eJournals Motorik48/3

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art27d
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Insight: Der Coach auf vier Pfoten in der Psychomotorik

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Nina Kaufmann-Kern
Bereits zu Zeiten von Aristoteles vertrat man die Ansicht, dass Tiere eine Seele besitzen. Diese Sichtweise änderte sich später unter religiösen Deutungen durch die Schriften des Philosophen Descartes, der den Menschen eine Seele zusprach, den Tieren jedoch nicht. Mit Ende des 19. bzw. Mitte des 20.?Jahrhunderts entwickelte sich aber auch in Industrieländern ein verändertes Bewusstsein im Verhältnis von Mensch und Tier. Eine Beziehung zwischen Mensch und Hund besteht laut Röger-Lakenbrink (2018) seit Jahrtausenden. Bis ins 8.?Jahrhundert kann man Einsätze von Tieren in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen zurückverfolgen.
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[ 152 ] 3 | 2025 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis [ INSIGHT-- ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS ] Der Coach auf vier Pfoten in der Psychomotorik Wie psychomotorische tiergestützte Intervention gestaltet wird Nina Kaufmann-Kern Bereits zu Zeiten von Aristoteles vertrat man die Ansicht, dass Tiere eine Seele besitzen. Diese Sichtweise änderte sich später unter religiösen Deutungen durch die Schriften des Philosophen Descartes, der den Menschen eine Seele zusprach, den Tieren jedoch nicht. Mit Ende des 19. bzw. Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich aber auch in Industrieländern ein verändertes Bewusstsein im Verhältnis von Mensch und Tier. Eine Beziehung zwischen Mensch und Hund besteht laut Röger-Lakenbrink (2018) seit Jahrtausenden. Bis ins 8. Jahrhundert kann man Einsätze von Tieren in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen zurückverfolgen. Es gibt viele Ansätze, die erklären, warum Tiere eine heilsame Wirkung auf Menschen ausüben. Sie bringen uns in Kontakt mit tieferen Schichten unseres Wesens, sie berühren in uns etwas Ursprüngliches. Auch funktioniert das menschliche und tierische Nervensystem ähnlich (Germann-Tillmann et al. 2019). Mein Setting und Berufsalltag Mit meiner Therapiebegleithündin Coco (Abb. 1) besuche ich regelmäßig ein Pflegeheim in Klosterneuburg, Niederösterreich. Zu Beginn einer jeden Einheit bespreche ich mit dem Pflegepersonal, mit welchen Klient: innen ich arbeiten werde. Meine Einsätze finden im Einzelsetting statt, das bedeutet, dass Coco und ich die Bewohner: innen im Zimmer besuchen und dort mit ihnen arbeiten. Nach einer kurzen Begrüßung geht es auch schon los. Ich passe meine Einheiten immer den Jahreszeiten an- - da wird im Frühjahr zum Beispiel zu Beginn eine Wort-Bild-Zuordnung mit Frühlingsblumen gemeinsam gelöst. Hier ist Coco Teil der Übung, sie schaut uns über die Schulter und wird nach ihrer Meinung gefragt- - und es kann schon vorkommen, dass sie das richtige Kärtchen anstupst. Danach ist Coco an der Reihe. Die sensorische Schöpfschere (Abb. 2) ist ein wunderbares Werkzeug zur Förderung der Feinmotorik und der Auge-Hand-Koordination. Mit dieser Schöpfschere wird ein Leckerli aus der Box geschöpft. Ist diese Aufgabe geschafft, öffnet man die Schöpfschere (der gleiche Mechanismus wie bei einer Schere) und Coco darf sich das Leckerli herausholen. Eine wunderbare Erfahrung Abb. 1: Therapiebegleithund Coco (alle Abb.: Nina Kaufmann-Kern) [ 153 ] [ 153 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 3 | 2025 für Mensch und Hund. Auch das gemeinsame Durchlaufen eines Hindernisparcours ist für den Selbstwert der Bewohner: innen von enormer Bedeutung. Oft höre ich Sätze wie: »Ich kann nicht so weit gehen. Heute bin ich sehr müde, ich lege mich wieder ins Bett.« Sobald jedoch der Parcours aufgebaut ist und dieser mit Coco durchlaufen wird, beginnen die Augen der Bewohner: innen zu leuchten und sie wollen es selbst mit Coco probieren. Hier sieht man, dass die Motivation sehr groß ist, wenn Coco anwesend ist. Auch die Förderung der olfaktorischen Wahrnehmung spielt in meinen Einheiten eine große Rolle. So fülle ich Buttermilch in eine Babytrinkflasche. Bevor Coco daraus trinken darf, dürfen die Klient: innen daran riechen. Dies fördert nicht nur den Geruchssinn, nein, es weckt auch alte Erinnerungen und dies ist wiederum für die Biografiearbeit essenziell. Was im Gedächtnis tief abgelegt ist, kann hier wieder zum Vorschein kommen. So erfahre ich zum Beispiel von den Bewohner: innen, dass sie in ihrer Kindheit beim Bauern die Milch holen durften oder sie erzählen mir von einem warmen Kakao an kalten Wintertagen. Mein theoriegeleiteter Zugang Entstehung und Formen tiergestützter Intervention Seit ca. 1960 wird der bewusste Einsatz von Hunden als therapeutischer Helfer und Begleiter festgehalten. Boris M. Levinson, ein aus New York stammender Kinderpsychologe, veröffentlichte 1960 das Werk »Pet-Oriented Child Psychiatry«. Er berichtet darin über den therapeutischen Einsatz von Hunden im Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Levinson nahm seinen Hund spontan mit in seine Praxis und registrierte durch Zufall die deutliche Wirkung der Anwesenheit seines Golden Retrievers auf den Behandlungs- und Heilungsprozess seiner Patient: innen (Röger-Lakenbrink 2018). In Portland, Oregon, gründeten Fachleute 1977 die Delta Society (heute pet Partners), eine gemeinnützige Gesellschaft, die sich für die Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung einsetzt. Die IAHAIO (International Association of Human Animal Interaction) wurde 1980 mit dem Ziel gegründet, nationale Organisationen, die sich für eine bessere Beziehung zwischen Tier und Mensch einsetzen, unter einem Dach zu vereinen. Die European Society for Animal Assisted Therapy (ESAAT) wurde 2005 gegründet und war der erste europäische Dachverband. Man wollte damit die Qualifikationsstandards in Europa harmonisieren und Mindestanforderungen in der Ausbildung durchsetzen. Die Zielsetzung der ISAAT (International Society for Animal Assisted Therapy- - Gründung 2006) war jener der ESAAT ähnlich. Der GTTA (Förderverein Gesellschaft für Tiergestützte Therapie und Aktivitäten) wurde 2002 in der Schweiz gegründet und setzt sich für die Anerkennung und Förderung von tiergestützten Therapien und Fördermaßnahmen sowie tiergestützter Pädagogik in der Öffentlichkeit ein (Germann-Tillmann et al. 2019). Kommunikation zwischen Mensch und Tier Fleischer untersuchte, ob und wie Mensch und Hund miteinander kommunizieren können. Er beschäftigte sich mit Semiotik (Zeichen- und Symbolkunde). Dazu ist ein beidseitiger Lernprozess notwendig: der Mensch lernt, die nonverbale Sprache des Hundes zu verstehen und der Hund wiederum, die Bedeutung verknüpfter verbaler und nonverbaler Signale zu erfassen (Prothmann 2015). Das Max- Planck-Institut hat 2009 bestätigt, dass Hunde die Absichten von Menschen sehr gut lesen können, auch wenn ihnen die Gesten unbekannt sind. Meine Bedeutsamkeit Wirkung tiergestützter Interventionen Da der Einsatz eines Therapiehundes nachweislich eine positive Wirkung auf die Klient: innen hat, lässt sich hier wunderbar ganzheitlich ganz im Sinne der Psychomotorik arbeiten (Tab. 1). Das Tier wirkt nicht nur auf physischer, physiologischer und psychischer, sondern auch auf sozialer Ebene. Das bedeutet, dass soziale Kontakte leichter hergestellt werden, da man mit Tieren die Scheu vor einer Kontaktaufnahme verliert. Es fungiert als Eisbrecher. In Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern und Heimen oder bei Menschen, die vereinsamen, fördern Tiere die soziale Interaktion. Prothmann (2015) verdeutlicht, dass Hunde eine zwanglose Interaktion ermöglichen und hier haben wir auch die Anknüpfung zur Psychomotorik. Die Psychomo- Abb. 2: Sensorische Schöpfschere [ 154 ] 3 | 2025 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis torik versucht, Kinder zum fröhlichen Miteinander zu führen, jedoch ohne Leistungsdruck. Eine sehr große Bedeutung in der Arbeit mit Mensch und Tier hat die Authentizität. So ist es auch in der Psychomotorik, denn diese strebt nicht nach rein funktionalistischen Bewegungsansätzen, sondern die Person wird als Ganzes mithilfe von Bewegung gefördert und in der Entwicklung unterstützt (Späker 2023). Die Psychomotorik bildet folgende Kernthesen für die Praxis: ■ Bewegung und eine tätige Auseinandersetzung mit der Welt sind eine Grundbedingung für unser Dasein. ■ Indem man vielseitige Erfahrungsräume für Wahrnehmen, Handeln und Bewegung schafft, lässt sich die Persönlichkeit stärken. ■ Der Selbstwert, die Selbsttätigkeit und die Selbstständigkeit bilden die Basis eines gesunden Wohllebens. Feldenkrais wählt die Bewegung als Ansatzpunkt für die Weiterentwicklung der Persönlichkeit und stellt die These auf, dass eine Verbesserung der Motorik den ganzen Menschen positiv beeinflusst (FVD 2025). Nun wissen wir, dass sich mit einem Hund das Gesundheitsverhalten verändert (Motorische Aktivierung, Bewegung an der frischen Luft, Training der Muskulatur etc.). Was liegt nun also näher, als die Psychomotorik mit einer tiergestützten Intervention zu kombinieren? Wichtig ist hierbei, dass Folgendes bei der Planung einer tiergestützten psychomotorischen Intervention berücksichtigt wird (Passolt/ Pinter-Theiss 2013): ■ Einstimmung und Begrüßung (persönlichen Zugang zu Klient: innen schaffen, ein wiederkehrendes Ritual) ■ Extensive Phase (Mobilisation zur Kreislaufaktivierung und Gymnastik) ■ Überleitung zur intensiven Phase (Spannung aufbauen) ■ Intensive Phase (Auseinandersetzung mit dem Thema in offener oder strukturierter Form) ■ Entspannung (in Form einer Massage, hier kann auch der Hund massiert werden) ■ Reflexion ■ Ausklang und Verabschiedung (hier kann der Hund von den Klient: innen auch mit Leckerlis belohnt werden) Verschiedene Spiele eignen sich für eine tiergestützte psychomotorische Einheit, etwa das Bauen von Parcours, Massagen, Verwendung von weiteren Materialien (Abb. 3), eine Leckerli- Suche, ein lebendes Labyrinth und vieles mehr (Kalisch / Mengel 2017). Übungen zur Förderung der vestibulären Wahrnehmung lassen sich wunderbar auf unebenen Untergründen trainieren. Die exekutiven Funktionen werden kurz- und langfristig durch die sportliche Aktivität gefördert. Dadurch wird eine Verbesserung der Arbeitsgedächtnisleistung, der Inhibition und der Aufmerksamkeitssteuerung erzielt (Beck 2014). Tab. 1: Physische und physiologische Wirkungen (mod. n. Nestmann 1994, 64-74; zit. n. Prothmann 2015, 27) Herz-Kreislauf-Funktionen Senkung des Blutdrucks und der Herzfrequenz, Kreislaufstabilisierung Bewegungsapparat Muskelentspannung, Verringerung von Spastik, Verbesserung des Gleichgewichts Nervensystem Neuroendokrine Wirkung, Ausschüttung von Endorphinen, Änderung der Schmerzwahrnehmung Gesundheitsverhalten Motorische Aktivierung, Bewegung an der frischen Luft, Training der Muskulatur, Aktivierung der Verdauung, Anregung zur besseren Ernährung, bessere Körperpflege, Reduktion von Übergewicht, Einschränkung von Alkohol- und Nikotingenuss, Verbesserung der Tagesstruktur Lebenspraktische Hilfe Ersatz von gestörter Sinnesfunktion, Führung und Leitung beeinträchtigter Personen (Blinde, Gehörlose, Rollstuhlfahrer: innen) Abb. 3: Verwendung weiterer Materialien [ 155 ] [ 155 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 3 | 2025 Literatur Beck, F. (2014): Sport macht schlau. Mit Hirnforschung zu geistiger und sportlicher Höchstleistung. Goldegg, Wien FVD. Feldenkrais-Verband Deutschland e. V. (2025): Die Methode. In: https: / / www.feldenkrais.de/ was-ist-feldenkrais, 06.04.2025 Germann-Tillmann, T., Merklin, L., Stamm Näf, A. (2019): Tiergestütze Interventionen. Praxisbuch zur Förderung von Interaktionen zwischen Mensch und Tier. 2. Aufl. Hans Huber, Bern Kalisch, A., Mengel I. (2017): Ideenkiste Schulhund. Lehrplanorientierte Praxisideen für die Grundschule. Kynos, Nerdlen / Daun Passolt, M., Pinter-Theiss, V. (2013): »Ich hab eine Idee …«. Psychomotorische Praxis planen, gestalten, reflektieren. Verlag modernes Lernen, Dortmund Prothmann, A. (2015): Tiergestützte Kinderpsychotherapie. Theorie und Praxis der tiergestützten Therapie bei Kindern und Jugendlichen. 4. Aufl. Internationaler Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main Röger-Lakenbrink, I. (2018): Das Therapiehunde-Team. Ein praktischer Wegweiser. 6. Aufl. Kynos, Nerdlen / Daun Späker, T. (2023): Psychomotorik in der Natur. Arbeitsbuch für die Praxis. Ernst Reinhardt, München Die Autorin Nina Kaufmann-Kern Psychomotorikerin, Universitätslektorin, Zusatzqualifikation Motogeragogik, Dipl. Seniorentrainerin, Sonderschulpädagogin, Tiergestützte Pädagogik Kontakt psychomotorik.kern@gmail.com https: / / www.ninakern.at/ DOI 10.2378/ mot2025.art27d 2., aktualisierte Auflage 2021. 486 Seiten. 11 Abb. 7 Tab. (978-3-497-03045-3) kt Grundlagen der tiergestützten Interventionen Das Handbuch beschreibt Wege und Herangehensweisen der tiergestützten Interventionen und liefert einen breiten Überblick über den Stand der Forschung und Praxis. Es fasst das relevante Wissen in einem Werk zusammen und ist ein Wegweiser in allen Fragen zu tiergestützten Interventionen. Themen sind u. a. grundlegende Theorien und Modelle, verschiedene Settings, spezifische Herausforderungen der Arbeit mit Tieren, unterschiedliche Einsatzformen und Haltungsbedingungen. Ein Grundlagenwerk für die tiergestützte Arbeit! a w