eJournals motorik47/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2024.art36d
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Insight - Erfahrungen aus der Praxis: Motopädie an einer Grundschule

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Pia Lena Jung
Mein Setting Als staatlich anerkannte Motopädin arbeite ich seit 2020 in der Grundschule Westerwaldstraße in Köln. Die Perspektive Bildung e.V ist als Träger des offenen Ganztags mein Arbeitgeber und hat mir ermöglicht, meinen Arbeitsbereich nach meinen Vorstellungen zu gestalten.
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[ 201 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 4 | 2024 [ InsIght-- ErfahrungEn aus dEr PraxIs ] Motopädie an einer Grundschule Pia Lena Jung Mein Setting Als staatlich anerkannte Motopädin arbeite ich seit 2020 in der Grundschule Westerwaldstraße in Köln. Die Perspektive Bildung e.V ist als Träger des offenen Ganztags mein Arbeitgeber und hat mir ermöglicht, meinen Arbeitsbereich nach meinen Vorstellungen zu gestalten. In der vierzügigen Grundschule besuchen circa 400 SchülerInnen die Schule und ein multiprofessionelles Team begleitet die Kinder am Vor- und Nachmittag. Das Schulteam besteht aus den Leitungen der Grundschule, des offenen Ganztages, des Familiengrundschulzentrums und der Inklusionskräfte sowie aus: Lehrkräften, SonderpädagogInnen, SozialpädagogInnen, MitarbeiterInnen der Schulsozialarbeit, Fach- und Ergänzungskräfte des offenen Ganztags, KollegInnen des Sekretariats, der Küche, der Hausmeister und mir als Motopädin. Die Gemeinschaftsgrundschule bietet italienisch-bilingualen Unterricht an. Mit Kindern aus mehr als 40 Herkunftsländern ist sie eine Europaschule, in der gemeinsames Lernen stattfindet. Das bedeutet, dass Kinder unabhängig vom sonderpädagogischen Förderbedarf und/ oder anderen individuellen Einschränkungen zusammen lernen. Seit Januar 2024 sind wir zusätzlich Familiengrundschulzentrum und bieten einen Ort der Begegnung, Unterstützung und Beratung für Familien. Mein Berufsalltag Das motopädische Förderangebot findet während der Unterrichtszeit im Psychomotorikraum statt (Abb. 1 und 2). Abb. 1 und 2: Der Psychomotorikraum (Alle Abb.: Pia Lena Jung) [ 202 ] 4 | 2024 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis In diesem Raum arbeite ich 25 Stunden in der Woche und begleite besonders die Kinder, die emotionale und / oder soziale Auffälligkeiten haben. Für die Auswahl der Kinder habe ich keine Vorgaben und darf im Austausch mit dem Kollegium entscheiden, wer mitkommen darf. So liegt mein Fokus auf den Kindern, die mir bewusst oder unbewusst zeigen, dass sie Sorgen haben und / oder traumatische Erlebnisse erlebt haben. Oft sind dies gerade die Kinder, die von anderen Berufsgruppen als unauffällig wahrgenommen werden und im Unterstützungssystem der Schule kaum oder keine Hilfe bekommen würden. Die Kinder kommen regelmäßig einmal in der Woche zu mir. In Krisensituationen, wie beispielsweise der plötzliche Verlust eines Elternteils, gibt es die Möglichkeit, die Frequenz zu erhöhen. Um zusätzlich noch Kindern zu helfen, die Schwierigkeiten mit der sensorischen Integration haben, finden weitere Stunden als Wahrnehmungszirkel statt. Leider sind meine Kapazitäten jedoch begrenzt, weshalb nicht alle Kinder versorgt werden können. Außerdem zählen zu meinen Aufgaben die Koordination meiner Stunden, da jedes Schuljahr ein neuer Stundenplan erstellt wird. Es werden Kinder verabschiedet und neue Kinder bekommen die Möglichkeit, an der motopädischen Förderung teilzunehmen. Besonders wichtig ist mir in meiner Arbeit die Dokumentation. Dies erlaubt mir, die Entwicklung der Kinder und ihrer Stunden nachzuverfolgen und langfristig evaluieren zu können. Die Kinder offenbaren in meinen Einheiten häufig belastende Details. Die Dokumentation fungiert hier zusätzlich für mich als ein Instrument der Psychohygiene und Selbstfürsorge. Elterngespräche führe ich bei Anlass gemeinsam mit den Sozialarbeiterinnen. Für die Kinder stehe ich als Ansprechpartnerin persönlich oder über eine Sorgenbox (Abb. 3.), die neben meinem Raum hängt, zur Verfügung. Die Briefe für die Box können anonym eingeworfen oder mit Namen und Klasse versehen werden. Zweiteres nutzen die Kinder, wenn sie eine Antwort von mir erhalten möchten. Ein regelmäßiger Austausch mit den KollegInnen findet wöchentlich persönlich in einem Teammeeting oder bei besonderen Situationen darüber hinaus gesondert statt. Unsere Schule arbeitet mit der Schulapp Schoolfox, über die wir uns als Mitarbeitende schnell und übersichtlich austauschen können. Diese App erleichtert mir ebenso den Kontakt zu den Eltern. Hier habe ich die Möglichkeit, ihnen Updates und positive Rückmeldungen über den Verlauf des motopädischen Förderangebotes zu geben und Termine zu vereinbaren. Ebenso können sich die Eltern über diese Plattform bei Fragen an mich wenden. Im Zuge der Elternarbeit bemühe ich mich außerdem um Aufklärung über den Medienkonsum der SchülerInnen. Die Kinder zeigen in ihren Einheiten regelmäßig, dass es in diesem Bereich viel Aufklärungsbedarf gibt. Im Elterntreff der Schule versuchen wir beispielsweise in Zusammenarbeit mit dem Familiengrundschulzentrum, die Eltern zu sensibilisieren und bieten ihnen Unterstützung an. Beim Elterntreff besprechen wir gewünschte Themen gemeinsam oder laden Fachpersonen ein. Stundenablauf Einzelstunden Das motopädische Förderangebot geht insgesamt 45 Min. Diese Zeit beinhaltet 30 Min. mit dem Kind und 15 Min. zur Raumvorbereitung und zur Dokumentation. Das Kind wird in der Klasse von mir abgeholt und wir gehen gemeinsam zum Psychomotorikraum. Im Raum darf das Kind mitentscheiden, was ihm guttut und was wir spielen und entdecken wollen. Der Stundeninhalt besteht so aus den Interessen und Themen des Kindes. In der Vorbereitungszeit kann ich bestimmte Impulse im Raum bereitstellen oder auch freiwillige Aufgaben zur Verfügung stellen. Die Aufgaben können folgende Themen umfassen: Gefühle, Körperwahrnehmung, Familie, Kinderrechte usw. Die gemeinsame Erarbeitung dieser Themen unterstützt mich, die Welt des Kindes kennenzulernen und zu verstehen. Die ausgewählten Übungen laden die Kinder ein, über für sie schwierige Themen zu sprechen und ihre Sorgen und Ängste mitzuteilen. Zum Abschluss wird immer eine Befindlichkeitsabfrage durchgeführt. Neben der Eingangstür befinden sich verschiedene Bilder von Kindern, die Befindlichkeiten zeigen. Die Auswahl besteht aus glücklich, wütend, traurig, krank, kraftlos und zwei Sonderschildern. Diese bilden Sorgen in der Schule und Sorgen zuhause ab. Das Kind entscheidet, wie viele Bilder es auswählen und wie es mir seine Auswahl zeigen möchte. Ebenso entscheidet es, ob es erzählen möchte, warum es sich so fühlt. So kann es auch vor- Abb. 3: Sorgenbox [ 203 ] [ 203 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 4 | 2024 kommen, dass das wütende Gesicht mit dem Fuß getreten oder gar kein Bild ausgesucht wird. Das ist in Ordnung und gibt mir ebenfalls einen Einblick in das Gefühlsleben des Kindes. Danach begleite ich die Kinder zurück zur Klasse oder sie gehen selbstständig in die Pause. Stundenablauf Wahrnehmungszirkel Der Wahrnehmungszirkel findet in zwei Stunden der Woche statt und die Gruppen wechseln sich ab. Aus der ersten Stufe kommen je Klasse vier bis fünf SchülerInnen mit. Die Gruppen der zweiten und dritten Klasse bestehen jeweils aus vier bis fünf Kindern. Die Einheit dauert 30 Min. Im Raum werden in der Vorbereitungszeit von mir vier bis fünf immer wechselnde Stationen mit unterschiedlichen sensorischen Reizen vorbereitet, um die Sinneswahrnehmung der Kinder zu fördern. Zu Beginn setzen wir uns vor den Raum in einen Kreis und besprechen gemeinsam die Stationen. Dann zieht jedes Kind eine Startstation und wir gehen gemeinsam in den Raum. Nach zwei Minuten wird die Station gewechselt. Mögliche Stationen sind beispielsweise: Trampolinspringen, Schaukeln, Sandsieben, Sortieren, etwas Bauen, Klettern, Werfen, mit Säckchen belegt werden usw. Der Abschluss findet in einer Endbesprechung statt, in der die Kinder ihre liebste Station nennen dürfen. Zusätzlich wird eine Befindlichkeitsabfrage durchgeführt. Meine Profession In meinem beruflichen Werdegang habe ich nach einem freiwilligen sozialen Jahr in einer Tagesstätte für Menschen mit seelischen / psychischen Erkrankungen die Ausbildung als staatlich anerkannte Gymnastiklehrerin abgeschlossen. Darauf aufbauend absolvierte ich die Ausbildung zur staatlich anerkannten Motopädin. Während meiner Arbeit als Motopädin habe ich mich durch Fortbildungen in folgenden Themen weitergebildet: Traumataarbeit mit Kindern, Angststörungen im Kindesalter, gewaltfreie Kommunikation, sexualisierte Gewalt, Fetale Alkoholspektrumstörung und Elternarbeit. Für meine Arbeit brauche ich viel Empathie und Geduld und muss in der Lage sein, auch schwierige Themen zu begleiten. Mir ist ein freundlicher und respektvoller Umgang mit den Kindern sowie dem Kollegium sehr wichtig. Mein theoriegeleiteter Zugang Bei den motopädischen Einzelstunden arbeite ich nach dem kindzentrierten Ansatz von Zimmer und Volkamer und dem verstehenden Ansatz von Seewald. Ich begegne den Kindern auf der Beziehungsebene und gehe mit ihnen in den tonischen Dialog. Ich richte einen besonderen Fokus auf die nonverbale Kommunikation zwischen dem Kind und mir: so nehme ich beispielsweise verschiedene Spannungszustände des Kindes wahr und kann diese auf die Situation hin interpretieren. Das Kind entscheidet, welche Themen es bearbeiten möchte. Dies geschieht meist spielerisch. Ich lasse mich auf das Spiel des Kindes und die darin enthaltenden Themen und Symboliken ein. Dabei befinde ich mich mit ihm auf Augenhöhe. Im Rollenspiel und in der Bewegung lasse ich mich auf die Welt des Kindes ein, ohne das Verhalten oder die Ideen zu bewerten. Im Fokus steht nicht das Defizit, sondern die Stärkung des Selbstwertes, sowie die Förderung der Ressourcen des Kindes. Das Kind darf selbstwirksam agieren und eigene Erfahrungen sammeln. Grenzsetzungen seitens des Kindes sind akzeptiert und erwünscht. Als Motopädin kann ich Handlungsimpulse, Materialien und Übungen anbieten, um neue Impulse zu setzen. Das Prinzip des »Guten Grundes« und das Normalitätsprinzip sind mir außerdem sehr wichtig und helfen mir, das Kind zu verstehen. Alle Handlungen des Kindes sind für das Kind sinnvoll und dieses Grundprinzip akzeptiere ich. Nach jeder Einheit dokumentiere ich meine Beobachtungen. Sind bestimmte Verhaltensweisen nicht direkt für mich erklärbar, ergeben sie häufig im späteren Verlauf des motopädischen Förderangebots einen Sinn. Im Psychomotorikraum gelten bei meinen Einheiten andere Regeln als im Schulalltag. Es darf alles ausprobiert werden, solange sich das Kind nicht selbst oder andere Personen gefährdet. Mit diesen Methoden versuche ich einen Raum zu schaffen, indem die Kinder sich so zeigen dürfen, wie sie sich fühlen. Ein sicherer und leistungsfreier Ort, an dem auch aus Fehlern gelernt werden darf. Es sollen Ressourcen gestärkt und entdeckt werden können, um mit bisherigen und zukünftigen Lebenserfahrungen zurechtzukommen. Meine Bedeutsamkeit/ meine Wirksamkeit In Zeiten, in denen der Leistungsdruck schon in der Grundschule immer weiter ansteigt, werden Sorgen, Probleme und Ängste der Kinder oft übersehen. Der Druck, einer gewissen Norm zu entsprechen ist groß. Nicht alle Kinder haben jedoch die Möglichkeit, dieser Norm zu entsprechen. Oftmals zieht dies Konsequenzen wie Verbote oder Ausgrenzung nach sich. Genau für diese Kinder ist es wichtig, einen Raum zu erhalten, um Ressourcen zu sam- [ 204 ] 4 | 2024 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis meln und die Widerstandsfähigkeit zu stärken. Die Kinder verbringen heutzutage in der Grundschule meist bis zu 40 Stunden in der Woche und das an mindestens 180 Tagen im Schuljahr. Hinzu kommen die Tage in der Ferienbetreuung. Dies macht die Grundschule zu einem Lebensraum des Kindes. Denkt man an die eigene Grundschulzeit zurück, wird einem sicherlich die eine oder andere Person einfallen, zu der man entweder eine Bindung aufgebaut hat oder mit der man negative Erfahrungen gesammelt hat. Wurde man gesehen oder übersehen, musste man vielleicht auch auf sich aufmerksam machen, wenn es einem nicht gut ging? Die Motopädie ist in meinen Augen wertvoll, weil wir die Kinder sehen und genauer beobachten können. Wir als MotopädInnen sind geschult zu erkennen, wenn es einem Kind nicht gut geht und Schwierigkeiten in der Entwicklung bestehen. Wir versuchen, die Kinder zu stärken und ihnen einen Raum zu geben, sich zu zeigen (Abb. 4). Im strukturierten Unterricht ist kaum die Möglichkeit für die persönliche Entwicklung und Freiwilligkeit vorhanden, da die Leistung im Fokus steht. Die Lehrkräfte haben nicht die Kapazitäten, sich für jedes einzelne Kind Zeit zunehmen. In der Grundschule bauen sie ihr Fundament an Selbstwert, Ressourcen, motorischer Entwicklung, Sozialkompetenzen etc. weiter auf. Diese Skills sind essenziell für ihr späteres Leben. Besonders wenn die Gegebenheiten im Elternhaus erschwert sind, nehmen wir als Grundschule eine wichtige Rolle ein. Als MotopädInnen können und sollten wir schon in der Grundschule präventiv Resilienz fördern. Weiterhin können wir Schwierigkeiten früh entdecken und bereits therapeutisch eingreifen und so den Kindern den Weg in die weiteren Lebensphasen erleichtern. DOI 10.2378/ mot2024.art36d Abb. 4: Körperabdruck Die Autorin Pia Lena Jung Gymnastiklehrerin und staatlich anerkannte Motopädin Kontakt motopaedie.ggsw@web.de