eJournals motorik46/1

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art06d
7_046_2023_1/7_046_2023_1.pdf11
2023
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Auf den Punkt gebracht: Flucht, Trauma und Familie

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2023
Amara Eckert
Erfahrungen von Flucht und Migration haben vielfältige Auswirkungen auf betroffene Familiensysteme und stellen diese mitunter vor große Herausforderungen.
7_046_2023_1_0007
[ 35 ] motorik, 46. Jg., 35-37, DOI 10.2378 / mot2023.art06d © Ernst Reinhardt Verlag 1 | 2023 [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Flucht, Trauma und Familie Amara Eckert Erfahrungen von Flucht und Migration haben vielfältige Auswirkungen auf betroffene Familiensysteme und stellen diese mitunter vor große Herausforderungen. In der psychomotorischen Arbeit mit Familien mit Fluchterfahrung sowie traumatisierten Familienmitgliedern empfiehlt es sich daher, auf Anzeichen von posttraumatischem Erleben besonders zu achten. Ebenso wichtig sind die Rahmenbedingungen, die den Betroffenen Sicherheit und Halt bieten. Psychische Traumatisierung entsteht durch die »vitale Diskrepanz zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt« (Fischer / Riedesser 2003, 82). Ob ein Fluchtereignis zu einer traumatischen Erfahrung führt, hängt von vielerlei Faktoren ab, z. B. von der Resilienz der Betroffenen, der Sicherheit der Fluchtwege, der Aufnahme im Ankunftsland und der Wahrung der Menschenwürde. Da protektive Faktoren sehr häufig nicht gegeben sind, werden Familien mit Fluchterfahrung in der Regel als sowohl sequenziell als auch kumulativ traumatisiert beschrieben (Keilson 2005, Fischer / Riedesser 2003). Darunter ist folgendes zu verstehen: Dem Drama von Krieg, Bedrohung oder Verfolgung im Herkunftsland folgt in der Regel ein Migrationsprozess mit Flucht und Lagerleben. Dabei sind Übergriffigkeiten und Gewalt häufige Erfahrungen. Dem Abschied von vertrauten Menschen und dem Verlust von Sicherheit und einer vertrauten Umgebung folgt die Hoffnung auf einen Neuanfang mit der Aussicht auf Sicherheit und Zugehörigkeit in der aufnehmenden Gesellschaft. Diese Hoffnung wird häufig durch die Lebenssituation im Aufnahmeland enttäuscht und die Angst vor unvorhersehbarer Abschiebung kann als weitere traumatische Sequenz betrachtet werden. Nach den Erfahrungen von Angst und extremen Verlustprozessen durch die Flucht kann die Realität vor Ort, z. B. von Schule und anderen Institutionen mit immanenten Strukturen instrumenteller Gewalt (Galtung 1975) als weitere Bedrohung und Verunsicherung erlebt werden. Die Schule kann für Kinder zu einem Ort werden, an dem erlebtes Trauma durch Würdigung und Verstehen bewältigt werden kann oder aber neu aktiviert wird. Wenn Integration ohne die Berücksichtigung des erlebten Traumas erfolgt und stattdessen die Auseinandersetzung mit Inhalten eines fremden Kulturkreises erwartet wird, gibt es für Kinder unter diesen Bedingungen oftmals keine andere Möglichkeit, als mit innerem Rückzug oder Aggression darauf zu antworten. Reagieren Fachkräfte mangels Wissens über Trauma-Dynamiken mit einer direkten Gegen- [ 36 ] 1 | 2023 Auf den Punkt gebracht bekannt, dass familiären Konflikten und dysfunktionaler familiärer Kommunikation ein geringes Selbstwertgefühl der einzelnen Familienmitglieder zugrunde liegt. Traumafolgen haben somit das Potenzial, vormals intakte Familien zu zerstören. Solche Familiensysteme sind plötzlich nicht mehr in der Lage, ihre Mitglieder in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Machtmissbrauch, Gewalt und Dominanz, die während der Flucht erlebt wurden, werden im Alltag wiederholt und weitergegeben. Innerfamiliäre Koalitionen und die Verteilung von Schuld fördern die Ausgrenzung einzelner Familienmitglieder. Stagnation und psychische Erkrankungen sind häufig die Folge. Diese Entwicklung kann frühzeitig, z. B. durch eine würdigende Kommunikation mit außerfamiliären Kontaktpersonen, verbunden mit einem ausreichend sicherem Rahmen, beeinflusst werden. Psychomotorische Angebote können genau dies bieten. Wie an verschiedenen Stellen bereits ausgeführt (Eckert 2016, 2021), ist das bewegte kreative Spiel in Verbindung mit einer sicheren und auf Vertrauen basierenden Beziehung geeignet, den Stresslevel und das Selbstwertgefühl positiv zu beeinflussen und damit die Grundlage für konstruktives Kommunizieren in der Familie zu schaffen. Werden psychomotorische Rollenspiele angeboten, besteht darüber hinaus die Möglichkeit, dass Kinder ihre traumatischen Erfahrungen mit einer resonanten professionellen Begleitperson verstehen und integrieren können. Sollte sich im psychomotorischen Raum in der Arbeit mit Familien oder einzelnen Familienmitgliedern keine Entspannung einstellen, kann vermutet werden, dass es weiterhin traumatische Erfahrungen im Alltag der einzelnen Menschen gibt. Auch Ereignisse im Rahmen der Flucht, die aus Scham oder wegen ihrer Trigger-Wirkung verschwiegen werden, können einen hohen Stresslevel lange nach dem auslösenden Ereignis begünstigen und sich auf die ganze Familie destruktiv auswirken. »Wenn Kinder bei ihren Eltern ein Geheimnis spüren, dann strengen sie sich besonders an, dieses Geheimnis zu ergründen. Wenn ein Kind merkt, dass die Mutter oder der Vater einen Kummer hat, aber nicht darüber redet, und das Kind den Grund des Kummers so übertragung, sind Missverständnisse und Enttäuschungen vorprogrammiert. Darüber hinaus sind sie zusätzlich der Gefahr von sekundärer Traumatisierung (Mitansehen oder Miterleben von Gewalt) ausgesetzt. Was hier am Beispiel der Institution Schule beschrieben wurde, kann für Familienmitglieder in anderen Institutionen ebenso gelten. Der Kreislauf von Hilflosigkeit, Enttäuschung, Retraumatisierung und Traumafolgestörungen kann durch professionelles Wissen und Weiterbildung weitgehend gebremst werden. Zu den Schutzfaktoren für alle Beteiligten gehören die Erfahrung von Halt, Sicherheit und Zugehörigkeit. Institutionen und Träger von Hilfsangeboten sind gefordert Räume zu schaffen, in denen diese Erfahrungen ermöglicht werden. Was bedeuten nun traumatische Erfahrungen konkret für Familiensysteme? Als häufige Erscheinungsformen erlebten Traumas müssen ein erhöhter Stresslevel, Hyperaktivität und dissoziatives Erleben berücksichtigt werden. Letzteres kann sich auch körperdissoziativ, d. h. durch vermindertes Spüren des Körpers und der Erlebnisfähigkeit ausdrücken. Ein erhöhter Stresslevel kann nicht nur zu Aufmerksamkeits- und Schlafstörungen, sondern auch zur Verminderung von kommunikativen Kompetenzen und Konfliktfähigkeit führen. Die betroffenen Menschen fühlen sich weniger selbstwirksam und sind häufig hilflos, was wiederum die Entwicklung eines geringen Selbstwertgefühls begünstigt. Bei extremen traumatischen Erfahrungen kann es zu inneren Fragmentierungen des Erlebens und dem Verlust jeglichen Selbstgefühls und Selbstwerts kommen. Die Folgen können so schwerwiegend sein, dass die betroffene Person kein normales Leben mehr führen kann. Als Beispiel sei hier die dissoziative Identitätsstörung genannt, ein Krankheitsbild, bei der zwei und mehr Identitäten in der gleichen Person leben und abwechselnd ihr Fühlen, Denken und Handeln bestimmen. Seit den Arbeiten von Virginia Satir (2019) ist [ 37 ] Eckert • Flucht, Trauma und Familie 1 | 2023 [ 37 ] Eckert • Flucht, Trauma und Familie 1 | 2023 nicht ergründen kann, dann entwickelt das Kind besonders starke Antennen für das Geheimnis, für den Kummer, für das Verstecken des Kummers, für die Leere, für das Schweigen … Man kann deshalb zugespitzt sagen: Wenn sie eine Traumafolge an Ihre Kinder weitergeben wollen, dann verschweigen Sie diese« (Brisch / Hellbrügge 2015, 184 f ). Hirsch (2011) verwendet in diesem Zusammenhang den Begriff der »transgenerationalen Transmission«, der zu einer schwach entwickelten Identität führt, die sich wiederum deutlich auf die innere Stabilität und damit auf das Selbstbewusstsein auswirken kann. Die bisher bekannten Konzepte psychomotorischer Familienarbeit (Schäfer 2018, Richter-Mackenstein 2013) sind geeignet, Familien mit Fluchterfahrung zu unterstützen, wenn sie die besonderen Bedingungen von Schutz, Halt und Containment zur Verfügung stellen. Die Fachkräfte sollten auf extreme emotionale Ausdrucksformen vorbereitet sein und durch regelmäßige Fachsupervision unterstützt werden, diese aushalten und containen können. Literatur Brisch, K. H., Hellbrügge, T. (Hrsg.) (2015): Bindung und Trauma. Risiken und Schutzfaktoren für die Entwicklung von Kindern. 5. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart. Eckert, A. R. (2016): Psychomotorische Traumaarbeit-- Professioneller Umgang mit dem Unbekannten. In: Krus, A., Jessel, H. (Hrsg.): Bewegen kann sich doch jeder. AKP, Lemgo Eckert, A. (2021): Traumasensible psychomotorische Begleitung von Kindern. motorik 44 (2), 62-68, https: / / doi.org/ 10.2378/ mot2021.art12d Hirsch, M. (2011): Trauma. Psychosozial-Verlag, Gießen. Keilson, H. (2005): Sequenzielle Traumatisierung bei Kindern: Untersuchung zum Schicksal jüdischer Kriegswaisen. Psychosozial, Gießen. Fischer, G., Riedesser P. (2003): Lehrbuch der Psychotraumatologie. Ernst Reinhardt, München / Basel Galtung, J. (1975): Strukturelle Gewalt (Beiträge zur Friedens- und Konfliktforschung, Band 1). Rowohlt, Hamburg Satir, V. (2019): Selbstwert und Kommunikation. Familientherapie für Berater und zur Selbsthilfe (Hilfe aus eigener Kraft). Leben lernen, Bd. 18. Klett- Cotta, Stuttgart Schäfer, C. (2018): Wir wurden als Familie gestärkt. Empirische Studie zur bewegungsorientierten Förderung der Interaktion und Lebenszufriedenheit von Familien. motorik 41 (3), 131-140, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ mot2018.art23d Richter-Mackenstein, J. (2013): Die Familie in der Psychomotorik-- ein vernachlässigtes Praxis- und Forschungsfeld? In: Richter-Mackenstein, J., Eckert, A.- R. (Hrsg.): Familie und Organisation in Psychomotorik und Motologie. WVPM, Marburg Die Autorin Amara R. Eckert, Prof. Dr., Dipl-Päd., Hochschule Darmstadt und Maltepe University Istanbul Kontakt amara.eckert@h-da.de C E R TI F ICAT E P R O G RAM IN L A B A N / B A R T E N I E F F M O V E M E N T S T U D I E S Director: Antja Kennedy Phone: +49 30 52282446 info@eurolab-programs.com www.eurolab-programs.com Applic. De Summer Intensive in English in Berlin adline: Feb 24, 2023 .