motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art15d
7_046_2023_2/7_046_2023_2.pdf41
2023
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Fachbeiträge aus Theorie und Praxis: Das positive Körperbild
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2023
Annette Degener
In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich im englischsprachigen Raum ein neuer Forschungsbereich zum positiven Körperbild etabliert. Es gibt neue Definitionen, Forschungsansätze und wissenschaftlich evaluierte Interventionen, die das Ziel verfolgen, ein positives Körperbild bei unterschiedlichsten Personengruppen zu erforschen und zu fördern.
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Zusammenfassung / Abstract In den letzten fünf bis zehn Jahren hat sich im englischsprachigen Raum ein neuer Forschungsbereich zum positiven Körperbild etabliert. Es gibt neue Definitionen, Forschungsansätze und wissenschaftlich evaluierte Interventionen, die das Ziel verfolgen, ein positives Körperbild bei unterschiedlichsten Personengruppen zu erforschen und zu fördern. Schlüsselbegriffe: Körperbild, positives Körperbild, Körpererleben, Developmental Theory of Embodiment, Objektivierung des Körpers, Schutzfaktoren, Risikofaktoren Positive Body Image---New perspectives in science and research In the last five to ten years, a new field of research on positive body image has emerged in the english-speaking scientific world. There are new definitions, research approaches, and scientifically evaluated interventions that aim to explore and promote positive body image in diverse groups of people. Keywords: Body image, positive body image, body experiences, Developmental Theory of Embodiment, body objectification, protective factors, risk factors [ 83 ] motorik, 46. Jg., 83-89, DOI 10.2378 / mot2023.art15d © Ernst Reinhardt Verlag 2 | 2023 [ FACHBEITRAG ] Das positive Körperbild Neue Perspektiven in Wissenschaft und Forschung Annette Degener anhand breiter empirischer Forschung konkretisiert. Die beschriebenen individuellen, familiären und gesellschaftlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung eines positiven Körperbildes können zur Konzeptionierung präventiver Angebote hinzugezogen werden. Konzept des »Positive Body Image« (Tylka / Wood-Barcalow 2015) Dieses theoretische Konstrukt basiert auf den Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen. Zu Zum Begriff des Körperbildes existieren unterschiedliche Definitionen (u. a. Bielefeld 1986; Cash / Pruzinsky 2002; Küchenhoff / Agarwalla 2013; Röhricht et al. 2005), die jedoch alle die Multidimensionalität des Körperbildes betonen. In empirischen Forschungsarbeiten zum Körperbild ging es ca. bis zum Jahr 2015 primär um die Erfassung und Verbesserung eines negativen Körperbildes (Andersen / Swami 2021)---die Forschung fokussierte sich stark auf die Unzufriedenheit mit dem äußeren Erscheinungsbild, obwohl dies nur eine Facette von vielen rund um das Körperbild ist. Aktuellere Veröffentlichungen zeichnen sich hingegen durch eine sowohl ganzheitlichere als auch ressourcenorientierte Blickweise auf das Thema Körperbild aus. Im vorliegenden Artikel wird diese Veränderung anhand von zwei Konzepten vorgestellt: ■ dem Konzept des »Positive Body Image« von Tylka / Wood-Barcalow (2015) ■ dem Konzept der »Developmental Theory of Embodiment« (DTE) von Piran (2016, 2017) Beide Konzepte sind unabhängig voneinander auf Basis von wissenschaftlichen Studien entstanden, ergänzen sich jedoch in vielerlei Hinsicht und nehmen in späteren Veröffentlichungen auch Bezug aufeinander. Die Theoriedefinition des »Positive Body Image« ist empirisch sehr viel breiter und detaillierter belegt. Die DTE ist hingegen inhaltlich tiefer und ganzheitlicher. Beide Konzepte ergänzen bereits Bestehende. Positive Verhaltensweisen, Gedanken, Gefühle und Einstellungen zum Körper werden nicht nur als Facetten des Körperbildes benannt, sondern [ 84 ] 2 | 2023 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis nennen sind hier u. a. feministische, humanistische, buddhistische Einflüsse, die Erkenntnisse der Beratungsbzw. positiven Psychologie und natürlich die Erkenntnisse der traditionellen Forschung zum (negativen) Körperbild (Cash / Smolak 2011). Dementsprechend wird das »positive Körperbild« nach Tylka und Wood-Barcalow (2015) definiert als ein vom negativen Körperbild abgegrenztes Konstrukt, das folgende Facetten beinhaltet: ■ die Würdigung und Wertschätzung des eigenen Körpers ■ Körperakzeptanz und Liebe für den eigenen Körper ■ maßvolles und angemessenes Investieren in das äußere Erscheinungsbild ■ ein breit gefasstes Konzept von Schönheit ■ innere Positivität, die nach außen sichtbar ist und sich im Verhalten widerspiegelt ■ das Filtern von Informationen (z. B. in den Medien), um die Beziehung zum Körper zu schützen. Das positive Körperbild ist ■ ganzheitlich ■ stabil, aber erreichbar durch Intervention ■ ein protektiver gesundheitlicher Faktor ■ mit der gefühlten Akzeptanz des Körpers durch andere verbunden und ■ durch die vielfältigen sozialen Identitäten des Einzelnen geformt. Empirisch sind die Definitionsmerkmale des »Positive Body Image« durch zahlreiche Studien belegt (Tylka / Wood-Barcalow 2015). Wie die Definition zeigt, wird das positive Körperbild nicht als Abwesenheit eines negativen Körperbildes definiert, sondern als das Vorhandensein von positiven Einstellungen, Gefühlen und Gedankenmustern. Personen mit einem positiven Körperbild wissen nicht nur, was ihr Körper kann und leistet, sondern schätzen ihn auch dafür. Sie ignorieren ihn nicht, sondern achten und pflegen ihn. Sie kümmern sich maßvoll um ihr eigenes Aussehen (z. B. kämmen sich, wählen einen Kleidungsstil, der ihnen gefällt) (Jarry et al. 2019). Ein positives Körperbild bedeutet nicht, mit allen Aspekten des äußeren Erscheinungsbildes zufrieden zu sein oder sich durch dieses narzisstisch aufzuwerten. Es bedeutet vielmehr, vermeintliche Unzulänglichkeiten anzunehmen in dem Wissen, dass diese einzigartig machen und daran zu glauben, dass der eigene (schöne) Charakter nach außen strahlt. Die Bedürfnisse des Körpers werden beachtet---so wird z. B. das Essverhalten nach internen Signalen von Hunger und Sättigung gesteuert. Menschen mit einem positiven Körperbild sind nicht durchgehend stabil in ihren Fähigkeiten sich gegen körperbild-bedrohende Einflüsse (z. B. idealisierte Körper in den Medien) zu wehren. Sie haben aber gelernt, die Folgen (Selbstabwertung des eigenen Körpers) wahrzunehmen und Strategien entwickelt, diesen aktiv und selbstfürsorglich entgegenzutreten (z. B. ein entspannendes Bad, Umarmen lassen von wertschätzenden Menschen), anstatt sich zu schämen. Das Körperbild wird zudem durch viele soziokulturelle Faktoren beeinflusst (Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, sozioökonomischer Status, Religion) (Tylka / Wood-Barcalow 2015). Die »Developmental Theory of Embodiment« (DTE) von Piran (2016, 2017) Die DTE baut theoretisch u. a. auf den Grundannahmen zur Leiblichkeit von Merleau-Ponty (1962) auf. Empirisch basiert sie auf drei aufeinander aufbauenden umfangreichen qualitativen Studien, in denen von 2001 bis 2015 insgesamt 171 Interviews mit 69 Frauen und Mädchen unterschiedlichen Alters zur Entwicklung der Beziehung zu ihrem Körper befragt wurden (Piran 2016). Die Ergebnisse dieser Studien zeigen, dass die Qualität des leiblich gelebten Lebens durch folgende fünf Dimensionen erfasst werden kann, die auf einem Kontinuum von positiv bis negativ rangieren. Die fünf Dimensionen sind: ■ Verbindung zum Körper und Sich-Wohlfühlen im eigenen Körper vs. Trennung und Missbehagen [ 85 ] Degener • Das positive Körperbild 2 | 2023 [ 85 ] Degener • Das positive Körperbild 2 | 2023 ■ Handlungsfähigkeit und Funktionalität vs. Handlungsunfähigkeit und fehlende Funktionalität ■ Selbstfürsorge vs. Vernachlässigung, selbstschädigendes Handeln ■ subjektives Bewohnen / Inbesitznahme des Körpers vs. Objektivierung des eigenen Körpers ■ Wahrnehmung und Ausdruck von körperlichsexuellen Bedürfnissen vs. getrennte Verbindungen zu körperlich-sexuellen Bedürfnissen Des Weiteren wurden Schutz- und Risikofaktoren identifiziert, die die Verbindung zum Körper beeinflussen. Die Schutzfaktoren lassen sich in drei Bereiche einteilen (Piran / Neumark- Sztainer 2020): ■ Schutzfaktoren im körperlichen Bereich sind (A1) das vertiefte und freudige Bewegungshandeln (ohne objektivierende und sexualisierende Komponente und nicht darauf ausgerichtet Körperideale zu erreichen), (A2) Sicherheit; (A3) Gelegenheiten, sich in der körperlichen Selbstfürsorge zu üben und (A4) Erfahrungen, die das eigene sexuelle / körperliche Begehren unterstützen. ■ Als Schutzfaktoren im mentalen Bereich werden ein begrenzter Umgang mit und eine kritische Haltung gegenüber verbreiteten Stereotypen über Körper, Geschlecht und Ethnie beschrieben. Zudem ist eine Resistenz erforderlich gegenüber: (B1) den Körper als mangelhaftes Objekt zu erleben; und (B2) sich in einer gefügigen Art und Weise zu verhalten (unterwürfig, sittsam, klein, nicht zu mächtig / laut / durchsetzungsfähig / kontrollierend und eher fremdals selbstorientiert). ■ Im Bereich soziale Macht und Beziehungen beschreibt die DTE folgende Schutzfaktoren: (C1) Freiheit von vorurteilsbehafteter Behandlung; (C2) nicht mit dem Aussehen zusammenhängende Quellen sozialer Macht; (C3) das Vorhandensein empowernder Beziehungen (insbesondere zu Personen mit ähnlicher sozialer Position); und (C4) die Zugehörigkeit zu Gemeinschaften der Gleichheit. Entwicklung des Körperbildes In der Entwicklung der Körperbeziehung beschreibt Piran (2017) typische Verläufe: Während in der Grundschulzeit häufig noch eine natürliche Verbundenheit zum Körper, ein subjektives Bewohnen des Körpers und frei gestaltete, positive körperliche Aktivität beschrieben wird, kommt es bei Mädchen etwa ab dem neunten / zehnten Lebensjahr zu ersten Brüchen in der positiv erlebten Verbindung zum eigenen Körper. In der Adoleszenz kommt es dann zu einer zunehmenden Objektivierung, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper wächst und es kommt zum Rückzug von körperlicher Aktivität. Dies bleibt entweder bis ins hohe Erwachsenenalter bestehen oder Frauen finden einen Weg, sich ihren Körper »zurückzuerobern«. Die vielfältigen soziokulturellen Gründe dieser Verläufe können bei Piran (2017) nachgelesen werden. Paxton und Damiano (2017) weisen in Bezug auf die Entwicklung des Körperbildes auf die ersten Lebensjahre sowie die Veröffentlichungen dazu in der psychoanalytischen und bindungstheoretischen Literatur hin. Sie betonen jedoch, dass die frühen kindlichen Erfahrungen nicht leicht zugänglich für empirische Forschungen sind. Die wissenschaftlichen Studien beziehen sich daher meist auf drei gut erforschbare Einflussfaktoren: Familie, Medien und Peers. Nicht überraschend fungieren Eltern und ErzieherInnen als Modell. Negative elterliche Kom- (Selbst-)Objektivierung bedeutet, den eigenen Körper vor allem aufgrund seines Aussehens und aus der Perspektive eines Beobachters in der dritten Person zu betrachten und zu bewerten (Frederickson / Roberts 1997). Den Körper subjektiv zu bewohnen bedeutet, den eigenen inneren Erfahrungen des Körpers, einschließlich einer Reihe von körperlichen Empfindungen, Aufmerksamkeit zu schenken und gleichzeitig dem Druck zu widerstehen, den eigenen Körper aus einer externen Perspektive als Objekt zu betrachten (Piran 2016, 2017). [ 86 ] 2 | 2023 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis u. a. mit einem höheren Selbstwertgefühl, mehr Lebensqualität, Lebenszufriedenheit, Wohlbefinden, Selbstfürsorge und einem gesunden Essverhalten einher und gilt als protektiver Faktor gegen psychische Erkrankungen und Symptome (Swami et al. 2018; Tylka / Wood-Barcalow 2015). Ein negatives Körperbild ist hingegen u. a. mit einem negativen Selbstkonzept, geringerer körperlicher Aktivität, gestörtem Essverhalten, einem negativen Einfluss auf schulische Leistungen und einem erhöhten Risiko für psychische Erkrankungen assoziiert (Neumark-Sztainer et al. 2006; Tiggemann 2005; Yanover / Thompson 2008). Die Förderung und Aufrechterhaltung eines positiven Körperbildes durch frühzeitige ressourcenorientierte, präventive Angebote sind daher notwendig. Prävention und Intervention Präventionsmaßnahmen wie »Confident Body- - Confident Child« (Hart et al. 2019) und »Dove Confident Me« (Diedrichs et al. 2021) setzen mittels Psychoedukation an den erforschten Einflussfaktoren an. Sie wurden bereits empirisch erforscht, jedoch mit nicht eindeutigen Ergebnissen. In Bezug auf Medien scheint das alleinige Wissen über idealisiert dargestellte, vielfach bearbeitete Bilder nicht ausreichend zu sein. Vielmehr scheint es notwendig zu sein, a) weniger körperbezogene Inhalte in sozialen Medien zu konsumieren, b) Informationen filtern zu können (körperbildstärkende Information aufnehmen, körperbildbedrohende Information abweisen) und c) aktiv schützende Gedankenmuster entgegenstellen zu können. Eine Vielzahl von Forschungsarbeiten zur Verbesserung eines Körperbildes lässt sich im englischsprachigen Forschungsbereich dem Begriff der »Body-Functionality« zuordnen (Alleva / Tylka 2021). Damit ist die Wertschätzung für- - und nicht nur das Wissen über- - all das gemeint, was der Körper leistet (Verdauung, Regeneration, Heilung von Wunden) sowie die Wertschätzung für das, was man mit dem eigenen Körper spüren, wahrnehmen, erleben und tun kann. Der mentare zum eigenen Körper oder zum Körper Außenstehender sowie Diätverhalten wirken sich negativ auf das Körperbild der Kinder aus. So kann bereits bei Kindern im Vorschulalter die Internalisierung gesellschaftlicher Schönheitsideale nachgewiesen werden (u. a. Perez et al. 2018, Damiano et al. 2015). Ein positives Körperbild wird nach Tylka und Wood-Barcarlow (2015) oft implizit und indirekt vermittelt durch (a) subtile, auf Akzeptanz basierende Botschaften von Familienmitgliedern und Freunden, (b) seltene Gespräche über das Aussehen und (c) allgemeine Botschaften über Schönheit und Liebe zum Körper (z. B. »Wir alle sollten unseren Körper lieben und schätzen«, »Jeder ist schön auf seine eigene einzigartige Art«). Häufige Komplimente zur äußeren Erscheinung, insbesondere zu Figur und Gewicht, führen hingegen zu Unzufriedenheit (Calogero et al. 2009), vermutlich da sie Schönheitsideale verstärken und die Selbstobjektivierung des Körpers fördern. Der negative Einfluss von sozialen Medien auf das Körperbild ist in zahlreichen Studien erforscht worden (z. B. Rounsefell et al. 2020). Es werden unrealistische Schönheitsideale und eine objektivierende Sichtweise auf den Körper verbreitet. Der Vergleich mit vielfach bearbeiteten unrealistischen Bildern führt zu Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper. Die Bedeutung des äußeren Erscheinungsbildes wird zudem vollkommen überbetont. Auch Formate wie z. B. »#fitspiration«, die eigentlich auf die Verbesserung von Fitness und Gesundheit abzielen, sind mit negativen Einflüssen auf das Körperbild assoziiert (Prichard et al. 2018). Vermehrt werden auch Jungen und Männer mit Botschaften zu idealisierten männlichen Körpern konfrontiert, in denen Schlankheit und definierte Muskelmasse als erstrebenswert dargestellt werden (Lefkowich et al. 2017). Zusammenhang Körperbild und andere Gesundheitsvariablen Die Zusammenhänge des Körperbildes zu anderen Gesundheitsvariablen sind detailliert erforscht worden: Ein positives Körperbild geht [ 87 ] Degener • Das positive Körperbild 2 | 2023 [ 87 ] Degener • Das positive Körperbild 2 | 2023 Begriff der Funktionalität ist dabei explizit nicht auf die sportlich-motorischen Fähigkeiten zu reduzieren. Als wirksam erforscht hinsichtlich der Verbesserung des Körperbildes sind z. B. strukturierte Schreibaufgaben, in denen ProbandInnen aufgefordert wurden, darüber nachzudenken und aufzuschreiben, was ihnen ihr Körper in Bezug auf die Sinne oder auch in Kontakt mit anderen ermöglicht (»Mein Körper lässt mich die Sonne auf meiner Haut spüren, ich kann mit meinem Körper andere umarmen«) (Alleva et al., 2018). Auch Bewegung hat das Potenzial, sich positiv auf die Wertschätzung der Funktionalität auszuwirken. Für Kinder werden freie, nicht leistungsorientierte Bewegungsangebote empfohlen, die Spaß machen und in denen sie ihren Körper spüren und entdecken können (Hart et al. 2014). In systematischen Interviews (Holmqvist Gattario / Frisén 2019) beschrieben junge Erwachsene hingegen, dass es für sie entscheidend für den Aufbau eines positiven Körperbildes war, eine passende Sportart für sich zu finden und in dieser auch gut zu werden. Grundsätzlich ist von Bedeutung, dass in der Bewegung die Funktionalität, also körperliche Kompetenzen sowie das subjektive Spüren, Fühlen und Erleben des Körpers und nicht sein Aussehen im Vordergrund stehen. Personen, die sich mit der Motivation bewegen, ihr Aussehen zu verändern, weisen weniger Wertschätzung für ihren Körper auf als Personen, die eine funktionalitätsorientierte Motivation (z. B. gesund bleiben) aufweisen (O’Hara et al. 2014). Motivationale Kommentare von SporttrainerInnen, die die Funktionalität thematisieren---»Denk daran, wie stark Du werden wirst.«- -- wirken sich positiver auf das Körperbild aus als solche, die das Aussehen ansprechen (Engeln et al. 2018). Eine Studie, die verschiedene Arten von Yoga-Anleitungen miteinander vergleicht, kommt zu dem Ergebnis, dass eine Anleitung, die das Aussehen fokussiert- -- »Der herabschauende Hund ist super, um eine definierte Schulter- und Armmuskulatur zu bekommen.«---die positiven Aspekte dieser körperlichen Aktivität untergraben und zu einer Objektivierung des Körpers beitragen kann. Eine achtsamkeitsbasierte Anleitung- - »Achte beim herabschauenden Hund auf ein Gefühl der Stärke in deinem Rücken und den Armen. Atme.[…]«--- scheint sich hingegen positiv auf die Beziehung zum Körper auszuwirken (Cox et al. 2020). Als Fazit bleibt festzuhalten, dass Sport und Bewegung zwar ein großes Potenzial haben, das Körperbild positiv zu beeinflussen, es jedoch auf die Art und Weise ankommt, wie Bewegung und Sport betrieben bzw. vermittelt wird. Bedeutung für die Psychomotorik und die klinische Bewegungstherapie Die Überschneidungen zwischen der DTE, der Psychomotorik und der klinischen Bewegungstherapie (Hölter 2011) sind offensichtlich: Beide beinhalten ressourcenorientierte Sichtweisen und teilen gemeinsame Grundgedanken. Die von Piran (2017) formulierten Schutzfaktoren- - insbesondere die der physischen und sozialen Dimensionen- -- werden bereits jahrzehntelang in der Psychomotorik berücksichtigt. Inhaltlich sind PsychomotorikerInnen und BewegungstherapeutInnen viele der im Artikel vorgestellten Erkenntnisse bereits bekannt. Sie können nun zusätzlich empirisch untermauert werden. Die Verknüpfung von praktischer Expertise und aktuellen international-veröffentlichten Forschungsergebnissen ist insbesondere vor dem Hintergrund der Forderung von Evidenzbasierung von Bedeutung. In der Praxis sollte die Psychomotorik weiterhin so agieren wie bisher, d. h. Bewegungsmöglichkeiten anbieten, in denen u. a. freudvolles Bewegen, das Erleben des Körpers mit allen Sinnen und im guten Kontakt mit anderen ermöglicht wird. In Aus- / Fort- und Weiterbildungen sollte weiterhin die Bedeutsamkeit von Selbstwirksamkeit, Akzeptanz, Freiwilligkeit, individuellen Bezugsnormen, Safe-Place usw. gelehrt werden. Des Weiteren erscheint es sinnvoll, ■ Eltern stärker für das Thema zu sensibilisieren und ihnen konkrete alltagsnahe Tipps und Ideen mit auf den Weg zu geben, wie eine [ 88 ] 2 | 2023 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Andersen, N., Swami, V. (2021): Science mapping research on body image: A bibliometric review of publications in Body Image, 2004-2020. 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(2019): Confident body, confident child: Evaluation of a universal parenting resource promoting healthy body image and eating patterns in early childhood---6and 12-month outcomes from Umgebung geschaffen werden kann, in der sich das Körperbild ihrer Kinder positiv entwickelt. Dies könnte im Rahmen von Eltern- Kind-Angeboten, durch Elternabende oder durch Flyer / Informationsmaterial passieren (siehe Wittschier et al. 2023), ■ dass TherapeutInnen ihre eigene Beziehung zum Körper vor dem Hintergrund der Theorie des positiven Körperbildes hinterfragen und evtl. bewusster eine positive Beziehung zu ihrem Körper aufbauen und vorleben, ■ dass Praxisteams hinterfragen, ob es in der praktischen Arbeit, in Räumlichkeiten oder bei Gesprächen zur unbewussten Objektivierung von Körpern oder zur Weitergabe von unrealistischen Körperidealen kommt, ■ sich innerhalb der Psychomotorik stärker mit Bewegungsübergängen zwischen Kindheit und Jugend zu beschäftigen. Ziel sollte es sein, die von Piran (2016) beschriebenen, oftmals positiven Verbindungen zum Körper auch nach dem 9. / 10. Lebensjahr aufrecht zu erhalten und Schutzfaktoren für die Adoleszenz aufzubauen, ■ zu überprüfen, ob Einflüsse der sozialen Medien stärker berücksichtigt werden sollten und ob es in der Psychomotorik Möglichkeiten gibt, kognitive Filter vorzuleben und zu entwickeln, ■ zu überprüfen, ob die in der Erforschung des »Positive Body Image« entwickelten Methoden und Fragebögen (z. B. die Body-Appreciation-Scale-2 von Behrend / Warschburger 2022) auch für eigene Studien zur Evidenzbasierung von Interesse sein könnten. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Alleva, J. M., Diedrichs, P. C., Halliwell, E., Martijn, C., Stuijfzand, B. G., Treneman-Evans, G., Rumsey, N. (2018): A randomised-controlled trial investigating potential underlying mechanisms of a functionality-based approach to improving women’s body image. 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