motorik
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Bericht: 10. Weltkongress für Psychomotorik in Verona
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Simone Reichenau
Judith Sägesser
Vom 4. bis am 7. Mai 2023 fand in Verona der 10. Weltkongress für Psychomotorik statt, welcher vom Ciserpp (Centro Italiano di Studi e Ricerche in Psicologia e Psicomotricità) in Zusammenarbeit mit der Organisation Internationale de Psychomotricité et de Relaxation (OIRP), dem European Forum of Psychomotricity (EFP) sowie anderen Partnerorganisationen organisiert wurde.
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[ 216 ] 4 | 2023 Aktuelles / Kurz berichtet Vom 4. bis am 7. Mai 2023 fand in Verona der 10. Weltkongress für Psychomotorik statt, welcher vom Ciserpp (Centro Italiano di Studi e Ricerche in Psicologia e Psicomotricità) in Zusammenarbeit mit der Organisation Internationale de Psychomotricité et de Relaxation (OIRP), dem European Forum of Psychomotricity (EFP) sowie anderen Partnerorganisationen organisiert wurde. Es nahmen knapp 600 PsychomotoriktherapeutInnen aus 35 Ländern teil, darunter waren rund 200 Studierende. Ungefähr 20 Fachkräfte aus deutschsprachigen Ländern boten Präsentationen und Workshops zu vielfältigen Themen aus der Psychomotorik an. Es ging unter anderem um Themen wie den möglichen Beitrag der Psychomotorik in Krisenzeiten, die Wirksamkeit von psychomotorischen Interventionen, Psychomotoriktherapie unter Einbezug der Eltern, Grafomotorik oder Psychomotorik im Frühbereich und in der Psychiatrie. Im Folgenden werden zufällig ausgewählte Keynote Lectures und Workshops beleuchtet, um Lesenden, welche nicht dabei sein konnten, ein paar Einblicke zu geben. Einblick 1: Eröffnungspodium unter der Leitung von Silvia Cattafesta, Italien Im Eröffnungspodium wurden das Fundament der Profession und Julian di Ajuriaguerra, Giselle Soubiran und Suzanne Naville als GründerInnen der Psychomotorik geehrt. Das Zitat von Ajuriaguerra- - »Non cercate di riparare, ma di offrire la liberta di esistere«- - bleibt aktuell und erlaubt, den Bogen von den Wurzeln in die Gegenwart und Zukunft zu schlagen. Die Psychomotorik orientiert sich über alle Landesgrenzen hinweg an einem humanistischen Menschenbild. Die Freiheit zu existieren und das Erleben von Selbstwirksamkeit im eigenen Handeln, sowie die soziale Teilhabe für alle Menschen sind zentrale Werte unseres Berufsstandes. Demnach stehen auch die KlientInnen mit ihren individuellen Eigenschaften und Bedürfnissen im Mittelpunkt unserer Arbeit. Einblick 2: Identität und Zukunft der Psychomotoriktherapie: Keynote Lecture von Rui Fernando Roque Martins, Portugal Rui Fernando Roque Martins aus Portugal legte seine Überlegungen zur Identität und zur Zukunft der Psychomotorik anhand der drei zentralen Achsen Profession, Wissenschaft und Politik dar. In Bezug auf die Profession sei es die Beziehungsmediation, die die Psychomotoriktherapie ausmache: »Die körperliche Erfahrung in Verbindung mit den psychischen Mechanismen in einer affektiven Beziehung erfordert nicht nur den Fokus auf die Körpererfahrung der KlientInnen, sondern auch auf die eigene Körpererfahrung der PsychomotoriktherapeutInnen. Um sich auf eine Beziehung mit einer tonischemotionalen Dimension einzulassen, muss die TherapeutIn ihre emotionalen und psycho-korporalen Fähigkeiten einsetzen können.« Bezüglich der Forschung stelle sich vor allem die Frage, ob die Psychomotorik eine eigene wissenschaftliche Disziplin oder eine komplementäre Methode sei, da PsychomotoriktherapeutInnen in ihren Interventionen verschiedene Instrumente und Methoden aus anderen Disziplinen nutzen. Klar sei jedoch, dass die Psychomotoriktherapie ihre eigene Forschung brauche, um den KlientInnen die bestmögliche Therapie zu garantieren. Zudem sei die Forschung eine Voraussetzung für die berufspolitische Anerkennung. Auf der politischen Ebene schließlich bestehe die Herausforderung darin, die Spezifität sowie den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Nutzen einer Unterstützung von Menschen mit spezifischen Beeinträchtigungen durch die Psychomotoriktherapie klar zeigen und benennen zu können. Das Zusammenspiel dieser drei Achsen ist tatsächlich entscheidend für die Entwicklung, Verankerung und Finanzierung der Psychomotoriktherapie- - heute und in Zukunft. Damit werden beispielsweise die (Weiter-) Entwicklung der Studiengänge, die zunehmende Etablierung der fachspezifischen Forschung, innovative Praxisprojekte sowie berufspolitische Ziele angesprochen. Auf allen drei Achsen sind die interne und externe Vernetzung und die Kommunikation zentral. Diesbezüglich bot der Kongress eine exzellente Gelegenheit, sich mit BerufskollegInnen aus dem In- und Ausland über die vielfältigen Herausforderungen und Entwicklungsschwerpunkte der Psychomotorik auszutauschen. Es konnten Beziehungen geknüpft, Inspirationen geteilt und Projekte angedacht werden, welche die Profession hoffentlich in Zukunft stärken. Einblick 3: Psychomotoriktherapie als Teil der Friedensarbeit, Keynote Lecture von Martin Vetter, Deutschland Martin Vetter aus Deutschland sprach über die aktuelle Situation in Europa und der Welt. Im Mittelpunkt stand die 10. Weltkongress für Psychomotorik in Verona [ 217 ] Huster • Der Körper als Kapital(-Ressource) 4 | 2023 [ 217 ] Aktuelles / Kurz berichtet 4 | 2023 Frage: »Is there a professional contribution in times of war and crisis? « Eine spannende und berechtigte Frage in einer Zeit, in der Millionen von Menschen in Kriegs- und Krisengebieten aus ihrem Lebenskontext gerissen werden und Lernen für unzählige Kinder aufgrund traumatischer Erfahrungen kaum mehr möglich ist. Die Psychomotoriktherapie, so Vetter, »verfügt über eine langjährige Erfahrung in der Unterstützung von Kindern mit besonderen Bedürfnissen und in besonderen Lebenslagen, über Kompetenzen in der Arbeit mit Eltern und in der Beratung von Institutionen«. Diese Erfahrung könne genutzt werden, um über Spiel und Bewegung Selbstheilungsprozesse anzuregen, alternative Umgangsformen mit traumatischen Erfahrungen zu finden und eigene Lernwege (wieder-)zu entdecken. Vetter skizzierte neue Interventionsmöglichkeiten der Psychomotoriktherapie unter anderem in der Friedensarbeit im Sinne einer »psychomotorischen, inneren Friedenserziehung«. Damit könne ein Beitrag zur sozialen, strukturellen und politischen Gleichheit und Gerechtigkeit bei der Bewältigung von aktuellen Krisensituationen geleistet werden. Dieser Vortrag zeigte gesellschaftlich aktuelle und notwendige Entwicklungsmöglichkeiten für die Profession Psychomotorik auf, indem das spezifische Potenzial für die Friedensarbeit in Europa dargelegt wurde. Es stellen sich Fragen wie: Welche Voraussetzungen, welche Sensibilisierung, welches Wissen müssen erarbeitet werden, damit diesem Anspruch wirklich entsprochen werden kann? Kann es gelingen, psychomotorische Interventionen so zu gestalten, dass sie nicht ethnozentrisch sind und diverse kulturelle und sozialen Faktoren einbeziehen? Einblick 4: Feminismus und Psychomotorik/ Motologie, Julieta Jacobi und KollegInnen, Studierende der Motologie und Psychomotorik aus Deutschland Julieta Jacobi und Anna Elsässer aus Deutschland stellten eine Arbeitsgruppe des Berufsverbands der Motologie e. V. (BVDM) vor, die sich mit den Schnittmengen von Feminismus und Motologie / Psychomotorik beschäftigt. Die Arbeitsgruppe bietet einen Raum für Austausch und Reflexion, um feministische Themen in der Motologie / Psychomotorik, in der eigenen Arbeit sowie im berufspolitischen Kontext zu verankern. Ihr Verständnis von Feminismus ist machtkritisch, intersektional, kapitalismuskritisch, vielfältig, solidarisch, empowernd und lustvoll. Einblick 5: Einheitliche Standards in der Psychomotoriktherapie, Keynote Lecture Franco Boscaini, Italien Am letzten Kongresstag schlug Franco Boscaini den Bogen von den Anfängen der Psychomotorik bis in die Gegenwart. Er betonte, dass es nicht verschiedene »Psychomotoriken« gebe (etwa beziehungsorientiert, funktional, kognitiv, sprachlich, sozialpädagogisch, rehabilitativ usw.), sondern dass Psychomotorik eine »Metadisziplin« sei: »Sie ist weder Medizin noch Psychologie, sondern befasst sich mit dem Menschen in seiner Gesamtheit«. Boscaini schloss seinen Vortrag mit der treffenden Aussage: »Amare la Psicomotricità è amare la persona«. Boscainis Ausführungen lenken die Gedanken Zuhörender möglicherweise zu den Berufsaufträgen und den Indikationen für Psychomotoriktherapie im eigenen Land. Verbindliche Aussagen dazu, was die Psychomotorik ist und leistet, sind notwendig, um die Profession rechtlich und finanziell zu verankern. Diese sind je nach Region oder Land unterschiedlich und trotzdem ist es zentral, sie in die »eine Psychomotorik« einzuordnen und nicht »verschiedene Psychomotoriken« zu definieren. Der Kongress war für die Teilnehmenden sowohl auf persönlicher als auch auf professioneller Ebene vielfältig, bunt und inspirierend. Den Abschluss bildeten Dankesreden, Blumensträuße und Verabschiedungen. Insbesondere der Hauptorganisatorin, Präsidentin des italienischen Berufsverbandes, Dozentin und Wissenschaftlerin Dr. Silvia Cattafesta wurde für ihre große und wertvolle Arbeit gedankt. Simone Reichenau, Judith Sägesser
