet nun die Devise zur Gestaltung der Atmosphäre. Die motopädagogische Fachkraft begleitet das Experimentieren, in dem sie wohlwollend in die Runde blickt, nickt, Ideen aufgreift, moderiert, spiegelt und sie somit auch anderen TeilnehmerInnen zur Verfügung stellt (Abb.-2). Abb.-2: Die motopädagogische Fachkraft als Spielpartnerin Abb.-1: Sich spielerisch wahrnehmen und begrüßen in der extensiven Phase (Alle Fotos: Ronald Zak) [ 81 ] Zak • Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter 2 | 2022 [ 81 ] Zak • Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter 2 | 2022 Material ermöglicht Entdeckungen und weckt Erinnerungen Das Experimentieren mit vielfältigen, interessanten Alltagsbzw. Naturmaterialien spricht unterschiedliche Aspekte des Erlebens an und wird zum Medium der Erkenntnisgewinnung (Fischer 2019, 20) und Erinnerung (Abb.-3). Abb.-3: Materialexploration als Medium der Erkenntnisgewinnung und Erinnerung Zum einen werden die Kreativität und Fantasie angeregt und- - je kontinuierlicher der Mensch teilnimmt- - regelrecht beflügelt. In unserem Leibgedächtnis sind die Bewegungsformen zu den unterschiedlichen Alltagsgegenständen abgespeichert. Wenn die Person möglicherweise bereits vergessen hat, wofür beispielsweise ein Kochlöffel verwendet wird, so beginnt sie wie selbstverständlich die Rührbewegung auszuführen, wenn sie diesen Gegenstand ergriffen hat. Ein zusammengebundenes Büschel Gras regt alle Sinne an, lädt ein zu riechen, zu streichen, zu schwingen, zu flechten. Zum anderen berühren solcherlei Materialien die Erinnerungen der hochaltrigen und dementen Menschen. Zu beobachten ist, dass deren Hier und Jetzt ganz oft das der Kindheit ist, da sich die Erinnerung an diese Zeit als aktuelle Situation in den Vordergrund drängt. Die Generation der nun alt gewordenen Menschen hatte kein Spielzeug wie wir und unsere Kinder es kennen. Sie haben mit dem gespielt, was in Haus und Hof zu finden war- - Alltags- und Naturmaterial. Somit ist durch diese, in der Motogeragogik verwendeten, Materialien automatisch eine »Brücke« in dieses Erinnerungsfeld gebaut: »Wir haben als Kinder auch mit dem gespielt, ausprobiert und getan, was eben grad da war und mit Ihnen machen wir auch immer aus Nix-- Alles.« Genau so formulierte eine Teilnehmerin am Ende einer Einheit ihr Erleben. Ein Herr ging eines Tages nach Ende der Einheit zur Stationsschwester und erzählte ihr stolz und begeistert: »Heute haben wir das Holz für den ganzen Winter eingeholt! « Sichtlich hat das Agieren und Ausprobieren mit Holzästen während der Einheit die Erinnerung an diese Tätigkeit geweckt. Sind die Menschen noch in der Lage, verbal verständlich zu kommunizieren, berichten sie nach dem »bewegten Erleben« der Einheit von Erinnerungen, die durch das mitgebrachte Material erwacht sind. Somit bietet die Materialerfahrung auch Gesprächsanlässe. Der Austausch über solche Erinnerungen bringt die Personen auch einander ein Stück näher, verbindet. Lebendigkeit ist durch das er-leb-en in der motogeragogischen Einheit wieder präsent. Sozialerfahrung-- vom ich zum du zum wir Die zunehmenden Alterseinschränkungen führen vermehrt dazu, dass das »aufeinander zugehen« anstrengender, mühseliger und letztendlich undurchführbar wird. Nur wenige Situationen, in denen der Mensch erlebt und gespürt hat, dass er oder sie das Gegenüber nicht mehr verstanden hat oder die eigene, gesendete Botschaft beim Gegenüber auf Irritation gestoßen ist, beschleunigen den Rückzug, das sich abwenden vom Anderen, das in sich kehren- - wieder aus der Angst vor Beschämung, vor weiterer Verwirrung, vor Unverständnis. Dies erklärt die oft beklemmende Stille, wenn BewohnerInnen in den Aufenthaltsräumen des SeniorInnenheimes schweigend nebeneinander vor sich hinstarrend oder dösend sitzen. Erhält die Person nun in motogeragogischen Einheiten die Chance, sich und ihre körperlichen Möglichkeiten positiv zu spüren und zu erleben, mit den zur Verfügung gestellten, ansprechenden Materialien in freudvolles, kreatives, experimentelles und erfolgreiches Tun zu kommen, dann geschieht es meist wie von selbst, dass auch ein Miteinander wieder mach- und erlebbar wird. Bei Menschen mit höherem Beein- [ 82 ] 2 | 2022 Forum Psychomotorik trächtigungsgrad ist vorerst die MotogeragogIn / motogeragogische Fachkraft die, die in Interaktion mit der betroffenen Person geht-- als SpielpartnerIn, BewegungspartnerIn und auch KampfpartnerIn. Ist es einmal gelungen, in aktiven, intensiven Augenkontakt zu kommen, wird es in der Folge möglich, über deutliche Körpersprache und das Material, eine »Brücke« zum vis-a-vis herzustellen und gemeinsam ins Tun zu kommen. Ein Geben bzw. Nehmen ist oftmals der »Starter« (Abb.-4). Abb.-4: Materialerfahrung als »Brücke« zum vis-a-vis Bewusst werden in jeder Einheit auch Bewegungsbzw. Spielimpulse angeboten, die nur gemeinsam zu bewerkstelligen sind und dadurch freudvolle Sozialerfahrungen ermöglichen (Fischer 2019, 21), z. B. ein Netz im Kreis gespannt zu halten, um darauf befindliches Material in Bewegung zu bringen oder einen Luftballon mittels unterschiedlichster Materialien, die als Schläger verwendet werden, im Kreis in ständiger Bewegung zu halten (Abb.-5). Abb.-5: Den Luftballon gemeinsam in Bewegung halten Sprache schafft Atmosphäre Mit jedem Wort, jeder Aussage, die wir senden, schwingen Botschaften auf unterschiedlichen Ebenen mit. Auch wenn einige der Teilnehmenden möglicherweise den Sinn des gesprochenen Wortes nicht mehr entschlüsseln können, spüren sie, ob unsere Botschaften authentisch sind. Sind wir beispielsweise nicht überzeugt, dass man das mitgebrachte Material auf vielseitige Weise zweckentfremden kann, werden diese Zweifel in unserer Einladung mit dem Material ins Experimentieren zu kommen mit unseren Worten mitschwingen und eine dementsprechende Wirkung auf die EmpfängerInnen unserer Botschaft haben. Formulieren wir diese Einladung mit den Worten: »Sie dürfen sich nun ein Material nehmen und dürfen ausprobieren, was Ihnen damit einfällt«, dann schwingt bei dem Wort mit, dass wir es »erlauben«- - schafft also eine Atmosphäre unterschiedlicher Positionierung in der Gruppe. Dies kann für die Teilnehmenden ein Gefühl hervorrufen, wie ein Schul- oder gar Kindergartenkind wahrgenommen zu werden. Und genau diese Wahrnehmung führt verständlicherweise zu Widerstand oder Rückzug. Jedes Mal, wenn wir höflich anbieten zu »helfen«, unterstellen wir mit dieser Wortwahl, dass die angesprochene Person gerade nicht in der Lage ist, selbst zu agieren. Formulieren wir: »Wollen wir es gemeinsam machen? « kommt es grundsätzlich auf das Gleiche heraus-- nämlich einer Hilfestellung-- ABER in anderer Atmosphäre, nämlich einer auf Augenhöhe! Dazu möchte ich ein Erlebnis und eine daraus resultierende Erkenntnis mit Ihnen teilen, welche mir den großen Einfluss unserer Kommunikationsweise auf die Atmosphärengestaltung bewusst gemacht hat. Nach über 19(! ) Jahren in hauptberuflicher Praxis als Motopädin und Motogeragogin, sah ich auf einem Video, welches während einer meiner Einheiten gedreht wurde, folgende Szene: Nach der Experimentiereinladung «Bitte probieren Sie aus, wie Sie diese mitgebrachten Ketten auf unterschiedliche Weise in Bewegung bringen können! « klagte eine Dame über ihre schmerzenden Hände und ich antwortete: »Bitte jede Person macht so mit, wie er [ 83 ] Zak • Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter 2 | 2022 [ 83 ] Zak • Selbst-, Material- und Sozialerfahrung im Alter 2 | 2022 oder sie kann! « Genau an dieser Formulierung blieb ich hängen. Wenn ich ausspreche »So, wie jede Person kann«, unterstelle ich, dass es in der Gruppe Menschen gibt, die »mehr oder manches besser können« als Andere! Es schwingt ein Leistungsanspruch mit, also genau das, was wir in dem psychomotorischen Zugang vermeiden wollen! Seit dieser »Schlüsselszene« und Erkenntnis greife ich in ähnlichen Szenen auf folgende Worte zurück: »Bitte so, wie Sie gerne möchten, wie es gerade für Sie passt! « Ganz bewusst habe ich die Wirkung dieser Formulierung in vielen weiteren Einheiten beobachtet und es war / ist klar zu bemerken, dass die Menschen seither noch motivierter, freier und intensiver in eigenständiges Tun gehen, also die Gestaltung der »Wohlfühl-Atmosphäre« durch diese Formulierung noch gewonnen hat. Denn es wirkt mehr das WIE als das WAS. Literatur Eisenburger, M., Zak, T. (2013): Bewegte Begegnungsstunden für Menschen mit Demenz. Meyer & Meyer Verlag, Aachen Fischer, K. (2019): Einführung in die Psychomotorik. 4. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838548029 Keßel, P. (2014): Prinzipien psychomotorischer Förderung. motorik 37 (1), 23-27, https: / / doi. org/ 10.2378/ mot2014.art05d Passolt, M., Pinter-Theiss, V. (2013): »Ich hab eine Idee- …«. Psychomotorische Praxis planen, gestalten, reflektieren. 3. Aufl. Verlag modernes lernen, Dortmund Die Autorin Thesi Zak Selbstständige Motopädagogin und Motogeragogin sowie in der Fort- und Weiterbildung europaweit tätig. Schwerpunkte: Begleitung von Menschen mit mehrfacher Behinderung und Demenz und motopädagogische Familienbegleitung. Seit 2021 als Behindertenbetreuerin in einer Tagesstruktur für junge Menschen mit Beeinträchtigung angestellt. Anschrift Draugasse 7/ 167 A-1210 Wien thesi@motogeragogik.org L A B A N / B A R T E N I E F F B E W E G U N G S S T U D I E N Leitung: Antja Kennedy Telefon: +49 30 52282446 info@eurolab-programs.com www.eurolab-programs.com FORTBILDUNG B A S I C / ZERTIFIKATS- P R O G R A M M Deutsches Wochenendformat Beginn: September 2022 erneubachten versteghesfalten Anzeige