Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art26d
7_048_2025_3/7_048_2025_3.pdf71
2025
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Fachbeitrag: Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung von Frauen nach länger zurückliegendem perinatalen Kindstod
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2025
Simone Kastel
Wolfram Schulze
Der perinatale Kindstod stellt für Frauen ein biografisch einschneidendes Ereignis dar. Es erhöht das Risiko, klinisch-psychiatrische bzw. psychosomatische Symptome zu entwickeln. Verstärkte Trauerreaktionen können über Jahre auftreten. Der Artikel zeigt erstmalig anhand einer qualitativen Studie auf, welche Wirkungen auf die leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung der Frauen nach über 20?Jahre zurückliegendem perinatalen Kindsverlust aus ihrer Perspektive auftreten. Wie sich zeigt, können selbst 47?Jahre später situationsabhängig belastende Selbstwahrnehmungen beschrieben werden. Aus den individuellen Angaben werden spezifische leib- und körperorientierte Gruppenangebote sowie Maßnahmen multimodaler Gesundheitsförderung abgeleitet.
7_048_2025_3_0007
Zusammenfassung / Abstract Der perinatale Kindstod stellt für Frauen ein biografisch einschneidendes Ereignis dar. Es erhöht das Risiko, klinisch-psychiatrische bzw. psychosomatische Symptome zu entwickeln. Verstärkte Trauerreaktionen können über Jahre auftreten. Der Artikel zeigt erstmalig anhand einer qualitativen Studie auf, welche Wirkungen auf die leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung der Frauen nach über 20 Jahre zurückliegendem perinatalen Kindsverlust aus ihrer Perspektive auftreten. Wie sich zeigt, können selbst 47 Jahre später situationsabhängig belastende Selbstwahrnehmungen beschrieben werden. Aus den individuellen Angaben werden spezifische leib- und körperorientierte Gruppenangebote sowie Maßnahmen multimodaler Gesundheitsförderung abgeleitet. Schlüsselworte: Selbstwahrnehmung, Körper, Leib, Leiblichkeit, Perinataler Kindstod Effects of bodily-physical self-perception of women after a long history of perinatal infant death The occurrence of perinatal infant death represents a significant life event for women. It increases the likelihood of developing clinical symptoms. It is possible that grief reactions may persist for years. This article presents the first qualitative study to examine the effects of perinatal infant death on women’s physical and bodily self-perception from their perspective. The study is based on data collected from women who experienced perinatal infant death over 20 years ago. As it turns out, even 47 years later, stressful self-perceptions can be described depending on the situation. The study also identifies specific body-oriented group programmes and multimodal health promotion measures that could be derived from the individual data. Keywords: Self-perception, physicality, body, corporeality, perinatal infant death [ 139 ] motorik, 48. Jg., 139-151, DOI 10.2378 / mot2025.art26d © Ernst Reinhardt Verlag 3 | 2025 [ FACHBEITRAG ] Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung von Frauen nach länger zurückliegendem perinatalen Kindstod Simone Kastel, Wolfram Schulze »Je stärker man von einem Ereignis leiblichaffektiv betroffen gewesen ist, desto lebhafter ist die Erinnerung daran und desto bedeutsamer ist dieses Erlebnis für die eigene Identität.« (Gugutzer 2002, 104 f ) Ein Kind kurz vor, während oder nach der Geburt zu verlieren, ist aufgrund der unmittelbaren leiblich-körperlichen Betroffenheit für Frauen ein Schicksalsschlag, der tief erschüttern und das weitere Leben nachhaltig prägen kann. Für die Selbstwahrnehmung als Teilbereich der Identität ist der Leib von grundlegender Bedeutung, ist er doch Resonanzraum aller empfundenen Stimmungen und Gefühle sowie Zentrum der Wahrnehmungen, Bewegungen und Handlungen (Fuchs 2008). Hier setzt die vorliegende Untersuchung an, die im Rahmen einer Masterarbeit an der HS Koblenz entstand. Ziel war, aufzuzeigen, wie sich der frühe Verlust eines Kindes Jahrzehnte nach dem Ereignis aus Perspektive der betroffenen Frauen auf ihre leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung auswirkt und welche Handlungen daraus resultieren. Die Perinatalperiode Die Perinatalperiode beschreibt die Zeit um den Geburtszeitpunkt herum. Laut dem Deutschen [ 140 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI) in der ICD-10-Version 2019 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) »beginnt [sie] mit Vollendung der 22. Schwangerschaftswoche (154 Tage; die Zeit, in der das Geburtsgewicht normalerweise 500 g beträgt) und endet mit der Vollendung des 7. Tages nach der Geburt« (BfArM 2019). Leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung Der Doppelbegriff leiblich-körperlich verdeutlicht, dass leibliche und körperliche Selbstwahrnehmung zwar untrennbar miteinander verbunden sind, jedoch der differenzierten Betrachtung bedürfen, um eine kritische Auseinandersetzung zu ermöglichen (Schache 2021). Während sich der Körper primär als Gegenstand betrachten lässt (Fuchs 2000) und Zugang in der Perspektive der Fremderfahrung findet (Böhme 2003), wird der Leib im Allgemeinen dem Lebendigen zugesprochen (Waldenfels 2000) und durch die Selbsterfahrung charakterisiert. Hilarion Petzold spricht in diesem Zusammenhang unter Rekurs auf Gabriel Marcel und Vladimir N. Iljine auch von der Subjekthaftigkeit und Personalität von »Leib« (Leibsubjekt in seiner Lebenswelt und Zeitlichkeit) (Höhmann-Kost 2018). Die Selbstwahrnehmung wird als Aufmerksamkeitsfokus auf die eigene Person in ihrer Gesamtheit definiert, der die Ebene der Körperempfindungen, Gedanken, Emotionen oder Verhaltensweisen umfasst (Wied et al. 2022). In Anlehnung daran wird im Folgenden die Selbstwahrnehmung in die Ebenen Körper- (Leib-)empfindungen, Emotionen und Kognitionen untergliedert, aus denen auch Verhaltensweisen resultieren. Die leiblich-körperliche Ebene Folgt man Schmitz (2007), so bezieht sich das leibliche Spüren entweder, ohne scharfe Abgrenzung, auf bestimmte Regionen- - er nennt sie Leibesinseln- - oder aber auf den Leib als Ganzheit. Für Frauen kommt zum Spüren der eigenen Leibesinseln im Prozess fortgeschrittener Gravidität das Spüren des Kindes hinzu, die Berührung eines anderen von innen. Die Kindsbewegungen gehen oft mit großer emotionaler Bewegtheit einher. Der Uterus wird als erheblich expandierende Leibesinsel erfahren (Gahlings 2016). Dies führt zu einer »Verlagerung des weiblichen Lots« (Gahlings 2016, 480), sowohl durch die Verschiebung des körperlichen Schwerpunktes als auch der gefühlten leiblichen Mitte und damit zu veränderter gesamtleiblicher Selbstwahrnehmung. Eine extreme Veränderung im Spüren des Leibes stellt später der Geburtsvorgang dar, der mit vielfältigen Diffusionen von Leibesinseln einhergeht und nach rhythmisch wiederkehrenden, sich steigernden Schmerzen in einen Dialog von Spannung und Schwellung mündet, dem die Gebärende bis zur Austreibungsphase passiv unterworfen ist (Gahlings 2016). »Im Austritt des Kindes erfährt der bis zum ›Zerbersten‹ aufgebaute leibliche Dialog schließlich seinen befreienden Höhepunkt« (Gahlings 2016, 186) und mündet in ein »ausgreifendes Nichts« (ebd.), weil plötzlich nichts mehr von dem gespürt wird, was »zuvor den Leib mitriss« (ebd.). Wird eine Geburt infolge einer Todesdiagnose des Kindes oder einer Entscheidung nach pränataler Diagnostik eingeleitet, kann dies zu einer verlängerten Geburtsphase führen und die Intensität der Schmerzen verstärken (Lothrop 2020), weitet sich die Geburt doch an dieser Stelle zu einem »Trennungserlebnis« (Gahlings 2016, 561) im doppelten Sinne aus. Die Laktation gehört zu den Besonderheiten weiblichen Leiberlebens. Beim Einschießen der Milch werden die Brüste durch ein allmähliches oder plötzlich dichtes und festes, auch gespanntes und geschwollenes Gefüllt-sein wahrgenommen, das mit einem eigenleiblichen Drang nach Entleerung verbunden ist (Gahlings 2016). Studien zeigen, dass für Frauen nach perinatalem Kindstod der Milcheinschuss als besonders belastend und sinnlos wahrgenommen wird (Lothrop 2020; Wagner 2013; Beutel 2002), drängt sich hier doch das Fehlen der Wiedervereinigung zwischen Mutter und Kind durch den Stillvorgang (Gahlings 2016) spürbar ins Bewusstsein. [ 141 ] [ 141 ] Kastel, Schulze • Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung 3 | 2025 Glaser (2009) konstatiert in einer qualitativen Untersuchung von Eltern, die ihr extrem frühgeborenes Kind in der 24.-26. SSW verloren haben, bis zu einem halben Jahr nach dem Verlust körperliche Symptome wie Schmerzen, Herzklopfen, Zittern und Anspannung. Die emotionale Ebene Fuchs (2014; 2019b) zeigt durch sein Modell verkörperter Emotionen, dass Körper-Leibempfindungen und Emotionen eng zusammenhängen. Der perinatale Verlust geht nachweislich am meisten mit der Emotion Traurigkeit, daneben mit den Emotionen Schuld bzw. Scham, Wut und Angst einher (Schulze 2022). Glaser (2009) konstatiert bis sechseinhalb Jahre nach dem Verlust Trauer und Schmerz. Hingegen werden Wut und Angst von ihr lediglich kurze Zeit nach dem Ereignis registriert. Kuse-Isingschulte et al. (1996) konstatieren eine anhaltende depressive Verstimmung an den Jahrestagen der Totgeburt oder am ursprünglich errechneten Geburtstermin. Weiter besteht ein erhöhtes Risiko psychisch zu erkranken (Schulze 2022). Phänomenologisch betrachtet erschüttert der Verlust die leibliche Existenz im Kern. Erst mit dem Nachlassen der ersten Schockphase zeigt sich das eigentliche Phänomen der Trauer, das sich primär in leiblicher Schwere, Enge und Niedergeschlagenheit manifestiert. Beispielhaft können das Spüren einer schweren Last auf dem Körper, das Hängenlassen von Kopf und Schultern sowie ein stetiger Druck auf der Brust und in der Kehle angeführt werden (Fuchs 2019a). In Anlehnung an Parkes (1972) beschreibt Fuchs (2019a) die Trauer als wellenförmig, mit akuten Schmerzempfindungen in Brust oder Kehle und verdeutlicht damit, dass es zwischen körperlichem und seelischem Schmerz keine Trennung gibt, denn der »Schmerz wird immer im Leib empfunden, als Teil der leiblichen Resonanz der Trauer« (Fuchs / Koch 2014, zitiert nach Fuchs 2019a, 123). Fuchs (2019a) setzt darauf aufbauend bis zu einem gewissen Grad die Beschreibung eines schweren Verlustes mit der einer körperlichen Verletzung oder Amputation gleich und belegt dies mit Aussagen von Betroffenen wie »Als wäre mein Innerstes herausgerissen« (Parkes 1972, 114, zitiert nach Fuchs 2019a, 123 f ) was angesichts einer (Tot-)Geburt nicht nur eine Metapher bleibt. Frauen empfinden ihr Kind meist »als Verlängerung ihres Selbst, sodass mit dessen Tod auch ein Teil von ihnen verloren geht« (Jakoby et al. 2020, 10). Der Verlust kann zu einer Entfremdung des Welt- und Selbsterlebens führen. Das eigene Selbst ist insbesondere vom Verlust betroffen, wenn es eng mit der Beziehung zur verlorenen Person verbunden war und nun die Möglichkeiten der Selbstrealisierung fehlen (Fuchs 2019a). Dies betrifft Frauen nach perinatalem Kindstod insbesondere vor dem Hintergrund, dass nach Mozygemba (2011) Frauen bereits vor der Geburt Mutter werden. Die kognitive Ebene Studien von Kuse-Isingschulte et al. (1996) und Kersting (2013) verweisen auf Bewertungen des Versagens und der Schuldzuschreibung bei den betroffenen Frauen, was zu einer Ablehnung des eigenen Körpers führen kann. Er wird als dysfunktional wahrgenommen (Jakoby et al. 2020). Glaser (2009) konstatiert bis zu sechseinhalb Jahren nach dem frühen Verlust eines Kindes belastende Erinnerungsbilder. Mit Gugutzer (2002), der leiblich-körperliche Erfahrungen als Ausgangspunkt des Denkens betrachtet, wird deutlich, dass dieses Erinnern durch die unmittelbar leiblich-affektive Betroffenheit der Frauen kein ausschließlich kognitives Geschehen, sondern stets gleichsam eine leibliche Erfahrung darstellt. Das Leibgedächtnis, das »den gelebten Leib zum Träger einer spezifischen Geschichte« (Broschmann / Fuchs 2020, 467) macht, spielt somit eine entscheidende Rolle in der Selbstwahrnehmung der betroffenen Frauen. Der Verlust kann zu einer Entfremdung des Welt- und Selbsterlebens führen. [ 142 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Fragestellung Obgleich der Aspekt der Leiblichkeit durch die leiblich-körperliche Verbindung zwischen Mutter und Ungeborenem bzw. Neugeborenem und durch die unvermittelte leiblich-körperliche Trennung der beiden durch den perinatalen Kindstod als elementar bezeichnet werden kann, liegen bislang keine Studien vor, die sich auf die Selbstwahrnehmung der betroffenen Frauen unter dem Fokus der Leiblichkeit beziehen und die Wirkung über die Lebensspanne untersuchen. Zwar liegen, wie oben deutlich wird, einige Erhebungen vor, die auf die psychosomatische Reaktion nach perinatalem Verlust eingehen, dies geschieht jedoch vorrangig im Sinne einer medizinisch-psychologischen Diagnostik und bezieht sich häufig maximal auf wenige Jahre nach dem Verlust. Die vorliegende Untersuchung trägt dazu bei, diese Forschungslücke zu schließen, und ergänzt bereits vorliegende Studien um eine leibphänomenologische Perspektive. Daraus ergibt sich die zentrale Fragestellung: Welche Wirkungen auf die leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung von Frauen nach einem mindestens 20 Jahre zurückliegenden perinatalen Kindsverlust lassen sich aus der Perspektive der Frauen beschreiben? Forschungsdesign, Methodik und Stichprobe Zur Beantwortung der Fragestellung wurde ein qualitatives Studiendesign gewählt, da darüber stärker die individuellen Leiberfahrungen der befragten Frauen im Sinn eines besseren Verständnisses komplexer Phänomene erfasst werden können (Döring 2023). Die Datenerhebung erfolgte im Jahr 2023. Über fachliche Kontakte zu ehemaligen Mitgliedern aus Selbsthilfegruppen konnten Studienteilnehmende rekrutiert werden. Die Aufklärung über die Studie als auch die Verwendung der Daten erfolgte gemäß Vorgaben wissenschaftlichen Arbeitens und der Datenschutzverordnung. Zur Absicherung von möglichen Gesprächsbedarfen und der Vorbeugung eventueller Retraumatisierungen, die sich aus den sensiblen Studieninhalten ergeben könnten, wurden die Autor: innen explizit als fachkundige Ansprechpersonen inkl. Kontaktdaten benannt. Beide verfügen über entsprechende therapeutische Qualifikationen und Kompetenzen in der Krisenintervention. Das direkte persönliche Gespräch als Interviewform (teilstandardisierter Fragebogen) wurde auch festgelegt, um eventuellen verstärkten psychosozialen Belastungen vorzubeugen. Die Interviews wurden digital aufgezeichnet. Sie dauerten 60-70 Minuten. Im unmittelbaren Anschluss erfolgte eine schriftliche Dokumentation der Beobachtungen während des Interviews aus Sicht der Interviewenden (Gugutzer 2022). Nach technischer Kodierung der anonymisierten Transkripte mit der Software MAXQDA erfolgte die Datenauswertung nach dem Schema der fokussierten Inhaltsanalyse (Kuckartz / Rädiker 2020) unter bewusstem Einbezug des Forscherinnenleibes als Erkenntnisquelle (Gugutzer 2022), worauf später noch eingegangen wird. Entsprechend den inhaltlichen Blöcken des semistrukturierten Leitfadens, der als Datenerhebungsinstrument genutzt wurde, standen zunächst vier Hauptkategorien für die Auswertung zur Verfügung (s. Resultate). Zur weiteren Bearbeitung des Materials fanden sowohl deduktive als auch induktive Subkodierungen Verwendung. Resultate Die Teilnehmendengruppe der qualitativen Studie besteht aus zwölf Frauen im Alter von 47 bis 65 Jahren (M=57,5 Jahre, SD=5,3 Jahre), die zwischen 1977 und 2003 einen perinatalen Verlust erlebten. Der Zeitpunkt des Verlustes erstreckte sich von der 22. SSW bis zum vierten Lebenstag. Der Zeitpunkt der Geburt lag zwischen der 22. SSW und der 40. SSW. Von einer Totgeburt waren acht der befragten Frauen betroffen, davon eine nach medizinisch indiziertem Abbruch. Vier Frauen gebaren lebende Kinder mit einer Lebenszeit von fünf Minuten bis zu vier Tagen. Bei zwei Frauen handelte es sich um eine Zwillingsschwangerschaft, von denen die eine beide Kinder im Abstand von zwei Wochen verlor und die [ 143 ] [ 143 ] Kastel, Schulze • Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung 3 | 2025 andere gleichzeitig ein gesundes überlebendes Kind gebar. Sieben Frauen entbanden spontan, fünf durch Sectio Caesarea (Abb. 1 a und 1 b). Aus den Interviews wurden folgende vier Hauptkategorien herausgearbeitet: 1. Selbstwahrnehmung zu Beginn des Interviews 2. Selbstwahrnehmung in Situationen des heutigen Alltags 3. Veränderung der Selbstwahrnehmung über die Lebensspanne 4. Daraus resultierende Verhaltensweisen Die erste Hauptkategorie entstand aus Daten der Momentaufnahme. Körperempfindung, Emotion und Kognition wurden unmittelbar im Augenblick des Auftauchens verbalisiert. Die zweite Hauptkategorie bezog sich auf den gegenwärtigen Alltag und zeigt auf, in welchen Situationen sich der Verlust auf den Ebenen der Körperempfindung, Emotion und Kognition auf die Wahrnehmung auswirkt. Die dritte Hauptkategorie umfasst vergleichende Erinnerungen aus der Vergangenheit. Dadurch wurden Längsschnittdaten erfasst, die der Veranschaulichung der Veränderung der Selbstwahrnehmung während der Lebensspanne dienten. Die vierte Hauptkategorie zielte darauf ab, den Umgang mit belastender Selbstwahrnehmung über die Lebensspanne aufzuzeigen. Dadurch ließen sich ebenfalls Handlungen und Verhaltensweisen im Längsschnitt (retrospektiv) erfassen. Abb. 1a und 1b: Zeitpunkt und Art der Geburt [ 144 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Selbstwahrnehmung zu Beginn des Interviews Die Eröffnung des Interviews mit der Einstiegsfrage: »Was macht das gerade mit Ihnen, dass wir nach so vielen Jahren über ihr verstorbenes Kind reden? « führte bei zwei Drittel der befragten Frauen unmittelbar zu Tränen. Traurigkeit wurde beschrieben, meist begleitet von Unruhe, Enge und Druckempfinden auf Hals, Brust- und Bauchraum. Von Plötzlichkeit und Intensität der auftauchenden Empfindungen zeigte sich die Hälfte der Frauen stark überrascht: »Hätte ich jetzt eben wirklich nicht für möglich gehalten« (I 12, Pos. 2). Zwei Frauen konnten weder leiblich-körperliche, noch emotionale Wahrnehmungen schildern: »Da ist Ruhe. Ich kann einfach frei drüber reden. Ich spüre da nichts« (I 3, Pos. 4). Zehn Frauen reflektierten spontan ihre momentane Befindlichkeit: »E. ist bei mir immer präsent. Deswegen ist das für mich was völlig Normales [über ihn zu sprechen]« (I 4, Pos. 2) oder: »Da ist viel verdrängt, viel unterdrückt« (I 7, Pos. 2). Fünf Frauen formulierten auftauchende Erinnerungen an das Geschehene. Zwei Frauen äußerten Selbstvorwürfe: »Ich war schwanger und ich habe es nicht geschafft, die Kinder zu behalten« (I 8, Pos.10) und eine schilderte eine tiefe Sehnsucht, wissen zu wollen, wie ihr Kind jetzt wäre, wenn es lebte. Selbstwahrnehmung in Situationen des heutigen Alltags vor dem Hintergrund des Verlustes Obgleich die auslösenden Situationen höchst individuell waren, lassen sich Häufungen von Situationen erkennen, in denen sich der Verlust noch heute unmittelbar auf die Selbstwahrnehmung auswirkt. Ein Beschreiben der einzelnen Situationen mit der jeweiligen Selbstwahrnehmung würde in diesem Rahmen jedoch zu umfangreich. Zusammengefasst lässt sich feststellen, dass die Befragten in den verschiedenen Situationen am häufigsten ein Enge- oder Druckempfinden beschreiben, aber auch Unruhe, Schmerz und / oder Anspannung (Abb. 2), was meist im Bauch- / Brustbereich, jedoch auch im Hals oder Kopf gespürt wird (Abb. 3). Dabei überwiegt das Gefühl der Traurigkeit. Wut, Schuld bzw. Scham und Angst werden ebenfalls beschrieben (Abb. 4). Es tauchen am häufigsten Erinnerungen an das Erlebnis auf und Gedanken, die um die Vorstellung kreisen, was wäre, wenn das verstorbene Kind da wäre, wie würde es aussehen, was wäre aus ihm geworden und wie wäre das Leben mit diesem Kind verlaufen. Diese Gedanken wurden mit dem Code Imagination versehen (Abb. 5). Veränderung der Selbstwahrnehmung über die Lebensspanne Erinnerungen an die Selbstwahrnehmung damals sind im Vergleich zur Selbstwahrnehmung in Situationen des heutigen Alltags von den Begrifflichkeiten nicht zu unterscheiden. Stets wird Traurigkeit als überwiegendes Gefühl genannt, allerdings ändert sich die Beschreibung in ihrer Intensität. Wird sie heute von allen befragten Frauen je nach Situation als leichte bis starke Traurigkeit oder als Wehmut benannt, so lässt sich feststellen, dass sie in der Vergangenheit von allen Teilnehmerinnen als starke Traurigkeit, verbunden mit Gefühlen der Leere und einer tiefen Verzweiflung, erinnert wird, die sich damals im Gegensatz zu heute nicht nur auf bestimmte Situationen bezog, sondern als Grundgestimmtheit wahrgenommen wurde. Das Gefühl von Schuld bzw. Scham beschreiben ein Drittel der Interviewten über die Lebensspanne als gänzlich abgeklungen oder gemildert. Dennoch lässt sich den Ergebnissen entnehmen, dass es noch heute bei der Hälfte der Teilnehmerinnen situationsabhängig in unterschiedlicher Intensität und Frequenz auftaucht. Angst wird in der erinnerten Vergangenheit im Vergleich zu heute mehr als dreimal so oft genannt und zuweilen als starke Hilflosigkeit beschrieben. Die Angst wird von zehn der zwölf Frauen heute als abgeklungen beschrieben. Aus der Erinnerung wird sie über die Lebensspanne [ 145 ] [ 145 ] Kastel, Schulze • Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung 3 | 2025 Abb. 4: Häufigkeit genannter Emotionen im Alltag Abb. 2: Situationsübergreifend genannte Körperempfindungen im Alltag Abb. 3: Häufigkeit betroffener Körperregionen im Alltag [ 146 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis bei drei Viertel der Befragten, insbesondere während Folgeschwangerschaften, als stark in die Wahrnehmung tretend ausgeführt, was auch Jahrzehnte spätere Schwangerschaften der eigenen Kinder betreffen kann. Bei zwei der zwölf Interviewten prägt die Angst bis heute ihr alltägliches Leben: »Ich hatte ja noch ein weiteres Kind bekommen. Sie fährt jetzt Auto. Das ist für mich ganz schlimm. Ich habe dann Druck und Herzrasen. Jeder hat Angst um sein Kind, aber das ist bei mir echt eine Nummer härter« (I 10, Pos. 102). Wut wird von der Hälfte der Interviewten über die Lebensspanne im Alltag als abgeklungen oder stark gemildert beschrieben, auch wenn sie bei drei Viertel der Frauen situationsabhängig noch heute in die Wahrnehmung tritt, dies insbesondere bei Aberkennung der Trauer durch das Umfeld. Alle Befragten erinnerten aus der Vergangenheit ein Gefühl der Schwäche, das sich in der Beschreibung heutiger Situationen nicht mehr wiederfindet. Enge- und Druckempfinden, Schmerz, Unruhe und Anspannung werden sowohl heute als auch in der erinnerten Vergangenheit beschrieben. Bezüglich des am häufigsten genannten Enge- und Druckempfindens lässt sich feststellen, dass es insgesamt heute, wie in der erinnerten Vergangenheit, zwar gleichviele Nennungen aufweist, heute jedoch nur noch bestimmte Situationen betrifft. I 4 (Pos. 34-36) beschreibt diese Veränderung als »eine Entwicklung über Jahre. […] Dieses Spüren von meinem Körper ist, […] wie wenn man ein Korsett so langsam löst, so dass du immer mehr Luft kriegst«. Was den Schmerz betrifft, so lässt sich feststellen, dass die Hälfte der Teilnehmerinnen ihn über die Lebensspanne als abgeschwächt wahrnimmt, was sich im Vergleich der Häufigkeit der Nennungen heute und in der erinnerten Vergangenheit deutlich widerspiegelt. Im Hinblick auf die Unruhe zeigt sich diese in den Nennungen fast um die Hälfte reduziert (von sieben auf vier), während die Anspannung in der erinnerten Vergangenheit lediglich einmal mehr genannt wird. Verortet sind die Empfindungen heute wie damals überwiegend in Brust- und Herzbereich so- Abb. 5: Häufigkeit genannter Kognitionen im Alltag »Dieses Spüren von meinem Körper ist, wie wenn man ein Korsett so langsam löst, so dass du immer mehr Luft kriegst.« [ 147 ] [ 147 ] Kastel, Schulze • Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung 3 | 2025 wie im Bauchraum, wobei auffällt, dass aus der Zeit kurz nach dem Verlust häufig eine ganzkörperliche Betroffenheit erinnert wird. Im Bereich der Kognition lassen sich die größten Veränderungen erkennen, denn während in der Zeit nach dem Verlust mit Abstand am häufigsten Selbstvorwürfe und Vorwürfe dem Umfeld gegenüber erinnert werden, wird im heutigen Alltag hingegen lediglich situationsabhängig noch ein Hadern mit dem Schicksal oder der eigenen Entscheidung geäußert. Fast die Hälfte der Befragten erwähnt heute vor dem Hintergrund des perinatalen Kindstodes wertschätzende Gedanken sich selbst gegenüber: »Das hat mich auch ein Stück weitergebracht irgendwie« (I 1, Pos. 44). Resultierende Verhaltensweisen Im Umgang mit akut belastender Selbstwahrnehmung nennen mehr als drei Viertel der Teilnehmerinnen das darüber Sprechen und die Hälfte die körperliche bzw. zwischenmenschliche Nähe im Allgemeinen als hilfreich und mehr als die Hälfte vorhandene Kinder oder Enkel. Obschon zwei Drittel der Frauen die Ablenkung durch Musik, TV oder Arbeit als Umgang mit akut belastender Selbstwahrnehmung angeben, wird insbesondere rückblickend über die Lebensspanne das bewusste Zulassen von Trauerreaktionen von drei Viertel der Teilnehmerinnen als relevant und heilsam betont. Kreative Expression sowie die Verbindung zur Natur werden von jeweils einem Drittel der Interviewten als hilfreich angeführt, gezielte Übungen und Bewegung von jeweils einem Viertel. Im längerfristigen Umgang erwähnen sieben von zwölf Befragten als hilfreich und maßgeblich, das verstorbene Kind, etwa durch Symbole oder Rituale, fest ins Leben zu integrieren und fünf von zwölf, dem Versterben des Kindes einen Sinn zuzuschreiben. Die Hälfte der Frauen gibt an, dass das Lesen einschlägiger Fachliteratur insbesondere in den ersten Jahren längerfristig geholfen habe. Fünf von zwölf Betroffenen erwähnen ein verändertes Essverhalten als Handlungsfolge bei belastenden Selbstwahrnehmungen und ein Viertel der Frauen gibt an, zu Alkohol oder Medikamenten zu greifen bzw. gegriffen zu haben. Interpretation und Diskussion Die Resultate lassen darauf schließen, dass der weit zurückliegende perinatale Kindstod in der alltäglichen Wahrnehmung zwar deutlich in den Hintergrund getreten ist, sich offensichtlich jedoch stark im Leibgedächtnis verankert zeigt, da er sich bis zu 47 Jahre später in verschiedenen Situationen in unterschiedlich starker Ausprägung unwillkürlich in die leiblich-körperliche Selbstwahrnehmung drängt. Über die Lebensspanne betrachtet, lässt sich ableiten, dass sich die Selbstwahrnehmung insbesondere auf Ebene der Körperempfindungen und Emotionen in dem, was empfunden wird, kaum verändert. Die Intensität zeigt sich überwiegend leicht bis stark abgeschwächt. In der Frequenz weicht das ständige Empfinden einem situationsabhängigen temporären Auftauchen. Im kognitiven Bereich erlauben die Ergebnisse den Rückschluss, dass sich hier eine starke Veränderung vollzieht und das Erlebnis des perinatalen Kindstodes sich retrospektiv nicht unbedingt nur belastend, sondern zuweilen auch positiv auf die Selbstwahrnehmung der Betroffenen auswirkt. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Trauer gelebt werden muss und im Laufe der Zeit an Intensität abnimmt (vgl. auch Schulze 2022). Für den Umgang mit belastender Selbstwahrnehmung wird anhand der Resultate konkludiert, dass sich dieser zwar individuell und vielfältig gestaltet, sich dennoch zwischenmenschliche Nähe, das bewusste Zulassen, das fokussierte Kanalisieren und die Integration des verstorbenen Kindes ins Leben als hilfreich abzeichnen. Dies gilt auch für den Zustand des Informiertseins, im Sinne eines Verstehenkönnens. Damit werden empirische Erkenntnisse Insbesondere zwischenmenschliche Nähe und das bewusste Zulassen der Trauer zeichnen sich als hilfreich ab. [ 148 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis gestützt, wie sie u. a. von Schulze (2022) beschrieben wurden. Ein gesundheitliches Risiko scheint für Adipositas, Anorexie und Abhängigkeitsstörung in Betracht zu bestehen, was über Folgestudien weiter zu eruieren wäre. Die Studienergebnisse bestätigen das eingangs genannte Verständnis von ›Leib‹ und der individuellen Verankerung der Verlusterfahrung sowie Veränderung über die Lebensspanne. Wirkzusammenhänge aufzuzeigen, wann sich welche Leibphänomene wie ändern, war nicht Anliegen der Studie. Sie können nicht rekonstruiert werden. Bezüglich vorherrschender Emotionen konnte die Studie von Schulze (2022) mit vorliegender Untersuchung bestätigt werden. Die Studie von Glaser (2009) konnte bezüglich der Körperempfindungen bestätigt und gleichsam um weitere Körperempfindungen ergänzt werden. Die Kognition betreffend, konnten die Studien von Kuse- Isingschulte et al. (1996) und Kersting (2013) bezüglich schuldhafter Bewertungen, die Studie von Glaser (2009) bezüglich belastender Erinnerungsbilder bestätigt werden. Darüber hinaus kann die vorliegende Untersuchung aufzeigen, in welchen Situationen und in welcher Intensität sowohl Emotionen als auch Körperempfindungen und Kognitionen selbst Jahrzehnte nach dem Verlust auftreten und welche Handlungen und / oder Verhaltensweisen aus ihnen resultieren können. Phänomenologische Beschreibungen aus Perspektive der betroffenen Frauen zeigen erstmals auf, wie Emotionen, Körperempfindungen und Kognitionen bis zu 47 Jahre nach dem Verlust ganzheitlich leiblich spürbar werden. In welchem Maß die drei Ebenen ineinanderfließen, wird in folgender Interviewaussage deutlich: »[Es] war eine ganz große Leere in mir drin. […] Diese Leere habe ich am meisten im Bauch gespürt. Im doppelten Sinne. Mein Bauch war leer und dort habe ich auch das Gefühl der Leere gespürt. Die Leere war körperlich, das Kind war ja nicht da […], aber auch dieses Gefühl der innerlichen Leere, das war auch im Bauch verortet. […] Da hängt nutzlos was rum. Also mein Bauch. Die Hülle, die nutzlos da rumhängt« (I 9, Pos. 50). Durch die Retrospektive konnten Belastungen durch körperliche Folgen der Geburt (Lothrop 2020; Wagner 2013; Beutel 2002) bestätigt und insbesondere am Beispiel des Milcheinschusses um phänomenologische Beschreibungen ergänzt werden: »Da ist mir die Milch eingeschossen. Das war schlimm. Milcheinschuss und kein Kind. Da kamen ganz viele Versagensgefühle hoch. Und auch Wut. Ich habe meinen Körper da massiv abgelehnt« (I 9, Pos.90). Der Verlust eines Kindes geschieht körperlich und belastende Selbstwahrnehmungen der Frauen beziehen sich stark auf ihren Körper. Er wird teilweise abgelehnt oder als unfähig wahrgenommen. Eine, so muss angenommen werden, unbewusste Schuldzuweisung an das Versagen des eigenen Körpers kann gemäß Schuldverständnis von Paul (2016) als Kontrollversuch verstanden werden, die unkontrollierbare Situation des Kindstod einer (vermeintlichen) Kontrolle zuzuführen. Damit wäre das Ohnmachtsgefühl abgemildert, ggf. weg, und die Situation für die Frau womöglich erträglicher. Die Abspaltung des Körpers aus dem Leib und seine negative Bewertung wiederum können potenziellen Essstörungen den Weg eröffnen. Präventiv und / oder therapeutisch wären dann die kognitive Auseinandersetzung mit Schuldfragen als auch die emotional-leibliche Versöhnungsarbeit sinnvolle Maßnahmen. Methodenkritik Den Gütekriterien qualitativer Forschung (Mayring 2016) wird darin entsprochen, dass eine genaue Verfahrensdokumentation durch Transparentmachung des Vorverständnisses, der Zusammenstellung des Leitfadens sowie der Durchführung und Auswertung der Datenerhebung vorliegt. Bei den Interpretationen wurde besonderes Augenmerk daraufgelegt, dass sie schlüssig, sinnvoll, theoriegeleitet und argumentativ begründet werden, sodass von einer »Milcheinschuss und kein Kind. Da kamen ganz viele Versagensgefühle hoch. Ich habe meinen Körper da massiv abgelehnt.« [ 149 ] [ 149 ] Kastel, Schulze • Wirkungen der leiblich-körperlichen Selbstwahrnehmung 3 | 2025 argumentativen Interpretationsabsicherung ausgegangen wird. Die Regelgeleitetheit der Auswertung ist durch die Anwendung der Vorgaben der fokussierten Interviewanalyse nach Kuckartz und Rädiker (2020) gewährleistet. Die Nähe zum Forschungsgegenstand ist durch die hohe Motivation der Frauen, am Interview teilzunehmen, und der hohen Interessensübereinstimmung gegeben. Eine kommunikative Validierung erfolgte mit zwei der Befragten, die sich in den Analyseergebnissen und Interpretationen wiederfinden konnten. Dies bestärkt die Relevanz der Ergebnisse vor dem Hintergrund der Rekonstruktion subjektiver Bedeutungen. Kritisiert werden kann die fehlende Triangulation in Form verschiedener Methoden der Datenerhebung, der wiederum die ausdrückliche Reflexion regulierend entgegensteht. Die leiblich-affektiven Wahrnehmungen der Interviewführenden konnten in die Interpretation integriert werden (Gugutzer, 2022). Weiter kann auf das hermeneutische Spiralenproblem, das problematische Verhältnis von vorhandenem Vorwissen und dem Verständnis eigenleiblicher Empfindungen hingewiesen werden. Dieses lässt sich trotz bewusster Ausklammerung des theoretischen Vorwissens zugunsten eines vorurteilsfreien Sich-Spürens lediglich relativieren. Gleichzeitig ermöglicht das intensive (Vor-)Verständnis ein gezieltes Nachfragen in den Interviews. Eine Grenze bildet zudem das Methodisieren leiblicher Selbstwahrnehmung und Verstehensprozesse, da sich diese Punkte nicht standardisieren lassen. Dies wurde durch größtmögliche Transparenz ausgeglichen. Zwar handelt es sich beim leiblichen Verstehen um subjektive Sachverhalte, für die qualitative phänomenologische Forschung ist jedoch diese Subjektivität nicht nur legitim, sondern auch erkenntnisrelevant (Gugutzer 2022). Durch das lange Zurückliegen des Verlustereignisses können die Angaben der Frauen einem Recall Bias unterliegen. In der vorliegenden Studie wurde jedoch beschrieben, wie sich die damaligen Empfindungen und ihre Veränderungen über die Jahre aus Perspektive der betroffenen Frauen heute in ihrem Gedächtnis verankert zeigen. Darüber hinaus wurde im Rahmen der vorliegenden Studie nicht der Anspruch erhoben, Kausalzusammenhänge zu eruieren. Vielmehr sollte aufgezeigt werden, was die Frauen selbst in Zusammenhang mit dem perinatalen Verlust setzen. Ein Selektionsbias kann nicht ausgeschlossen werden, da keine zufällige Auswahl der betroffenen Frauen erfolgte, sondern diese über berufliche Netzwerke rekrutiert wurden (Gelegenheitsstichprobe). Eine ehemalige Teilnahme an Selbsthilfegruppen bei Befragten kann sowohl für eine verstärkte (da höheres Leiden) als auch reduziertere Symptomatik (da Hilfe erfahren) sprechen. Ein Berichtsbias aufgrund sozialer Erwünschtheit ist aufgrund der erlebten Offenheit der Frauen eher auszuschließen oder zumindest als sehr gering einzuschätzen. Fazit und Praxisimplikationen Schwangerschaft und Geburt sind zutiefst körperlich-leibhafte Prozesse, die hier tragisch endeten. Umso wichtiger erscheint es in der Folge, gestützt durch die Untersuchungsergebnisse, grundsätzlich genau diese Ebene in präventive und therapeutische Angebote einzubeziehen. Da sich aus dem Ergebnis ableiten lässt, dass bei belastender Selbstwahrnehmung insbesondere der zwischenmenschliche Kontakt und das fokussierte Kanalisieren als hilfreich beschrieben werden, könnten vorrangig leib- und körperorientierte Gruppentherapieangebote oder die Teilnahme an Psychomotorikgruppen zur leib-seelischen Regulation (Viehhauser 2000; Haas et al. 2014), ergänzt um leibseelische (Eigen-)Wertschätzung, empfehlenswert sein. Darüber hinaus wäre die Entwicklung eines multimodalen Konzeptes zur Gesundheitsförderung speziell für Frauen nach perinatalem Kindstod wünschenswert, das in geschützten Dialogräumen ermöglicht, Gefühle, Gedanken Umso wichtiger erscheint es in der Folge, die leiblich-körperliche Ebene in Prävention und Therapie miteinzubeziehen. [ 150 ] 3 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis und Körperempfindungen bewusst wahrzunehmen, zuzulassen, in Bewegung auszudrücken und zu reflektieren, um sie für sich einordnen und verstehen zu können. Weiter könnte das Konzept auf den Aufbau zusätzlicher Schutzfaktoren zielen und die besonderen Vorerfahrungen, Bedürfnisse und subjektiven Themen vor dem Hintergrund des perinatalen Verlusterlebnisses aufgreifen. Dies betrifft insbesondere die genannten Aspekte, die sich stark an der psychomotorischen Gesundheitsförderung (Haas et al. 2014) orientieren. Sie könnten durch körper- / leibtherapeutische Interventionen, meditative Achtsamkeitsübungen und gezielte Naturerfahrungen ergänzt werden. Damit könnte der Entwicklung einer Abhängigkeits- und Essstörung, bei denen die individuelle Leiblichkeit/ das Leibempfinden einen hohen Stellenwert einnimmt (Röhr 2023; Feistner 2021), vorgebeugt werden, was jedoch gesondert zu untersuchen wäre. Systemische Einzelgespräche / Therapien wären geeignet, den Aspekt der sozialen Unterstützung aufzugreifen und diese zu fördern, da diese vom Ansatz her die zwischenmenschliche Kommunikation fokussieren (Levold / Wirsching 2023). Es bedürfte detaillierter Konzepte und Studiendesigns, um herauszufinden, inwiefern und unter welchen Voraussetzungen sich durch ein entsprechendes systemisches und / oder körpertherapeutisches Angebot positive Wirkungen auf die Selbstwahrnehmung und Gesundheitsentwicklung der betroffenen Frauen zeigen. Die vorliegende Studie spricht dafür, dies zu tun. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Beutel, M. E. (2002): Der frühe Verlust eines Kindes: Bewältigung und Hilfe bei Fehl-, Totgeburt und Plötzlichem Kindstod (2. Aufl.). Hogrefe, Göttingen BfArM. Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2019): Definitionen. In: https: / / klassifikationen.bfarm.de/ icd-10-who/ kode-suche/ htmlamtl2019/ zusatz-11-definitionen.htm, 06.04.2025 Böhme, G. (2003): Leibsein als Aufgabe: Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht. EthikMed 16, 185- 188, https: / / doi.org/ 10.1007/ s00481-004-0292-3 Broschmann, D., Fuchs, T. 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Wolfram Schulze Hochschule Koblenz, Mitherausgeber der Zeitschrift Suizidprophylaxe, Notfallpsychologischer Berater (NP AG), Integrativer Leib- und Bewegungstherapeut (EAG FPI), Case Manager (DGCC), Mediator (stw), Change Management Professional (Q-Poll 100), Supervisor / Coach (DGSv) Anschrift Simone Kastel weiterkom Sigrid Weiss & Simone Kastel GbR Yorckstr. 2 66119 Saarbrücken www.weiterkom.de s.kastel@weiterkom.de
