motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Auf den Punkt gebracht: Wissen kompakt: Schmerz - ein Aspekt des Körpererlebens
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Ruth Haas
Das Erleben von Schmerzen begleitet Menschen über die Lebensspanne, ist nie nur körperlicher Natur und variiert von Mensch zu Mensch höchst individuell.
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[ 93 ] motorik, 46. Jg., 93-95, DOI 10.2378 / mot2023.art17d © Ernst Reinhardt Verlag 2 | 2023 [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Wissen kompakt: Schmerz-- ein-Aspekt des Körpererlebens Ruth Haas Das Erleben von Schmerzen begleitet Menschen über die Lebensspanne, ist nie nur körperlicher Natur und variiert von Mensch zu Mensch höchst individuell. Aber was ist Schmerz eigentlich? Schmerz ist gleichermaßen eine unangenehme Sinnesempfindung und eine emotionale Erfahrung (von Wachter 2021, 6). Die Weltschmerzorganisation (IASP = International Association for the study of pain) definiert Schmerz als »(…) ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer tatsächlichen oder drohenden Gewebsschädigung einhergeht oder einer solchen ähnelt« (IASP 2020, 2) (Übersetzung durch die Deutsche Schmerzgesellschaft). Wie beeinflusst ein Schmerz das Körper- / Leiberleben? Schmerz verengt die Wahrnehmung: Auslöser für Schmerzerleben können Verletzungen, Schädigungen und / oder Störungen von Körperstrukturen und -funktionen, aber auch emotionale Verletzungen sein. Schmerzen beinhalten retro- und prospektive Aspekte, indem einerseits ein voraussichtlich eintretender »Bei der Erfahrung intensiven Schmerzes kann die äußere Wahrnehmung zusammenbrechen. Die Schmerzgeplagte verliert den Sinn dafür, wo links, rechts oder oben und unten ist« (Lindemann 2017, 61). Schmerz, z. B. im Kontext eines Zahnarztbesuches, erwartet wird, andererseits wird die Erinnerung an einen bereits erlebten Schmerz im Schmerzgedächtnis gespeichert. Schmerzempfinden kann bei der Beobachtung von schmerzhaftem Geschehen bei Mitmenschen empathischer Natur sein (ebd.). Die IASP geht davon aus, dass Schmerz individuell unterschiedlich erlebt wird und durch biologische, psychologische und soziale Faktoren beeinflusst wird. Zudem werden Schmerz und Schmerzwahrnehmung voneinander unterschieden, da Schmerz nicht allein durch die Nozizeption über Schmerzneuronen entsteht. Menschen erlernen durch ihre Lebenserfahrung ein sogenanntes Schmerzkonzept (IASP 2020, 1). Die Möglichkeit, Schmerzerleben verbal zu beschreiben, erweist sich als begrenzt. Trotzdem wird empfohlen, verbale Berichte von Menschen bzgl. ihres Schmerzerlebens zu respektieren und ernst zu nehmen (ebd.). Schmerz als Sinneserlebnis kann durch die Beschreibung der Schmerzqualität, z. B. als brennend, stechend, bohrend oder reißend spezifiziert werden (Nobis / Rolke 2016, 4). Eine Annäherung an die Schmerzstärke kann durch eine Kategorisierung von 0-10 erfolgen. Die Kategorie »0« besagt, dass keine Schmerzen erlebt werden und »10« steht für einen maximal vorstellbaren Schmerz (Krause 2008, 35). Schmerz [ 94 ] 2 | 2023 Auf den Punkt gebracht trachtung aufgenommen werden (von Wachter / Hendrischke 2021, 1). Die Entstehung von körperlichem Schmerz basiert auf einem stufenweisen Prozess, der durch die Wahrnehmung eines Auslösereizes in den Nozizeptoren eingeleitet und dann nach Überschreitung eines Schwellenwertes über Nervenleitungssysteme zum zentralen Nervensystem (ZNS, Rückenmark und Gehirn) weitergeleitet wird (Richter 2022, 14). Neuronale Schaltkreise im ZNS können unmittelbare motorische Reaktionen auslösen, um z. B. die Schmerzursache unschädlich zu machen. Dies geschieht sehr schnell durch einen unbewussten Impuls. Durch das endogene Kontrollsystem kann die Schmerzwahrnehmung aber auch reduziert oder ausgeschaltet werden. Die Weiterleitung kann schon im Rückenmark gehemmt werden, wenn der Reiz als ungefährlich eingestuft wird (ebd., 15). Erreicht der Reiz die Großhirnrinde, ermöglicht dies die bewusste Wahrnehmung und Lokalisation des Schmerzes. Das limbische System verknüpft als zentrale Schaltstelle die hormonellen, vegetativen und psychischen Regulationssysteme und bewertet den Reiz auf kognitiver und emotionaler Ebene. Die Wahrnehmung der Schmerzstärke wird durch negative Emotionen wie u. a. Angst, Neid oder Scham verstärkt und durch positive Emotionen wie Freude verringert. Im Umkehrschluss können negative Emotionen körperlichen Schmerz auch auslösen (Richter 2022, 16). Ein Abgleich mit Schmerzerfahrungen in der Vorgeschichte und Erinnerungen an Schmerz-Vorbilder, z. B. wichtige Bezugspersonen, werden durch das limbische System aktiviert (ebd., 18). Emotionale Belastungen können zu einem verstärkten Muskeltonus und mittelfristig zu Schmerzen führen. Als Faktoren, die die Entwicklung von chronischen Schmerzen begünstigen, sind die individuelle Grundspannung (25 %), die Arbeit (65 %) und Angst sowie Ärger zu jeweils 10 % zu nennen (Nobis / Rolke 2016,10 f ). Gesellschaftliche Bewertungen und Bewältigungsstile beeinflussen zudem das Schmerzerleben und die Art, wie Schmerz gezeigt wird. Erfahrungen im Umgang mit Schmerzen sind kulturell geprägt. So unterscheiden sich z. B. Schmerztoleranz und -verhalten vor dem Hinterals Gefühlserlebnis beschreibt den emotionalen Aspekt, da Schmerz als quälend, erschöpfend oder zermürbend erlebt werden kann (Nobis / Rolke 2016, 5). Aus evolutionsbiologischer Perspektive kann Schmerz als Warnsystem vor einer drohenden (Gewebs-)Schädigung verstanden werden. Schmerzen weisen den Menschen auf Störungen im Körper hin, wie z. B. Wunden, Entzündungen oder Überbelastungen. Schmerz kann jedoch auch minimiert und sogar unterdrückt werden, um in einer Gefahrensituation weiter handlungsfähig zu bleiben (ebd.). Eine starke Aktivierung von Endorphinen bewirkt ein völliges Abschalten der Schmerzwahrnehmung (Richter 2022, 15). Aus medizinischer Sicht wird ein Schmerz als akut bezeichnet, wenn er weniger als 3 Monate andauert, eine helle, spitze Schmerzqualität aufweist und einer eindeutigen Ursache zuzuschreiben ist. Ziel ist es, die Schmerzursache sowie den Schmerz, z. B. durch die Gabe von Schmerzmedikation, zu beseitigen (von Wachter / Hendrischke 2021, 47). Schmerz kann sich zu einer anhaltenden gesundheitlichen Störung entwickeln, auch wenn eine somatische Verursachung nicht (mehr) gegeben ist (Nobis / Rolke 2016, 7). Chronische Schmerzen weisen eine Dauer von mehr als 3-6 Monaten auf, wandern häufig im Körper und werden als dumpf, ziehend und anhaltend beschrieben. Eine abgrenzbare Ursache ist nicht zu lokalisieren. Diese Aspekte lassen Menschen mit chronischen Schmerzen an ihrer eigenen Körperwahrnehmung zweifeln. Sie benötigen eine bio-psycho-soziale Begleitung, um Schmerzfreiheit und eine Verbesserung der Lebensqualität zu erlangen (ebd.; Richter 2021, 11). Für die Entstehung von Schmerzen und deren Bewältigung sollten immer sowohl körperliche als auch emotionale und kognitive Faktoren sowie das individuelle Verhalten mit in die Be- Bei Schmerzentstehung und -bewältigung sollten immer körperliche als auch emotionale und kognitive Faktoren sowie das individuelle Verhalten mit betrachtet werden. [ 95 ] Haas • Wissen kompakt: Schmerz-- ein-Aspekt des Körpererlebens 2 | 2023 [ 95 ] Haas • Wissen kompakt: Schmerz-- ein-Aspekt des Körpererlebens 2 | 2023 grund ethnischer Herkunft und dem Geschlecht. Frauen verfügen über eine höhere Sensibilität in der Nozizeption (Müller-Busch 2020, 13 f ). Die negative Konnotation von Schmerz muss durch eine erweiterte Sicht ergänzt werden. Schmerzen können bei exzessivem Sport treiben und in der Sexualität lustvoll erlebt werden oder werden aus ästhetischen Gründen in Kauf genommen (Müller-Busch 2020,13). Literatur International Association for the study of pain (ISAP) (Hrsg.) (2021): Terminology. Pain terms and definitions: PAIN. In: www.iasp-pain.org/ resources/ terminology/ #pain, 28.07.2020 Krause, R. (2008): Die visuelle Analogskala. Deutsche Zeitschrift für Osteopathie 6 (1), 35, Hippokrates, Stuttgart, https: / / doi.org/ 10.1055/ s-2008-1058058 Lindemann, G. (2017): Leiblichkeit und Körper. In: Gugutzer, R., Klein, G., Meuser, M. (Hrsg.): Handbuch Körpersoziologie. Band 1: Grundbegriffe und theoretische Perspektiven. Springer, Wiesbaden, 57-66, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-04136- 6_10 Müller-Busch, H. C. (2016): 1.5 Kulturgeschichte des Schmerzes.In: Nobis,H.-G.,Rolke,R.,Graf-Baumann, T. (Hrsg.): Schmerz- -- eine Herausforderung. Informationen für Betroffene und Angehörige---Offizielle Informationsschrift mehrerer Schmerzgesellschaften. 2. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg, 11-15, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-48974-1_1 Nobis, G.-H., Rolke, R. (2016): 1.2 Was ist eigentlich Schmerz? In: Nobis, H.-G., Rolke, R., Graf-Baumann, T. (Hrsg.): Schmerz- -- eine Herausforderung. Informationen für Betroffene und Angehörige- -- Offizielle Informationsschrift mehrerer Schmerzgesellschaften. 2. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg, 4-7, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-48974-1_1 Richter, J. (2022): Schmerz sucht Ursache. Neue Wege in der Schmerztherapie---mit Therapieempfehlungen und begleitenden Übungen. Springer, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978- 3-662-64904-6 Richter, J. (2021): Schmerzen verlernen. Die erfolgreichen Techniken und Übungen der psychologischen Schmerzbewältigung. 4. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978- 3-662-62687-0 von Wachter, M., Hendrischke, A. (2021): Psychoedukation bei chronischen Schmerzen. Manual und Materialien. 2. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-62282-7 von Wachter, M. (2021): Chronische Schmerzen. Selbsthilfe, Tipps und Fallbeispiele für Betroffene. 3. Aufl. Springer, Berlin / Heidelberg, https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-662-63231-4 Die Autorin Prof.in Dr. Ruth Haas Sportpädagogin und Diplom Motologin, Professorin für prozessorientierte Körper- und Bewegungstherapie an der Hochschule Emden / Leer Anschrift Prof.in Dr. Ruth Haas Hochschule Emden-Leer Constantiaplatz 4 D-26725 Emden ruth.haas@hs-emden-leer.de C E R TI F ICAT E P R O G RAM IN L A B A N / B A R T E N I E F F M O V E M E N T S T U D I E S Director: Antja Kennedy Phone: +49 30 52282446 info@eurolab-programs.com www.eurolab-programs.com Applic. De Summer Intensive in English in Berlin adline: Feb 24, 2023 .
