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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Auf den Punkt gebracht: Aktuelles Stichwort: (Gewalt)Schutzkonzepte
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Stefanie Kuhlenkamp
Immer wieder wurden und werden Fälle bekannt, die dokumentieren, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen, die ihnen eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollen, Gewalt erfahren und ihre Rechte missachtet werden. Im Mittelpunkt von Schutzkonzepten stehen daher die Wahrung von Persönlichkeitsrechten, die Gewährleistung sowie Herstellung von Schutz und Sicherheit für junge Menschen in Einrichtungen und Organisationen.
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[ 145 ] motorik, 47. Jg., 145-147, DOI 10.2378 / mot2024.art25d © Ernst Reinhardt Verlag 3 | 2024 [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Aktuelles Stichwort: (Gewalt)Schutzkonzepte Stefanie Kuhlenkamp Immer wieder wurden und werden Fälle bekannt, die dokumentieren, dass Kinder und Jugendliche in Einrichtungen, die ihnen eigentlich Schutz und Sicherheit bieten sollen, Gewalt erfahren und ihre Rechte missachtet werden. Im Mittelpunkt von Schutzkonzepten stehen daher die Wahrung von Persönlichkeitsrechten, die Gewährleistung sowie Herstellung von Schutz und Sicherheit für junge Menschen in Einrichtungen und Organisationen. Schutzkonzepte wurden durch den »Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch in Abhängigkeits- und Machtverhältnissen in privaten und öffentlichen Einrichtungen und im familiären Bereich« (kurz: Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch) etabliert, der 2010 als eine Reaktion auf den großen Missbrauchsskandal in Einrichtungen der katholischen Kirche durch die Bundesregierung einberufen wurde. Der Runde Tisch befasste sich mit der Aufarbeitung, Prävention und Intervention von sexuellem Kindesmissbrauch. Die Arbeit des Runden Tisches hatte zur Folge, dass im Kontext von Gewalt »Organisationen mit ihren Strukturen, Kulturen und alltäglichen Interaktionsmustern weiter in den Fokus gerückt sind und betrachtet wird, wie diese Gewalt verhindern, aber auch befördern können« (Harder et al. 2018, 14). In seinem Abschlussbericht formulierte der Runde Tisch daher u. a. Leitlinien, anhand derer Einrichtungen und Organisationen im Hinblick auf sexuellen Kindesmissbrauch »basale Präventionsmaßnahmen im Rahmen eines trägerspezifischen Kinderschutzkonzeptes, im Sinne eines Handlungskonzeptes« erarbeiten sollen (Bundesministerium der Justiz et al. 2013, 125). Diese Schutzkonzepte verfolgen zwei Zielsetzungen: Zum einem sollen Einrichtungen und Organisationen junge Menschen vor Gewalt schützen (Idee der Schutzorte). Zum anderen sollen Einrichtungen und Organisationen jungen Menschen helfen, die Gewalt und Grenzverletzungen erlebt haben, unabhängig von Form und Ort des Gewalterlebens (Idee des Kompetenzortes) (Rörig 2019, 3). Aufgrund des thematischen Schwerpunkts beziehen sich die vom Runden Tisch Sexueller Kindesmissbrauch geforderten Schutzkonzepte auf den Umgang mit und die Prävention von sexueller Gewalt gegen junge Menschen. Prinzipiell können aber auch alle anderen Formen von Gewalt und Grenzverletzungen in Organisationen und Einrichtungen vorkommen bzw. kommen diese auch vor. »Oft verschränken sich dabei verschiedene Formen und Ebenen von Gewalt. […] Sexuelle Gewalt erfordert daher in Organisationen andere Strategien der Aufdeckung und Beendigung als psychische und physische Gewaltformen sowie Vernachlässigung« (Biesel/ Urban-Stahl 2022, 357). Schutzkonzepte umfassen demzufolge organisations- und einrichtungsspezifische Strategien zur Prävention, Aufdeckung und Beendigung von Gewalt und Grenzverletzungen aller Art und auf allen Ebenen. Fegert et al. (2018, 21) stellen daher fest: »Eigentlich ist insgesamt der Begriff Schutz- [ 146 ] 3 | 2024 Auf den Punkt gebracht konzept falsch. Es geht nicht nur um ein Konzept, sondern genau genommen um alltägliche Schutzprozesse sowie um Verfahren im Umgang mit Verdachtsfällen und bei Übergriffen. Es sind darum Prozesse der Prävention, der Intervention und der Aufarbeitung, die ein Schutzkonzept auszeichnen.« Demzufolge muss jede Einrichtung ein eigenes, auf die individuellen Rahmenbedingungen und Angebote abgestimmtes Schutzkonzept entwickeln und leben, um die Rechte von Kindern und Jugendliche zu schützen sowie für diese Rechte zu sensibilisieren. Schutzkonzepte werden partizipativ, unter Beteiligung der jungen Menschen, entwickelt (ausführlich Lips / Rusack 2018). Die Entwicklung und Umsetzung von Schutzkonzepten ist dynamisch und immer eingebunden in einen Organisationsentwicklungsprozess, der z. B. auch Aspekte des Leitbilds, pädagogische Handlungsleitlinien, Umgang mit Meldungen von Gewalt und grenzüberschreitendem Verhalten, Fortbildungskonzepte etc. umfasst. Auf diese Weise werden Schutzkonzepte zu einem Ausdruck des »Zusammenspiels aus Analyse, strukturellen Veränderungen, Absprachen, Vereinbarungen sowie Kultur und Haltung einer Organisation« (Rusack o. J., o. S.). Abbildung 1 gibt einen Überblick über die einzelnen Elemente von Schutzkonzepten. Alle Organisationen, die Verantwortung für junge Menschen übernehmen, müssen sich mit dem Thema Schutzkonzepte und den Rechten von Kindern und Jugendlichen befassen. So fordern z. B. Kostenträger und Mitgliedsverbände von Institutionen, die ihre Angebote im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe, des organisierten Sports und / oder der Eingliederungshilfe (z. B. Frühförderung) erbringen, in der Regel neben einer Fachkonzeption auch ein (Gewalt)Schutzkonzept. Gesetzlich verpflichtend sind Schutzkonzepte z. B. für Kindertageseinrichtungen (§ 45 Abs. 2 Nr. 4 SGB VIII). Der Deutsche Olympische Sportbund fordert von seinen Fachverbänden und Mitgliedsvereinen ein Schutzkonzept zur Prävention sexualisierter Gewalt. Die Auseinandersetzung mit dem Thema Schutzkonzepte hat daher auch Anbieter psychomotorischer Förderungen erreicht. Diese bietet u. a. die große Chance, sich intensiv mit den Rechten junger Menschen, den eigenen Organisationsstrukturen, Werten, Grenzsituationen und Möglichkeiten der Prävention, Intervention und Aufarbeitung von Gewalt in der eigenen Einrichtung auseinanderzusetzen. Literatur Biesel, K., Urban-Stahl, U. (2022): Lehrbuch Kinderschutz. 2. Aufl. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel Bundesministerium der Justiz, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Bundesministerium für Bildung und Forschung (2013): Institutionen als Schutz- und Kompetenzort Personalverantwortung Handlungsplan Fortbildungen Verhaltenskodex Partizipation Präventionsangebote Beschwerdeverfahren Kooperation Leitbild Abb. 1: Elemente von Schutzkonzepten (Deutsches Jugendinstitut o. J., o.S.) [ 147 ] Kuhlenkamp • Aktuelles Stichwort: (Gewalt)Schutzkonzepte 3 | 2024 [ 147 ] Kuhlenkamp • Aktuelles Stichwort: (Gewalt)Schutzkonzepte 3 | 2024 Abschlussbericht Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch. In: www.bundesregierung.de/ breg-de/ service/ publikationen/ abschlussberichtrunder-tisch-sexueller-kindesmissbrauch-732212, 04.03.2024 Deutsches Jugendinstitut (o. J.): Schutz mit Konzept, In: www.dji.de / themen / kinderschutz / schutzvor-sexueller-gewalt-verbessern.html, 04.03.2024 Fegert, J. M., Schröer, W., Wolff, M. (2018): Persönliche Rechte von Kindern und Jugendlichen. Schutzkonzepte als organisationale Herausforderungen. In: Fegert, J. M., Schröer, W., Wolff, M. (Hrsg.): Schutzkonzepte in Theorie und Praxis. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel, 14-24 Harder, C., Oppermann, C., Schröer, W., Winter, V., Wolff, M. (2018): Einleitung. In: Schröer, W., Wolff, M., Oppermann, C., Winter, V., Harder, C. (Hrsg.): Lehrbuch Schutzkonzepte in pädagogischen Organisationen. Beltz Juventa, Weinheim, 12-24 Lips, A., Rusack, T. (2022): Die persönlichen Rechte als Dreh- und Angelpunkt von Schutzkonzepten. In: Rusack, T., Schilling, S., Lips, A., Herz, A., Schröer, W. (Hrsg.): Schutzkonzepte in der Offenen Jugendarbeit, Beltz Juventa, Weinheim/ Basel, 23-33 Rörig, J.-W. (2019): Grußwort. In: Kappler, S., Hornfeck, F., Pooch, M.-T., Kindler, H., Tremel, I. (2019): Kinder und Jugendliche besser schützen-- der Anfang ist gemacht. Schutzkonzepte gegen sexuelle Gewalt in den Bereichen: Bildung und Erziehung, Gesundheit, Freizeit. Arbeitsstab des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Eigenverlag, Berlin Rusack, T. (o. J.): »Connect! -- Schutzkonzepte online«. In: www.schutzkonzepte-online.de, 04.03.2024 Die Autorin Prof.in Dr. Stefanie Kuhlenkamp Diplom-Pädagogin, Professorin für Soziale Teilhabe und Inklusion an der Fachhochschule Dortmund, Vorsitzende und Therapeutin des Fördervereins Bewegungsambulatorium an der Universität Dortmund e. V. stefanie.kuhlenkamp@fh-dortmund.de C E R TI F ICAT E P R O G RAM IN L A B A N / B A R T E N I E F F M O V E M E N T S T U D I E S Director: Antja Kennedy Phone: +49 30 52282446 info@eurolab-programs.com www.eurolab-programs.com Intensive Format Live-Online & in Berlin Applic. Deadline: Feb. 20, 2025
