Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art30d
7_048_2025_4/7_048_2025_4.pdf101
2025
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FORUM PSYCHOMOTORIK: Neue diagnostische Verfahren: Motorische Diagnostik mit der M-ABC-3
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2025
Julia Jašcenoka
Die M-ABC stellt international einen der am häufigsten eingesetzten motorischen Entwicklungstests dar. Seit 2024 liegt sowohl international als auch für Deutschland eine neue Testauflage vor (M-ABC-3). Diese weist einige Neuerungen auf: So wurden die Teilbereiche Handgeschicklichkeit sowie Fangen&Werfen um je eine Testaufgabe erweitert, so dass das aktuelle Verfahren nun statt bisher acht zehn Aufgaben umfasst. Der Altersbereich wurde von 16 Jahren auf 25Jahre ausgeweitet. Zusätzlich sind nun auch Fragebögen zur Einschätzung der motorischen Defizite im Alltag erhältlich. Das Testmanual wurde für alle Aufgaben um einheitliche Instruktionstexte ergänzt. Es liegen aktuelle Normdaten aus dem Vereinigten Königreich, Australien und Neuseeland vor, deren Gültigkeit durch eine deutsche Vergleichsstichprobe bestätigt wurde.
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Zusammenfassung / Abstract Die M-ABC stellt international einen der am häufigsten eingesetzten motorischen Entwicklungstests dar. Seit 2024 liegt sowohl international als auch für Deutschland eine neue Testauflage vor (M-ABC-3). Diese weist einige Neuerungen auf: So wurden die Teilbereiche Handgeschicklichkeit sowie Fangen & Werfen um je eine Testaufgabe erweitert, so dass das aktuelle Verfahren nun statt bisher acht zehn Aufgaben umfasst. Der Altersbereich wurde von 16 Jahren auf 25 Jahre ausgeweitet. Zusätzlich sind nun auch Fragebögen zur Einschätzung der motorischen Defizite im Alltag erhältlich. Das Testmanual wurde für alle Aufgaben um einheitliche Instruktionstexte ergänzt. Es liegen aktuelle Normdaten aus dem Vereinigten Königreich, Australien und Neuseeland vor, deren Gültigkeit durch eine deutsche Vergleichsstichprobe bestätigt wurde. Schlüsselbegriffe: M-ABC-3, motorische Diagnostik, deutsche Überarbeitung New diagnostic test procedures: Motor diagnostics with the M-ABC-3 The M-ABC is one of the most frequently used motor development tests internationally. Since 2024, a new test edition has been available both internationally and for Germany (M-ABC-3). This has a number of new features: the hand dexterity and catching & throwing scales have each been extended by one test item, so that the current procedure now comprises ten tasks instead of the previous eight. The age range was extended from 16 years to 25 years. In addition, questionnaires are now also available to assess motor deficits in everyday life. Standardised instruction texts have been added to the test manual for all tasks. Current normative data from the United Kingdom, Australia and New Zealand are available, the validity of which has been confirmed by a German comparison sample. Keywords: M-ABC-3, motor diagnostics, german revision [ 176 ] 4 | 2025 motorik, 48. Jg., 176-182, DOI 10.2378 / mot2025.art30d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Neue diagnostische Verfahren: Motorische Diagnostik mit der M-ABC-3 Julia Jašč ščenoka anderen Bereichen (Sprache, Perzeption, Kognition) darstellt und andererseits eine auffällige motorische Entwicklung mit einer Vielzahl klinisch relevanter Begleitstörungen in Verbindung steht (Kastner / Petermann 2009). Langzeitstudien deuten zudem darauf hin, dass motorische Defizite häufig bis in das junge Erwachsenenalter persistieren und langfristig oftmals auch den schulischen Erfolg und beruflichen Werdegang einer Person negativ beeinflussen (Blank/ Vinçon 2020). Motorische Tests stellen einen wichtigen Bestandteil im diagnostischen Prozess von motorischen Entwicklungsstörungen dar. Standardisierte Testverfahren bieten eine einheitliche Grundlage, um die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Kindern systematisch zu messen und diese mit den Leistungen anderer Kinder im selben Alter zu vergleichen. Zudem unterstützen sie TherapeutInnen dabei, Fördermaßnahmen gezielt zu planen. Die verschiedenen Varianten der Movement Assessment Battery for Children (M-ABC) zählen international zu den am häufigsten eingesetzten motorischen Entwicklungstests (Engel-Yeger et al. 2010). Die unterschiedlichen Testversionen bilden eine Familie von Verfahren, die als Einzeltests die motorischen Leistungen von Kindern und Jugendlichen in den drei motorischen Dimensionen Handgeschicklichkeit, Fangen und Werfen sowie Gleichgewicht und Bewegung abbilden. Zusätzlich kann ein Gesamttestwert ermittelt werden. Die motorische Entwicklung spielt im Rahmen der kindlichen Gesamtentwicklung eine bedeutsame Rolle, da diese einerseits eine wichtige Voraussetzung für eine gesunde Entwicklung in [ 177 ] Ja šč šč enoka • Neue diagnostische Verfahren: Motorische Diagnostik mit der M-ABC-3 4 | 2025 Die mit der 1972 unter dem Namen Tests of Motor Impairment (»TOMI«, Stott et al. 1972) begründete Testtradition erfährt im Herbst 2024 mit Einführung der M-ABC-3 (Henderson / Barnett 2024) sowohl international als auch im deutschsprachigen Raum eine Neuauflage. Insbesondere ■ Rückmeldungen aus der therapeutischen Praxis, ■ die Implementierung neuer Forschungsergebnisse zu Langzeitfolgen motorischer Entwicklungsstörungen, ■ die Notwendigkeit, Beeinträchtigungen durch motorische Auffälligkeiten im Alltag zu erfassen sowie ■ Kritik an der mangelnden Objektivität der Durchführungsinstruktionen haben zu einigen grundlegenden Änderungen des Verfahrens geführt. Die M-ABC-3 wurde in den Teilbereichen Handgeschicklichkeit und Fangen und Werfen um je eine Testaufgabe erweitert, so dass das aktuelle Verfahren nun statt acht zehn Aufgaben umfasst. Weiterhin können nun sowohl Kinder ab drei Jahren als auch junge Erwachsene bis 25 Jahre untersucht werden. Zusätzlich sind jetzt auch Fragebögen zur Einschätzung der Beeinträchtigungen im Alltag in deutscher Sprache erhältlich. Das Testmanual wurde für alle Aufgaben um einheitliche Instruktionstexte ergänzt. Im Folgenden sollen eine Einführung in die Grundstruktur des Verfahrens sowie Schwerpunkte und Ziele der Überarbeitung vorgestellt werden. Organisationsstruktur der M-ABC-3 Die deutlichste Veränderung gegenüber der Vorgängerversion M-ABC-2 (Petermann 2015) ergibt sich durch die Erweiterung der Skalen Handgeschicklichkeit sowie Fangen und Werfen. Während die M-ABC-2 insgesamt acht Testaufgaben umfasste, beinhaltet die neue Testauflage M-ABC-3 nun zehn Aufgaben pro Altersgruppe (mit Ausnahme der 3-Jährigen: Diese erhalten eine verkürzte Testversion mit sieben Items). Die Skala Handgeschicklichkeit setzt sich jetzt aus jeweils vier Untertests zusammen, die Skalen Fangen und Werfen sowie Gleichgewicht und Bewegung basieren auf jeweils drei Testaufgaben. Bei der Überarbeitung stand insbesondere der Gedanke nach einer Vereinheitlichung der Testaufgaben und -anforderungen über die einzelnen drei Altersgruppen hinweg im Vordergrund: So wurde beispielsweise für die Altersgruppen 2 (7 bis 11 Jahre) und 3 (12 bis 25 Jahre) jeweils die Aufgabe Perlen aufziehen ergänzt, welche vorher nur in der Altersgruppe 1 (3 bis 6 Jahre) vorgelegt wurde. Des Weiteren wurde die Darbietungsreihenfolge der Aufgaben verändert: Der Einstieg erfolgt nun in allen Altersgruppen mit der neuen Testaufgabe Kreise zeichnen, welche das Spur nachzeichnen (zur Erfassung der Auge-Hand-Koordination) ersetzt. Aufgabe ist es dabei, Kreise innerhalb vorgegebener Bearbeitungslinien möglichst exakt einzuzeichnen. Auch die Skala Fangen und Werfen wurde für alle drei Altersgruppen vereinheitlicht. Der Einstieg in das Fangen und Werfen erfolgt jetzt einheitlich durch das Auffangen eines Bohnensäckchens bzw. Tennisballes, welches dem getesteten Kind von der untersuchenden Person zugeworfen wird. Nächste Aufgabe ist es, ein Bohnensäckchen zielgenau auf eine 2 m entfernte Matte zu werfen. Abschließend wird ein Ball bzw. Tennisball auf den Boden oder gegen die Wand geprellt und beim Rückprall wieder aufgefangen. Die Skala Gleichgewicht und Bewegung zeichnet sich weniger durch eine bedeutsame Veränderung der Aufgabenstellungen aus, sondern durch eine Optimierung der eingesetzten Testmaterialien. Die schweren Gummimatten der Vorgängerversion M-ABC-2 wurden durch leichte und rutschsichere Teppichfliesen ersetzt, das Balancebrett durch eine aufklappbare Version erneuert. Zwei Linien-Matten ergänzen nun das Test-Set, so dass kein Klebeband mehr zur Ausführung der Testaufgaben Die M-ABC-3 wurde erweitert: Das aktuelle Verfahren umfasst nun statt acht zehn Aufgaben. [ 178 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Laufen mit gehobenen Fersen, Laufen Ferse-an- Zehen vorwärts sowie Laufen Zehen-an-Ferse rückwärts benötigt wird. Eine Übersicht über die Organisationsstruktur der M-ABC-3 kann Abbildung 1 entnommen werden. Erweiterte Altersspanne Die M-ABC-3 erweitert ihre Altersspanne von 3 bis 25 Jahre und trägt neueren Forschungserkenntnissen Rechnung, dass die Auswirkungen motorischer Koordinationsstörungen auch im Erwachsenenleben bestehen, die Symptome sich jedoch gegebenenfalls verändern (Hill et al. 2011, Kirby et al. 2013). Es ist somit je nach Lebens-, Ausbildungs- oder Arbeitssituation der Betroffenen notwendig, dass motorische Funktionsniveau auch im Jugend- oder Erwachsenenalter zu beschreiben, um entsprechende Handlungsempfehlungen formulieren zu können. Wie bereits in der M-ABC-2 liegen drei Altersgruppen vor, die in ihrem Schwierigkeitsgrad dem jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder und Jugendlichen angepasste Testaufgaben umfassen. Die Einteilung der einzelnen Altersgruppen erfolgte in Anlehnung an internationale Bildungssysteme und untergliedert sich folgendermaßen: ■ Altersgruppe 1 (3; 0 bis 6; 11 Jahre) (vorschulische Bildung) ■ Altersgruppe 2 (7; 0 bis 11; 11 Jahre) (Primarstufe) ■ Altersgruppe 3 (12; 0 bis 25; 11 Jahre) (Sekundarstufe) Der Altersbereich der Gruppe 1 stimmt mit der Vorgängerversion M-ABC-2 überein. Altersgruppe 2 erstreckt sich nun bis einschließlich 11 Jahre (ehemals 10 Jahre); Altersgruppe 3 beginnt jetzt mit 12 Jahren und endet im Alter von 25 Jahren. Eine Testung junger Erwachsener ist somit ebenfalls möglich, welches sich aktuell als Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen verfügbaren motorischen Entwicklungstests auszeichnet. Abb. 1: »Organisationsstruktur der M-ABC-3« Handgeschicklichkeit (HG) HG1 Kreise zeichnen (AG1, AG2, AG3) HG2 Taler einwerfen (AG1) Pilzstecker einstecken (AG2) Stecker wenden (AG3) HG3 Perlen aufziehen (AG1, AG2, AG3) HG4 Schnur einfädeln (AG1, AG2) Dreieck mit Muttern und Schrauben (AG3) Motorischer Gesamtwert Fangen & Werfen (FW) FW1 Bohnensäckchen fangen (AG1) Zweihändiges Fangen (AG2) Einhändiges Fangen (AG3) FW2 Bohnensäckchen auf die Matte werfen (AG1, AG2, AG3) FW3 Mit beiden Händen prellen und fangen (AG1) Zweihändiges Fangen und Werfen (AG2) Einhändiges Fangen und Werfen (AG3) Bewegung und Gleichgewicht (BG) BG1 Einbeinstand (AG1) Einbeinstand auf Balancebrett (AG2) Stehen auf Balancebrett (AG3) BG2 Laufen mit angehobenen Fersen (AG1) Laufen Ferse-an-Zeh vorwärts (AG2) Laufen Zehen-an-Ferse rückwärts (AG3) BG3 Auf Matten springen (AG1, AG2) Zickzack hüpfen (AG3) [ 179 ] [ 179 ] Ja šč šč enoka • Neue diagnostische Verfahren: Motorische Diagnostik mit der M-ABC-3 4 | 2025 Fragebögen Die diagnostischen Kriterien der Entwicklungsstörung der motorischen Koordination (ICD-11, 6A04) fordern zur Diagnosestellung nicht nur einen altersabweichenden motorischen Entwicklungsstand, sondern auch, dass die motorischen Defizite verschiedene Aktivitäten des alltäglichen Lebens erheblich beeinträchtigen. Um den diagnostischen Prozess umfassend abzudecken, legt die M-ABC-3 nun validierte und normreferenzierte Fragebögen zur Einschätzung der Bewegungs- und Koordinationsleistungen im Alltag (Teil 1), zu nicht-motorischen Faktoren, die die Bewegung ggf. beeinflussen (Teil 2) sowie zu den Auswirkungen der Bewegungsschwierigkeiten (Teil 3) vor. Angepasst an die Entwicklung der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden für die drei Altersgruppen (s. o.) unterschiedliche Fragebögen zur Verfügung gestellt, die von den Sorgeberechtigten der Kinder und ab Altersgruppe 3 alternativ von den Betroffenen selbst ausgefüllt werden. Die Bearbeitungszeit beträgt ca. 15 Minuten. Teil 1 des Fragebogens (Bewegungs- und Koordinationsleistungen im Alltag) umfasst 40 Items, die anhand einer 4-stufigen Skala eingeschätzt werden (0=einfach bis 3=nicht möglich). Äquivalent zu den Merkmalsbereichen des Testverfahrens umfasst auch der Fragebogen die Dimensionen Handgeschicklichkeit, Fangen und Werfen sowie Gleichgewicht und Bewegung und ermöglicht es, neben einem Gesamtwert auch Testkennwerte für diese Teilbereiche zu ermitteln. Teil 2 des Fragebogens berücksichtigt 14 nicht-motorische Verhaltensweisen, die das Bewegungsverhalten bzw. die Entwicklung motorischer Kompetenzen negativ beeinflussen können. Dazu zählen beispielsweise Impulsivität, Aufmerksamkeitsprobleme, geringes Selbstvertrauen oder auch eine geringe Frustrationstoleranz. Auch für diesen Fragebogenabschnitt kann ein Testkennwert ermittelt werden. In Teil 3 des Fragebogens wird auf die Auswirkungen der Bewegungsschwierigkeiten im Alltag eingegangen. Dabei ist wichtig, ob das Selbstwertgefühl, soziale Beziehungen und die Gestaltung von Freizeitaktivitäten negativ beeinflusst werden. Dieser Teil des Fragebogens wird ausschließlich qualitativ ausgewertet. Einführung standardisierter Durchführungsinstruktionen Irblich (2010) bemängelte in seiner Testrezension zur M-ABC-2 die fehlenden Standardinstruktionen zur Einführung in die einzelnen Testaufgaben und empfahl zur Erhöhung der Durchführungsobjektivität die Ergänzung standardisierter Instruktionstexte. Dieser Forderung wurde in der neuen Testversion Rechnung getragen: Alle Aufgaben werden mittels einer normierten Testanweisung erläutert. Die physische Demonstration der Aufgabenstellung erfolgt weiterhin. Auswertungs- und Interpretationsmöglichkeiten Die Auswertung der Testwerte nimmt wenige Minuten in Anspruch. Mithilfe von Umrechnungstabellen können die Rohwerte des Testverfahrens für die drei Skalen Handgeschicklichkeit, Fangen und Werfen sowie Gleichgewicht und Bewegung und der Gesamttestwert in T-Werte oder Prozentränge (PR) überführt werden. Je nach Alter des Kindes liegen Normtabellen in unterschiedlichen Altersintervallen vor: Für Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren weist das Manual Normen in Halbjahresabständen aus, ab 7 bis 16 Jahre in Jahresabständen. Ab 17 Jahre umfassen die Intervalle mehrere Jahre. Die Interpretation der Testkennwerte erfolgt anhand eines Ampelsystems: ■ Roter Bereich: PR < 5 (Hinweis auf eine signifikante motorische Beeinträchtigung) ■ Gelber Bereich: PR zwischen 6 und 15 (erhöhtes Risiko für motorische Schwierigkeiten, die eine weitere Beobachtung erforderlich machen) ■ Grüner Bereich: PR > 16 (motorisch unauffällig) Die Auswertung der Fragebögen erfolgt ebenfalls für die drei Subskalen Handgeschicklichkeit, [ 180 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Fangen und Werfen sowie Gleichgewicht und Bewegung. Zusätzlich kann äquivalent zum Testverfahren ein Gesamtwert Motorik gebildet und mithilfe von Cut-off-Werten in die farblich gekennzeichneten Kategorien unauffällig (grün), kritisch (gelb) sowie auffällig (rot) eingeordnet werden. Normierung und Testgüte Die deutsche Adaptation der M-ABC-3 basiert auf der englischen Ausgabe von Henderson und Barnett, die ebenfalls im Jahre 2024 veröffentlicht wurde. Die Originalnormen (N=1279), die zwischen 2021 und 2023 im Vereinigten Königreich, Australien und Neuseeland erhoben wurden, konnten anhand einer deutschen Vergleichsstichprobe von 369 Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen bestätigt werden (Henderson / Barnett 2024). Um die Testergebnisse angemessen interpretieren zu können, sind Kenntnisse über die Gütekriterien des Verfahrens nötig (Objektivität, Reliabilität, Validität). Von einer angemessenen Tab. 1: Vergleich der M-ABC-2 und M-ABC-3 (in Anlehnung an Henderson / Barnett 2024, 21) Änderungsbereiche M-ABC-2 M-ABC-3 Altersbereich Altersbereich von 3; 0 bis 16; 11 Jahre Altersbereich von 3; 0 bis 25; 11 Jahre Altersgruppen 3 Altersgruppen: - AG 1: 3; 0 bis 6; 11 Jahre - AG 2: 7; 0 bis 10; 11 Jahre - AG 3: 11; 0 bis 16; 11 Jahre 3 Altersgruppen: - AG 1: 3; 0 bis 6; 11 Jahre - AG 2: 7; 0 bis 11; 11 Jahre - AG 3: 12; 0 bis 25; 11 Jahre Testaufgaben 8 Testaufgaben pro Altersgruppe - Handgeschicklichkeit: 3 Aufgaben - Ballfertigkeiten: 2 Aufgaben - Balance: 3 Aufgaben 10 Testaufgaben pro Altersgruppe* 1. Handgeschicklichkeit: 4 Aufgaben 2. Fangen & Werfen: 3 Aufgaben 3. Gleichgewicht & Bewegung: 3 Aufgaben Aufgaben wurden über die Altersgruppen hinweg vereinheitlicht * mit Ausnahme der 3-Jährigen (nur 7 Items) Normierung Normdaten aus dem Vereinigten Königreich (N=1172) mit Vergleichsdaten aus Deutschland (N=634) Normdaten aus dem Vereinigten Königreich, Australien und Neuseeland (N=1279) mit Vergleichsdaten aus Deutschland (N=369) Fragebögen keine Fragebögen für alle drei Altersgruppen zur Einschätzung alltäglicher motorischer Beeinträchtigungen für die Hauptbezugspersonen (AG1 und AG2) bzw. Selbsteinschätzung (AG3) Testgüte herabgesetzte Durchführungsobjektivität aufgrund fehlender Standardinstruktionen bessere Durchführungsobjektivität aufgrund von normierten Einführungstexten, Retest-Reliabilitätsstudien für alle Altersgruppen Testmaterialien anwenderfreundlichere Testmaterialien [ 181 ] [ 181 ] Ja šč šč enoka • Neue diagnostische Verfahren: Motorische Diagnostik mit der M-ABC-3 4 | 2025 Objektivität der M-ABC-3 ist auszugehen, da das Manual umfangreiche Anweisungen zur Durchführung, Auswertung und Interpretation bereithält. Die Reliabilitäten des Verfahrens für Testwiederholungen liegen je nach Altersgruppe für den Gesamtwert im Wertebereich von 0.74 und 0.78, die Retest-Reliabilitäten für die einzelnen Skalen fallen zumeist ähnlich aus. Die Zuverlässigkeit der Beobachterübereinstimmungen für den neu-entwickelten Untertest »Kreise zeichnen« betrug 0.86 (Intra-Klassen-Korrelation). Konfirmatorische Faktorenanalysen konnten die Zuordnung der Testaufgaben zu den jeweiligen Skalen für die Altersgruppe 2 und 3 bestätigen. Zusätzlich wurde eine klinische Validierung des Verfahrens an Personen mit einer diagnostizierten motorischen Entwicklungsstörung (Klinische Gruppe) durchgeführt. Der Vergleich der Testergebnisse mit einer motorisch unauffälligen Kontrollgruppe zeigte, dass die klinische Gruppe in allen Testaufgaben signifikant schlechter abschneidet als die Kontrollgruppe. Korrelationsstudien an 108 Personen weisen den Zusammenhang zwischen dem Gesamtwert Motorik der M-ABC-2 und M-ABC-3 mit 0.78 aus. Die Retest-Reliabilitäten für den Fragenbogen fallen für den Gesamtwert Motorik zwischen 0.85 bis 0.89 höher aus als für das Testverfahren. Die Korrelationen zwischen dem Gesamtwert der motorischen Testung und dem Gesamtwert Motorik des Fragebogens liegen im mittleren Bereich (AG1: -0.39, AG2: -0.37, AG3: -0.33). Vergleichbarkeit mit der M-ABC-2 im Überblick Tabelle 1 stellt zusammenfassend noch einmal die wichtigsten Unterschiede der M-ABC-2 und M-ABC-3 gegenüber. Schlussfolgerungen Insgesamt liegt mit der M-ABC-3 ein gut durchführbares und international anerkanntes Verfahren zur Diagnostik der Entwicklungsstörung der motorischen Koordination bei Kindern und Jugendlichen vor (ICD-11, 6A04). Das neue Verfahren merzt den Kritikpunkt einer herabgesetzten Durchführungsobjektivität an der Vorgängerversion M-ABC-2 durch die Einführung normierter Standardanweisungen aus. Es trägt neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum langfristigen Verlauf von motorischen Entwicklungsstörungen Rechnung und erweitert den Altersbereich bis 25 Jahre. Zusätzlich werden für Kinder im Alter von 5 bis 6 Jahren Normtabellen in halbjährlichen Intervallen zur Verfügung gestellt (vormals Intervalle in Jahresabständen). Durch die inhaltliche Angleichung der Testaufgaben in den drei Altersgruppen ist ein zuverlässigerer Leistungsvergleich der Testleistungen über die drei Altersgruppen hinweg möglich. Zusätzlich kann durch den Einsatz des Fragebogens auch die Beurteilung motorischer Auffälligkeiten im Alltag erfolgen. Mit der Überarbeitung stehen zudem aktuelle Normdaten zur Verfügung. Die Optimierung der Testmaterialien erhöht zudem die Anwenderfreundlichkeit. Die Testgüte kann abschließend jedoch nicht sicher beurteilt werden. Sämtliche Studien zur Reliabilität und Validität wurden ausschließlich mit der englischsprachigen Originalversion durchgeführt, aktuelle Studien zur deutschsprachigen Auflage liegen nicht vor. Die postulierte Faktorenstruktur konnte für die Altersgruppe 1 (3 bis 6 Jahre) nicht bestätigt werden. Die Retest-Reliabilitäten fallen zufriedenstellend aus. Das Fehlen einer eigenen deutschen Normierung könnte gegebenenfalls Kritik hervorrufen: Der Vergleich einer deutschen Stichprobe mit der originalen Normstichprobe deutet zudem für manche Testaufgaben auf signifikante Leistungsunterschiede hin, die laut Autoren jedoch aufgrund geringer Effektstärken vernachlässigt werden können. Korrelationsstudien mit anderen motorischen Testverfahren zum Nachweis der Kriteriumsvalidität (außer der M-ABC-2) oder Fragebögen liegen ebenfalls noch nicht vor. Ein Modell motorischer Basiskompetenzen wird im Handbuch nicht berichtet. Mit der M-ABC-3 liegt ein gut durchführbares und international anerkanntes Verfahren vor. [ 182 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Als Anwendergruppen werden insbesondere Psycholog: innen sowie geschulte Ärzt: innen, Physiotherapeut: innen und Ergotherapeut: innen genannt. Andere verwandte Berufsgruppen (z. B. Bewegungswissenschaftler: innen oder Motopäd: innen) mit entsprechender testdiagnostischer Erfahrung sollten das Verfahren jedoch ebenfalls problemlos anwenden können. Literatur Blank, R., Vinçon, S. (2020): Deutsch-österreichischschweizerische (DACH) Versorgungsleitlinie zu Definition, Diagnostik, Behandlung und psychosozialen Aspekten bei Umschriebenen Entwicklungsstörungen motorischer Funktionen (UEMF), Langfassung. Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF online). In: https: / / register.awmf.org/ assets/ guidelines/ 022-017l_S3_Umschriebene-Entwicklungsstoerungen-motorischer-Funktionen- UEMF_2020-08_01.pdf. html, 18.03.2025 Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2024): ICD11 in Deutsch- - Entwurfsfassung. In: https: / / www.bfarm.de/ DE/ Kodiersysteme/ Klassifikationen/ ICD/ ICD-11/ uebersetzung/ _node.html, 26.02.2025 Engel-Yeger, B., Rosenblum, S., Josman, N. (2010): Movement Assesment Battery for Children (M- ABC): Establishing construct validity for Israeli children. Research in Developmental Disabilities 31(1),87—96,https: / / doi.org/ 10.1016/ j.ridd.2009. 08.001 Henderson, S., Barnett, A. (2024): MABC-3. Movement Assessment Battery for Children. Third Edition. Manual- - Deutsche Fassung. Pearson Benelux B.V., Frankfurt am Main Hill, E.L., Brown, D., Sorgardt, K.S. (2011): A preliminary investigation of quality of life satisfaction reports in emerging adults with and without developmental coordination disorder. Journal of Adult Development 18 (3), 130-134, http: / / dx.doi. org/ 10.1007/ s10804-011-9122-2 Irblich, D. (2010): Neuere Testverfahren: Rezension zur M-ABC-2. Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie 59 (7), 589-598, https: / / doi. org/ 10.13109/ prkk.2010.59.7.589 Kastner,J.,Petermann,F.(2009): Entwicklungsbedingte Koordinationsstörung. Psychologische Rundschau 60 (2), 73-81, https: / / doi.org/ 10.1026/ 0033-3042. 60.2.73 Kirby, A., Williams, N., Thomas, M., Hill, E.L. (2013): Self-reported mood, general health, wellbeing and employment status in adults with suspected DCD. Research in Developmental Disabilities 34 (4), 1357-1364, https: / / doi: 10.1016/ j.ridd.2013.01.003 Petermann, F. (Hrsg.) (2015): Movement Assessment Battery for Children-2 (M-ABC-2). 4. Aufl. Pearson Assessment, Frankfurt am Main Stott, D.H., Moyes, F.A., Henderson, S.E. (1972): A Test of Motor Impairment. Brooks Educational, Ontario Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Die Autorin Dr. Julia Christin Jaščenoka Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin, Promotion zur klinischen Kinderpsychologie, Arbeitsschwerpunkte: Testentwicklung, (motorische) Entwicklungsstörungen, Schuleingangsdiagnostik Helmut-Schmidt-Universität/ Universität der Bundeswehr Hamburg Professur für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie Am Stadtrand 50 22047 Hamburg jascenoka@hsu-hh.de
