motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art29d
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2023
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Impulse für die Praxis: Achtsamkeitsbasierte Körperwahrnehmung im Sportunterricht
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Elke Opper
Nadja Ritter
Eine gut ausgebildete Körperwahrnehmung spielt eine entscheidende Rolle für eine gesunde Entwicklung im Kindes- und Jugendalter.
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[ 146 ] 3 | 2023 Impulse für die Praxis [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Achtsamkeitsbasierte Körperwahrnehmung im Sportunterricht Elke Opper, Nadja Ritter Eine gut ausgebildete Körperwahrnehmung spielt eine entscheidende Rolle für eine gesunde Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Je feiner dabei die Selbstwahrnehmung erfahren wird, umso genauer spüren die Heranwachsenden, wie sie ihre innere Gemütslage selbst beeinflussen können und individuellen Stressoren auf die Spur kommen. So kann eine Körper- und Bewusstseinsschulung angeregt werden, die integraler Bestandteil der Achtsamkeitsarbeit ist (Kaltwasser 2016, 25). Achtsamkeit und Körperwahrnehmung stehen in einer engen Verbindung mit einem Fokus auf dem Spüren des eigenen Körpers, seiner Bewegungsmöglichkeiten und dem Wahrnehmen mit allen Sinnen. Dies gelingt mit einem bewussten Lenken der Aufmerksamkeit auf den gesamten Körper bzw. bestimmte Körperregionen und auch auf das Körperinnere. Bedingt durch die Corona-Pandemie haben wir eine eher körperlose und bewegungsarme Zeit mit einer weiteren Zunahme von Komplexität, digitalen Informationen und Stress erlebt. Marckhoff et al. (2022) konnten mit einer Online- Befragung von 11-17-jährigen Jugendlichen einen deutlichen Bewegungsrückgang bei gleichzeitiger Zunahme des Medienkonsums und eine Abnahme des psychischen Wohlbefindens feststellen. Dabei stehe die Verschlechterung des psychischen Wohlbefindens in Abhängigkeit zu dem Anstieg des Bewegungsmangels. Umso wichtiger ist es, Kindern und Jugendlichen über Bewegungsangebote wieder einen Zugang zu ihrem Körpererleben zu ermöglichen. Um möglichst viele Heranwachsende zu erreichen, ist die Schule ein geeignetes Setting. Für den Grundschulbereich bietet die Literatur ein breites Spektrum an Spielen und Übungen zur Körperwahrnehmung. Für die älteren Jahrgangsstufen ist die Auswahl an altersentsprechenden, abwechslungsreichen Übungen eher gering. Daher haben wir achtsamkeitsbasierte Spiele und Übungen über sechs Wochen (sechs Einheiten zu je 90 Minuten) mit 23 SchülerInnen der 6. Klasse im Sportunterricht der Joß-Fritz-Realschule Untergrombach ausprobiert. In Abb. 1: magnetische Körperteile (Foto: Nadja Ritter) [ 147 ] Impulse für die Praxis 3 | 2023 diesen Unterrichtseinheiten werden die Jugendlichen sensibel an Übungen zur Selbst- und Körperwahrnehmung herangeführt und lernen, mit Spannung und Entspannung, Bewegung und Ruhe, Schnelligkeit und Stillstand sowie mit positiven wie negativen (körperlichen) Empfindungen umzugehen. Im Folgenden stellen wir 7 Übungen, die mit den Jugendlichen besonders gut geklappt haben, exemplarisch vor. Start-Stopp-Spiele und Wechsel von An- und Entspannung Die magnetischen Körperteile zählen zu den Start-Stopp-Spielen, bei denen durch die Musik und die Rufe der Lehrkraft zusätzlich der auditive Sinn angesprochen wird. Die verzauberten Körperteile und Schüttel dich vermitteln den Jugendlichen den Wechsel zwischen An- und Entspannung. Magnetische Körperteile Die SchülerInnen laufen zur Musik durch die Halle. Beim Musikstopp nennt die Lehrperson ein Körperteil (z. B. Knie, Hand, Schulter), mit dem der Boden berührt werden soll (Abb. 1). Bei erneutem Musikeinsatz laufen die SchülerInnen weiter. Die Bewegungsformen werden variiert, z. B. Gehen, Hüpfen usw. Als Variation zeigt die Lehrperson eine Zahl und ein Körperteil. Die SchülerInnen finden sich in einer der Zahl entsprechenden Gruppe zusammen und berühren sich mit dem genannten Körperteil. Verzauberte Körperteile Die SchülerInnen bilden Paare und stehen sich gegenüber. Ein Kind lässt die Arme baumeln. Wird es von seinem PartnerInnen-Kind an einem Arm angetippt, »versteinert« dieser, d. h. der Arm wird fest angespannt und die Hand zur Faust geballt. Bei erneuter Berührung wird der Arm wieder ganz locker. Als Variation tippen die SchülerInnen verschiedene Körperteile (z. B. Arme, Beine, Kopf ) an und verformen diese (Abb. 2). Nach einer kurzen Anspannungsphase werden die Körperteile wieder gelockert. Anspannen und Entspannen-- Schüttel dich Zur Einstimmung verteilen sich die SchülerInnen in der Halle und spannen bei jedem Einatmen ihren Körper an, beim Ausatmen lassen sie die Spannung mit einem großen Seufzer los. Danach spüren die Kinder ihren Atem 10 Atemzüge lang ohne jegliche Anspannung. Nun beginnen sie zunächst ihre Füße zu schütteln, dann die Beine, weiter über Hüfte, Bauch und Brust, die Arme, den Kopf und Hals, bis sich der ganze Körper in einer Schüttelbewegung befindet. Zwischendurch ruft die Lehrperson immer wieder »Stillhalten! « Während dieser kurzen Pause spüren die Kinder nach, was in ihrem Körper vorgeht. In der Reflexion berichten die SchülerInnen, welchen Unterschied sie zwischen der An- und Entspannung und dem Schütteln und Stillhalten gespürt haben. Sensorische Körpererfahrung mit Erlebnischarakter Die drei sensorischen Sinne- - Tiefensensibilität, Muskel- und Gleichgewichtssinn- - sind besonders bedeutend für vielfältige Körpererfahrungen. Die Tiefensensibilität kontrolliert die Haltung und Bewegung, der Muskelsinn steuert den Bewegungsablauf von Muskeln, Gelenken und Sehnen und der Gleichgewichtssinn sorgt für Balance und eine gute Koordination der Bewegungen im Raum. Mit dem Aufzug abwärts werden alle drei Sinne angesprochen. Aufzug abwärts Die SchülerInnen heben eine Weichbodenmatte mit darauf liegender MitschülerIn über den Kopf hoch. Nun stellt sich das Kind vorsichtig auf der Matte auf und versucht mit leicht gebeugten Beinen in der Mitte des Weichbodens stehen zu bleiben. Die Lehrperson gibt ein Kommando, z. B. auf drei zählen, dann lassen alle SchülerInnen gleichzeitig die Matte los und treten schnell einen Schritt zurück. Das Kind auf der Matte versucht nach dem Landen der Matte auf dem Boden, möglichst aufrecht stehen zu bleiben. Der Fokus liegt auf dem Körperinneren Weitere Möglichkeiten der achtsamen Körperwahrnehmung gelingen mit Abb. 2: verzauberte Körperteile (Foto: Nadja Ritter) [ 148 ] 3 | 2023 Impulse für die Praxis einer Fokussierung auf das Körperinnere. Dies kann z. B. mit Atemübungen oder einem Body-Scan erfahren werden. Atem beobachten, Atem erforschen Die SchülerInnen verteilen sich in der Halle und die Lehrkraft fragt: »Habt ihr alle euren Atem dabei? Wo könnt ihr euren Atem am meisten spüren? « Die Kinder spüren mit dem Finger den Atem, z. B. unter der Nase, beim Heben und Senken des Brustkorbes, beim Heben und Senken des Bauches. In der Reflexion wird besprochen, an welcher der drei Stellen der Atem am intensivsten wahrgenommen wird. Body-Scan: eine achtsame Reise durch den Körper Die SchülerInnen bilden einen Kreis und legen sich mit geschlossenen Augen auf eine Matte (Abb. 3). Die Lehrperson leitet die achtsame Reise durch den Körper an: »Deine Arme und Hände ruhen seitlich neben deinem Körper. Spüre nun, wo dein Körper die Unterlage berührt. Vielleicht kannst du auch etwas von der Schwere deines Körpers an die Unterlage abgeben. Folge deinem Atemfluss und richte deine Aufmerksamkeit auf den linken Fuß, wandere in Gedanken dann sanft das linke Bein über das Kniegelenk hoch zur linken Hüfte, dann zum rechten Fuß und das rechte Bein hoch über das Kniegelenk weiter nach oben zur rechten Hüfte. Dann zum Becken und zur Wirbelsäule, Wirbel für Wirbel bis hoch zum Hals. Wandere nun sanft an den Seiten entlang zum Bauch und weiter zum Brustkorb. Spüre die Ausdehnung des Brustkorbes beim Einatmen und das Sich-Zusammenziehen beim Ausatmen. Lenke deine Aufmerksamkeit nun weiter zur linken Hand, den linken Arm langsam hoch zur linken Schulter. Dann gleite zur rechten Hand, zum rechten Arm bis hoch zur rechten Schulter. Dann weiter über den Hals zum Hinterkopf. Gleite dann sanft weiter zum Scheitelpunkt bis vor zum Gesicht. Was nimmst du im Gesicht wahr, was kannst du spüren? Lass den Unterkiefer leicht nach unten fallen. Nun strömt dein Atem durch den ganzen Körper, genieße die Frische und Energie dabei. Vielleicht kannst du etwas davon mit in den Tag nehmen.« Eine vereinfachte Version ist das Auflegen von bunten Pappen auf den Körper (Abb. 4). Dabei sollen die SchülerInnen erspüren, wo die Pappen liegen und es gemeinsam im Paar besprechen. Hierbei wird zusätzlich noch ein Abb. 3: Body-Scan (Foto: Nadja Ritter) Abb. 4: Körperwahrnehmung mit bunten Pappen (Foto: Martin Köhler) [ 149 ] Impulse für die Praxis 3 | 2023 achtsamer Umgang mit den MitschülerInnen eingeübt. Abschlussritual: Das kleine Tschüss Die SchülerInnen stellen sich mit offenen oder geschlossenen Augen im Kreis auf und fassen sich an den Händen (Abb. 5). Die Lehrperson schickt das »kleine Tschüss« auf die Reise, indem sie die rechte oder linke NachbarInnenhand drückt. Sobald die Kinder merken, dass ihre Hand gedrückt wurde, geben sie den Druck mit der anderen Hand an das nächste Kind weiter. Wenn der Händedruck wieder bei der Lehrperson ankommt, ist die Stunde beendet. Abschließend noch vier ausgewählte Zitate der SchülerInnen zu dem Unterricht mit achtsamkeitsbasierter Körperwahrnehmung: ■ »Ich finde es schön, dass wir aufeinander achten.« ■ »Mir haben besonders die Spiele wie ›Atem beobachten‹ und ›Magnetische Körperteile‹ gefallen.« ■ »Dass es sehr abwechslungsreich war.« ■ »Wir haben alle sehr gut zusammengearbeitet und es hat mir Spaß gemacht.« Die sechswöchige Unterrichtssequenz hat gezeigt, dass Spiele und Übungen zu achtsamkeitsbasierter Körperwahrnehmung eine wichtige Rolle im Sportunterricht spielen, um SchülerInnen verschiedenste Körpererfahrungen zu vermitteln und sie z. B. für Zusammenhänge zwischen Anspannung, Entspannung und Stressempfinden zu sensibilisieren. Literatur Kaltwasser, V. (2016): Praxisbuch Achtsamkeit in der Schule. Selbstregulation und Beziehungsfähigkeit als Basis von Bildung. Beltz, Weinheim / Basel Marckhoff, M., Siebald, M., Timmesfeld, N., Janssen, M., Romer, G., Föcker, M. (2022). COVID-19: Effects of Pandemic Related Restrictions on Physical Activity, Screen Time, and Mental Wellbeing in German adolescents. ZeitschriftfürKinderundJugendpsychiatrie und Psychotherapien (50), 313-326, https/ / : doi: 10.1024/ 1422-4917/ a000 867 DOI 10.2378 / mot2023.art29d Kontakt Prof. Dr. Elke Opper Akademische Oberrätin an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe Institut für Bewegungserziehung und Sport Bismarckstr. 10 76133 Karlsruhe elke.opper@ph-karlsruhe.de Nadja Ritter nadjaritter@web.de Abb. 5: das kleine Tschüss als Abschlussritual (Foto: Martin Köhler)
