motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art07d
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Insight - Erfahrungen aus der Praxis: Psychomotorische Erfahrungsberichte aus dem Pflegeheim - ein Exkurs
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Nina Kern
Der Frage, wie Psychomotorik bei Hochaltrigen in einem Pflegeheim umgesetzt werden kann, wird hier nachgegangen. Den teilnehmenden BewohnerInnen eröffnet die psychomotorische Gesundheitsförderung solche Dialog- und Spielräume, in denen das, was getan wird, dialogisch entwickelt und gemeinsam bedürfnisorientiert umgesetzt wird (Haas et al. 2014).
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[ 38 ] 1 | 2023 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis [ INSIGHT-- ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS ] Psychomotorische Erfahrungsberichte aus dem Pflegeheim-- ein Exkurs Nina Kern Der Frage, wie Psychomotorik bei Hochaltrigen in einem Pflegeheim umgesetzt werden kann, wird hier nachgegangen. Den teilnehmenden BewohnerInnen eröffnet die psychomotorische Gesundheitsförderung solche Dialog- und Spielräume, in denen das, was getan wird, dialogisch entwickelt und gemeinsam bedürfnisorientiert umgesetzt wird (Haas et al. 2014). Mein Setting Ich arbeite mit Hochaltrigen in einem Pflegeheim in Österreich-Steiermark, sowohl mit einer ganzen Gruppe als auch einzeln (in Einzelsettings mit meinem Therapiebegleithund Felix, wir arbeiten auch tiergestützt). Der Auftrag für mich ist, die Lebensqualität der TeilnehmerInnen zu steigern und eine gewisse Selbstständigkeit zu erhalten. Sie sollen in dieser Einheit Schmerzen, so gut es geht, vergessen und mit einem Lächeln und einem gestärkten Selbstwert die Einheit wieder verlassen. Die BewohnerInnen erfahren durch Einbezug ihrer Sinne wieder Lebensfreude und ihre Lebensqualität wird dadurch enorm gesteigert. In der Psychomotorik arbeitet man ganzheitlich, d. h. man bezieht alle Sinne und den ganzen Körper ein und verwendet unterschiedliche Materialien (z. B. Schwimmnudeln, Fallschirmtuch, Tennisbälle, Sensorikmatten etc). Es ist ein Wechsel und Zusammenspiel aus Motorik, Kognition und Emotion. »Ich bin stark, ich kann etwas«- - die BewohnerInnen erleben sich als kompetent und selbstwirksam, z. B. beim Kräfte messen. Meine BewohnerInnen sind intrinsisch hoch motiviert, da vergisst man schon einmal nach der psychomotorischen Einheit, dass man eigentlich mit einem Rollmobil gekommen war. »Ich war genau an dem Strand, an dem meine Familie und ich immer Urlaub gemacht haben. Das war irgendwo in Italien, den Ort kann ich nicht mehr nennen, aber dieses Gefühl ist wieder da! «-- Worte nach einer Entspannungssequenz.- Mein Berufsalltag Die teilnehmenden BewohnerInnen sind zwischen 60 und 95 Jahre alt und wohnen in dem Pflegeheim. Sie sind teilweise mobil, teilweise mit einem Rollmobil unterwegs oder sitzen in einem Rollstuhl. Es gibt TeilnehmerInnen, die an Demenz leiden oder an Parkinson, aber auch psychisch Erkrankte nehmen an meinen Einheiten teil. Ich habe zuletzt als Sonderschulpädagogin gearbeitet und vor anderthalb Jahren das Masterstudium »Psychomotorik« in Wien absolviert und bin nun in einem Pflegeheim tätig, einmal in der Woche auch selbstständig. Mein Arbeitsalltag sieht so aus, dass ich mir überlege, mit welchen BewohnerInnen ich heute arbeiten werde. In Absprache mit der Stationsleitung des Pflegeheimes stimme ich ab, wer in meiner Einheit dabei ist. Das gesamte Pflegepersonal arbeitet mit mir interdisziplinär zusammen und teilt mir auch mit, wenn es BewohnerInnen gibt, die akut an einer depressiven Verstimmung leiden. Diese BewohnerInnen werden vorgezogen und ich suche das Gespräch. Die BewohnerInnen erleben in meinen Einheiten, das kann eine Einzeleinheit oder eine Gruppeneinheit sein, eine Stunde lang Spannung, Spaß, Lebensfreude, gepaart mit Bewegungen und kognitiven Aufgaben. In der Runde wird die Sozialkompetenz gestärkt und aus einem Ich wird ein Wir. Die Gruppe [ 39 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 1 | 2023 agiert bereits nach wenigen Einheiten sehr gut miteinander und es wird sich gegenseitig geholfen. Der Raum wird von mir vorbereitet und alle Materialien, mit denen wir in der Einheit experimentieren, im Raum verteilt. Ich bitte die BewohnerInnen, das Material auszuteilen, so wird eine Selbsttätigkeit, aber auch das Selbstbewusstsein gestärkt. Die BewohnerInnen bringen immer ihre eigenen Ideen in die Einheit ein, das fördert u. a. die kognitive Kreativität. Ich arbeite auch mit Morbus Parkinson BewohnerInnen und auch die haben wieder das Gefühl, aktiv am Leben teilzunehmen. Hier fördere ich vor allem die Grafomotorik, indem die BewohnerInnen in ihrem Aufgabenheft Schwungübungen durchführen, Punktzu-Punkt-Verbindungen lösen oder auf einem Flipchart mit einem dicken Stift schreiben. Auch die Koordination und die vestibuläre Wahrnehmung werden geschult und durch Schüttübungen kann die Feinmotorik verbessert werden, wodurch z. B. das Suppe essen wieder gelingen kann. Mein theoriegeleiteter Zugang Für mich ist die Psychomotorik eine ganzheitliche Gesundheitsförderung, in der die Interaktion, die Materialerfahrung, die Motorik, die Kognition, der Spaß und das Gespräch im Vordergrund stehen. Psychomotorische Gesundheitsförderung in der Praxis Individuumszentriert und lebensspannenübergreifend zu arbeiten, diesen Anspruch hat lt. Marianne Eisenburger (Eisenburger 2012) die Psychomotorik. D. h. wiederum, zuerst muss geklärt werden, mit wem man es zu tun hat, auf wen man sich einstellt und welche Entwicklungsaufgaben und Daseinsthemen Menschen in diesem Lebensabschnitt haben (Eisenburger 2012). Aus der Theorie wissen wir, dass der Mensch mit sich in seinen sozialen Beziehungen in der Umwelt zurechtkommen muss. Wesentlich sind hier die Ich-Kompetenz, die Sozial-Kompetenz und die Sach-Kompetenz. Meine Bedeutsamkeit Welchen Mehrwert hat die psychomotorische Arbeit mit Hochaltrigen? Die Psychomotorik ist deswegen so wertvoll, da hier bewusst Raum und Zeit geschaffen werden, um auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der BewohnerInnen einzugehen. Auf jeden Fall würde den Menschen eine Perspektive, eine Struktur in ihrem eher tristen Tagesablauf fehlen. Die psychomotorische Einheit, sei es im Einzel- oder Gruppensetting, ist für viele BewohnerInnen bereits fix im Kalender markiert und die Vorfreude darüber sehr groß. In meiner Arbeit als Psychomotorikerin kommt auch mein Therapiebegleithund Felix zum Einsatz. Er ist ein Appenzeller Sennenhund und ein sehr einfühlsamer und geduldiger Coach auf vier Pfoten. Die Beziehung zwischen Mensch und Tier wandelte sich im Lauf der Zeit im Bezug zur Umwelt und Natur und zu der kulturellen Entwicklung des Alltags. Es besteht seit Jahrtausenden eine enge Beziehung zwischen Mensch und Hund. Der bewusste Einsatz von Hunden als therapeutische Helfer und Begleiter wurde seit ca. 1960 festgehalten (Röger- Lakenbrink 2018). Kreislaufstabilisierend und blutdrucksenkend wirkt das Zusammenleben mit einem Tier (Prothmann 2014). Tiere wirken sich auf unsere Gesundheit aus und fördern unsere Motorik. In meinen Einheiten fordere ich die BewohnerInnen z. B. auf, mit einer Gurkenzange Leckerlis aus einem Behälter herauszunehmen und in verschiedene Becher zu geben. Gemeinsam mit Felix einen Parcours zu passieren, schult die Koordination und fördert das Selbstbewusstsein. Allein Abb. 1: Gesundheitliche Schutzfaktoren als Ausgangspunkt der Psychomotorischen Gesundheitsförderung (aus: Haas et al. 2014, 18) [ 40 ] 1 | 2023 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis die Anwesenheit von Felix wirkt sich positiv auf die seelische Gesundheit aller Beteiligten aus. Abschließend möchte ich noch betonen, dass der Austausch mit den Angehörigen eine enorme Bedeutung hat. Diese bekommen von mir regelmäßig ein Update, wenn sie zu mir kommen. Sehr gerne zeige ich dann auch die Aufgabenhefte, die jede BewohnerIn hat, um Fortschritte transparent werden zu lassen. Gerade in Zeiten wie diesen ist es wichtig, den Menschen eine Perspektive zu geben, vor allem den Hochaltrigen. Denn diese werden leider viel zu oft vergessen. Literatur Haas, R., Golmert, C., Kühn, C. (2014): Psychomotorische Gesundheitsförderung in der Praxis. Spiel- und Dialogräume für Erwachsene. Hofmann, Schorndorf Eisenburger, M. (2012): »Zuerst muss die Seele bewegt werden …«. Psychomotorik im Pflegeheim. Ein theoriegeleitetes Praxisbuch. 2. Aufl. Verlag modernes lernen, Dortmund. Prothmann, A. (2014): Tiergestützte Kinderpsychotherapie. Theorie und Praxis der tiergestützten Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen. 4. Aufl. Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main Röger-Lakenbrink, I. (2018): Das Therapiehunde-Team. Ein praktischer Wegweiser. 6. Aufl. Animal Learn, Bernau. DOI 10.2378 / mot2023.art07d Kontakt Nina Kern, Psychomotorikerin, Sonderschulpädagogin, Kinderbetreuerin, Tiergestützte Pädagogik, Dipl. Seniorentrainerin, seit 2021 als Psychomotorikerin in einem Pflegeheim in Österreich und auch selbstständig in Graz tätig. psychomotorik.kern@gmail.com www.ninakern.at Abb. 2: Therapiehund Felix (Foto: Nina Kern) Psychomotorik (MA) Universitätslehrgang BILDUNG & SOZIALES GESUNDHEIT & NATURWISSENSCHAFTEN INTERNATIONALES & WIRTSCHAFT KOMMUNIKATION & MEDIEN RECHT Im Masterprogramm „Psychomotorik“ wird dem hohen Stellenwert von Bewegung für Persönlichkeitsentwicklung, Lernen und Gesundheit Rechnung getragen. Es handelt sich um die einzige wissenschaftliche Ausbildung auf diesem Gebiet in Österreich. Inhalte: • Psychomotorische Lehr- und Lernmethode • Motodiagnostik: Methoden zur quantitativen und qualitativen Erfassung menschlicher Motorik • Psychomotorik in Kindergärten und Schulen sowie mit Erwachsenen und alten Menschen Dauer 4 Semester (berufsbegleitend) Umfang 90 ECTS Credits Kosten € 11.900,- (in 3 Raten) Wissenschaftliche Leitung Univ.-Prof. Mag. Dr. Otmar Weiß Start jährlich im Juli Kontakt T +43-1-4277-108 15 psychomotorik@univie.ac.at www.postgraduatecenter.at/ psychomotorik
