eJournals Motorik48/2

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art15d
7_048_2025_2/7_048_2025_2.pdf41
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Forum Psychomotorik: Von der Selbstsorge zur Weltsorge

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2025
J. Lemmer Schmid
In diesem Beitrag werden Persönlichkeitsbildung und die Förderung innerer Entwicklungsziele als Voraussetzung einer demokratischen und nachhaltigkeitsbewussten Zivilgesellschaft beschrieben. Über eine weitgefasste Definition des Fachgebiets der Motologie wird das besondere Potenzial von Körper- und Bewegungserfahrungen für ein entwicklungsorientiertes Bildungssystem hervorgehoben.
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Zusammenfassung / Abstract In diesem Beitrag werden Persönlichkeitsbildung und die Förderung innerer Entwicklungsziele als Voraussetzung einer demokratischen und nachhaltigkeitsbewussten Zivilgesellschaft beschrieben. Über eine weitgefasste Definition des Fachgebiets der Motologie wird das besondere Potenzial von Körper- und Bewegungserfahrungen für ein entwicklungsorientiertes Bildungssystem hervorgehoben. Schlüsselbegriffe: Selbstsorge, Bildung für nachhaltige Entwicklung, Bildungsreform, Leibwahrnehmung, Persönlichkeitsbildung From self-care to world-care. On motological personality development and the need for development-oriented educational reform This article describes personality development and the promotion of inner development goals as a prerequisite for a democratic and sustainability-conscious civil society. A broad definition of the field of motology is used to emphasize the special potential of body and movement experiences for a development-oriented education system. Keywords: self-care, education for sustainable development, educational reform, body awareness, personal development [ 74 ] 2 | 2025 motorik, 48. Jg., 74-79, DOI 10.2378 / mot2025.art15d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Von der Selbstsorge zur Weltsorge Über motologische Persönlichkeitsbildung und die Notwendigkeit einer entwicklungsorientierten Bildungsreform J. Lemmer Schmid Bereits im Jahr 1972 verwies der Club of Rome durch die Studie ›Grenzen des Wachstums‹ eindringlich auf die Endlichkeit planetarer Ressourcen und die Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Transformation. Mit den dargestellten 17 Nachhaltigkeitszielen (SDG) (Abb. 1) wurde den spezifischen Problemlagen des 21. Jahrhunderts eine Systematik und Sprache verliehen, durch die der tatsächliche Fortschritt anhand objektivierbarer Kriterien in jährlichen Berichten dokumentiert wird. Es ist somit ein offenes Geheimnis, dass individuelle, regionale, nationale und internationale Bemühungen zu gering sind, als dass die in der Agenda 2030 gesetzten Ziele noch annähernd erreicht werden könnten. Tatsächlich verzeichnet sich in einigen Bereichen sogar ein rückläufiger Trend (UN 2024). Im Kontrast dazu existieren jedoch schon lange konkrete Visionen, Handlungsstrategien und technische Lösungen für eine »schönere Welt« (Eisenstein 2013). Wie lässt sich diese Kluft zwischen Wissen und Machen erklären? Und vor allem: Wie kann sie überwunden werden? Lähmende Angst und Orientierungslosigkeit Trotz Echtzeit-Berichterstattung und einem Cyborg-artigen Informationszugriff via Chat-GPTim-Bluetooth-Ohrstöpsel, scheint sich gleichzeitig gesellschaftlich eine Orientierungslosigkeit und motiviertes Nicht-Wissen-Wollen gegenüber dem Weltgeschehen auszubreiten. In seinem Buch »Warum schweigen die Lämmer? « postuliert Mausfeld (2019), dass eine lavierende Angst und anhaltender Stress Demokratien bröckeln lassen und hierdurch populistische Strömungen mit simplifizierten Ursachenanalysen und unhaltbaren Lösungsversprechen immer mehr Zuspruch erfahren. Unsere Nervensysteme seien überreizt durch die anhaltende Nachrichtenflut von Kriegen, Pandemien oder Wirt- [ 75 ] Schmid • Von der Selbstsorge zur Weltsorge 2 | 2025 schaftskrisen. Während Anna Freuds Abwehrmechanismen Phänomene der Verdrängung und Verleugnung aus einer psychodynamischen Perspektive erklären können, bietet die im Kontext der Traumaforschung bekannt gewordene Polyvagal-Theorie eine neurophysiologische Perspektive auf das »Nicht-Handeln«. Bei anhaltenden und überwältigenden Bedrohungslagen wird ein biologisches Reaktionsmuster aktiviert, das sich aus körperlicher Lähmung, emotionaler Taubheit und psychischer Dissoziation zusammensetzt. Erscheinen Angriff oder Flucht aussichtslos, liegt der evolutionsgenetische Vorteil dieses »Totstell-Reflexes« in einer erhöhten Wahrscheinlichkeit, dass das Raubtier von der Beute ablassen könnte (Porges 2017). Diese Verhaltensprädisposition erscheint jedoch in Hinblick auf Bedrohungslagen wie z. B. dem Klimawandel oder Rechtspopulismus als wenig adaptiv. Zivilcourage lässt sich nicht nur, wie in Abbildung 2 illustriert, auf situationsübergreifende Persönlichkeitsstrukturen zurückführen, sondern hängt auch von der aktuellen Befindlichkeit bzw. dem physiologischen Erregungszustand des Nervensystems ab. Persönlichkeit als Zukunftskompetenz Der Gedanke, dass Bildung, Demokratie und Nachhaltigkeitsbewusstsein eng miteinander verbunden sind, ist nicht neu. Demokratische Gesellschaften benötigen informierte und mündige Bürger: innen, die sich aktiv an der Gestaltung des Gemeinwohls beteiligen. Bildungssysteme müssen darauf abzielen, Lernende zu befähigen, sogenannte epochale Schlüsselprobleme zu erkennen und aktiv an deren Lösung mitzuwirken (Klafki 2007, 29). Im Kontext der Agenda 2030 werden von der Kultusminster: innenkonferenz seit 2015 unter dem Namen »Bildung für nachhaltige Entwicklung« (BNE) regelmäßig konkrete Handlungsempfehlungen für alle Bildungseinrichtungen veröffentlicht, wie die 17 SDGs (vgl. Abb. 1) nicht nur in Lehrplänen verankert, sondern auch von den jeweiligen Bildungseinrichtungen selbst in ihrer Alltagspraxis und Organisationsstruktur umgesetzt werden können (HochN 2024). Mit den »Inner Development Goals« (IDGs) wurden 2021 durch eine gemeinnützige Initiative von Wissenschaftler: innen, Führungspersönlichkeiten und Praktiker: innen aus unterschiedlichsten Bereichen 23 Kompetenzen und Qualitäten identifiziert, die für eine effektive Umsetzung der 17 SDG notwendig erscheinen. Diese Zukunftskompetenzen lassen sich in fünf Dimensionen einordnen (vgl. Abb. 3): Sein, Denken, Beziehung, Zusammenarbeit und Handeln (Inner Development Goals 2024). Auch wenn sich immer mehr Bildungseinrichtungen »BNE« werbewirksam auf die Fahnen schreiben, existiert auch hier eine Kluft: diesmal jedoch zwischen Wollen und Können. Abb. 1: 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDG) (UN 2024) Abb. 2. Sozial-Charaktere (Wanigesinghe in Buba / Globisch 2008) [ 76 ] 2 | 2025 Forum Psychomotorik Vertikale und entwicklungsorientierte Bildung Der internationale Erfolg skandinavischer Länder im Vergleich von Bildungsstandards (PISA- Studie), Lebensqualität, Happyness-Index und Innovationskraft im Bereich der Nachhaltigkeit könnte auf ein besonderes Bildungsverständnis zurückgeführt werden, welches bereits Ende des 19. Jahrhunderts flächendeckend eingeführt wurde (Andresen / Björkman 2017). Dabei wird zwischen horizontaler Bildung, welche auf die Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten abzielt und der vertikalen Bildung, welche das persönliche und ethische Wachstum adressiert, unterschieden. In der vertikalen Bildung werden Lehrkräfte zu Lernbegleiter: innen, welche die Aufgabe haben, beziehungsorientierte Erfahrungsräume für tiefgreifende Entwicklungsprozesse zu gestalten (Global Bildung Network 2024). Um jedoch IDGs (vgl. Abb. 3) wie z. B. Sinnstiftung, Einfühlungsvermögen, Verbundenheit, Vertrauen oder Mut explizit fördern zu wollen, sind Lehrende und Einrichtungen zwangsläufig mit Aspekten wie der Wahrung von Privatsphäre und Autonomie der Lernenden, des traumasensiblen Vorgehens oder des Umgangs mit Widerständen und psychischen Erkrankungen konfrontiert (Schmid 2023). Niemand kann zur Persönlichkeitsbildung gezwungen werden. Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich machen, bilden kann sich jede: r nur selbst (Bieri 2017, 10). Trotz dieser Herausforderungen häufen sich Anzeichen und Vorreiter: innen einer bevorstehenden Bildungsreform (Pioneers of Education 2024). So wie im Zuge des Bologna-Prozesses die damals vorherrschende Wissensorientierung durch eine Kompetenzorientierung im Bildungssystem abgelöst wurde und Wissen nun als ein Teil von Kompetenz betrachtet wird, auf gleiche Weise hat nun eine Entwicklungsorientierung begonnen das reine Kompetenzdenken abzulösen und es als Teil von Entwicklung mit aufzunehmen (Arn / Munsch 2022, 23). Motologie und Persönlichkeitsbildung Die Motologie als Wissenschaftsgebiet und Berufsbild hat seit der Gründung des gleichnamigen Studiengangs 1982 in Marburg mehrere Veränderungsprozesse in ihrem Selbstverständnis durchlaufen. Während in den Anfängen die Motologie primär als wissenschaftlicher Überbau der Psychomotorik definiert wurde (Schilling 2020), umfasst dieses Fachgebiet mittlerweile alle praxisorientierten Verfahren, die über die gesamte Lebensspanne und für unterschiedlichste Zielgruppen hinweg darauf abzielen, mittels Körper- und Bewegungserfahrung Gesundheits- und Entwicklungsprozesse zu för- 1 Sein Beziehung zu sich selbst Innerer Kompass Integrität und Authentizität Offenheit und Lernbereitschaft Selbsterkenntnis Gegenwärtigkeit 2 Denken Kognitive Fertigkeiten Kritisches Denken Bewusstsein für Komplexität Perspektivische Fähigkeiten Sinnstiftung Langfristige Orientierung und Visionen 3 Beziehung Fürsorge für andere und die Welt Wertschätzung Verbundenheit Bescheidenheit Einfühlungsvermögen und Mitgefühl 4 Zusammenarbeit Soziale Kompetenzen Kommunikationsfähigkeiten Mitgestaltungsfähigkeiten Inklusive Denkweise und interkulturelle Kompetenz Vertrauen Mobilisierungsfähigkeiten 5 Handeln Wandel vorantreiben Mut Kreativität Optimismus Beharrlichkeit Abb. 3: Dimensionen innerer Entwicklungsziele (IDGs) zur Umsetzung der 17 SDGs [ 77 ] [ 77 ] Schmid • Von der Selbstsorge zur Weltsorge 2 | 2025 dern. Hierzu zählen Psychomotorik, somatische Ansätze des Embodiments (Somatics), Körperpsychotherapie sowie mehr oder weniger ausdrucksorientierte Ansätze der Tanz- und Bewegungstherapien. Als transdisziplinäres Wissenschaftsgebiet befindet sich die Motologie im Paradigmengraben angrenzender Disziplinen wie Bewegungswissenschaften, Pädagogik, Medizin, Psychologie, Soziologie oder auch der Philosophie. So bewegt sich der motologische Fachdiskurs häufig in Theoriegebäuden, in denen versucht wird, sich durch unterschiedliche Begrifflichkeiten, wie z. B. dem Gestaltkreis (Weizsäcker), dem Kohärenzgefühl (Antonovsky), der Resonanzachsen (Rosa) oder dem Flow-Erleben (Csíkszentmihályi), dem Phänomen einer tiefen Verbundenheit und der Gleichzeitigkeit körperlicher, emotionaler und psychischer Erlebnisebenen anzunähern. Hierbei wird sich häufig des Leibkonzepts bedient, um mit phänomenologischen Beschreibungen des »Leib-Seins« sprachlich dem cartesianischen Dualismus des bewussten »Körper-Habens« zu entkommen. Da sich Körperpsychotherapien sowie Tanz- und Bewegungstherapien primär in den klinischen Kontext verordnen lassen, soll im weiteren Verlauf das besondere Potenzial psychomotorischer und somatischer Ansätze für ein entwicklungsorientiertes Bildungssystem hervorgehoben werden. Als konkrete Beispiele Somatischer Ansätze können die Feldenkraismethode, Alexandertechnik, Body-Mind-Centering, oder auch die Tanzform Kontakt-Improvisation sowie im weitesten Sinne auch Yoga, Tai-Chi oder Chi- Gong genannt werden (Schmid 2019). Persönlichkeitsbildung wird in diesem Beitrag als die individuelle Arbeit an »inneren Entwicklungszielen« im Sinne einer vertikalen Bildung verstanden. Das besondere Potenzial psychomotorischer Selbsterfahrung zur Persönlichkeitsbildung lässt sich zum einen durch ein Menschenbild und Entwicklungsverständnis begründen, welche sich in professionellen Haltungen wie unbedingte Wertschätzung, authentischer Beziehungsgestaltung, Ressourcenorientierung, dem Freiwilligkeitsprinzip oder Fehlerfreundlichkeit äußern. Die psychomotorische Praxis zeichnet sich durch sichere Erfahrungs- und Reflexionsräume aus, welche durch eine Atmosphäre des »So-Sein-Dürfens« eine notwendige Voraussetzung für innere Reflexions- und Entwicklungsbereitschaft bildet. Über sogenannte metaphorische Erfahrungssituationen besteht die Möglichkeit, sich spielerischforschend zu fragen: Wer und wie bin ich eigentlich? Was sind meine persönlichen Werte und Einstellungen und wie stark spiegeln sie sich in meinem Verhalten? Metaphorisch bedeutet, dass z. B. durch die Aufgabe »Baue Dir mit den zur Verfügung stehenden Materialien ein Haus«, sowohl der Prozess als auch das Ergebnis als Reflexionsanregung für die eigene Lebenssituation genutzt werden kann. Ein weiteres Potenzial liegt in dem reichhaltigen Fundus unterschiedlichster Ansätze und konkreter Methoden, mit denen über Körper-, Bewegungs- und Sozialerfahrung gezielt Kompetenzen wie Vertrauen, Mut, Kommunikationsfähigkeit oder Kreativität adressiert werden können. Viele somatische Praktiken lassen sich auf gemeinsame Wurzeln und Pionier: innen der deutschen Psychomotorik, wie z. B. Elsa Gindler oder Charlotte Pfeffer zurückführen. Die Besonderheit von somatischen Praktiken besteht im Unterschied zur Psychomotorik darin, dass sie sich in klarer getrennten Schulen ausdifferenziert haben und überwiegend auf standarisierten Bewegungssystemen und introspektiven Wahrnehmungsübungen basieren. Ähnlich dem täglichen Zähneputzen besitzt die Kultivierung einer leiborientierten Alltagspraxis in Hinblick auf Selbstfürsorge und Resilienzentwicklung eine nicht zu vernachlässigende Wirkung. Dabei geht es um etwas anderes als der reinen Selbstoptimierung durch bspw. regelmäßiges Sporttreiben. Der motologische Kern liegt in der bewussten leiblichen Wahrnehmung, welche sich durch Präsenz und Erfahrungsbereitschaft beschreiben lassen könnte (Gindler 1979). Spürfähigkeit und körperliche Selbstwahrnehmungsprozesse beeinflussen laut dem Embodiment-Ansatz nicht nur das Bewusstsein und die Fähigkeit zum rationalen Denken (Fogel 2018), sondern sie ermöglichen auch die leisen und meist unaufdringlichen Stimmen der Intuition oder Herzintelligenz wahrzunehmen, um diese als eine Art inneres Navigationssystem nutzen zu können (Dittmar 2018). [ 78 ] 2 | 2025 Forum Psychomotorik Leibliche Selbstsorge und physiologische Co-Regulation Der Titel dieses Beitrags ist durch den Philosophen Wiesing inspiriert, welcher Selbstsorge als eine Zumutung bezeichnet. Sobald und solange Menschen ein Selbstbewusstsein besitzen, sind sie unwillkürlich dem Thema der Selbstsorge ausgesetzt (Wiesing 2020, 12). Doch dieses vorausgehende Selbstbewusstsein ist nicht zu allen Zeiten gleichbleibend, sondern variiert mit situationsbedingten Daseinsstilen, welche Wiesing phänomenologisch zwischen dem malerischen Leib-Sein und dem linearen Körper-Haben unterscheidet. Mit malerisch meint er, dass das Selbst in einem Gesamtbild in seiner Umgebung aufgeht und Grenzen nur noch als weich und fließend gezeichnet werden können (ebd., 125). Wenn sich die oben bereits beschriebene Verbundenheit auf alles Seiende ausdehnt, wird Selbstsorge zum Streben nach sozialer und ökologischer Geborgenheit. Im Daseinsstil des Leib-Seins äußert sich demnach Selbstsorge in Weltsorge. Im Gegensatz dazu, lässt sich das Selbst in dem linearen Daseinsstil des Körper- Habens von der Umwelt wie auf einem Papier durch klare Scherenschnitte trennen, ohne sich oder das Fremde dabei zu verletzen (ebd.). Beim Erleben von Getrenntheit äußert sich Selbstsorge primär im Schutz des eigenen Körpers, der Fokussierung auf persönliche Bedürfnislagen und die Abwehr von Unbehagen. Beide Daseinsstile besitzen für den Lebensvollzug gleichwertige Bedeutsamkeit. Das Erleben von Einheitserfahrungen durch leibliche Weitung lässt sich nicht systematisch herstellen. Über motologische Zugänge können dennoch notwendige Voraussetzungen geschaffen werden, die Widerfahrnisse wie den Gestaltkreis, Flow-Erleben oder Kohärenzgefühl begünstigen und dem Erleben von Entfremdung entgegenwirken. Motologische Ansätze können über leibliche Selbstreflexion sinnstiftend, haltungsklärend und aus einer psychodynamischen Perspektive auch aufdeckend und Ich-stärkend wirken. Aus einer eher naturwissenschaftlichen Perspektive kann sich die Motologie auch den neurophysiologischen Voraussetzungen von selbstfürsorglichem und prosozialem Verhalten zuwenden: In der Polyvagal-Theorie werden Selbst- und Co-Regulation als die gezielten Beeinflussungen des autonomen Nervensystem definiert, welche zur Aktivierung eines »Sozialen Bindungssystems« führen. Hierbei handelt es sich analog der Angriff-Flucht-Reaktion, um ein biologisches Verhaltensmuster, welches den Körper für soziale Interaktion und Regeneration vorbereitet. Bei subjektiv wahrgenommener Sicherheit und Geborgenheit steigert sich die Herzratenvariabilität, das Immunsystem und die Verdauung werden angeregt und auch Gesichtsmimik und die Hörfähigkeit für den Frequenzbereich menschlicher Stimmen nehmen zu. Selbst- und Co-Regulation begrenzen sich dabei nicht nur auf die Durchführung spezifischer Übungen wie Zwergfellatmung, Gargeln (lautes Unterwasser-Gurgeln) oder durch die entspannende Wirkung von Körperberührung und somatischer Bodenarbeit (Dana 2022). Auch kooperatives Spielen, freies Tanzen und das Erleben authentischer Begegnungen fördern einen Daseinsstil der Verbundenheit. Persönliches Fazit Laut einer aktuellen Umfragestudie des Europäischen Forums für Psychomotorik zu Qualifikationswegen, Interventionsmethoden und Tätigkeitsfeldern sehen nur 0,7 % von 1400 Befragungsteilnehmer: innen Themen wie Demokratiebildung und Nachhaltigkeitsförderung als mögliche Handlungsfelder der Psychomotorik (Schmid 2025). Mit diesem Beitrag soll jedoch dazu ermutigt werden, das besondere Potenzial körper- und bewegungsorientierter Ansätze proaktiver in die Welt zu tragen. Dies kann durch Initiativbewerbungen auf Stellen, die nicht explizit für Motolog: innen oder Psychomotoriker: innen ausgeschrieben sind, durch persönliches Engagement in Bildungseinrichtungen (von Kitas bis Hochschulen), durch das Verfassen von Beiträgen in angrenzenden Fachdiskursen oder auch im Sinne von Lobbyarbeit durch organisierte Stellungnahmen an das Bildungsministerium, die Europäische Kommission oder die UN geschehen. Think big! Denn die Motologie ist in [ 79 ] [ 79 ] Schmid • Von der Selbstsorge zur Weltsorge 2 | 2025 der Lage, die Themen Selbstwahrnehmung und Selbstsorge professionell und wissenschaftlich fundiert einem entwicklungsorientiertem Bildungssystem für ein demokratisches und nachhaltiges Morgen zuzumuten. Literatur Arn, C., Munsch, J. (2022): Wissensorientierung, Kompetenzorientierung, Entwicklungsorientierung. Stationen in unserem gemeinsamen Bildungsverständnis. In: Burk, W., Stalder, C. (Hrsg.): Entwicklungsorientierte Bildung- - ein Paradigmenwechsel. 1. Aufl. Beltz Verlag, Weinheim, 133-140 Bieri, P. (2017): Wie wäre es, gebildet zu sein? Komplett-Media Verlag, Grünwald Buba, H., Globisch, S. (2008): Ökologische Sozialcharaktere: Von Weltveränderern, Egoisten und Resignierten. Persönlichkeitstyp und Lebenswelt als Basis von Umweltverhalten. oekom Verlag, München Dana, D. (2022): Arbeiten mit der Polyvagal-Theorie. Übungen zur Förderung von Sicherheit und Verbundenheit. 2. Aufl. G.P. Probst Verlag, Lichtenau Dittmar, V. (2018): Das innere Navi. 1. Aufl. Edition Est, München Eisenstein, C. (2013): Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich. CA: North Atlantic Books, Berkeley. In: www.charleseisenstein.org/ books/ the-more-beautiful-world-our-hearts-know-is-possible/ deu/ einfuhrung/ , 20.12.2024 Fogel, A. (2018): Selbstwahrnehmung und Embodiment in der Körperpsychotherapie. Vom Körpergefühl zur Kognition. 1. Aufl. Klett Verlag, Stuttgart Gindler, E. (1989): Die Gymnastik des Berufsmenschen. In: Stolze, H. (Hrsg): KBT Die Konzentrative Bewegungstherapie. Springer Verlag, Berlin / Heidelberg, 5-25, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662- 08053-5_25 Global Bildung Network (2024): European Bildung Manifesto. In: www.globalbildung.net/ europeanbildung-manifesto, 20.12.2024 HochN (2024): Deutsche Gesellschaft für Nachhaltigkeit an Hochschulen e. V. In: www.dg-hochn.de Inner Development Goals (2024): Inner Development Goals Framework. In: www.idg.tools/ de/ embed/ framework, 20.12.2024 Klafki, W. (2007): Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik. Beltz Verlag, Weinheim Mausfeld, R. (2019): Warum schweigen die Lämmer? Wie Elitendemokratie und Neoliberalismus unsere Gesellschaft und unsere Lebensgrundlagen zerstören. Westend Verlag, Frankfurt am Main Pioneers of Education (2024): Ausbildung zur / m integralen Organisationsentwickler: in, Schwerpunkt Bildung. In: www.lernkulturzeit.de/ veranstaltung/ pioneersofeducation-weiterbildung-jahr-2/ Porges, S. (2017): Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit: Bindung, Kommunikation und Selbstregulation. Junfermann Verlag, Paderborn Schilling, F. (2020): Von der Psychomotorik zur Motologie-- Einblicke und Ausblick Teil 2: Grundlegende Annahmen und Entwicklungen. motorik, 43(3), 111-118, https: / / doi.org/ 10.2378/ mot2020.art30d Schmid, J. L. (2019): Selbstkompetenz, Leibwahrnehmung und Somatics. In: Göhle, H. U., Allkemper, S. (Hrsg.): Handlungshorizonte zwischen Theorie und Praxis- - Gegenseitige Anstöße in Psychomotorik und Motologie. Wissenschaftlicher Verlag für Psychomotorik und Motologie, Marburg, 43-92 Schmid, J. L. (2023): Leib- und bewegungsorientierte Reflexionsmethoden: Motologische Ansätze zur Förderung von Nachhaltigkeitsbewusstsein und Verantwortungsbereitschaft. In: Studer, J., Sotoudeh, S., Abplanalp, E. (Hrsg.): Persönlichkeitsentwicklung in Hochschulausbildungen fördern 2: Reflexionsprozesse verstehen und begleiten. hep Verlag, Bern, 43-92 Schmid, J. L. (2025): Ergebnisse der QuEP-Studie 2024: Psychomotorische Praxis & Forschung in Deutschland und Europa. Stolper- & Meilensteine der Anerkennung. motorik, 48(1), 4-11, https: / / doi. org/ 10.2378/ mot2025.art02d UN (2024): United Nations: The Sustainable Development Goals Report 2024. In: www.unric.org/ de/ 17ziele, 20.12.2024 Wiesing, L. (2020): Ich für mich: Phänomenologie des Selbstbewusstseins. Suhrkamp Verlag, Berlin Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Der Autor Prof. Dr. J. Lemmer Schmid Dipl. Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche, Erwachsene und Gruppen, Einzel- und Team-Supervision in pädagogischen / psychosozialen Arbeitsfeldern, Motologe und Supervisor Kontakt Prof. Dr. J. Lemmer Schmid Professur für Motologie Hochschule Emden / Leer FB Soziale Arbeit und Gesundheit Constantiaplatz 4 26723 Emden j.lemmer.schmid@hs-emden-leer.de