eJournals motorik47/4

motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2024.art37d
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2024
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Impulse für die Praxis: Mindful Yoga for Kids

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2024
Daniela Tonitz
In unserer schnelllebigen, digitalisierten Welt ist das Stresslevel in den letzten Jahren stark gestiegen, nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern. Bereits in der Volksschule sind viele Kinder, unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund, dem Gefühl der Überlastung ausgesetzt. In der digitalisierten Welt tauchen Kinder immer häufiger in die On­linewelt ein.
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[ 205 ] Impulse für die Praxis 4 | 2024 [ Impulse für dIe praxIs ] Mindful Yoga for Kids daniela Tonitz In unserer schnelllebigen, digitalisierten Welt ist das Stresslevel in den letzten Jahren stark gestiegen, nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei Kindern. Bereits in der Volksschule sind viele Kinder, unabhängig von ihrem sozioökonomischen Hintergrund, dem Gefühl der Überlastung ausgesetzt. In der digitalisierten Welt tauchen Kinder immer häufiger in die Onlinewelt ein. Dies hat Auswirkung auf die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder. Ihnen fehlt die unmittelbare Auseinandersetzung mit sich selbst, ihren Gefühlen, ihren Mitmenschen und der Natur (Geisler / Muttenhammer 2016; Saltzman 2018). Aufgrund dieser Entwicklungen ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf. In der Master- Thesis »Mindful Yoga for Kids« wurde ein Konzept für psychomotorische Yogaeinheiten entwickelt. Mit diesem Konzept sollen Volksschulkinder mit dem Schwerpunkt Achtsamkeit vertraut gemacht werden, um ihre physische und psychische Gesundheit zu bewahren und nachhaltig zu stärken. Stress Stress ist eine geistige und körperliche Reaktion des Menschen auf eine bestehende oder subjektiv wahrgenommene Alarmsituation. Viele Menschen reagieren in diesem Moment mit zwei typischen Stressreaktionen, entweder sie geraten in den »Kampf-oder-Flucht- Modus« oder in einen Erstarrungszustand (Rechtschaffen 2016; Willard 2016). Im »Kampf-oder-Flucht«-Modus liegt der Fokus ausschließlich auf der unmittelbaren Gefahr und es wird egoistisch gehandelt, da die Fähigkeit, Mitgefühl und Verständnis für andere zu empfinden, in diesem Zustand stark gehemmt ist (Bensel 2021). Für Menschen im Erstarrungszustand erscheint ihre Situation ausweglos, sie zeigen oft keine Reaktion auf ihre Umwelt und empfinden eine starke Resignation und Hilflosigkeit (Willard 2016). Nach Willard (2016) stellt die Achtsamkeit ein alternatives Verhaltensmuster dar, um auf Stress zu reagieren. Hier versucht das Individuum nicht, die schwierige Situation zu meiden, sondern begegnet ihr mit einem ruhigen Geist. Bei dieser Reaktion wird die Amygdala, das Alarmzentrum in unserem Gehirn, nicht aktiviert, somit wird eine Ausschüttung von Stresshormonen verhindert. Das Großhirn, die Schaltzentrale, bleibt aktiv und erlaubt es, bewusst und aufmerksam zu handeln (Willard 2016). Achtsamkeit Der Begriff der Achtsamkeit stammt ursprünglich aus der buddhistischen Lehre und bezieht sich auf die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment. Die Praktizierenden üben sich darin, ihre eigenen Gedanken und Gefühle sowie ihre Sinneseindrücke wertungsfrei zu beobachten und anzunehmen (Maex 2018; Willard 2016). Durch die regelmäßige Achtsamkeitspraxis können verschiedene Gehirnareale und zugehörige Fähigkeiten gestärkt werden, wie zum Beispiel der präfrontale Kortex (zuständig für Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle, Einfühlungsvermögen und geistige Flexibilität) oder der Hippocampus (essenziell für die Gedächtnisleistung im akademischen Kontext, aber auch für die Merkfähigkeit von vergangenen Erlebnissen). Die Aktivität der Amygdala kann hingegen durch Achtsamkeitsübungen reduziert werden (Willard 2016). Bei der Gestaltung achtsamkeitsbasierter Lektionen ist es wichtig, sich über den kognitiven Entwicklungsstand der Kinder bewusst zu sein. Kinder im Volksschulalter (6-10 Jahre) befinden sich in der konkret-operationalen Phase (Piaget 1962). In dieser Phase legen Kinder ihre selbstbezogenen Perspektiven ab und lernen, Mitgefühl für andere zu empfinden. Gleichzeitig entwickeln sie die Fähigkeit, ihre Gedanken und Gefühle wahrzunehmen (Goodman / Knowls/ Semple 2017; Rechtschaffen 2016). Yoga Die Intention des Yoga ist die Stärkung und Erweiterung des geistigen [ 206 ] 4 | 2024 Impulse für die Praxis Bewusstseins des Menschen. Dadurch erhält das Individuum Erkenntnisse über sich selbst und die eigene Umwelt (Stück 2011). Dies kann nur passieren, wenn die innere Gefühlswelt, der Verstand und der Körper in Verbindung stehen (Bannenberg 2013). Um diese Verbindung herzustellen, wird im Yoga dem Atem besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Der Atem ist mit dem Nervensystem verbunden und hat daher großen Einfluss auf die Psyche. Die Erkenntnis der wechselseitigen Beeinflussung des mentalen Zustands und des Atmens kann genutzt werden, indem der Atem aktiv und bewusst eigesetzt wird. Somit kann das Individuum lernen, Stressreaktionen in herausfordernden Momenten entgegenzuwirken und sich durch eine bewusste Atmung zu beruhigen, um einen klaren Verstand zu behalten (Proßowksy 2007). Yogaeinheiten für Kinder sind erlebnisorientiert, fantasieanregend und bewegungsorientiert. Durch die aktivierenden Körperübungen werden körperliche und geistige Stärken entwickelt. Gleichzeitig werden geistige Fähigkeiten wie Akzeptanz, Geduld und Selbstregulation entfaltet. Durch das Praktizieren in der Gruppe werden die Sozialkompetenzen, Selbstkompetenz sowie Beziehungsfähigkeit gestärkt (Crittin 2016). Psychomotorische Kinderyogaeinheiten Wie beim Kinderyoga sollen auch bei der psychomotorischen Förderung die Persönlichkeitsentwicklung und Identitätsfindung durch Bewegungserfahrungen und freies Spiel positiv beeinflusst und gezielt gefördert werden. Wichtig ist, dass die Kinder von den leitenden Personen Wertschätzung erfahren und sich mit ihren persönlichen Stärken und Schwächen akzeptiert fühlen (Zimmer 2019). Im Rahmen der Masterarbeit wurden insgesamt zehn Stundenbilder für psychomotorische Kinderyogaeinheiten entwickelt. Die Einheiten dauern jeweils 60 Minuten und sollten in einer kleinen Gruppe von höchstens sechs Kindern im Volksschulalter durchgeführt werden. Die Anfangs- und Schlussrituale bleiben immer gleich und dienen dazu, den Kindern ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu vermitteln. Jede Einheit besteht aus Bewegungsspielen, Übungsreihen mit Asanas, gruppendynamischen Übungen und Entspannungsphasen. In manchen Einheiten kommen auch Fantasiereisen und Bewegungsgeschichten zum Einsatz. Abschließend werden zwei Stundenbilder beispielhaft präsentiert (Tab. 1 und Tab. 2). Literatur Bannenberg, T. (2013): Yoga für Kinder. Graefe und Unzer, München Bensel, J. (2021): Kampf-oder-Flucht-Reaktion. In: https: / / www.spektrum.de/ lexikon/ biologie/ kampf-oder-fluchtreaktion/ 35305, 28.01.2022 Crittin, S. A. (2016): Der kleine Yogi reist nach Om. Königsfurt-Urania, Krummwisch Geisler, U., Muttenhammer, J. (2016): Achtsamkeitsübungen mit Kindern und Jugendlichen in der Psychotherapie. 1. Aufl. Junfermann, Paderborn, https: / / doi.org/ 10.14712/ 23363525.2016.5 Goodman, M., Knowls, L., Semple, R. (2017): Achtsamkeit mit Kindern im Grundschulalter. In: Saltzman, A., Willard, C. (Hrsg.): Achtsamkeit für Kinder und Jugendliche, 45-80. Arbor, Freiburg Maex, E. (2018): Mindfulness- - gelebte Achtsamkeit: Das 8-Wochen-Übungsprogramm. Junfermann, Paderborn Piaget, J. (1962): The stages of the intellectual development of the child. Bulletin of the Menninger Clinic, 26 (3), 120-128. Rechtschaffen, D. (2016): Die achtsame Schule: Achtsamkeit als Weg zu mehr Wohlbefinden für Lehrer und Schüler. 1. Aufl. Arbor, Freiburg Saltzman, A. (2018). Ein friedlicher, ruhiger Ort: Ein Achtsamkeitskurs für Kinder und Jugendliche zum Umgang mit Stress und schwierigen Gefühlen. 1. Aufl. Arbor, Freiburg Stiessel, C., Vizvary, G. (2018): Entdecke das Kind in dir! Skriptum zur Kinderyoga Ausbildung. Yogawege, Wien Stück, M. (2011). Wissenschaftliche Grundlagen zum Yoga mit Kindern und Jugendlichen. Schibri, Uckerland Willard, C. (2016): Aufwachsen in Achtsamkeit. 1. Aufl. Arbor, Freiburg Zimmer, R. (2019): Handbuch Psychomotorik. Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern. 14. Aufl. Herder, Freiburg Die Autorin Daniela Tonitz Volksschullehrerin, Psychomotorikerin (M. A.); aktuell in Weiterbildung im Bereich der Sexualpädagogik Kontakt daniela.tonitz@icloud.com DOI 10.2378/ mot2024.art37d [ 207 ] [ 207 ] Impulse für die Praxis 4 | 2024 Tab. 1: Meine Wirbelsäule Methode Ziel 10 min | Anfangsritual (Stiessel & Vizvary, 2018, 92) Die Türe zum Yogaraum ist geschlossen. Den Kindern wird einzeln zugezwinkert. Sie dürfen in Stille den Raum betreten und sich ihr Königreich, sprich ihre Yogamatte, aussuchen. Wir setzen uns im Lotussitz auf unser Königreich. Begrüßung: Namaste »Ich begrüße dich und das Besondere in dir.« Gemeinsame Regeln erklären: 1. Der Schall der Klangschale bedeutet, dass sich alle im Lotussitz auf ihre Matte setzen. Mit deinen Fingern formst du kleine Sonnen und lässt sie zu deinen Freunden leuchten. 2. Wenn ich spreche, hörst du zu und wenn du sprichst, hören wir dir zu. Aufrechte Haltung: Stell dir vor, ein goldener Faden zieht deinen Kopf nach oben. Gemeinsames Tönen und Atmen: AAAA (Arme öffnen, Herz öffnen) OOOO (Hände auf den Bauch legen) UUUU (Hände auf den Brustkorb leben) MMMM (Hände auf die Ohren legen - Bienen summen) Einander wahrnehmen, Selbstwert stärken, »Ich fühle mich gesehen.« Respektierung und Anerkennung von gemeinsamen Regeln und Grenzen Bewusste, aufrechte Körperhaltung Eigene Stimme entdecken und wahrnehmen, Gefühl von Gemeinsamkeit wird erfahren Thema besprechen: »Schaut euch unsere Mitte genau an, um welches Thema glaubt ihr geht es heute? « Eigene Vermutungen, Fantasien und Ideen formulieren 5 min | Bewegungsspiel »Bewegungsimpulse weitergeben« Im Raum sind Yogablöcke verteilt, unter jedem ist eine Partneryogakarte versteckt. Beim Stopp der Musik treffen sich zwei Kinder bei einem Block und machen die Pose gemeinsam. Sozialkompetenz fördern, Wagnis eingehen 15 min | Wirbelsäule wahrnehmen Damit wir diese Übung machen können, hat unser Körper etwas ganz Besonderes und Wichtiges - die Wirbelsäule! Bewegungspuppe zeigen - 5 Lendenwirbel, 12 Brustwirbel, 7 Halswirbel Wahrnehmung der Wirbelsäule, Körperbewusstsein stärken »Schaut mal, was wir alles mit der Wirbelsäule machen können.« Musik einschalten und den Körper dazu bewegen - in alle Richtungen vorne, hinten, rechts, links, Kopf hängen lassen - auch den Boden benutzen (rollen, nach hinten schauen…) Selbstbewusstsein stärken, Wagnis eingehen, etwas Neues zu probieren, Bewegungsfreude »Du kannst auch die Augen zu machen und einfach nur probieren, deine Wirbelsäule zu spüren.« Spiel: Wir gehen in Paaren zusammen. Dieses Spiel funktioniert ohne Sprechen. Ein Kind ist der Bildhauer oder die Bildhauerin und verändert die Körperhaltung des anderen Kindes. Achtsames Bewegen, non-verbale Kommunikation - achtsames Verständnis schulen 15 min | Bewegungspuppe Gemeinsam basteln alle Kinder ihre eigene Bewegungspuppe (Holzperlen in verschiedenen Größen und Farben - 5 Lendenwirbel, 12 Brustwirbel, 7 Halswirbel, 1 Kopf, Pfeifenputzer, Filzstifte). »Nimm deine Bewegungspuppe und versuche die Bewegungen, die du mit ihr machst, nachzumachen. Körperverständnis schulen, Bewegungen interpretieren und selbst ausprobieren  [ 208 ] 4 | 2024 Impulse für die Praxis Tab. 2: Sonnengruß Methode Ziel 10 min | Anfangsritual (Stiessel & Vizvary, 2018, 92) siehe Beispiel 1 5 min | Bewegungsspiel Wir spielen Versteinern, wer gefangen wurde, stellt sich wie ein »herabschauender Hund« (Asana) hin und das andere Kind kriecht durch, um das Kind zu befreien. Bewegungsfreude, Körpergefühl steigern 15 min | Asanas Sonnengruß erarbeiten: Ein großes Plakat vom Sonnengruß (kleiner Yogi) liegt in der Mitte. Die einzelnen Posen (im Kartenformat) liegen nummeriert und umgedreht darauf. »Heute lernen wir den Sonnengruß kennen-- dieser ist dem kleinen Yogi sehr wichtig. So begrüßt er jeden Tag die Sonne.« Nacheinander werden die Karten aufgedeckt und die Pose gemeinsam nachgeahmt + die Bildkarte wird zum großen Plakat gelegt (Nr. 1-11). Merkspiel: Die Nummern der verschiedenen Asanas werden genannt und die Kinder machen die Pose nach. Anschließend wird der Sonnengruß zweimal gemeinsam gemacht, eventuell mit Musik. Sonnengruß lernen, Konzentration, Gleichgewicht, Geduld, Förderung des Gruppengefühls 15 min | Entspannungsphase »Wir schenken dir ein OM! « Am Ende des Raums ist eine extra Yogamatte aufgerollt und darauf liegt ein Leintuch. Ein Kind kann sich auf das Leintuch legen, alle anderen Kinder stehen rund um das Tuch und halten es an einer Ecke fest. »Wir heben es gemeinsam sanft und achtsam auf, sodass das Kind auf dem Tuch ein bisschen vom Boden abhebt und den eigenen Körper im Tuch spüren kann.« Gemeinsam tönen wir ein OM. Wichtig: Jedes Kind hat die Möglichkeit dranzukommen. Achtsamkeit kultivieren, jemandem etwas Gutes tun, mit anderen Kindern achtsam umgehen 10 min | Schlussritual Reflexion: Wie hast du dich im Tuch gefühlt? War es für dich angenehm? War etwas unangenehm? Warum? Eigene Gefühle und Gedanken äußern, akzeptieren anderer Meinungen 5 min | Verabschiedungsritual (Stiessel & Vizvary, 2018, 94) siehe Beispiel 1 Methode Ziel 10 min | Partnerübung Wir setzen uns zu zweit auf ein Boot. Wirbelsäule an Wirbelsäule (Boothaltung). Wir rudern jetzt gemeinsam los. Ein Kind ist das Boot, das andere ist das Wasser. Das Boot reagiert auf die Bewegungen des Wassers. Bewegungen des Wassers: ■ Von rechts nach links ■ Vorne/ hinten ■ Es kann zwischen ruhig und stürmisch variieren Anregung der Fantasie, Ruhe und Entspannung erfahren, auf Bewegungen reagieren 5 min | Verabschiedungsritual (Stiessel & Vizvary 2018, 94) Yogabrille aufsetzen und mit jedem Kind Augenkontakt aufnehmen. Namaste + Geste Gesehen werden, Förderung der Sozialkompetenz