eJournals motorik46/4

motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art37d
7_046_2023_4/7_046_2023_4.pdf101
2023
464

Forum Psychomotorik: Der Körper als Kapital(-Ressource) - eine notwendige und perspektivreiche Erweiterung psychomotorischer/motologischer Theoriebildung

101
2023
Ernst-Ulrich Huster
Michael Wendler
Die Menschenrechte sprechen jedem Menschen das Recht auf Wahrung seiner Persönlichkeit zu. Der Umgang mit dem eigenen Körper steht dabei zentral, doch wird dessen Ausgestaltung und Handhabung in hohem Maße sozial selektiv mitgeprägt. In Bourdieus konflikttheoretischem Modell ist der Körper Teil des Habitus, prägt diesen stark vor und bestimmt dessen Beharrungstendenz. Auf der anderen Seite sind es neue körperliche, sensomotorische Erfahrungen, die zu seiner Modifikation führen können. Gerade diese Eigenschaft ist es, die die Psychomotorik/Motologie aufnehmen, ausbauen und im Dienste einer Inklusion sozial Ausgegrenzter nutzen sollte.
7_046_2023_4_0008
Zusammenfassung / Abstract Die Menschenrechte sprechen jedem Menschen das Recht auf Wahrung seiner Persönlichkeit zu. Der Umgang mit dem eigenen Körper steht dabei zentral, doch wird dessen Ausgestaltung und Handhabung in hohem Maße sozial selektiv mitgeprägt. In Bourdieus konflikttheoretischem Modell ist der Körper Teil des Habitus, prägt diesen stark vor und bestimmt dessen Beharrungstendenz. Auf der anderen Seite sind es neue körperliche, sensomotorische Erfahrungen, die zu seiner Modifikation führen können. Gerade diese Eigenschaft ist es, die die Psychomotorik/ Motologie aufnehmen, ausbauen und im Dienste einer Inklusion sozial Ausgegrenzter nutzen sollte. Schlüsselbegriffe: Körper als Kapital, Habitus, Habitus-Struktur- Diskrepanzen, Habitusmodifikation, Bildungsgerechtigkeit The body as a capital (resource)-- a necessary and promising extension of psychomotor / motological theory formation A fundamental condition of Human Rights is the preservation of personality. The Handling of the own body is pivotal but its design and handling is to a large extent socially selectively co-determined. In Bourdieu’s conflict-theoretical model, the body is part of the habitus, strongly predetermines it and determines its tendency to persist. On the other hand, it is new bodily, sensorimotor experiences that can lead to its modification. It is precisely this characteristic that psychomotricity / motology should take up, develop and use in the service of inclusion of the socially excluded. Keywords: body as capital (resource), habit, habitus-structure discrepancies, habit modification, educational equity [ 199 ] [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] motorik, 46. Jg., 199-205, DOI 10.2378 / mot2023.art37d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2023 Der Körper als Kapital(-Ressource)-- eine notwendige und perspektivreiche Erweiterung psychomotorischer/ motologischer Theoriebildung Ernst-Ulrich Huster, Michael Wendler Wie »frei« ist der Mensch geboren? Jean-Jacques Rousseaus »Du Contract Sociale« aus dem Jahr 1762 formulierte als Fanal der Französischen Revolution, damit der bürgerlichen Gesellschaft, ein durchaus vitales Bild: »Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten« (1968, 30). Diese Aussage setzte das Freiheits- und Gleichheitsideal des Bürgertums von den feudalen Grenzsetzungen ab und forderte deren Überwindung. Es wurde aber sichtbar, dass damit keineswegs alle sozialen Schranken innerhalb der Gesellschaft endgültig überwunden waren. Vielmehr erkannte- - im Vorgriff auf Karl Marx-- schon Georg Wilhelm Friedrich Hegel, dass neben dem Bürgertum eine neue Klasse im Entstehen begriffen war. Er konstatierte, diese sei als Folge der »Vereinzelung und Beschränktheit der besonderen Arbeit und damit [durch] die Abhängigkeit und Not« unfähig zur »Empfindung und des Genusses der weiteren Freiheiten und besonders der geistigen Vorteile der bürgerlichen Gesellschaft« (1970, 389). Die Beschreibung »der weiteren Freiheiten« und deren soziale Brechung bringt eine terminologische Differenz im 19. Jahrhundert bei der Zuordnung der jungen Menschen zum Ausdruck, nämlich die Differenz zwischen Jüngling und Jugendlichem (Herrmann 1985, o.S.). »Jüngling«, das war der männliche Spross aus bürgerlichen oder adligen Kreisen- - er erfuhr meist eine privat organisierte Erziehung und Bildung, fand [ 200 ] 4 | 2023 Forum Psychomotorik dann den Weg zum universitären Studium und/ oder zur Offizierslaufbahn. Körperlich betätigte er sich standesgemäß-- in der Mensur einer Kooperation und/ oder bei der militärischen Ausbildung. Seine Sexualität »erprobte« der Spross eines »guten Elternhauses« meist an in abhängiger Dienerschaft tätigen jungen Frauen, während die Zeugung von gesellschaftlich anerkanntem Nachwuchs nur nach einer standesgemäßen Ehe erfolgen durfte. »Jugendlicher« hingegen war der Spross proletarischen Ursprungs, galt als ungezügelt, zu harter Arbeit verpflichtet, körperlich übergriffig und sexuell maßlos, so dass Bestrafungen zur Domestizierung dieser rohen Körperlichkeit geradezu als notwendig erschienen. Bildung kam als Wert eine geringe Bedeutung zu, beschränkt auf die Vermittlung basaler Grundkenntnisse. Diese soziale Ausdifferenzierung schlug sich auch bei der Entwicklung von Breitensport nieder. Die von Friedrich Ludwig Jahn ins Leben gerufene Turnerbewegung zielte vor allem auf junge Männer des Bürgertums, die körperliche Disziplin und Kampfbereitschaft erproben sollten. Diese Turnerbewegung schloss de facto die »Jugendlichen« aus. Doch entgegen der Zuschreibung aus bürgerlichen Kreisen verspürten auch diese Jugendlichen das Bedürfnis nach Freizeit und einen körperlichen Ausgleich zur Industriearbeit. Sie setzten weitgehend auf Gruppenspiele, hier vor allem auf den Fußball. 1848 wurde in Bochum der erste Fußballverein gegründet- - als Verein für die berufstätigen Jugendlichen (Huster 2015, 63 ff.). Die sozialen Klassen der bürgerlichen Gesellschaft verbindet die Forderung nach Freiheit. Was aber darunter zu verstehen ist, darüber besteht von Anfang an Dissens. Freiheit impliziert Persönlichkeitsbildung, Persönlichkeitsbildung ist an Körperlichkeit in seiner sozialen Differenz gebunden. Hierbei gibt es Entwicklungen- - im 20. Jahrhundert verschwindet die Bezeichnung »Jüngling« fast vollständig, während der Begriff »Jugendlicher« nunmehr alle männlichen Nachkommen meint. Es treten andere Distinktionswege und -formen an deren Stelle, die aber darin übereinstimmen, dass »Frei-Sein« immer auch einen sozial selektierenden Bestandteil aufweist. Der »Körper« als Kapital-- Pierre Bourdieus Interpretation der »feinen Unterschiede« Pierre F. Bourdieus konflikttheoretische Theorie sozialer Differenzierung ordnet sich diesem historischen Kontext zu. Den Marxschen Kapitalbegriff aufgreifend, differenziert er diesen über den Bereich des produktiven Kapitals hinaus aus und bestimmt drei Kapitalsorten: das ökonomische, das soziale und das kulturelle. Das ökonomische Kapital umfasst bei ihm alle ökonomischen Werte. Das soziale Kapital greift mit Marx die soziale Interaktion zwischen Menschen in vergleichbarer sozialer Stellung auf. Angesichts des Aufbrechens bisheriger Milieus geht Bourdieu über eine zu enge Klassenbindung hinaus, sieht aber weiterhin Grenzen beim Überspringen sozialer Schranken. Das kulturelle Kapital schließlich- - bei Marx als Klassenbewusstsein gefasst- - erfährt die deutlichste Erweiterung. Bourdieu unterteilt es in: a. das objektive kulturelle Kapital in Gestalt materieller Kulturgüter, b. das institutionelle kulturelle Kapital in Gestalt von Bildungsabschlüssen und c. das inkorporierte kulturelle Kapital. Mit Marx führt er die jeweilige Zuteilung der Kapitalsorten und deren Ausmaß auf Verteilungsprozesse in der Gesellschaft zurück: in ihnen kommen gesellschaftliche Machtverhältnisse zum Tragen. Wichtig für die Verhaltensformen des Einzelnen-ist nach Bourdieu das inkorporierte kulturelle Kapital. Hier knüpft Bourdieu sicher am deutlichsten an Marx Vorstellungen von Klassenbewusstsein an, ohne allerdings diesen Begriff im Sinne eines politischen zu gebrauchen. Er geht davon aus, dass Menschen einer sozialen Klasse, also Personen mit vergleichbarer Kapitalausstattung, über ähnliche Handlungsoptionen verfügen. Diese generalisierten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster subsummiert er unter dem Begriff des Habitus. Bourdieu leitet von dieser Annahme ab, dass schichtspezifische Lebensstile bestehen, welche sich bereits Kinder aneignen. Somit beeinflusst der klassenspezifische Lebensstil der Eltern bzw. des sozialen Umfeldes die Konstitution des Habitus der nachfolgenden Generation. Durch diesen Kreislauf wird der Habitus »sozial vererbt« (Bourdieu 1983; Schütte 2013). [ 201 ] Huster • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 [ 201 ] Huster, Wendler • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 Welche Rolle spielt dabei die Körperlichkeit? Bourdieu ordnet den Körper als »physisches Kapital« seinem Kapitalmodell zunächst als eigenständige Kapitalform zu (Bourdieu 1986, 106), doch differenziert er dieses sofort nach Geschlecht und nach sozialer Stellung. Letztlich ordnet er die Einstellung zum Körper dem Habitus zu. Und dieser Habitus ist geprägt von den klassenbezogenen Wertvorstellungen der sozialen Gruppierungen: »Mühelos ließe sich zeigen, dass diese z. B. mit ›Körperertüchtigung‹ höchst unterschiedliche Hoffnungen und Erwartungen verknüpfen: Wo für die einen eine sichtbar athletische Muskulatur im Vordergrund steht, versprechen sich die anderen eher Eleganz, Anmut und Schönheit; wo es den einen um Gesundheit geht, erhoffen sich die anderen eher seelische Ausgewogenheit, usw. Mit anderen Worten: Klassenspezifische Verteilung sportlicher Praktiken gründet nicht alleine in der ungleichen Verteilung der notwendigen Mittel zur Deckung der damit verbundenen wirtschaftlichen wie kulturellen Kosten; sie verweist zugleich auf eine unterschiedliche Wahrnehmung und Einschätzung der mit den einzelnen Praktiken kurzbzw. langfristig gegebenen Vorteile« (ebd., 107). Das Verhältnis zum eigenen Körper ist damit »das zentrale Unterscheidungskriterium von unteren und privilegierten Klassen sowie innerhalb letzterer«. Bei den breiten Schichten des Volkes konstatiert Bourdieu ein »instrumentelle(s) Verhältnis zum eigenen Körper«. Bezogen auf Sport werden hier solche Arten mit einem kämpferischen Einsatz präferiert. Die »privilegierten Klassen« zielten dagegen mehr auf eine »Stilisierung« des Lebens, der Körper werde als »Zweck an sich« behandelt. Bourdieu verweist hier auf unterschiedliche Formen des Gesundheitskultes, »der nicht selten mit asketischer Leidenschaft« gepaart sei. Zugleich komme es zur Erscheinungsform »Leib- - für- - andere«, also einer nach außen gerichteten Performance von Fitness und körperlicher Attraktivität (ebd. 110). Dieses hat dann auch Konsequenzen für die Verteilung des sozialen Kapitals, denn je nach sozialer Stellung finden sich AnhängerInnen einzelner Bewegungsformen und Sportarten zusammen: Dadurch perpetuiert sich aber zugleich die Verteilung des sozialen Kapitals, ökonomische Preise, mitzubringende Einstellungen und Verhaltensformen wirken zusammen und prägen ihrerseits den Habitus. Körper und Habitus Je nach sozialer Stellung werden unterschiedliche Formen körperlicher Betätigung praktiziert, zugleich weichen der aufgebrachte Aufwand und die zeitliche Intensität erheblich voneinander ab. Kinder und Jugendliche passen sich ihren elterlichen Vorbildern an. Zugleich wird deutlich, dass Kinder bzw. Jugendliche mit einem ausgeprägten »physischen Kapital« bemüht sind, dieses in den »Sport- und Bewegungsmarkt« einzubringen und dadurch Zugang zu einem anderen sozialen bzw. zu mehr ökonomischem Kapital zu bekommen (Bourdieu 1986, S. 106). Wichtig ist: Der Habitus ist insgesamt vorbestimmt, aber er kann auch modifiziert werden-- genau durch den Prozess, der ihn konstituiert hat, nämlich reflektierte Handlung über sensomotorische und/ oder musisch ästhetische Selbstwirksamkeitserfahrung (Bourdieu 2014, 113). Anders als bei der derzeitigen kindlichen Förderung praktiziert, sollte nicht die Kognition, sondern die Bewegungsförderung und/ oder die ästhetische Erziehung im Vordergrund stehen, die aber jeweils reflexiv zurück zu koppeln sind. Es geht also um Persönlichkeitsförderung als Voraussetzung auch kognitiver Prozesse. Hier zeigen sich Anknüpfungspunkte zur sensomotorischen, zur motologischen Forschung und zu der der ästhetischen Erziehung. Wenn Menschen nach ihrer sozialen Stellung über eine eigene Ausprägung des Habitus als Folge unterschiedlicher Teilhabe an ökonomischem, sozialem und kulturellem Kapital verfügen, dann bedarf es ausdifferenzierter Strategien zu deren Modifikation. Da dem Körper dabei eine besondere Bedeutung zukommt, bedarf es einer sozial abgeschichteten Vorgehensweise. Der Habitus ist vorbestimmt, kann aber-modifiziert werden - über Selbstwirksamkeitserfahrungen. [ 202 ] 4 | 2023 Forum Psychomotorik Soziale Inklusion in Abhängigkeit eigener Handlungsmöglichkeiten Die Auseinandersetzungen mit dem Körper als kulturelles Kapital liefern auf der einen Seite Hinweise für die Annahme, dass der gesellschaftliche Status hierzulande von Generation zu Generation weitergegeben wird. Auf der anderen Seite aber bestehen gesellschaftliche Normen wie etwa die der Chancengerechtigkeit und institutionelle Vorgaben etwa eines allgemeinen Bildungssystems und einer allgemeinen Gesundheitsvorsorge, die eben dieses durchbrechen sollen. Diese Anforderungen der Gesellschaft brechen sich an der unterschiedlichen Kapitalausstattung von Menschen, die besondere Defizite aufzuweisen haben. Innerhalb der Armutspopulation unterscheidet Schütte vier Cluster (2013, 220 ff ). Die »isolierten Inaktiven« verfügen kaum über eigene Potenziale, haben kein förderndes soziales Umfeld und sehen nicht die Aneignungsgelegenheiten, die ihnen die Gesellschaft anbietet. Nicht viel besser ist die Lage der »eingebundenen Hasardeure«, die zwar ein förderndes Umfeld haben, deren eigene Verfasstheit allerdings diese durch eigenes Verhalten konterkariert, so dass auch sie die Vorteile der gesellschaftlichen Angebote meist nicht nutzen können. Besser haben es die »entfremdeten Einzelkämpfer«, die einige persönliche Ressourcen mitbringen, obwohl sie kein förderliches Umfeld haben. Die »vernetzten Macher« schließlich sind auf der persönlichen Ebene aktiv, werden im sozialen Umfeld gestützt und finden den Weg zu den vielfältigen Angeboten der Gesellschaft. Auf die letzten beiden Gruppen sind bislang die bestehenden Hilfesysteme auch im psychomotorischen Bereich vorwiegend ausgerichtet. Schwierig wird es bei den ersten beiden Clustern, vor allem bei den »isolierten Inaktiven.« Auch für sie gilt das Recht auf freie Persönlichkeitsentwicklung. Aber es bleibt meist Appell, der sich am Habitus dieser Personengruppe bricht. Soll hier eine Habitusmodifikation greifen, bedarf es eines umfangreichen und langwierigen Prozesses der Neu-Erfahrung über psychomotorische und/ oder musisch-ästhetische Verunsicherung, Förderung und kommunikative Begleitung. Im Zentrum der Bemühungen des Fachgebiets Psychomotorik/ Motologie stehen Bewegung und Körper, der auf die eine oder andere Weise bewegt wird. Ausgangspunkt einer Erweiterung der Theoriebildung ist die Erkenntnis, dass »Körper« nicht etwas »authentisches« oder »natürliches« ist, sondern ein historisch gewordenes und geformtes soziales Konstrukt (Wendler / Huster 2015, 3 ff.). Körperlichkeit bzw. Körperschema und -bewusstsein sowie die sozial-gesellschaftliche Eingebundenheit dürfen folglich nicht mehr in der Entwicklung von Theorie- und Praxiskonzepten voneinander getrennt werden, sondern verweisen geradezu systematisch aufeinander. Innerhalb dieser Auseinandersetzung gibt der Fachdiskurs »Soziologie des Körpers« wertvolle Hinweise (Tab. 1), der den Körper einerseits als gesellschaftliches Produkt begreift und andererseits auch als Produzent von Gesellschaft ansieht und untersucht, wie körperliche Praktiken zur Herstellung, Stabilität und zum Wandel sozialer Ordnungen beitragen (Gugutzer 2006, 17). Auf das Handlungsfeld der Körpererfahrungen in der Psychomotorik angewendet, erweitern diese Blickwinkel beispielsweise die Frage- Analytische Dimension der Soziologie des Körpers Körper- und Leib- Erfahrungen Körperumwelt Körperrepräsentation Körperdiskurs Körperformung Fragestellungen Wie wird der Körper gespürt? Wie wird der Körper kommuniziert? Was symbolisiert der Körper? Wie wird der Körper diskursiv hervorgebracht? Wie wirkt Gesellschaft auf den Körper ein? Forschungsthemen der Körper als Ort von Leiberfahrungen der Körper als Thema von subsystemischen Kommunikationen der Körper als Träger von Zeichen, Zuschreibungen der Körper als Objekt von Wissensformen, Deutungsmustern der Körper als Objekt von Strukturen, Institutionen, Technologien Tab. 1: Körper als gesellschaftliches Produkt und Produzent von Gesellschaft [ 203 ] Huster • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 [ 203 ] Huster, Wendler • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 stellung »was und wie wir uns spüren« in der Weise, dass auch kontextuelle Bezüge wie z. B. »wie und in welchen Zusammenhängen wir uns spüren« gezielter wahrgenommen und reflektiert werden können, um die gesellschaftlich-kulturelle Formung des »sich Spürens« erkennen zu können (Gugutzer 2006, 16). Erst dadurch wird deutlich, dass der empfindende Körper sowohl als Subjekt als auch als Objekt von Erkenntnisbildung erscheinen kann. Weitere thematische Erweiterungen könnten z. B. sein: ■ Wahrnehmen des eigenen Körpers (Selbstwirksamkeit und Attraktivität als soziale Erfahrung), ■ spürende Wahrnehmung der Leiblichkeit (ästhetisch-sinnliche Wahrnehmung als kulturelle Empfindung), ■ Umgang mit dem eigenen Körper (etwas für den eigenen Körper tun, heißt etwas für sich selbst tun), ■ körperliche Präsentation gegenüber anderen und mit anderen (Unabhängigkeit durch Körperbewandtnis) (Terhart 2014, 65). Mit dem Ansatz des »Embodiments« (Verkörperung) liegt zudem hinsichtlich der Veränderung verinnerlichter »Rollenbilder« ein vielversprechender, interdisziplinärer Blick auf das systemische Regulationswerk zwischen Menschen und Umwelt vor, dass sich in der dynamischen Wechselbeziehung zwischen biologischen, psychischen, sozialen und kognitiven Prozessen ständig verändern kann (Tschacher 2006, 15). Embodiment bezeichnet ein neueres theoretisches Paradigma, dass den Einbezug des Körpers als Basis von Kognition und Emotion beschreibt und deshalb fordert, diese Perspektive mit ausdrücklichem Bezug auf körperliche Aktivitäten und deren Wechselwirkungen zu betrachten (Tschacher / Storch 2017, 118). Mit der Einbeziehung des Körpers in kulturell geprägte Beziehungs- und Veränderungsprozesse werden beziehungsbetonende Standardthemen selbstverständlich, weil sie in Verbindung mit aktuellen Lebensthematiken (z. B. Stärkung des Selbstbewusstseins) stehen. Bildung der Wahrnehmungsfähigkeit über den Körper nach innen und außen ist die Grundlage für jede Interaktion mit anderen. Sensibilität, Empathie und Perspektivübernahme werden dieser Rubrik zugeordnet und als sozial-emotionale Entwicklungsbereiche thematisiert. Auch die Mitteilungs- und Ausdrucksfähigkeit der eigenen Person ist als kommunikative Kompetenz bedeutsam. In Form verschiedener Reflexionstechniken findet sie sich in verbalen und nonverbalen Äußerungen sowie im Formulieren von Wünschen, Bedürfnissen und Gefühlen wieder. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wahrnehmungs- und Ausdrucksfähigkeit kann in ihrer Ausgestaltung in verschiedenen Rollen- und Symbolspielen oder für Kinder und Jugendliche eher zunächst außergewöhnlichen Szenarien wie bspw. Schattenspiel zum Ausdruck kommen. In diesen Erfahrungsfeldern können sie im spielerischen Handeln mit dem eigenen Körper angeregt werden, um die Fähigkeit Kooperationen durchzuführen, eigene Stimmungen zum Ausdruck zu bringen oder auch Konflikte wahrzuzunehmen. Erweiterung körperlicher Ausdrucksmöglichkeiten in Bildungseinrichtungen Durch die Ausweitung körperlicher Ausdrucksmöglichkeiten, die die komplementäre Verbundenheit zwischen Individuum und kulturspezifischen Gegebenheiten kontrastreich aufzeigen und sich reflexiv auswerten lassen, erhalten Kinder und Jugendliche die Chance einer bewussten Auseinandersetzung, Aneignung und Kompetenzerweiterung in eben diesem Feld. Erst dadurch erhalten sie die Möglichkeit ihren eigenen individuellen Habitus und seine Eingebundenheit an kollektiven Teildimensionen (Milieu, Geschlecht u. a.) zurückzubinden und damit adäquater in ihrem Selbst-Sein abzubilden. Eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Habitus und das Verstehen kollektiver Strukturen erweitern somit den Fokus für das der Person zugrundeliegende Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Handeln und Bewerten. Zugleich eröffnet dieses Verstehen auch die Überwindung möglicher Habitus-Struktur-Diskrepanzen, die durch verinnerlichte Muster im Zusammentreffen mit ande- [ 204 ] 4 | 2023 Forum Psychomotorik ren AkteurInnen, aber auch durch Orte, Zeiten, Rhythmen, Rituale entstehen. Erst dadurch lassen sich die kulturellen Auswirkungen auf die eigene Person verstehen (»Bei uns im Dorf gab es als Bewegungsangebot eigentlich nur einen Fußballverein«). Ziel muss es daher sein, Bewegung, Spiel und Sport aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen und eine breitgefächerte Bewegungs- und Körperkultur mit den spezifischen Weisen ihrer Thematisierung anzubieten (Kämpfen, Tanzen, Entspannen) sowie die dort anzutreffenden Habitusformationen des Spielens, Leistens, Wagens und Gestaltens zu reflektieren. Die Auseinandersetzung bedeutet aber auch, sich körperlich und leiblich auf ungewohnte / fremde Bewegungs- und Sportbereiche einzulassen: überzeugte FußballerInnen widmen sich möglicherweise dem Tanzen mit all seinen Ausdrucksformen (z. B. Tango). Die damit einhergehenden Unsicherheiten, Verunsicherungen und Neuorientierungen bieten aber eine überzeugende Bildungsmöglichkeit für alle, die die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit dem Phänomen Körperlichkeit und Bewegung selbstwirksam für sich entdecken können. Erschwerend kommt aber hinzu, dass sich der Habitus als System dauerhafter Dispositionen des Wahrnehmens, Denkens, Handelns, Fühlens und Bewertens als veränderungsträge erweist (Schmitt 2006, 18). Im Sinne der »Akkulturation« von Bourdieu (2001, 45) muss auch das Fachgebiet Psychomotorik/ Motologie seine bisherigen Erkenntnisse und Praxiserfahrungen aus den zahlreichen Körper- und leib-sinnlichen Konzepten verstärkt in den Bildungseinrichtungen in Prozesse des Gegensteuerns sozialer »Vererbungen« von Ungleichheiten ausrichten, um Kindern und Jugendlichen eine Erweiterung ihres inkorporierten Kulturkapitals zu ermöglichen und ihren Habitus im Spiegel gesellschaftlicher Formung zu verändern. Während die psychomotorische Praxis im Elementarbereich flächendeckend, jedoch ohne weitreichende Berücksichtigung sozialer Inklusion, ausgebaut werden konnte, findet sie innerhalb von Schulen in Deutschland keine Rolle mit Breitbandwirkung. Allenthalben hat sich die Psychomotorik/ Motologie als Alternative oder Ergänzung zum klassischen Sportunterricht in der Schule, trotz einiger mehrjähriger Schulversuche mit positiven Effekten (z. B. HKM 2007- 2012 u. a.), etablieren können. Mittlerweile ist das Konzept der »bewegten Schule« weniger ein Konzept zur spezifischen Bewegungsförderung als Antwort auf zunehmenden Bewegungsmangel, sondern vielmehr ein Konzept zur Integration von Bewegung in schulische Lern- und Arbeitsprozesse (Brägger et al. 2019, 289). Das Aufgreifen und die Ausweitung der Idee der bewegten Schule in allen Bundesländern fußt bisher jedoch auf überzeugende Ergebnisse der Lernforschung und Neurodidaktik als auf Impulsen der motologischen Forschung. Anforderungen an eine motologische Theoriebildung Neben Fragestellungen zur Realisierung eines generellen Angebots und den Zugangsmöglichkeiten bleibt die o. g. Forderung nach einer Konzepterweiterung bestehen, die insbesondere den Umgang mit Heterogenität (Spannbreite in der Gesamtentwicklung hinsichtlich Sprache, Intelligenz, Vorkenntnisse, Lernstrategien, affektive und motivationale Bedingungsfaktoren) didaktisch-methodisch ebenso aufgreift wie strukturelle Merkmale der Familie (»Schicht«, Milieu, Sprache, Kultur, Erziehung) sowie deren Auswirkungen auf das Selbstkonzept, einschließlich der Lern- und Entwicklungsbedingungen. Als zu integrierende Paradigmen motologischer Theoriebildung müssen ■ die mangelnde Einbindung und Partialisierung von Forschungsergebnissen aus dem Feld der Soziologie des Körpers (Gugutzer 2006), ■ die unzureichende lebensweltliche Verankerung und die wenig sozialdifferenzierende Subjektperspektive in der Vorgehensweise körper- und bewegungsorientierter Praxis Überwindung von Habitus-Struktur- Diskrepanzen durch körperliche Ausdruckserfahrungen [ 205 ] Huster • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 [ 205 ] Huster, Wendler • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 ■ sowie die daraus resultierende geringe Anwendungsrelevanz in Theorie, Praxeologie und Forschung verstärkt im Fachdiskurs eingebunden und als iteratives und rekursives Wechselspiel von Austausch und Verständigung mit den Betroffenen umgesetzt werden (Schemme 2017, 18). Diese strukturellen Bedingungsfaktoren dürfen jedoch nicht der (Re-)Konstruktion sozialer Unterschiede dienen, sondern müssen im Sinne einer Pädagogik der Vielfalt die individuellen Bildungsvoraussetzungen berücksichtigen, so dass eine förderliche, chancengerechte und nicht-diskriminierende Lern- und Entwicklungsumgebung für alle geschaffen werden kann. Literatur Bourdieu, P. F. (1983): Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital und soziales Kapital. In: Kreckel, R. (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten. Schwartz, Göttingen Bourdieu, P. F. (1986): Historische und soziale Voraussetzungen modernen Sports. In: Hortleder, G., Gebauer, G. (Hrsg.): Sport-- Eros-- Tod. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 91-112 Bourdieu, P. F. (2001): Wie die Kultur zum Bauern kommt. Über Bildung, Schule und Politik. VSA, Hamburg Bourdieu, P. F. (2014): Soziologische Fragen. Suhrkamp, Frankfurt am Main Brägger, G., Hundeloh, H., Posse, N., Städler, H. (2019): Bewegung und Lernen. Konzept der Praxis bewegter Schulen. In: https: / / publikationen.dguv.de/ regelwerk/ dguv-informationen/ 3469/ bewegung-undlernen, 13.3.2023 Gugutzer, R. (2006): Der body turn in der Soziologie. Eine programmatische Einführung. In: Gugutzer, R. (Hrsg.): body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports. transcript, Bielefeld, 9-56, https: / / doi.org/ 10.1515/ 9783839404706 Hegel, G. W. F. (1970): Werke. Band 7. Frankfurt am Main, Suhrkamp. Herrmann, U. (1985): Der »Jüngling« und der »Jugendliche«. Männliche Jugend im Spiegel polarisierender Wahrnehmungsmuster an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland. Geschichte und Gesellschaft, 11. Jg. H. 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 205-216 Huster, E.-U. (2015): Der Körper zwischen Instrumentalisierung und Selbstbestimmung-- Leitbilder im 19. und 20. Jahrhundert. In: Wendler, M., Huster, E.-U. (Hrsg.): Der Körper als Ressource in der Sozialen Arbeit. Grundlegungen zur Selbstwirksamkeitserfahrung und Persönlichkeitsbildung. Springer VS, Wiesbaden, 61-80, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3- 658-08778-4_5 Huster, E.-U., Wendler, M. (2015): Der Körper als Ressource der Sozialen Arbeit. In: Huster, E.-U., Wendler, M. (Hrsg.): Der Körper als Ressource der Sozialen Arbeit. Grundlegungen zur Selbstwirksamkeitserfahrung und Persönlichkeitsbildung. Springer VS, Wiesbaden, 3-12, https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-658-08778-4_1 HKM-Kultusminsterium Hessen (2010): Bildung braucht Gesundheit. In: http: / / www.bildungkommt-ins-Gleichgewicht.de/ index_htm_files/ Broschuere_Schnecke_2010.pdf, 10.03.2023 Rousseau, J. J. (1968): Der Gesellschaftsvertrag. Reclam, Stuttgart Schemme, D. (2017): Kritische Überlegungen zu theoretischen und methodologischen Fragestellungen einer gestaltungsorientierten Forschung und ihren Rahmensetzungen in Reformprogrammen. In: Schemme, D., Nowak, H. (Hrsg.): Gestaltungsorientierte Forschung- - Basis für soziale Innovationen. Bertelsmann, Bielefeld, 15-46 Schmitt, L. (2006): Symbolische Gewalt und Habitus- Struktur-Konflikte: Entwurf einer Heuristik zur Analyse und Bearbeitung von Konflikten. CCS Working Paper, No. 2. In: https: / / www.researchgate.net/ publication/ 279644098, 13.3.2023 Terhart, H. (2014): Körper und Migration. Eine Studie zu Körperinszenierungen junger Frauen in Text und Bild. Transcript, Bielefeld, https: / / doi.org/ 10.1515/ transcript.9783839426180 Tschacher, W. (2006): Wie Embodiment zum Thema wurde. In: Storch, M., Cantieni, B., Hüther, G., Tschacher, W. (Hrsg.): Embodiment. Huber, Bern, 11-27 Tschacher, W., Storch, M. (2017): Grundlagen des Embodiment-Ansatzes in den Humanwissenschaften. motorik, 40, 3, 118-126, http: / / dx.doi. org/ 10.2378/ mot2017.art20d Schütte, J. D. (2013): Armut wird »sozial vererbt«. Status Quo und Reformbedarf der Inklusionsförderung in der Bundesrepublik Deutschland. Springer VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-01 898-6 Die Autoren Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster Politologe, Professor für Politikwissenschaft Ev. Hochschule Bochum RWL und Privatdozent an der Universität Gießen Herderstraße 22 35415 Pohlheim ernst-ulrich.huster@t-online. de Prof. Dr. Michael Wendler Dipl. Motologe, Professor für Bewegungspädagogik/ Motopädagogik Ev. Hochschule Bochum RWL Immanuel Kantstr. 16-18 44803 Bochum wendler@evh-bochum.de