motorik
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Berichte: Psychomotorische Ausbildung, Praxis & Forschung in EuropaQuEP - Ein Online-Fragebogen des Europäischen Forums für Psychomotorik
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J. Lemmer Schmid
Susanne Muzler
Melanie Nideröst
In diesem Beitrag möchten wir über eine internationale Vergleichsstudie des Europäischen Forums für Psychomotorik (EFP) berichten. Neben der Erfassung von Qualifikationsformaten und Arbeitsbedingungen bestand das übergeordnete Ziel darin, länderspezifische Forschungsdesiderate sichtbar zu machen und internationale Forschungskollaborationen anzubahnen. Sowohl die Fragebogen-Items als auch der gewonnene Datensatz werden zur Förderung der nationalen und internationalen Forschungsaktivität als Opensource von dem Europäischen Forum für Psychomotorik zur Verfügung gestellt.
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[ 158 ] 3 | 2024 Aktuelles / Kurz berichtet Psychomotorische Ausbildung, Praxis & Forschung in Europa QuEP-- Ein Online-Fragebogen des Europäischen Forums für Psychomotorik J. Lemmer Schmid, Susanne Muzler und Melanie Nideröst In diesem Beitrag möchten wir über eine internationale Vergleichsstudie des Europäischen Forums für Psychomotorik (EFP) berichten. Neben der Erfassung von Qualifikationsformaten und Arbeitsbedingungen bestand das übergeordnete Ziel darin, länderspezifische Forschungsdesiderate sichtbar zu machen und internationale Forschungskollaborationen anzubahnen. Sowohl die Fragebogen-Items als auch der gewonnene Datensatz werden zur Förderung der nationalen und internationalen Forschungsaktivität als Opensource von dem Europäischen Forum für Psychomotorik zur Verfügung gestellt. Das EFP wurde im Jahr 1996 insbesondere durch die Initiative von Tilo Irmischer, dem damaligen Vorsitzenden der heutigen Deutschen Akademie- - Aktionskreis Psychomotorik (dakp), in Marburg gegründet. Ziel dieser internationalen Organisation ist es, die Entwicklung der Psychomotorik in Europa zu fördern. Dabei werden die Weiterentwicklung psychomotorischer Praktiken, Ausbildungsformate und Professionalisierung sowie die Förderung von Forschungsaktivitäten gleichermaßen fokussiert (siehe EFP-Homepage unter www.psychomot.org). Während in Frankreich die Psychomotorik als anerkannte Berufsgruppe durch das Gesundheitssystem finanziert wird und in der Schweiz psychomotorische Förderung fast flächendeckend einen festen Bestandteil von Bildungseinrichtungen darstellt, ist festzustellen, dass die Psychomotorik in den meisten Ländern weiterhin um ihre Anerkennung ringt. Ein zentrales Problem liegt dabei aus gesundheitspolitischer Sicht in dem Mangel an ausreichenden und wissenschaftlich fundierten Wirksamkeitsstudien. Um sich diesem Thema anzunehmen, hat sich die EFP-Arbeitsgruppe »Research & Science«, bestehend inklusive der AutorInnen aus neun Mitgliedern aus neun verschiedenen Ländern, entschieden, eine Online- Befragung der Praktizierenden und Forschenden durchzuführen. Hierbei konnte von der Entwicklung vorheriger Umfragen des EFPs profitiert werden (siehe konkrete Auflistung der Mitwirkenden in der Danksagung). Die Zusammenarbeit erfolgte via Video-Calls und Präsenztreffen in Rom (2021), Marburg (2022) und abschließend in Brüssel (2023). Aufgrund der großen Diversität psychomotorischer Praxisansätze und Theoriebezüge bestand die zentrale Herausforderung in der konkreten Formulierung eines Item-Pools, welcher die internationalen Besonderheiten und Begrifflichkeiten berücksichtigte. So lässt sich z. B. die von Seewald (2009) in Deutschland angestoßene Ansatzdiskussion »Wann ist ein Ansatz ein Ansatz? « nicht ohne weiteres in andere Sprachen und Länder übertragen. Es brauchte insgesamt drei Testversionen, bis eine durch qualitative Interviews mit VertreterInnen aus allen Mitgliedsländern inhaltliche Relevanz und Anschlussfähigkeit validiert werden konnte. Die PraktikerInnen bzw. Forschenden-Version des Fragebogens QuEP (Questionnaire about European Psychomotricity) wurden abschließend in Englisch, Deutsch und Französisch übersetzt. Die Datenerhebung erfolgte über die Online-Plattform Lime-Survey von August 2022 bis Februar 2023. Die Versendung des Einladungslinks wurde über die jeweiligen EFP-Landesdelegierten koordiniert. Zur Überprüfung der Repräsentativität wurde für jedes Land erfasst, welche nationalen Netzwerke und Verbände bedient wurden. Da in den meisten Ländern auch Social-Media-Plattformen genutzt wurden, ist es nicht möglich, eine Rücklaufquote zu bestimmen. Eine erste Präsentation über die Entwicklung und Möglichkeiten der On- Tab. 1: Absolute Zahlen der BefragungsteilnehmerInnen pro Land Land N Schweiz 257 Italien 250 Deutschland 197 Frankreich 145 Portugal 113 Österreich 91 Niederlande 87 Spanien 73 Belgien 71 Bericht [ 159 ] Mirbek • Wissen kompakt: Bodyshaming 3 | 2024 [ 159 ] Aktuelles / Kurz berichtet 3 | 2024 linebefragung erfolgte auf dem Weltkongress für Psychomotorik in Verona 2023. Der Datensatz Wir berichten von dieser Studie ohne konkrete Ergebnisdarstellung, da sowohl der Fragebogen als auch der gewonnene Datensatz an sich für weitere Forschung von dem EFP als »open source« für alle Länder zeitgleich zur Verfügung gestellt werden wird. Im Folgenden werden daher ausschließlich die zentralen Befragungsinhalte aufgelistet. Der Fragebogen gliedert sich in vier Teile: 1. Demografie (Herkunftsland, Alter, Geschlecht, Berufserfahrung, Ausbildungsformat und -dauer) 2. Arbeitskontext (Anstellungsverhältnis, Arbeitsstunden pro Woche, Alter und Indikation der Klientengruppen) 3. Arbeitspraxis (Einzelvs. Gruppensetting, Gruppengrößen, konkrete Förderbzw. Behandlungsziele, übergeordnete Praxisansätze wie z. B. systemisches Arbeiten, tiefenpsychologisch fundiert oder biologisch / medizinisch orientiert). 4. Forschung (notwendige sowie bestehende Forschungsfelder und -themen, Methoden, Instrumente, Untersuchungsdesigns und Veröffentlichungstätigkeit). Tabelle 1 veranschaulicht die TeilnehmerInnenzahlen aller Länder. Für internationale Vergleiche und der Gewährleistung repräsentativer Aussagen über ein Land, wurde ein Cut-Off Wert von mindestens 70 Teilnehmenden gewählt. Nach der Bereinigung des Datensatzes von BefragungsabbrecherInnen und sonstigen Fehleingaben verblieben insgesamt noch 1427 TeilnehmerInnen aus 14 Mitgliedsländern. Fast 12 % der TeilnehmerInnen (N = 169) wählten die ForscherInnen- Version des Fragebogens. Das Alter aller Teilnehmenden variierte von 19 bis 85 Jahren mit einem Mittelwert von 41,56 Jahren (SD = 12,62). Der Frauenanteil lag bei 90 %. Die Berufserfahrung lag in der Altersspanne von 0 bis 52 Jahren mit einem Durchschnitt von 12 Jahren (SD = 10,23), was auf eine qualifizierte und repräsentative Gesamtstichprobe hinweist. Die Nutzungsmöglichkeiten Die durch den Fragebogen gewonnenen Daten bieten umfassende Möglichkeiten. Im Sinne eines Research- Hubs können mit der Veröffentlichung des Datensatzes sowie aller Items des Fragebogens nicht nur länderspezifische Informationen zur Ausbildung und Berufspraxis eingesehen und verglichen werden. Das EFP lädt auch explizit ein, den QuEP im Sinne einer Verlaufsdokumentation eigenständig einzusetzen. Welchen Einfluss hat z. B. die Möglichkeit, Psychomotorik seit ein paar Jahren auch im Bachelor in Emden (Deutschland) bzw. seit 2023 im Master (Zürich) studieren zu können, auf Anstellungsverhältnisse? Wie verändert sich das Berufsfeld im Kontext zunehmender Digitalisierung von Arbeitsplätzen? Bei internationalen Vergleichen ist darauf zu achten, die jeweiligen Entwicklungsgeschichten der Psychomotorik und gegenwärtigen berufspolitischen Kontexte der einzelnen Länder transparent zu halten. Der zentrale Erkenntnisgewinn durch den QuEP besteht vor allem in der sowohl quantitativen als auch qualitativen Datenerhebung zu formulierten Forschungsbedarfen von PraktikerInnen als auch tatsächlich stattfindender Forschungsaktivitäten im Feld der Psychomotorik. Die von der evidenzbasierten Medizin geforderten Standards für Wirksamkeitsstudien (z. B.: RCT) könnten durch gemeinsam geteilte Versuchsaufbauten und Messinstrumente Forschenden ermöglichen, durch Kollaboration größere Datensätze und damit auch eine höhere Wahrscheinlichkeit für signifikante Effekte zu erzeugen. Der QuEP ist als ein weiterer Schritt zu verstehen, um aus Sicht der AutorInnen dringend notwendige Verbundsforschung anzubahnen. Der freie Zugang des Datensatzes inklusive einer ausführlichen Darstellung aller Ergebnisse ist an eine Veröffentlichung in einem internationalen Psychomotorik-Fachjournal gebunden. Wer hierüber informiert werden möchte oder auch andere Fragen und Anregungen für die EFP-Arbeitsgruppe hat, kann sich an folgende Kontaktadresse wenden: EFP-Research@mail.de Danksagung und Würdigung Besondere Anerkennung für die Realisierung der Studie gelten dem Vorstand des EFPs, sowie vorherigen und aktuellen Mitgliedern der Arbeitsgruppe »Research & Science«: Tina Bellemans (University of Applied Science Windesheim, NL), Ana Rita Bodas (University of Trás-os-Montes e Alto Douro, PT), Silvia Cattafesta (Italian Center of Studies and Research in Psychology and Psychomotricity, CISERPP Verone, ITA), Maria Efstratopoulou (Aristotle University, GRC), Aneta Nemcanska (Masaryk University Brno, CZ), Ariane Rene (Institute Ilya Prigogine Brussels, B), Nicolas Reald und Alexandrine Saint-Cast (ISRP Paris, FR), Thomas Scheewe (University of Applied Science Windesheim, NL) und Martin Vetter (DGfPM, University of Ludwigsburg, GER). [ 160 ] 3 | 2024 Aktuelles / Kurz berichtet Literatur Seewald, J. (2009): Wann ist ein Ansatz ein Ansatz? Über Kriterien für psychomotorische Ansätze. Praxis der Psychomotorik 34 (1), 31-32 Die AutorInnen Prof. Dr. J. Lemmer Schmid Professur für Motologie Hochschule Emden / Leer und psychologischer Psychotherapeut in eigener Praxis (KJP, Familien- und Körperpsychotherapie), www.joerg-lemmer-schmid.de Susanne Muzler Somatische Bewegungs- und Tanzpädagogin, Pädagogin, Studium der Bildungswissenschaft und Psychomotorik, Kunst- und Körpertherapie www.somatic-movement.at Melanie Nideröst Psychomotoriktherapeutin und Psychologin, Co-Leitung Studiengang BA Psychomotoriktherapie, Hochschule für Heilpädagogik Zürich Anschrift J. Lemmer Schmid Hochschule Emden / Leer Constantiaplatz 4 26723 Emden j.lemmer.schmid@hs-emden-leer.de • Psychomotorische Lehr-Lernmethode • Professionsmodell • Schulentwicklung im Kanton Luzern • Psychomotorische Sprachförderung • Mindful Yoga Vorschau auf die nächsten Hefte
