eJournals motorik46/2

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art18d
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2023
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Insight - Erfahrungen aus der Praxis: Ein Einblick in motologische und körperpsychotherapeutische Arbeit in einer Tagesklinik

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Charlotte Scheidt
Der folgende Beitrag rückt die motologische Erwachsenenarbeit in den Mittelpunkt.
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[ 96 ] 2 | 2023 Insight - Erfahrungen aus der Praxis [ INSIGHT - ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS ] Ein Einblick in motologische und körperpsychotherapeutische Arbeit in einer Tagesklinik Charlotte Scheidt Der folgende Beitrag rückt die motologische Erwachsenenarbeit in den Mittelpunkt. Meine Wurzeln stammen aus dem Masterstudiengang Motologie mit dem Schwerpunkt Körperpsychotherapie. Mein Setting Träger der LVR-Klinik ist der Landschaftsverband Rheinland (LVR). Als eigene Fachabteilung ist meine Abteilung »Psychosomatische Medizin und Psychotraumatologie« am Standort Köln Merheim. Dort arbeite ich als Körperpsychotherapeutin in der Tagesklinik 2, diese behandelt PatientInnen mit somatoformen Symptomatiken, Angststörungen, Depressionen, Essstörungen sowie Traumafolgestörungen. Mit der Ausrichtung auf ein psychodynamisches Verständnis von Symptomatiken knüpft die Haltung der Tagesklinik gut an das marburg’sche Sinnverstehen (Seewald 2007; Wolf 2019) an. Innerhalb meiner Tagesklinik gibt es drei Behandlungssettings: In zwei Settings behandeln wir gemischte Diagnosen und ein Setting hat Traumafolgestörungen zum Schwerpunkt. Das Angebot des multiprofessionellen Teams reicht weit: von mehrmals wöchentlicher Einzeltherapie, Gruppentherapie, Kunsttherapie, Körperpsychotherapie, psychoedukativen Gruppen über- Wochenendplanung, Akupunktur und sozialarbeiterischer Begleitung. Das Team ist Herzstück der tagesklinischen Arbeit. Ich erfahre unser Team als ein wertschätzendes Umfeld, das verschiedene Berufsgruppen in ihrer Qualität und Vielfalt sehr schätzt. Das Arbeitsfeld der Körperpsychotherapie ist im psychosomatischen Setting fest implementiert und zentraler Bestandteil des Behandlungskonzepts. Die Arbeit mit und über den Körper ist in psychosomatischen Leiden sowie in der Rückeroberung des Körpers und dessen Empfindens wesentlich. Als Körperpsychotherapeutin arbeite ich mit allen drei Settings zwei Mal wöchentlich. Die Bewegungsräume sind mit typischen psychomotorischen Materialien ausgestattet. Mein Berufsalltag Für die Beschreibung meines Berufsalltags bilde ich einen typischen Montag ab: Mein Montagmorgen beginnt um neun Uhr mit einer Körperpsychotherapie-Einheit von 75 Minuten. Meine Stunden strukturiere ich in Eingangsrunden, Erlebens-Einheiten und Reflexions-Abschlussrunden. Als Praxisbegleitung nutze ich die Sammlung »Körperpsychotherapie« von Dr. Wolf (2022). Meine typischen Stunden tragen Titel wie: Gruppendynamik über Seilarbeit oder »Wenn mein Körper sprechen könnte«. Nach der ersten Praxis-Einheit folgt die Dokumentation. Diese dient zum einen der Abrechnung der Therapieeinheiten sowie der inhaltlichen Dokumentation des therapeutischen Prozesses. Anschließend folgen zwei Teamsitzungen. Wir starten unser Team mit einer Einheit zur Selbstfürsorge, wie z. B. einem Teilen des persönlichen »Highlights« und »Lowlights« der Woche. Die Teambesprechungen sind ein intensiver Austausch aus den verschiedenen professionellen Perspektiven. Mal ist die Stimmung während des Teams bunt mit Bildern aus der Kunsttherapie, mal erschüttert von Lebensgeschichten, mal tieferfüllt von Fortschritten, die Menschen im Laufe ihres klinischen Aufenthalts er- [ 97 ] Haas • Wissen kompakt: Schmerz-- ein-Aspekt des Körpererlebens 2 | 2023 [ 97 ] Insight - Erfahrungen aus der Praxis 2 | 2023 leben. Immer ist eine wertschätzende Haltung der PatientInnen gegenüber zentral, ihre Genesung und der Weg dahin im Fokus. Meinen Tag beende ich mit einer weiteren Gruppeneinheit. Zentral für meine eigene psychische Entlastung ist die regelmäßig stattfindende Supervision. Abschließend möchte ich die Rahmenbedingungen meiner Stelle erläutern. Ich arbeite mit einer halben Stelle von 19,5 Stunden in der Klinik. Angestellt bin ich über meinen Master Motologie. Für die Arbeit in der Klinik eignet sich für Interessierte auch eine berufsbegleitende Ausbildung in der konzentrativen Bewegungstherapie (KBT). Mein theoriegeleiteter Zugang Stärkste Prägung und handlungsleitende Konzeption meiner therapeutischen Arbeit ist die Psychomotoriktherapie für Erwachsene nach Wolf (2019). Viele meiner Stunden habe ich selbst in dem Gymnastiksaal in Marburg erfahren dürfen und dies trägt große Früchte in meiner täglichen Arbeit. Für meine Einheiten in der Natur profitiere ich von Späker (2017) und seinem Seminar »Therapeutisches Arbeiten in der Natur«. Die sozialtheoretischen und feministischen Forschungen und Arbeiten von Wuttig (2016) fließen maßgeblich in meine Haltung ein. PatientInnen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen, mit Fluchterfahrungen, Verletzungen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder des Geschlechts benötigen einen sensitiven Blick auf soziale Strukturen und dessen Macht. Im klinischen Alltag ist es aus meiner Haltung wegweisend, emanzipatorische Arbeit im Sinne der Befreiung des Körpers von sozialen Einschreibungen zu leisten (Gregor 2020). Durch ein Zoom- Out auf gesellschaftliche Ebenen können aktuelle gesellschaftliche Krisen in den Behandlungsverlauf von PatientInnen mitgedacht werden. Meine Wirksamkeit Meine Wirksamkeit wird für mich vor allem in der Veränderung der PatientInnen sichtbar. In den KPT-Stunden, in der plötzlichen kindlichen Freude, die sich im Bewegungsraum breit macht, in den Tränen, die rollen, in den emanzipatorischen Momenten von Grenzen- Setzen und für sich Eintreten. Die Momente, in denen äußere und innere Bewegung entsteht. In vielen »Aha-Momenten« und auch Momenten der Diskrepanz, der Irritation zwischen Selbstbild und dem, was sich in den Stunden zeigt. Es ist eine wundervolle Eröffnung eines Raums, in dem der Körper sprechen darf. Ein sich selbst Neu-Kennenlernen, Neu-Verstehen, Wieder-Entdecken findet in den erlebbaren Einheiten ständig statt. Eine Patientin nimmt sich weicheres Material, um ihren schmerzenden Körper zu unterstützen, ein Patient findet einen Zugang zu seiner Verletzlichkeit, eine andere schleudert einen Ball mit voller Kraft gegen die Wand und bestärkt sich selbst: »Jetzt reichts. Ab jetzt geht es um mich! «. In meiner Arbeit erlebe ich viel Abspaltung von Körpererleben und insbesondere im Trauma-Setting eine große Angst vor der Konfrontation mit dem eigenen Körper. Meine Wirksamkeit liegt für mich in der motologischen Haltung und dem Menschenbild, dass die Symptome, mit denen die PatientInnen kommen, einen Sinn haben und eben die beste Möglichkeit des Organismus sind, mit ihrer Geschichte umzugehen. Es ist diese wertschätzende motologische Haltung, die PatientInnen in jedem Moment authentisch anzunehmen, wie sie jetzt im Moment sind. Schritt für Schritt gemeinsam zu gehen. Neben der recht ernsten Auseinandersetzung möchte ich zum Schluss noch an die Wurzeln der Psychomotorik erinnern und einen sehr bedeutenden Wirksamkeitsfaktor: PatientInnen lernen wieder zu spielen. Literatur Gregor, J. A. (2020): (Nicht-)Orientierende Skizzierungen. Einkörperung von Sozialität zwischen KörperTheorie und KörperPraxis. In: Müller, B., Spahn, L. (Hrsg.): Den LeibKörper erforschen. Phänomenologische, geschlechter- und bildungstheoretische Perspektiven auf die Verletzlichkeit des Seins. Transcript, Bielefeld, 131-149, https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783839445754-008 Späker, T. (2017): Natur- -- Entwicklung und Gesundheit. Handbuch für Naturerfahrungen in pädagogischen und therapeutischen Handlungsfeldern. Schneider Hohengehren, Esslingen Seewald, J. (2007): Der verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München Wolf, B. (2019): Sinnverstehende Psychomotoriktherapie mit Erwachsenen. Ernst Reinhardt, München Wolf, B. (2022): Körperpsychotherapie. 75 Therapiekarten. Beltz Verlag, Weinheim Wuttig, B. (2016): Das traumatisierte Subjekt. Geschlecht---Körper---Soziale Praxis. Eine gendertheoretische Begründung der Soma Studies. Transcript, Bielefeld, https: / / doi.org/ 10.1515/ 978 3839431542 DOI 10.2378 / mot2023.art18d Kontakt Charlotte Scheidt, M.A. Motologin und Gestalttherapeutin, seit 2021 tätig als Körperpsychotherapeutin in der Tagesklinik für psychosomatische Medizin und Psychotraumatologie der LVR-Klinik Köln. Aktuell im Aufbau einer nebenberuflichen Praxis für Gestalttherapie. Vorträge und Workshops zum Thema Körperpsychotherapie und Themen wie »Mein Körper---Meine Entscheidung«, gestalt.therapie@ posteo.de