motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2023.art39d
7_046_2023_4/7_046_2023_4.pdf101
2023
464
Impulse für die Praxis: Machtvolle Spielereien
101
2023
Peter Keßel
Fiona Martzy
Im Folgenden sollen Lehr-Lernsituationen als Reflexionsmöglichkeiten von Macht beschrieben und analysiert werden. Ziel der Auseinandersetzung ist es, unbewusste Einschreibungen von Machtverhältnissen (z.B. zwischen Fachkraft und Kind oder Hochschullehrkraft und Studierenden) sichtbar und explizit zu machen.
7_046_2023_4_0010
[ 209 ] Impulse für die Praxis 4 | 2023 [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Machtvolle Spielereien Über den Zugang zur eigenen Reflexivität das Thema Macht in psychomotorischer Praxis entdecken und erspüren Peter Keßel, Dr. Fiona Martzy Im Folgenden sollen Lehr-Lernsituationen als Reflexionsmöglichkeiten von Macht beschrieben und analysiert werden. Ziel der Auseinandersetzung ist es, unbewusste Einschreibungen von-Machtverhältnissen (z. B. zwischen Fachkraft und Kind oder Hochschullehrkraft und Studierenden) sichtbar und explizit zu machen. Bereits bei Kiphard zeigte sich, dass viele Kinder in spielerischen Situationen gerne die Macht über Erwachsene haben. Für (angehende) psychomotorische Fachkräfte erscheint es sinnvoll, die eigene »Gewordenheit« (Seewald 2007, 98) besser zu verstehen, um in der psychomotorischen Praxis mit Macht und ihrer spielerischen Umkehrung reflektiert umgehen zu können. Dazu werden sowohl eine charakteristische Situation, die in psychomotorischen Angeboten immer wieder auftaucht, als auch eine geeignete Erfahrungssituation im Aus- und Weiterbildungssetting analysiert. Situation des »Einsperrens« In psychomotorischen Angeboten entstehen häufig Situationen, in welchen Variationen von Machtspielen sichtbar sind, z. B. Diebe und PolizistInnen, wilde Tiere und ihre WärterInnen oder beim Bespielen von gebauten Burgen, Gefängnissen oder Höhlen. Oft werden hierbei Erwachsene »eingesperrt« oder mit Seilen »gefesselt«. Wenn die erwachsene Person diese Situation als Rollenspiel zulässt und sich im So-tunals-ob-Modus der Macht der Kinder unterwirft, können Kinder wertvolle Erfahrungen machen. Dennoch behält die erwachsene Person die Kontrolle auf einer zweiten Ebene (Seewald (2022) spricht von Kontrolle zweiter Ordnung): allein aufgrund körperlicher Überlegenheit wäre es für die Erwachsenen mehr oder weniger jederzeit möglich, sich aus dem Gefängnis zu befreien oder sich von den Fesseln zu lösen. Zum einen ist das aus Sicherheitsgründen für die gesamte Gruppe notwendig, zum anderen liegt darin die Kontrolle auf zweiter Ebene. Dies führt zu der Verantwortung der erwachsenen Person, wie sie das Spiel mitgestalten möchte und worin sie ihre Aufgabe sieht. Die psychomotorische Fachkraft könnte diverse Überlegungen anstellen: Welches ist meine Rolle? Soll ich mich auf erster Ebene komplett der Macht der Kinder unterwerfen? Soll ich jammern und Angst »spielen«? Damit nehme ich die Kinder (im Spiel) in Verantwortung für mich und unsere Beziehung. Soll ich klagen und gespielt drohen, dass sie mit einer Rache zu rechnen hätten? Dies könnte (im Spiel) den Druck der Kinder erhöhen, über mich die Macht zu behalten oder sich zu sorgen, was später als Rache zu erwarten wäre. Es gibt auch die Möglichkeit, entgegen der Anweisungen der Kinder, aus dem Gefängnis auszubrechen o. Ä. Möglicherweise erhöht dies den Spielwert der Kinder, da sie sich im Besonderen herausgefordert fühlen, das »widerborstige Gegenüber« in den Griff zu bekommen. Es kann aber ebenso Kinder überfordern, so dass sie frustriert sind und ihr Spiel als »zerstört« betrachten. Hier können sich frühere Erfahrungen der Kinder von Machtlosigkeit wiederholen oder verstärken, was nicht im Sinne des psychomotorischen Angebots sein sollte. Für solche Situationen existiert keine Rezeptologie- - psychomotorische Fachkräfte müssen dafür auf der Basis von fachlicher Kompetenz (aufbauend auf Fachwissen) und möglicherweise Hintergrundwissen über die Kinder sowie dem stetigen feinfühligen Dialog (verbal- - nonverbal- - tonisch) mit den Kindern, reflektieren und im Sinne des Verstehenden Ansatzes situativ und individuell entschei- [ 210 ] 4 | 2023 Impulse für die Praxis den (Seewald 2007, 97 ff ), worin sie ihre Aufgabe im Spiel sehen und somit ihre Macht im Sinne der positiven Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder einsetzen (Keßel 2022, 192). Vergleichbare Situationen, in welchen sich das Machtthema zeigt, können sich beim Ringen und Raufen zwischen der psychomotorischen Fachkraft und einem Kind wiederfinden. Die Fachkraft kann im Spiel ähnliche Reflexions- und Entscheidungsprozesse um die eigene Rolle durchleben. Neben der Frage, wer »obenauf« ist, lohnt sich auch der Blick auf die Thematik des (Fest-)Haltens und Loslassens als psychosoziale Modalität in Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung (Erikson 1965). Obwohl »Halten« im Ringen und Raufen eher mit der »erfolgreicheren«, machtvolleren Position assoziiert ist, steckt für das Gegenüber im »Gehalten-Werden« möglicherweise auch eine Ebene des »Versorgt-Werdens«. Die Rolle des »Gehalten-Werdens« muss demnach nicht unangenehm sein und kann bei der haltenden Person wiederum Verantwortung spürbar machen, die mit Macht verbunden ist. Situation des »Führens und Folgens« Für die Anregung zur Auseinandersetzung mit der Machtthematik in Aus- und Weiterbildungsprozessen bieten sich Situationen des eigenen Erlebens an. Dazu kann eine bekannte Praxissituation des gegenseitigen Führens und Folgens zweier Personen dienen. Die führende Person gibt der folgenden Person Anweisungen, was sie in z. B. einer aufgebauten Bewegungslandschaft (oder einem anregenden Naturraum) zu tun hat: wo sie hingehen soll, wie sie Hindernisse überwinden soll, ob sie hüpfen soll etc. Nach einigen Minuten werden die Rollen gewechselt und die führende Person wird zur folgenden usw. Bei dieser Aufgabe steht häufig der Aspekt der Sozialerfahrung im weitesten Sinne im Vordergrund. Wenn man den Paaren nun die Kommunikationsmöglichkeiten mit jedem Wechsel zunehmend einschränkt (z. B. »Gib Deine Anweisungen nur noch mittels Gesten- - nur noch mittels Mimik und Kopfbewegungen- - nur noch mittels Deines Blicks und von Augenbewegungen«) wird üblicherweise der Fokus auf Kommunikation und die damit verbundenen Herausforderungen gelegt. Darüber hinaus expliziert sich darin jedoch auch eine Machtthematik zwischen der führenden und der folgenden Person, die es zu reflektieren lohnt: Wie war es für Dich, einer anderen Person folgen (»gehorchen«) zu müssen? Wie war es, über eine andere Person zu bestimmen, mit der Du (normalerweise) auf Augenhöhe agierst? Was für Momente gab es für Dich als folgende Person, in denen Du überlegt hast, nicht zu folgen und wie bist Du damit innerlich umgegangen (was hast Du dabei in Dir körperlich gespürt)? Von welchen Anweisungen hast Du als führende Person bewusst Abstand genommen, weil es Dir widerstrebte, diese zu geben- - und woher kommt dieser innere Widerstand (bzw. wo spürst Du diesen Widerstand körperlich)? Eine weitere Ebene kommt durch die zunehmend eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten zusätzlich ins Spiel: Wie ging es Dir damit, dass Du als führende Person nicht mehr (präzise genug) kommunizieren konntest, was die folgende Person zu tun hat (und hat das Deine innere, körperliche Wahrnehmung verändert)? Wie ging es Dir damit, dass Du als folgende Person nicht mehr verstehen konntest, was Du tun sollst (und hat das Deine innere, körperliche Wahrnehmung verändert)? Wie sehr hat die folgende Person sich aus Deiner Wahrnehmung heraus noch ernsthaft bemüht, Dich zu verstehen und Deine Anweisungen umzusetzen (und was macht das mit Dir als führende Person)? Wie gut war es Dir als folgende Person möglich, aus den eingeschränkten Kommunikationssignalen der führenden Person eine sinnvolle Vorgabe zu konstruieren und wie wichtig war es Dir, die richtige Anweisung abzuleiten? Situation der (Ohn)Macht Wenn man die Situation des Führens und Folgens mit stark eingeschränkten Kommunikationsmöglichkeiten genau betrachtet, bleibt zwar die wichtige Ebene des tonischen Dialogs. Aber gerade in Aus- und Weiterbildungssituationen kann dies von unerfahrenen Menschen als Überforderung wahrgenommen werden. Was dann bleibt, ist eine klar vorgegebene Machtsituation mit aufgeteilten Rollen in Führen und Folgen, bei möglicherweise gefühlter Entmachtung durch die Einschränkungen der Aufgabenstellung. Somit liegt die Macht in dieser Situation weder bei der führenden noch bei der folgenden Person. Streng genommen liegt die Macht bei der Person, die diese Aufgabe stellt bzw. die Einschränkungen vorgibt. Das Machtgefälle in dem Moment muss aber keinen Bestand haben: die führenden und folgenden Personen könnten beschließen, die Aufgabe zu verweigern oder die vorgegebenen Regeln nicht einzuhalten. Damit würden sie der aufgabenstellenden Person die Macht entziehen bzw. würden sie sich der Macht nicht »unterwerfen«. Und abschließend lassen sich auch hier verschiedene Reflexionsebenen im Anschluss aufzeigen. Zum einen wird damit deutlich, warum Lernende in Lehr-Lernsituationen möglicherweise Aufgabenstellungen »eigenmächtig« abändern, ignorieren oder [ 211 ] Huster • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 [ 211 ] Impulse für die Praxis 4 | 2023 sich diesen verweigern. Hier lohnt der professionelle Blick auf Machtstrukturen, um einen Machtkampf zu verhindern (oder zu eröffnen? ) und eventuell die Aufgabenstellungen in Frage zu stellen oder auch Entwicklungspotenziale zu erkennen. Zum anderen können Lernende aus dem eigenen Erleben heraus durch eine reflektierte Auseinandersetzung mit solchen Situationen im Aus- und Weiterbildungskontext ihre Perspektive auf Verhaltensweisen anderer Menschen (nicht nur derer von Kindern) erweitern und den Blick für Machtthematiken empathisch schärfen bzw. das Gespür für den entwicklungsunterstützenden Umgang damit zu stärken. Literatur Erikson, E. H. (1965): Kindheit und Gesellschaft. 2. Aufl. Klett, Stuttgart Keßel, P. (2022): Macht- - (k)ein Thema in psychomotorischen Angeboten? motorik 45 (4), 187-193, https: / / doi. org/ 10.2378/ mot2022.art34d Seewald, J. (2022): Verhalten verstehen. In: nifbe (Hrsg.): Jedes Verhalten hat seinen Sinn. Herausfordernden Kindern in der KiTa begegnen. Herder, Freiburg, 47-57 Seewald, J. (2007): Der verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München / Basel DOI 10.2378 / mot2023.art39d Die AutorInnen Peter Keßel Dipl. Motologe, Referent für Transfer und Vernetzung am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung Dr. Fiona Martzy Dipl. Motologin, Transferwissenschaftlerin am Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung Anschrift Niedersächsisches Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe) Jahnstr. 79 49080 Osnabrück peter.kessel@nifbe.de fiona.martzy@nifbe.de • Psychomotorik-Interventionen bei Verhaltensauffälligkeiten • Motor Behavior Checklist bei auffälligem Verhalten • Herzfrequenzvariabilität und Entspannungsverfahren • Berührung • Moving Seniors • Bodyshaming • Psychomotorik und ICF Vorschau auf die nächsten Hefte
