motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2022.art31d
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Forum Psychomotorik: Evidenzbasierte Praxis (EbP) in der Psychomotoriktherapie ist möglich - auch wenn Studien weitgehend fehlen
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2022
Olivia Gasser-Haas
Jürgen Steiner
Die evidenzbasierte Praxis (EbP) nimmt auch im Hinblick der Professionalisierung der Fach- und Wissenschaftsdisziplin der Psychomotoriktherapie einen immer höheren Stellenwert ein. Evidenzbasierte Praxis fußt dabei nicht allein auf Studienergebnissen, sondern strebt die Bilanzierung und Verknüpfung von drei tragenden Komponenten der Evidenzbasierung an, der internen, externen und sozialen Evidenz. Die Aufgabe der Therapeutin oder des Therapeuten liegt dabei im steten Abgleichen der Evidenzkomponenten, um professionell gesichertes Handeln in der Psychomotoriktherapie zu gewährleisten. Im Falle einer lückenhaften Situation der Evidenzstudien mangelt es nur an einer von drei Säulen der Evidenz.
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Zusammenfassung / Abstract Die evidenzbasierte Praxis (EbP) nimmt auch im Hinblick der Professionalisierung der Fach- und Wissenschaftsdisziplin der Psychomotoriktherapie einen immer höheren Stellenwert ein. Evidenzbasierte Praxis fußt dabei nicht allein auf Studienergebnissen, sondern strebt die Bilanzierung und Verknüpfung von drei tragenden Komponenten der Evidenzbasierung an, der internen, externen und sozialen Evidenz. Die Aufgabe der Therapeutin oder des Therapeuten liegt dabei im steten Abgleichen der Evidenzkomponenten, um professionell gesichertes Handeln in der Psychomotoriktherapie zu gewährleisten. Im Falle einer lückenhaften Situation der Evidenzstudien mangelt es nur an einer von drei Säulen der Evidenz. Schlüsselbegriffe: Psychomotoriktherapie, evidenzbasierte Praxis, evidenzbasierte Psychomotoriktherapie, Professionalisierung Evidence-based practice (EbP) in psychomotor therapy is possible-- even if studies are largely lacking Evidence-based practice (EbP) is becoming increasingly important regarding the professionalization of the specialist and scientific discipline of psychomotor therapy. Evidence-based practice is not based on study results alone but strives to balance and link three supporting components of evidence-based practice: internal, external and social evidence. The therapist’s task is to constantly balance the evidence components to ensure professionally assured action in psychomotor therapy. In case of a patchy situation of evidence studies, only one of three pillars of evidence is lacking. Keywords: Psychomotor therapy, evidence-based practice, evidence-based psychomotor therapy, professionalization [ 164 ] 4 | 2022 motorik, 45. Jg., 164-169, DOI 10.2378 / mot2022.art31d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Evidenzbasierte Praxis (EbP) in der Psychomotoriktherapie ist möglich-- auch wenn Studien weitgehend fehlen Olivia Gasser-Haas, Jürgen Steiner Die Forderungen nach Wirksamkeitsnachweisen für Therapien im Rahmen der Psychomotoriktherapie werden immer dringlicher. Dabei fällt häufig der Begriff der evidenzbasierten Praxis (EbP). Diese hat einerseits zum Ziel, Therapien durch Evidenzbelege zu untermauern und ihre Qualität zu verbessern und andererseits nicht wirksame Therapieformen zu ersetzen beziehungsweise zu deklarieren (Bernstein Ratner 2006; Beushausen 2014). Während das Konzept der evidenzbasierten Praxis, ursprünglich aus der evidenzbasierten Medizin (EbM) abgeleitet, bereits in Gesundheitsfachberufen, der Psychologie oder auch der Logopädie als pädagogisch-therapeutischen wie medizinisch-therapeutischen Beruf weit verbreitet ist (Beushausen 2014), steht das Konzept in der Psychomotoriktherapie noch am Anfang. Durch die evidenzbasierte Praxis erhält die Fach- und Wissenschaftsdisziplin der Psychomotoriktherapie die notwendige Anerkennung, Legitimation und Professionalisierung. Wenn Evidenzstudien (noch) weitgehend fehlen, ist das kein Hindernis für ein professionelles, evidenzbasiertes Handeln. Gewichtung der Evidenzkomponenten in der Psychomotoriktherapie Dolloghan (2007) nennt in seinem erweiterten E 3 bP-Modell der evidenzbasierten Praxis drei Komponenten der Evidenz: [ 165 ] Gasser-Haas, Steiner • Evidenzbasierte Praxis in der Psychomotoriktherapie ist möglich 4 | 2022 teils Studien und deren Ergebnisse aus praktischer Sicht enttäuschend, da Fragen des Einzelfalles hinsichtlich Wirksamkeitswahrscheinlichkeiten von Methoden nicht beantwortet werden. Datenbasiert-quantitative Studien sind demnach ein relevanter Teil der Bestrebungen. Zudem ist ein handlungsorientiert-praktisches Fach auch auf Einzelfallstudien angewiesen, die beispielsweise durch einen Mixed-Method-Ansatz anzugehen sind (Kohler 2016; Kohler 2021). Der Mangel an Studien führt schließlich dazu, dass Therapeutinnen und Therapeuten sich im Bestreben um ein evidenzbasiertes Handeln noch deutlicher auf die interne Evidenz sowie die soziale Evidenz verlassen (müssen). Dieses Fokussieren auf zwei von drei Evidenzkomponenten mündet jedoch keineswegs in einen zufällig-willkürlichen Prozess. Gewisse Konstanten dienen dabei als notwendige Leitplanken. Eine relevante Konstante ist dabei die Qualität, die ein professionelles Handeln am Einzelfall gewährleistet. Diese trägt auch dann zu ausreichend Sicherheit für praktisches Handeln in der Psychomotoriktherapie bei, wenn die externe Studienlage ungenügend ist. Gewährleistung von professionellem, gesichertem Handeln in der-Psychomotoriktherapie Maßgeblich zur Sicherheit von professionellem Handeln in der Psychomotoriktherapie tragen die folgenden Konstanten bei, die laut Haid und Steiner (2022) gleichzeitig als Indikatoren für 1. Externe Evidenz: Aus der Wissenschaft generierte Studienergebnisse. 2. Interne Evidenz: Die klinische Expertise der Therapeutinnen und Therapeuten. 3. Soziale Evidenz: Die Einstellungen, Präferenzen und Erwartungen der Betroffenen. Professionelles therapeutisches Handeln in der Psychomotoriktherapie strebt demnach die Bilanzierung und Verknüpfung aller drei Komponenten der Evidenzbasierung an und fußt nicht, wie häufig angenommen, allein auf empirischen Studienergebnissen. Unter Bilanzierung und Verknüpfung wird dabei die einzelfallbezogene Recherche und das im Anschluss erfolgende Resümieren verstanden, mit dem Ziel, den Anteil der verschiedenen Komponenten für die psychomotorischen Maßnahmen mit den jeweiligen Betroffenen, dem Kind, Jugendlichen oder Erwachsenen und seinem Umfeld abzuschätzen. Gemäß Borgelt (2015) wird auf diese Weise therapeutisches Handeln im Sinne der evidenzbasierten Praxis gewährleistet. Borgelt (2015) definiert in seinem Beitrag zum »Gewichtungsmodell der evidenzbasierten Praxis« alle drei Komponenten der Evidenzbasierung als prinzipiell gleichberechtigt. Autoren wie Beushausen und Grötzbach (2011) betonen jedoch, dass der Einbezug der internen Evidenz, der klinischen Expertise von Therapeutinnen und Therapeuten, für den Abgleich der Schnittstellen der einzelnen Evidenzkomponenten entscheidend ist und somit als »Herzstück in der Evidenz-Trias« bezeichnet werden kann. Kempe (2013) beschreibt dies folgendermaßen: Stimmen die Vorstellungen der Betroffenen nicht mit der externen Evidenz überein, liegt es an der Therapeutin und dem Therapeuten, individuell, fallbezogen und basierend auf der internen Evidenz diese Diskrepanz zu erkennen, entsprechend zu beraten, das Vorgehen zu beurteilen und schließlich zielführend zu handeln. Aktuell sind gesicherte externe Evidenzen in der Psychomotoriktherapie nur marginal vorhanden. Evidenzen liegen zwar vereinzelt für gewisse Auffälligkeiten in sehr allgemeiner Form vor, in Bezug auf spezifische psychomotorische Interventionen und Maßnahmen ist die Evidenzlage jedoch lückenhaft. Darüber hinaus sind Interne Evidenz Expertise der Therapeutin / des Therapeuten Externe Evidenz Wissenschaftliche Ergebnisse aus Studien Soziale Evidenz Präferenzen und Werte einer (informierten) Klientin / eines (informierten) Klienten E 3 bP Abbildung 1: Das Modell E 3 bP (Dolloghan 2007) [ 166 ] 4 | 2022 Forum Psychomotorik Professionalität in der Praxis angesehen werden können: ■ Konstante 1: Die Fallbearbeitung in der Psychomotoriktherapie folgt bis auf Ausnahmen festgelegten Schritten (Fallkaskade). ■ Konstante 2: Klare Vorstellungen zu Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität konkretisieren auf jeder Stufe der Fallkaskade die Maßnahmen und schaffen Verbindlichkeit mit Spielraum. ■ Konstante 3: Die Kontextberücksichtigung als angewandte Praxis der International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF) gibt auf jeder Stufe der Fallkaskade Orientierung. Die drei Konstanten sind gegenseitig aufeinander bezogen. Diese Bezogenheit kann und soll nicht aufgelöst werden (Haid / Steiner 2022). Die Psychomotoriktherapeutinnen und Psychomotoriktherapeuten durchlaufen mit den betroffenen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Rahmen der Stationen der Fallbearbeitung festgelegte Schritte. Mit Hilfe dieser Schritte gelingt es den Therapeutinnen und Therapeuten auf jeder Stufe der Fallbearbeitung unter Berücksichtigung der ICF, professionelles Handeln in der Psychomotoriktherapie umzusetzen. Auf diese Weise entsteht Sicherheit. Auf jeder Stufe der Fallkaskade werden in fachgerechter, nachvollziehbarer Weise psychomotorische Maßnahmen und Interventionen geplant, durchgeführt, kommuniziert und dokumentiert. Qualitätskriterien und -vorstellungen hinsichtlich der Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität spielen dabei eine relevante Rolle. Die ICF gewährleistet dabei, dass Teilhabe und Partizipation als Ziel-, Aktions- und Evaluationsaspekte handlungsleitend fungieren. Dabei bildet die ICF über die gesamte Fallkaskade hinweg für die Psychomotoriktherapie einen wesentlichen Eckpfeiler von Qualität. Angelehnt an Haid und Steiner (2022) zeigen nachfolgende kurze Erläuterungen pro Stufe der Fallkaskade Eckpunkte einer qualitätsverpflichtenden, planvollen und nachvollziehbaren Fallarbeit im Rahmen einer Therapie, wie diejenige der Psychomotoriktherapie: Abbildung 2: Kaskadenmodell der Fallbearbeitung (Haid / Steiner 2022; Steiner 2021) Start in den Fall 1 2 3 4 5 6 7 Erstkontakt Diagnostik Zielbestimmung Therapieplan Beratung/ Therapie Evaluation Berichte, Konsultationen Anliegen, Kontexterfassung «Beobachten-Befragen-Testen» Ressourcen, Aktivitäten und Anforderungen Klärung der W-Fragen zu Frequenz, Setting, Mittel, Methode, Priorität Umsetzung Therapie, Information, Ressourcenaktivierung, Dokumentation Evaluation der Therapieziele, Gesamtevaluation, Kommunikation ■ Start in den Fall: Für die Einarbeitung in den Fall wird Zeit investiert, um alle relevanten Informationen zu sortieren, zu gewichten und für Besprechungen vorzubereiten. ■ Erstkontakt: Die Kontexterfassung in der Rückschau und in der Aktualität ist zentral, um die Problemdefinition und damit den »Auftrag« einzubetten. ■ Diagnostik: Mittels der Trias »Beobachten- - Befragen- - Testen« wird die Problemdefinition konkretisiert. Einer Problem- oder Defizitsicht wird eine mit den Beteiligten erarbeitete Ressourcenliste gegenübergestellt. ■ Zielbestimmung: Basierend auf einer aussagekräftigen Diagnostik erfolgt gemeinsam mit den betroffenen Personen und deren Umfeld sowie bei Bedarf mit interprofessioneller Kon- [ 167 ] Gasser-Haas • Evidenzbasierte Praxis 4 | 2022 [ 167 ] Gasser-Haas, Steiner • Evidenzbasierte Praxis in der Psychomotoriktherapie ist möglich 4 | 2022 sultation, die Festlegung der Therapieziele erstmals im übergeordneten Sinne (nach ICF). Die Vorstellungen der ratsuchenden Personen werden mit den therapeutischen Möglichkeiten im Dialog abgeglichen. ■ Therapieplan: Basierend auf einer schriftlich fixierten Zielsetzung erfolgt der Entscheid über die adäquate Methode. Hierzu werden die externe, interne und soziale Evidenz abgeglichen. ■ Therapiebeginn: Der erstellte Therapieplan wird mit fachlich beobachtenden, handelnden, stets reflektierenden, intuitiven, aber auch situativen Kompetenzen umgesetzt. Trotz einer notwendigen Flexibilität in der einzelnen Therapielektion werden die formulierten (SMART-)Therapieziele, gemäß ICF, konsequent thematisiert und verfolgt. ■ Evaluation und Modifikation: (SMART-)Therapieziele, tatsächliche Aktionen und zu verfassende (Zwischen-)Berichte (Steiner 2021) sind klar aufeinander bezogen. Regelmäßig wird die individuelle Passung von Ziel-Mittel-Methoden und die Auswirkungen der Therapie auf den realen Alltag mit den Betroffenen, deren Umfeld sowie den beteiligten Fachpersonen überprüft und besprochen. Die Wiederholung von Teilen der Eingangsdiagnostik beziehungsweise eine entsprechende Verlaufsdiagnostik spielen eine wesentliche Rolle. Entscheidend ist aber letztlich die Entwicklung der ratsuchenden Person in Richtung eines Mehr an alltagsrelevanter Selbstwirksamkeit und einem Mehr an Handlungsrepertoire, um die Teilhabe und Partizipation auszubauen. Notwendige Modifikationen oder Adaptionen werden im Konsens erarbeitet. Die Qualität des Handelns in der Psychomotoriktherapie ist somit vorhanden, sofern a) die individuelle Passung auf der Grundlage der Expertise der Therapeutinnen und Therapeuten unter Hinzunahme von Intervision und Supervision sowie Weiterbildung erfolgt, wenn b) prototypisch auf Leitlinien oder konzeptuell klare Grundlagen für Handlungsoptionen zurückgegriffen wird, wie der Fallkaskade nach ICF und schließlich, wenn c) generelle Sorgfalt in jeden Schritt des Therapieverlaufs, verstanden als Sorgfalt in der Fallkaskade, gelegt wird. Fallbeispiel aus der Praxis (Namen erfunden) Die fünfeinhalbjährige Noelia besucht seit rund einem halben Jahr den Kindergarten. In Gruppensituationen bleibt sie auch dann stumm, wenn sie direkt angesprochen wird. Von Noelia geht keine Initiative aus mit anderen Kindern ein Spiel zu initiieren. Zudem kommuniziert Noelia nonverbal nur spärlich und konnte bislang keine Freundschaften mit anderen Kindern knüpfen. Im Umgang mit Schere und Stift tut sich Noelia schwer und zeigt Schwierigkeiten beim Fangen und Werfen von Bällen und dem Halten des Gleichgewichts. Im Turnunterricht bewegt sie sich zudem häufig unsicher und ängstlich. Auf 1: 1-Situationen, die viel Führung brauchen, lässt sich Noelia ein. Im Gruppenraum gibt es ein »Safe-Place-Zelt«, das Noelia häufig aufsucht. Am Walderfahrungstag hat sich Noelia sämtlichen Angeboten verweigert und geweint. Noelia kommt mit ihren Eltern kommende Woche das erste Mal in die Psychomotoriktherapie zu Lisa Honegger zur diagnostischen Abklärung. Lisa arbeitet fest angestellt in einem Pensum von 50 Prozent im Schulhaus Gurtental, einer Gemeinde bei Basel (CH). In der Schweiz ist der Kindergarten, in den Noelia geht, der Schule angegliedert. Zu Lisa kommen Kinder, die dem pädagogisch-therapeutischen Team (Kindergartenlehrpersonen, schulische HeilpädagogInnen, LogopädInnen und PsychomotoriktherapeutInnen) und / oder den Eltern Sorgen hinsichtlich ihrer sozio-emotionalen und senso-motorischen Entwicklung bereiten. Die Ärztin von Noelia soll nach einem Beschluss des Standortgesprächs (Fallbesprechung im Format runder Tisch mit den Fachpersonen des pädagogisch-therapeutischen Teams sowie mit den Eltern) bald hinzugezogen werden. Die Diagnose Mutismus steht im [ 168 ] 4 | 2022 Forum Psychomotorik Diskussion und Schlusswort Das Ziel des vorliegenden Beitrages lag einerseits darin, die aktuelle Bedeutung der evidenzbasierten Praxis für die Psychomotoriktherapie zu klären und andererseits zu definieren, wie Qualitätssicherung im Handeln der Psychomotoriktherapie gelingt, auch (noch) ohne vorhandene Evidenzstudien. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bestrebungen um das Generieren von Evidenzstudien, sinnvoll und notwendig sind. Die Psychomotoriktherapie profiliert und professionalisiert sich entsprechend als Fach- und Wissenschaftsdisziplin. Gleichzeitig sind empirische Studien als Teil des Evidenz-Konstruktes unter gewissen Qualitätsaspekten für die praktische Arbeit in der Psychomotoriktherapie zu relativieren. Das Streben nach Gleichgewicht der drei Evidenzkomponenten ist bedeutend und aufrecht zu erhalten, ist allerdings die Studienlage mager oder lückenhaft, werden die interne Evidenz im Besonderen, aber auch die soziale Evidenz umso wichtiger. Mittels klaren Qualitätskonstanten im Ablauf eines regulären Falles, der sogenannten Fallkaskade und der ICF als grundlegenden Eckpfeiler in jeder Fallstation, entsteht ein professionelles und legitimiertes Handeln in der Psychomotoriktherapie, das sich durchaus evidenzbasiert nennen darf und professionelles Handeln in der Psychomotoriktherapie gewährleistet. Professionelles psychomotorisches Handeln im Einzelfall ist und soll somit auch ohne eindeutige Studienlage möglich sein. Diese Annahme unterstützt auch der renommierte Medizinethiker Wiesing (2020). Wiesing (2020) betont dabei, dass das Generieren von Evidenz ein durchaus relevanter, aber nur ein Teil der Professionalitätsbestrebung ist. Hier kann die Psychomotoriktherapie ansetzen, wenngleich wie bereits erläutert, verfügbare Studien zur Wirksamkeit von psychomotorischen Interventionen und Maßnahmen unabdingbar sind. Um in Zukunft auf diese zurückzugreifen, ist die Zusammenarbeit von Praktikerinnen und Praktikern sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern notwendig, denn Professionalität und Qualität sind gleichsam aus der Fach- und Wissenschaftsdisziplin und der Praxis zu entwickeln. Dies impliziert gemäß Haid und Steiner (2022) für Psychomotoriktherapeutinnen und Psychomotoriktherapeuten: ■ Am wissenschaftlichen Diskurs teilzunehmen und eigene Beiträge, zum Beispiel Falldarstellungen aus der Praxis in die disziplinäre Gemeinschaft einzubringen (externe Evidenz), ■ Erfahrungen fallbezogen durch Intervision, Supervision und Weiterbildung zu erweitern (interne Evidenz) und Raum, wobei sich Probleme im Bereich des Sozialverhaltens sowie zusätzlich im Bewegungsverhalten (Grob- und Feinmotorik) zeigen. Obwohl noch nicht einmal eine Diagnose vorliegt, will sich Lisa bis zum Abklärungstermin kommende Woche informieren, was Evidenzstudien zu Mutismus und Psychomotoriktherapie sagen. Mit den Rechercheergebnissen will sie zudem kurz ihre Intervisionsgruppe konfrontieren und befragen. Für diese Vorbereitung nimmt sich Lisa eine gute Stunde Zeit. Leider gibt es keine Datenbank, die auf die Bedürfnisse von PsychomotoriktherapeutInnen ausgerichtet ist. Ebenso findet Lisa keine Leitlinien, die Orientierung für das Handeln geben. Sie greift deshalb auf renommierte Datenbanken wie PSYNDEX beziehungsweise EBSCOhost sowie Datenbanken der evidenzbasierten Medizin zurück, wie PubMed, Embase, Cochrane Library und LIVIVO. Lisa findet über alle Datenbanken hinweg nur eine Handvoll Treffer zu Mutismus und Psychomotoriktherapie, die aber nur allgemeine Aussagen machen. Die Wirksamkeit wird nur in einer Studie angesprochen; allerdings bieten die Aussagen keine konkreten Anhaltspunkte für die Fallbzw. Therapieplanung und Umsetzung. Zum Glück hatte Lisa schon zwei Kinder mit ähnlicher Ausgangslage und ihre Intervisionsgruppe ist fachlich versiert. [ 169 ] Gasser-Haas • Evidenzbasierte Praxis 4 | 2022 [ 169 ] Gasser-Haas, Steiner • Evidenzbasierte Praxis in der Psychomotoriktherapie ist möglich 4 | 2022 ■ Kommunikations- und Reflexionsfähigkeit zu pflegen und auszubauen (soziale Evidenz). Eine gewisse Unsicherheit bleibt beziehungsweise muss im Sinne einer Therapie kultivierter Unsicherheit gemäß Staemmler (1993) bestehen bleiben. Laut Haid und Steiner (2022) sind Aussagen über Wirkungen schließlich Aussagen über die Zukunft und als solche stets einer gewissen Unsicherheit unterworfen. In der Therapie sind nebst gewünschter Sicherheit Flexibilität, Intuition, Reflexion, Prozesshaftigkeit und Dialogfähigkeit relevante Attribute, die gefordert und notwendig sind, um im Einzelfall angemessen und professionell Handeln zu können. Literatur Bernstein Ratner, N. (2006): Evidence-Based Practice: An Examination of Its Ramifications for the Practice of Speech-Language Pathology. Language, Speech, and Hearing Services in Schools, 4, 78-88, https: / / doi.org/ 10.1044/ 0161-1461(2006/ 029) Beushausen, U. (2014): Chancen und Risiken einer evidenz-basierten Sprachtherapie. Logos 22 (2), 96-104 Beushausen, U., Grötzbach, H. (2011): Evidenzbasierte Sprachtherapie. Grundlagen und Praxis. Urban und Fischer, München Borgelt, T. (2015): Wenn es keine Evidenzen gibt- … Szenarien der evidenzbasierten Praxis im logopädischen Berufsalltag. Forum Logopädie 29 (1), 24-29 Dolloghan, C. A. (2007): The handbook for evidencebased practice in communication disorders. Paul H Brookes Publishing Company, Baltimore Haid, A., Steiner, J. (2022): Professionelles logopädisches Handeln ist nicht nur auf Evidenzstudien angewiesen. In: forum: logopädie 36 (1), 6-11 Kempe, S. (2013): EBP- - eine Anleitung zum Therapieerfolg? Kritische Auseinandersetzung anhand eines Fallbeispiels. SAL-Bulletin 148, 5-16 Kohler, J. (2016): Zur Bedeutung qualitativer Studien. In: Grohnfeldt, M. (Hrsg.): Kompendium der akademischen Sprachtherapie und Logopädie, Band 1, Sprachtherapeutische Handlungskompetenzen. Kohlhammer, Stuttgart, 77-95 Kohler, J. (2021): Die Bedeutung der (Einzel-)fallstudie für die Konzeptbildung und -überprüfung in der Sprachtherapie. In: Schräpler, U., Steiner, J. (Hrsg.): Handlungswissen Logopädie. Band 1: Systematische Fallarbeit in der Logopädie. Grundlagen und Beispiele. Kohlhammer, Stuttgart, 66-73 Staemmler, F. M. (1993): Therapeutische Beziehung und Diagnose. Gestalttherapeutische Antworten. Pfeiffer Verlag, München Steiner, J. (2021): Praktische Implikationen des Therapie-Kaskadenmodells für die Fallbearbeitung. In: Schräpler, U., Steiner, J. (Hrsg.): Handlungswissen Logopädie. Band 1: Systematische Fallarbeit in der Logopädie. Grundlagen und Beispiele. Kohlhammer, Stuttgart, 31-45 Wiesing, U. (2020): Heilswissenschaften. Über Verheißungen der modernen Medizin. S. Fischer, Frankfurt Die AutorInnen Dr. phil. Olivia Gasser-Haas Dipl.-Psychomotoriktherapeutin EDK, Dr. phil. Erziehungswissenschaften, Co-Leiterin des Bachelorstudiengangs Psychomotoriktherapie an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, Zürich Prof. Dr. habil. Jürgen Steiner Langjähriger Leiter des Bachelorstudiengangs Logopädie an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik, Zürich, Schullogopäde in Wiesendangen, Fachlektor im Schulz-Kirchner-Verlag, Forschungsbeirat Alzheimer Schweiz Anschrift Dr. phil. Olivia Gasser-Haas Co-Leiterin BA-Studiengang Psychomotoriktherapie Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Institut für Verhalten, sozio-emotionale und psychomotorische Entwicklungsförderung Schaffhauserstraße 239 Postfach 5850 CH-8050 Zürich olivia.gasser@hfh.ch Tel. +41 44 317 13 38
