eJournals motorik47/1

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2024.art07d
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2024
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Insight - Erfahrungen aus der Praxis: Insight Hamburg Tollhafen

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2024
Ivo Hoin
Unter dem Stichwort »Tollhafen« findet man in Hamburg ein Projekt der Bewegungsförderung der Bürgerstiftung Hamburg. Bürgerstiftungen sind in zahlreichen Kommunen entstanden. Sie bündeln neben Spenden und Zustiftungen auch Zeitspenden engagierter BürgerInnen und leisten Stiftungsarbeit in den Bereichen Kultur, Politik, Bildung, Integration und Inklusion.
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[ 41 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 1 | 2024 [ InsIght-- ErfahrungEn aus dEr PraxIs ] Insight Hamburg Tollhafen Ivo hoin Unter dem Stichwort »Tollhafen« findet man in Hamburg ein Projekt der Bewegungsförderung der Bürgerstiftung Hamburg. Bürgerstiftungen sind in zahlreichen Kommunen entstanden. Sie bündeln neben Spenden und Zustiftungen auch Zeitspenden engagierter BürgerInnen und leisten Stiftungsarbeit in den Bereichen Kultur, Politik, Bildung, Integration und Inklusion. Mein Setting Das Projekt »Tollhafen« entstand im Rahmen einer gemeinsamen Recherche von mir und PartnerInnen in der Stiftung. Wir hatten den Auftrag, ein Angebot der Bewegungsförderung in der offenen Kinder- und Jugendarbeit eines bildungs- und ökonomisch benachteiligten Stadtteils zu entwickeln. Nach Auswahl eines Hamburger Stadtteils und einer Einfeldsporthalle ohne Schulanbindung (Besitzer ist das städtische Wohnungsunternehmen SAGA) wurde ein erster Entwurf für einen jährlichen Betrieb erstellt. Dabei wurde das Institut für urbane Bewegungskulturen e. V. als Fördervertragspartner der Bürger Stiftung Hamburg ausgewählt. In einem seit 15 Jahren fortwährendem Prozess, wird jeweils zum Jahresende ein neuer Fördervertrag erstellt, mit Budget und inhaltlicher Veränderung falls nötig. Diesem Verein stelle ich meine freiberufliche Arbeit in Organisation und Durchführung meiner (psychomotorischen) Arbeit in Rechnung. Als Projektleiter habe ich eine Berichtspflicht der Stiftung gegenüber. Inhaltliche Veränderungen werden gemeinsam diskutiert und beschlossen. Das praktische Arbeiten in den Stadtteilen findet durch mich und ein Team von bis zu 15 ÜbungsleiterInnen statt. Mittlerweile führt der Verein seine Bewegungsförderung in den Hamburger Stadtteilen Veddel, Wilhelmsburg und Rothenburgsort durch. Diese Quartiere sind in ihrer Größe und ihrer Bevölkerungsstruktur nicht profitabel für Mehrspartensportvereine. Fußball für Jungen und Männer ist oft das dominierende Angebot im Bereich von Bewegung und Sport. Als Arbeitsauftrag ergibt sich daher für unser Projekt, aber auch für weitere Institutionen aus dem Bereich des Sozialraums (Haus der Jugend, Spielhaus, Elternschule, Kindertagesstätten) die Umsetzung des Rechts auf Spiel gemäß UN-Kinderrechtskonvention (Artikel 31). Mein Berufsalltag Heute, nach einer Entwicklung von unterschiedlichen Projektbausteinen, ist der treffendste Ausdruck meiner Arbeit: Bewegungsraumbaumeister oder Spielraumbaumeister, wenn man Außenräume und Innenräume gleichermaßen einschließen will. An verschiedenen Tagen der Woche sind wir Mieter von Sporträumen (drinnen und draußen). Diese Räume werden durch mich oder unter meiner Anleitung gestaltet. Dabei gilt es mittlerweile die Alterspanne zwischen 1 Jahr und 16 Jahren abzudecken. Zum Start des Projektes 2009 waren Kinder zwischen 3 Jahren und vielleicht Schulkindern bis Klasse 4 angesprochen. Ihnen sollte durch einen »Spielplatz im Raum« plus lose bereitgestellte Materialien ein offenes Bewegungsangebot gemacht werden. Recht schnell drängte sich mir das Arbeitsfeld »Psychomotorik im Gemeinwesen« auf. So wurde durch Kooperation und vernetztes Arbeiten mit den ortsansässigen Kindertagesstätten, Spielhäusern und Schulen in allen genannten Stadtteilen ein Angebot geschaffen, dass diese Institutionen einlädt, mit ihren Kindergruppen zu kommen und die Bewegungsräume zu erobern. Dabei handelt es sich in Hamburg Wilhelmsburg um eine Zweifeldhalle und einen 120 m² großen Bewegungsraum mit Parkett und Fußbodenheizung. Der Ort wurde durch die Stadt Hamburg im Rahmen der IBA 2013 (internationale Bauausstellung) SBZ, Sprach- und Bewegungszentrum, getauft. Im Stadtteil Veddel arbeite ich in der Sporthalle Veddel und auf dem von uns so genannten Mobilplatz, einer Spielanlage mit Erweiterungsmöglichkeiten. In Rothenburgsort baue ich Bewegungslandschaften als indoor- (im Spielhaus Traunspark) und outdoor-Spielplatz Traunspark auf. [ 42 ] 1 | 2024 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis Für die Elternschule in Rothenburgsort wird unabhängig vom Projekt Tollhafen ein weiteres Bewegungsangebot von mir als Referent / Übungsleiter durchgeführt. In Rothenburgsort gibt es keinen Sportverein mit breiter Mehrspartenorganisation und auch keinen Bereich der Psychomotorik. Als eine Besonderheit meines Berufsalltags gilt: ich arbeite Samstag und Sonntag von teilweise morgens bis 22 Uhr. Nachvollziehbarerweise (Ganztag in den Schulen, Berufstätigkeit der Eltern) sind diese Wochentage prädestiniert für Kinder, die mit Elternbegleitung (aber auch ohne) mit Zeit und Lust ein bewegungskulturelles Angebot wahrnehmen können. Ich pendele teilweise zwischen den verschiedenen Standorten hin und her, je nachdem, wie kompetent jeweils die Spielplätze im Raum konzipiert und gebaut wurden. Mein theoriegeleiteter Zugang Ich nahm / nehme mir verschiedene Wurzeln für mein praktisches Tun. Als Diplompädagoge mit großem Studienblock am Fachbereich Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg haben mich die Professoren Tiwald, Weinberg und Knut Dietrich beeinflusst. Spezialwissen habe ich ergänzend von Klaus Miedzinski und Klaus Fischer zum Thema Bauen und Bewegen (Miedzinski / Fischer 2009), und von Prof.in Zimmer (Zimmer 2019) und Prof. Jan Erhorn (Erhorn 2012) für den Bereich Sprache und Bewegung erhalten. Recht eingängig war mir ein Gedanke von Knut Dietrich und anderen (Dietrich / Heinemann 1989), die Bewegung und Spiel von Kindern aus einer Forschungsperspektive der Beobachtung des Straßenspiels der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts betrachteten: Der zu gestaltende Raum für Spiel und Sport ähnelt metaphorisch dem Theater. Es gilt eine Bühne zu bereiten, auf der sich AkteurInnen entfalten können mit verschiedensten Fähigkeiten. Ist die Bühne attraktiv und einladend genug, entwickelt sich in der Regel nach Dietrich und Heinemann (1989) Spiellust, Neugier, Gestaltung von Spielen und auch praktisches Verändern der Spielwelt. Gerne von Größeren zu Kleineren tradiertes Spielgut beobachteten Dietrich und andere (ebd.) in den Sportspielen Fußball, Handball und dem freien Turnen. Im ersten Arbeiten mit Materialien der Bewegungsbaustelle für die Unfallkasse in Norddeutschland (Hamburg und Schleswig-Holstein) galt es durch Fortbildungen und Materialausleihe die Erziehungskräfte in Kita und Schule zu motivieren, den Kindern Spiel und Bewegung zu ermöglichen, Spiel zu initiieren. Dabei galt es nicht wie ein strenger Regisseur das Handeln zu lenken, sondern auf die Entfaltung von sozialem, psychischem, kognitivem und motorischem TUN der Kinder zu vertrauen. Diese Fortbildungsidee ist seit über 20 Jahren als kleines Projekt innerhalb Hamburgs wirksam, zuerst durch die Unfallkasse (»Jedem Kind das Recht auf seine eigene Beule! «), später durch die Elbkinder, den größten städtischen Kitaträger Hamburgs. Zurückgreifend auf den Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention in Verbindung mit unserem Grundgesetz und dem Stichwort der Würde des Menschen (und seiner Entwicklung) bin ich motiviert, Kindern von 1 bis 16 Jahren durch Bewegungsförderung und Spiel ein Medium ihrer Entwicklung anzubieten. Dafür müsste das Gemeinwesen ansprechende Räume drinnen und draußen zur Verfügung stellen sowie Profis vieler Fachrichtungen, die das Kinder- Abb. 1 und Abb. 2: gestaltete Spielräume (Alle Abb.: Ivo Hoin) [ 43 ] Krombholz • Wissen kompakt: Die ersten Schritte-- (k)ein Problem 1 | 2024 [ 43 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 1 | 2024 leben als Querschnittsaufgabe verstehen. Es gibt Aspekte der Bildung, der Umwelt, des Sozialen, des Verkehrs in einer Stadt sowie der Stadtentwicklung insgesamt: Behördenübergreifendes Denken und Handeln für Kinder könnte kinderfreundliche Kommunen zur Folge haben. Die Realität ist komplex und oft eine andere. Meine Bedeutsamkeit Mein Berufsalltag als Gestalter von Spielplätzen im Raum und ihre Organisation und Betreuung in drei Hamburger Stadtteilen erfüllt insbesondere durch die tägliche Rückmeldung des Bewegungsleben / Bewegungsspiels / Bewegungsverhaltens der Kinder und Eltern. Als kostenfreies offenes Angebot erscheinen die an Bewegung und Spiel interessierten Familien. Sie nehmen in Kauf, dass in offenen (gelegentlich auch sehr vollen) Gruppen, Risiken durch unkontrolliertes freies Spielen vorliegen. Es wird abgewogen: Risiko gegen Bewegungsfreude und Recht auf Spiel. Der gestaltete Spielraum ist durch vielfältiges Material und unterschiedlichste Geräte ein sehr guter Ort, um soziale, psychische, kognitive und motorische Erfahrungen zu machen. Zweck- und wettkampfsfrei entscheidet das Kind in einer zwar vorbereiteten Spielwelt, aber allein und selbständig über eigenes TUN. Diese Fähigkeiten in ihrer Blüte und Entfaltung zu erfahren, tröstet mich über manche Nickligkeit und Ruppigkeit der Gäste hinweg. Vielleicht wirkt mein Tun ja aber auch ins soziale Leben des Stadtteils hinein. Literatur Dietrich, K., Heinemann, K. (1989): Der nicht-sportliche Sport: Beiträge zum Wandel im Sport. Hofmann, Schorndorf Erhorn, J. (2012): Das Bildungsnetzwerk des Sprach- und Bewegungszentrums. Erster Zwischenbericht der wissenschaftlichen Begleitforschung des Sprach- und Bewegungszentrums Hamburg-Wilhelmsburg. In: https: / / www.researchgate.net/ profile/ Jan-Erhorn Miedzinski, K., Fischer, K. (2009): Die neue Bewegungsbaustelle. Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuß. Borgmann Media, Dortmund Zimmer, R. (2019): Handbuch Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung. 14. Aufl. Herder, Freiburg DOI 10.2378/ mot2024.art07d Abb. 3: Sport und Integration Kontakt Ivo Hoin (geb. 1968 in Düsseldorf), Ehemann und Vater von 4 Kindern, Referent im Bereich Fußball, Bewegungsförderung und Mitglied im Beirat des »Bündnis Recht auf Spiel«, aktuelles Projekt: https: / / buergerstiftung-hamburg.de/ projekte/ tollhafen/