eJournals motorik45/3

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Bericht: Kleine Schritte - großer Unterschied Mehr Bewegung im Offenen Ganztag und an Schulen!

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Rabea Wienholt
Das Thema Bewegungsmangel in der Kindheit ist nicht neu, allerdings durch die Pandemie 2020/2021 noch einmal verschärft in den Blick geraten. Besonders in den Schulen werden Ausmaß und Folgen von zu wenigen Bewegungsmöglichkeiten und Anreizen deutlich sichtbar.
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[ 154 ] 3 | 2022 Aktuelles / Kurz berichtet Ein Projektbericht Das Thema Bewegungsmangel in der Kindheit ist nicht neu, allerdings durch die Pandemie 2020/ 2021 noch einmal verschärft in den Blick geraten. Besonders in den Schulen werden Ausmaß und Folgen von zu wenigen Bewegungsmöglichkeiten und Anreizen deutlich sichtbar. Kinder sind schneller erschöpft, verlieren an grob- und feinmotorischen Fähigkeiten und sind zunehmend sozial unerfahren oder unsicher. »Besonders häufig berichten die Lehrinnen [sic] und Lehrer von Motivationsproblemen (68 %) und Konzentrationsmangel (67 %). 42 Prozent beobachten körperliche und motorische Unruhe bei ihren Schülerinnen und Schülern und ähnlich viele (39 %) berichten von Zurückgezogenheit oder Niedergeschlagenheit.« (Forsa, 2021, 32). Diese Ergebnisse stammen aus einer Online-Befragung im September 2021 im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung. »Im Rahmen der Studie wurden insgesamt 1.001 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland befragt« (ebd, 2). Eine Überlastung der Fernsinne und eine Unterentwicklung der motorischen Basiskompetenzen werden bei Kindern und Jugendlichen schon lange angemahnt. »Die bewegungsorientierte Kindheitsforschung der 1990er Jahre hat sich vor allem mit der veränderten Kindheit und den Anzeichen für einen gravierenden Bewegungsmangel von Kindern befasst. Dabei führte die Diskussion über das Verschwin- Rabea Wienholt Schlüsselbegriffe: Bewegte Pause, Medienkindheit, MotorikPlus den der Straßenkindheit (…) zugunsten einer Sportkindheit (…) und / oder Medienkindheit (…) zu zahlreichen Studien, die einen deutlichen Rückgang der motorischen Leistungsfähigkeit im Kindesalter belegen sollten (…).« (Laging 2017, 40). Allerdings wird im selben Absatz die »Befundlage« als »uneinheitlich« bezeichnet (ebd, 40). Das Projekt »Kleine Schritte- - großer Unterschied. Mehr Bewegung im Offenen Ganztag und an Schulen! « soll hier einen kleinen Beitrag leisten. Beforscht wird die Wirksamkeit von sich wiederholenden, routinemäßigen, bewegten Pausen als fester Bestandteil des Schulalltags. Inhaltlich verankert ist es an der TU Dortmund, Fakultät Rehabilitationswissenschaften im Fachgebiet für Soziale und Emotionale Entwicklung in Rehabilitation und Pädagogik. Im Rahmen des Projektstudiums des Studienganges Bachelor Rehabilitationspädagogik ist im dritten Studienjahr ein Projektstudium vorgesehen. Die Studierenden haben Gelegenheit in (reha)pädagogischen Handlungsfeldern ein eigenes Forschungsprojekt zu konzipieren und eine wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen. Seit Oktober 2021 sind 8 Studierende aktiv dabei, ein Instrument zur Messung kindlicher Fähigkeiten zu entwickeln. Für die Untersuchungen wird eine Adaption des MotorikPlus Ü3 von Zimmer (2021) erstellt. Aktuell werden Aufgaben für Kinder ab 6 bzw. ab 9 Jahren zu verschiedenen Bereichen im Rahmen einer Pilotstudie entwickelt und erprobt (Abb. 1). KooperationspartnerInnen in diesem Projekt sind unterschiedliche Schulen in NRW und ihre Gruppen des Offenen Ganztags, die ein angepasstes Bewegungsbildungsangebot für ihre SchülerInnenschaft entwickeln wollen. Die Grundidee von »Kleine Schritte- - großer Unterschied! « ist eine minimale Änderung im Ablauf der Wochenarbeitszeit. Diese setzen die Teams in den Schulen in Eigenregie um. Minimalziel ist dabei 2-mal am Tag eine mindestens 5-minütige Arbeitspause einzulegen. Dabei sollen die SchülerInnen den Sitzplatz verlassen und einfache Turn- oder Tanzbewegungen durchführen. Inspiriert werden diese Sequenzen durch das Programm Fit- 4future der DAK, den »Bewegungsangeboten im Wochenplan« von Rips (2003) oder alternativ durch Videos der Online-Kanäle, in denen Übungen zur Nachahmung angeboten werden. Wichtige Faktoren sind die Bewegung des Rumpfes und der Extremitäten, die eine vertiefte Atmung der Teilnehmenden zur Folge haben. Geplant ist ein Vergleich von drei Gruppen: Eine SchülerInnengruppe erhält ein zusätzliches, routinemäßiges Bewegungsangebot, wie oben beschrieben. Eine Vergleichsgruppe erhält ebenso ein zusätzliches Angebot, allerdings ohne Bewegungs-Fokus. Ihr wird ein extra Zeitfenster zum Vorlesen angeboten. Diese Zeit stellt eine Unterbre- Bericht Kleine Schritte-- großer Unterschied Mehr Bewegung im Offenen Ganztag und an Schulen! [ 155 ] Jessel • Aktuelles Stichwort: Psychomotorik in (post-)pandemischen Zeiten 3 | 2022 [ 155 ] Aktuelles / Kurz berichtet 3 | 2022 chung der Arbeitszeit dar. Eine dritte Gruppe erhält zunächst kein zusätzliches Angebot. Über ein Schuljahr verteilt startet eine Projektphase mit einem Eltern-Informationsschreiben und der Bitte um Einverständnis zur Teilnahme des Kindes an diesem Projekt. Auch die SchülerInnen erhalten ein an sie gerichtetes Schreiben, in dem der Besuch der Projektgruppe angekündigt wird. Die Einteilung der Gruppen nehmen die Schulen eigenständig vor. Meist nimmt eine Klasse eine festgelegte Rolle ein. Zu drei Messzeitpunkten (Anfang, Mitte und Ende des Schuljahres) werden die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler getestet. Erwartet wird, dass die TeilnehmerInnen der bewegten Gruppe in den Bereichen Motorik, Wahrnehmung und in den sozial-emotionalen Kompetenzen messbare Unterschiede zeigen. Zur vermuteten Wirksamkeit der zusätzlichen Angebote werden Kinder, Eltern und LehrerInnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten gebeten, Fragebögen auszufüllen, Tagebucheinträge zu machen bzw. kurze Rückmeldungen zu geben. Der zeitliche Aufwand wird sehr geringgehalten und soll alltagsnah sein. Zu einem späteren Zeitpunkt sind bei Interesse der Schule ausführliche Interviews zum Projektverlauf oder auch Einzelfallberatungen möglich. Die Ergebnisse des gesamten Projekts, das zunächst auf das Schuljahr 2021/ 2022 begrenzt ist, werden den Schulen und OGS-Teams zur Verfügung gestellt und im Sinne der Nachhaltigkeit wird angeboten, im Anschluss eine feste Implementierung eines motorischen / pädagogischen Angebotes aktiv zu unterstützen. Literatur forsa Politik- und Sozialforschung GmbH (2021): Das Deutsche Schulbarometer Spezial: Zweite Folgebefragung. Berlin.- In: http: / / docs.dpaq.de/ 18110-deut sches_schulbarometer_corona_spe zial_september_2021-1.pdf, 28.12.2021 Laging, R. (2017): Bewegung in Schule und Unterricht: Anregungen für eine bewegungsorientierte Schulentwicklung. Kohlhammer, Stuttgart Rips, D. (2005): Bewegungsangebote im Wochenplan: 1. bis 4. Schuljahr (mit Bewegungskartei) (3. Aufl.). Ed. Mo- Päd by Persen, Horneburg / Niederelbe Zimmer, R. (2021). MotorikPlus. Beobachtung motorischer, sensorischer, emotionaler, sozialer und kognitiver Kompetenzen von Kindern im Alltag von Kindertageseinrichtungen. Herder, Freiburg Kontakt Rabea Wienholt Diplom-Pädagogin im Schwerpunkt Bewegungserziehung- und Bewegungstherapie. Seit über 20 Jahren tätig in der Förderung von Kindern, die Entwicklungs- oder Lernstörungen zeigen, sowie der Beratung ihrer Eltern. Seit 2014 Teil des TherapeutInnen-Teams des Bewegungsambulatoriums an der TU Dortmund. Pädagogin in eigener Praxis move-it-and-grow.de Anschrift Rabea Wienholt Breslaustr. 125 44263 Dortmund Abbildung 1: In Anlehnung an Zimmer (2021, 33)