eJournals Motorik48/4

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art31d
7_048_2025_4/7_048_2025_4.pdf101
2025
484

FORUM PSYCHOMOTORIK: Qualitative Bewegungsbeobachtung ›the english way‹

101
2025
Mone Welsche
Im deutschsprachigen Raum erfasst die Mehrheit bewegungsdiagnostischer Instrumente motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten. Qualitative Aspekte des Bewegungsverhaltens bleiben nahezu unberücksichtigt. Einzelne Verfahren, welche es ermöglichen, strukturiert auf Bewegung als Bewegungsverhalten und -ausdruck zu schauen und diese wertfrei und möglichst differenziert zu erfassen, finden sich mit Blick über den deutschsprachigen Tellerrand. In diesem Beitrag werden Elemente der Bewegungsbeobachtung im Sherborne Konzept, welche in weiten Teilen auf der Laban Bewegungsanalyse basiert, vorgestellt und Einsatzmöglichkeiten in psychomotorisch-motologischen Handlungsfeldern diskutiert.
7_048_2025_4_0005
Zusammenfassung / Abstract Im deutschsprachigen Raum erfasst die Mehrheit bewegungsdiagnostischer Instrumente motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten. Qualitative Aspekte des Bewegungsverhaltens bleiben nahezu unberücksichtigt. Einzelne Verfahren, welche es ermöglichen, strukturiert auf Bewegung als Bewegungsverhalten und -ausdruck zu schauen und diese wertfrei und möglichst differenziert zu erfassen, finden sich mit Blick über den deutschsprachigen Tellerrand. In diesem Beitrag werden Elemente der Bewegungsbeobachtung im Sherborne Konzept, welche in weiten Teilen auf der Laban Bewegungsanalyse basiert, vorgestellt und Einsatzmöglichkeiten in psychomotorisch-motologischen Handlungsfeldern diskutiert. Schlüsselwörter: Qualitative Bewegungsbeobachtung, Laban Bewegungsanalyse, Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik nach Sherborne, Bewegungsverhalten, Bewegungsausdruck Qualitative Movement Observation ›The English Way‹ Elements of Laban Movement Analysis and Relationship- Oriented Movement Pedagogy as Diagnostic Criteria In German-speaking countries, the majority of movement diagnostic instruments assess motor skills and abilities. Qualitative aspects of movement behavior have received little attention. Methods that enable a structured examination of the characteristics of movement as behavior and expression can be found beyond the German-speaking context. This article presents elements of movement observation in the Sherborne concept, which is largely based on the Laban movement analysis, and discusses the possible applications in psychomotricity and motology. Keywords: qualitative movement observation, Laban Movement Analysis, Sherborne Developmental Movement, movement behaviour, expression [ 183 ] motorik, 48. Jg., 183-188, DOI 10.2378 / mot2025.art31d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2025 [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Qualitative Bewegungsbeobachtung ›the english way‹ Mit Elementen der Laban Bewegungsanalyse und der Beziehungsorientierten Bewegungspädagogik nach Sherborne Mone Welsche Die Mehrzahl der im deutschsprachigen Raum verfügbaren bewegungsdiagnostischen Instrumente erfasst vorrangig motorische Parameter (Reichenbach 2016). Diese Engführung scheint nicht so recht zur psychomotorisch-motologischen Perspektive auf Bewegung zu passen, die weit über die Motorik hinausgeht. Die Psychomotorik und Motologie verfolgt seit jeher einen ganzheitlichen Ansatz, wie bereits Kiphard (1984, 49 f ) betonte. Auch aktuelle Konzepte stellen den Menschen in seiner gesamten Entwicklung in den Mittelpunkt und betrachten Bewegung nicht nur als Mittel zur Verbesserung motorischer Kompetenzen, sondern auch als Ausdruckphänomen, Medium zur sozialen Interaktion und Identitätsbildung (Kuhlenkamp 2022). Nun lassen sich Gestaltmerkmale der Bewegung, Bewegungsverhalten und Bewegungsausdruck nicht durch Motoriktests beschreiben oder erfassen. Hier braucht es die qualitative Beobachtung, die oftmals mehr Informationen über die Klient: innen geben kann, als »die reinen Ergebnisse eines (motometrischen) Verfahrens« (Reichenbach 2025, 7). Vor diesem Hintergrund stelle ich die Bewegungsbeobachtung im Sherborne Konzept mit Elementen der Laban Bewegungsanalyse vor, die sich durch die Orientierung an dem Phänomen der Bewegung selbst auszeichnet. Der Text schließt mit Überlegungen zu [ 184 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Einsatzmöglichkeiten und Voraussetzungen im Kontext von Psychomotorik und Motologie. Laban Bewegungsanalyse-- Ursprünge und Bewegungskategorien Rudolf von Laban (1879-1958) gehört bis heute zu den wichtigsten Bewegungstheoretikern unserer Zeit. Er entwickelte eine umfassende Bewegungslehre, die Laban Bewegungsanalyse (LMA), sowie ein Notationssystem zur Analyse und Dokumentation menschlicher Bewegung (zusammenfassend in Kennedy 2010). In Deutschland ist die LMA vor allem in der Tanzausbildung, -wissenschaft und -therapie etabliert (u. a. Willke et al. 2014; Brandstetter 2018) sowie vereinzelt in der klinischen Bewegungstherapie und Bewegungsdiagnostik (Welsche et al. 2005; Hölter 1989). Auf Labans Ansatz aufbauend entstanden weitere bewegungsanalytische Verfahren, darunter das Kestenberg Movement Profil (u. a. Amighi et al. 2018) und die Movement Patterns Analysis (Welsche et al. 2007), welche über eigene Interpretationsrahmen verfügen und international im Kontext Teambuilding, Coaching und Psychotherapie genutzt werden. Die LMA, die Bewegung zunächst ›nur‹ beschreibt und nicht interpretiert, ist in Deutschland als Teil der Laban-Bartenieff Bewegungsstudien (LBBS) be- Laban Bewegungsanalyse Körper Aktive Körperteile Körperaktionen, z.B. Sprung, Geste Form Formungsqualität und -veränderung stille Formen Phrasierung Zeitlicher Ablauf der Bewegung Beziehung Inbeziehung setzen (ungl. Sherbornes Kategorien! ) Antrieb Dynamik der Bewegung Raum Räumliche Ausrichtung Zugang zur Kinesphäre Abb. 1: Kategorien der Laban Bewegungsanalyse kannt. Diese finden Anwendung in zahlreichen pädagogischen, therapeutischen, künstlerischen und medizinischen Bereichen (Kennedy 2010). In der Psychomotorik, Motologie und Bewegungswissenschaft wurde Labans Theorie bislang nur vereinzelt rezipiert (s. Funke-Wieneke 2010; Hölter 1989; Kennedy / Brinkmann 2017; Rollwagen 1994; Welsche et al. 2007) und wird bis heute nicht systematisch gelehrt. Laban entwickelte in seiner Zeit die Antriebslehre, die sich mit den dynamischen Qualitäten der Bewegung befasst, sowie die Theorie der Raumharmonie (Laban 1991). Seine Arbeiten wurden insbesondere durch Irmgard Bartenieff, Warren Lamb und Lisa Ullmann weiterentwickelt. Die heutige LMA, wie sie in Deutschland und den USA gelehrt wird, ist ein komplexes System mit sechs Kategorien (s. Abb. 1). Bewegungsbeobachtung in Sherbornes Konzept der Beziehungsorientierten Bewegungspädagogik Veronica Sherborne (1922-1990) studierte am Bedford College of Physical Education und lernte dort Labans Theorie kennen, die damals die Kategorien Körper, Antrieb und Raum umfasste. Nach Labans Immigration nach England entwickelte er mit Lisa Ullmann Überlegungen zur Unterstützung der Persönlichkeitsentwicklung durch die Ausbildung eines möglichst breiten Bewegungsrepertoires. Sherborne (2001) inspirierte diese für sie neue Perspektive auf Körper, Bewegung und bewegungspädagogische Ansätze. Sie übertrug Labans Bewegungslehre auf ihre Arbeit mit Kindern mit Beeinträchtigungen und entwickelte das Konzept der Beziehungsorientierten Bewegungspädagogik, international als Sherborne Developmental Movement bekannt. Eine deutschsprachige Übersetzung mit dem Titel ›Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik‹ wurde von Dirjack (Sherborne 1998) vorgenommen. In einer aktuellen Bearbeitung wird das Konzept unter dem Aspekt der Beziehungsgestaltung in zwei Bausteine gegliedert (Welsche 2018): [ 185 ] [ 185 ] Welsche • Qualitative Bewegungsbeobachtung ›the english way‹ 4 | 2025 ■ die Beziehung zur eigenen Person (Körperwahrnehmung, Bewegungsqualitäten = Antriebe, Raumwahrnehmung und -nutzung) sowie ■ die Beziehung zu anderen, unterteilt in die Beziehungsdimensionen des Füreinander, Gegeneinander und Miteinander. Sherborne betont die Bewegungsbeobachtung, im Verständnis eines förder- oder prozessdiagnostischen Vorgehens, als Grundlage jeder pädagogischen Intervention. Dabei stehen das Erkennen von Präferenzen, Fähigkeiten und Ressourcen als auch Unterstützungsbedarfen im Fokus. Die Beobachtungskriterien basieren auf den Bausteinen des Konzeptes. In diesem Beitrag skizziere ich die Kriterien ›Bewegungsqualitäten‹ (Antriebe), ›Raum‹ (Kinesphäre) und ›Beziehungsdimensionen‹, da diese m. E. zur qualitativen Beschreibung der Gestaltmerkmale von Bewegungshandeln und -ausdruck besonders interessant sind. Kategorie Bewegungsqualitäten Mit dieser Kategorie bezieht sich Sherborne auf die Antriebsqualitäten nach Laban. Damit kann beobachtet werden, mit welcher energetischen Qualität- - also wie- - die Bewegung ausgeführt wird. Laban unterscheidet vier Antriebsfaktoren: Zeit, Kraft, Raum und Fluss, die kombiniert ein breites Ausdrucks- und Handlungsspektrum ermöglichen. Die Antriebsfaktoren sind zweipolig, aber nicht statisch organisiert, denn zwischen diesen Polen bewegt sich der Mensch nach Präferenz und Möglichkeit in einem eher engen oder breiten Spektrum (Abb. 2). Die Antriebsfaktoren werden in den folgenden Abschnitten kurz beschrieben, dabei werden die in der aktuellen deutschen Literatur genutzten Begriffe (Kennedy 2010) verwendet, die in Teilen von den Bezeichnungen in älteren Laban Übersetzungen und der Originalliteratur zum Sherborne Konzept abweichen. Antriebsfaktor: Zeit Mit diesem Antriebsfaktor wird deutlich, wie der Mensch in seinen Bewegungen den zeitlichen Faktor aufgreift. Dabei ist der Antriebsfaktor nicht mit der allgemeinen Geschwindigkeit oder dem Tempo einer Bewegung zu verwechseln. Gemeint ist stattdessen die beschleunigte, plötzliche oder die verlangsamte, verzögerte, allmähliche Bewegung im Prozess. Antriebsfaktor: Gewicht oder Kraft Die zu diesem Antriebsfaktor zugehörigen Elemente werden als kraftvoll und leicht bezeichnet und beschreiben, wieviel Kraft oder auch Gewicht der Mensch in die Bewegung gibt und damit auf seine Umwelt einwirkt. Antriebsfaktor: Raum In dem Antriebsfaktor Raum kann beobachtet werden, mit welcher Qualität der Mensch sich im Raum bewegt und ob die Bewegung eher direkt und fokussiert oder flexibel, indirekt und umschweifend ausgeführt wird. Antriebsfaktor: Fluss In der Beobachtung dieses Antriebsfaktors zeigt sich die Kontinuität der Bewegung oder der Bewegungsfluss. Während im freien Fluss Bewegung relativ ungebremst, loslassend ausgeführt wird, ist sie im gebundenen Fluss kontrolliert und kann jederzeit gestoppt werden. Bewegungen bestehen meist aus mehr als einem Antriebsfaktor und -element, wie anhand des Beispiels ›Ballschießen‹ deutlich wird. Dazu braucht es sowohl das direkte, kraftvolle als auch plötzliche Antriebselement und eine Kombination aus gebundenem und freien Bewegungsfluss. Kategorie Raumnutzung Bei Beobachtungen zu dieser Kategorie wird das Verhältnis der sich bewegenden Person zu dem sie umgebenden Raum sichtbar. Sie ist nicht mit dem Antriebsfaktor Raum zu verwechseln. Laban unterschied ein-, zwei- und dreidimensionale Bewegungen, sowie Bewegungen in der Kinesphäre. Die Kinesphäre beschreibt den Raum, den eine Person einnehmen kann, also die Reichweite der Bewegungsrepertoire der Antriebsqualitäten Zeit: plötzlich allmählich Kraft: kraftvoll leicht Raum: direkt indirekt Fluss: gebunden frei Abb. 2: Abbildung eines exemplarischen Bewegungsrepertoires im Spektrum der Antriebsqualitäten [ 186 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Bewegung. Sie ist in der Größe abhängig von der individuellen Beweglichkeit, der Gliedmaßenlänge und den Bewegungsgewohnheiten und lässt sich in die kleine oder körpernahe, die mittlere und die große Kinesphäre unterteilen. Kategorie: Beziehungsdimensionen Sherborne unterscheidet in drei Dimensionen der Beziehungsgestaltung. In einer verständlichen und gleichzeitig konkreten Systematik werden damit auch Aspekte der Ich- und Sozialkompetenzen ausdifferenziert, die als Kriterien einer qualitativen Beschreibung von Bewegungshandeln herangezogen werden können: ›Füreinander‹ oder Caring Beziehungen Hier sind Beziehungssituationen gemeint, in welchen eine Person eine andere körperlich unterstützt oder- - vice versa- - körperliche Unterstützung annimmt, wie z. B. im Hochheben oder Tragen. In dieser Beziehungsdimensionen werden Themen wie Geben und Nehmen, Vertrauen und Verantwortung oder auch Führen und Folgen sichtbar. ›Gegeneinander‹ oder Against Beziehungen Diese Art der Beziehungsgestaltung ist durch den Einsatz von Kraft gegen jemand anderen gekennzeichnet, sei es um Widerstand zu leisten oder um sich durchzusetzen, z. B. in Rangelspielen. In dieser Beziehungsdimension wird Durchsetzungsfähigkeit und Selbstbehauptung beobachtbar. ›Miteinander‹ oder Shared Beziehungen Diese Dimension umschreibt eine Beziehungsgestaltung, in welcher beide Partner: innen in der Bewegungsaktivität voneinander abhängig sind, z. B. in der Standbalance. Hier lassen sich Kooperationsfähigkeit und Einfühlungsvermögen sowie Anpassungsfähigkeit gut beobachten. Im Sherborne Konzept findet die Beziehungsgestaltung im Körperkontakt statt und so bezieht sich auch der diagnostische Blick auf die Beziehungsdimensionen des Füreinander, Gegeneinander und Miteinander im Körperkontakt. Diese Systematisierung kann allerdings ebenso in einem weiten Verständnis hilfreich sein. Auch in Bewegungs- und Spielsituationen ohne Körperkontakt kann durch die Beobachtung des Bewegungsverhaltens deutlich werden, in welcher Beziehungsdimension sich der Mensch gerade befindet oder welche er aktiv gestalten bzw. annehmen kann. Mehrwert für die psychomotorischmotologische Bewegungsdiagnostik Mit den vorgestellten Beobachtungskategorien (Abb. 3) steht ein Vokabular zur Verfügung, das es ermöglicht, beobachtetes Bewegungsverhalten und Bewegungsausdruck systematisch, differenziert und vor allem bewertungsfrei zu beschreiben. Da die Beobachtungskriterien definiert sind, kann, im Vergleich zur Beobachtung ohne festgelegte und theoretisch fundierte Kriterien, eine weniger subjektive oder relativ objektive Dokumentation des beobachteten Bewegungsverhaltens erfolgen. Neben der Schärfung der eigenen Beobachtung (was beobachte ich eigentlich genau) wird so auch der Austausch mit anderen Fachkräften (was habe ich beobachtet mit welchem Bezugssystem) erleichtert. Fachfrauen der LMA betonen, dass mit den LMA Kategorien Bewegungsbeschreibungen möglich sind, »ohne direkt oder indirekt eine Zuordnung zu einem Symptom oder einer Störung vorzunehmen« (Kennedy / Brinkmann 2017, 174) und das Denken in Schubladen wie ›richtig und falsch‹ sowie ›krank und gesund‹ präventiv vermieden werden kann (Rollwagen 1994). Beispielhaft lässt sich das an folgendem psychomotorischen Stundenprotokoll verdeutlichen: Peter war heute häufig grenzüberschreitend und aggressiv im Kontakt mit den anderen Kindern. In der Freispielphase war er ungestüm unterwegs, rempelte beim Fangen die anderen oft an oder rannte sie um. Wurde er gefangen, dann reagierte er aggressiv und riss sich heftig los, fing er selbst, dann hielt er seine Spielpartner fest und gab sie erst nach Aufforderung frei. Auch im Minitrampspringen musste er immer wieder eingegrenzt werden, da er viel zu riskant und unkoordiniert sprang. Mit dem hier vorgestellten Vokabular könnte Peters Bewegungsverhalten auch wie folgt beschrieben werden: [ 187 ] [ 187 ] Welsche • Qualitative Bewegungsbeobachtung ›the english way‹ 4 | 2025 in Bewegungs- und Spielsituationen ohne Körperkontakt kann durch die Beobachtung des Bewegungsverhaltens deutlich werden, in welcher Beziehungsdimension sich der Mensch gerade befindet oder welche er aktiv gestalten bzw. annehmen kann. Mehrwert für die psychomotorischmotologische Bewegungsdiagnostik Mit den vorgestellten Beobachtungskategorien (Abb. 3) steht ein Vokabular zur Verfügung, das es ermöglicht, beobachtetes Bewegungsverhalten und Bewegungsausdruck systematisch, differenziert und vor allem bewertungsfrei zu beschreiben. Da die Beobachtungskriterien definiert sind, kann, im Vergleich zur Beobachtung ohne festgelegte und theoretisch fundierte Kriterien, eine weniger subjektive oder relativ objektive Dokumentation des beobachteten Bewegungsverhaltens erfolgen. Neben der Schärfung der eigenen Beobachtung (was beobachte ich eigentlich genau) wird so auch der Austausch mit anderen Fachkräften (was habe ich beobachtet mit welchem Bezugssystem) erleichtert. Fachfrauen der LMA betonen, dass mit den LMA Kategorien Bewegungsbeschreibungen möglich sind, »ohne direkt oder indirekt eine Zuordnung zu einem Symptom oder einer Störung vorzunehmen« (Kennedy / Brinkmann 2017, 174) und das Denken in Schubladen wie ›richtig und falsch‹ sowie ›krank und gesund‹ präventiv vermieden werden kann (Rollwagen 1994). Beispielhaft lässt sich das an folgendem psychomotorischen Stundenprotokoll verdeutlichen: Peter war heute häufig grenzüberschreitend und aggressiv im Kontakt mit den anderen Kindern. In der Freispielphase war er ungestüm unterwegs, rempelte beim Fangen die anderen oft an oder rannte sie um. Wurde er gefangen, dann reagierte er aggressiv und riss sich heftig los, fing er selbst, dann hielt er seine Spielpartner fest und gab sie erst nach Aufforderung frei. Auch im Minitrampspringen musste er immer wieder eingegrenzt werden, da er viel zu riskant und unkoordiniert sprang. Mit dem hier vorgestellten Vokabular könnte Peters Bewegungsverhalten auch wie folgt beschrieben werden: Peter bewegte sich heute fast durchgehend in der großen Kinesphäre, was dazu führte, dass er im Freispiel oft mit den anderen zusammenstieß. Im Fangenspiel waren vor allem die Antriebe: kraftvoll, plötzlich und ein z. T. sehr freier Fluss zu beobachten, dazu ging er immer wieder ins Gegeneinander, so dass es oft zu Streit oder Beschwerden über sein Verhalten kam. Auch im Minitrampspringen blieb er in der großen Kinesphäre und in den beschriebenen Antriebsqualitäten, so dass er z. T. Schwierigkeiten hatte, seinen Sprung zu kontrollieren und die Sprungrichtung zu steuern. Mit dieser Beobachtungsbrille wird Peters Verhalten zunächst neutral beschrieben und erst dann eingeordnet. Dabei wird sichtbar, was bereits in Peters Bewegungsrepertoire vorhanden ist, nicht nur, was vielleicht fehlt. Peter kann kraftvoll und plötzlich agieren, er hat einen guten Zugang zum freien Fluss und kann seine große Kinesphäre nutzen. Wenn dies als Ressource betrachtet wird, ergeben sich wertvolle Ansätze für seine weitere Förderung. Mit Bewegungsarrangements, die es ihm ermöglichen, seine Ressourcen konstruktiv einzusetzen, kann er sich als kompetent und sein möglicherweise sonst oft als störend bewertetes Bewegungsverhalten als positiv erleben. Gleichzeitig können Möglichkeiten geschaffen werden, um von diesen Ressourcen ausgehend weitere Bewegungsqualitäten zu erkunden und das Bewegungsrepertoire zu erweitern, z. B. in Spielen mit Tempovariationen wie Turbo-Zeitlupe-Stopp- Spielen. Schlussüberlegungen In meiner Lehr- und Fortbildungstätigkeit habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Beobachtungskategorien Bewegungsqualitäten (Antriebe), Raumnutzung (Kinesphäre) und Beziehungsdimensionen sehr gut verständlich und damit vergleichsweise leicht als Beobachtungskriterien einzusetzen sind. Dies kann auch ohne eine mehrjährige Ausbildung in der LMA oder eine Weiterbildung zur Beziehungsorientierten Bewegungspädagogik gelingen. Allerdings: es braucht die angeleitete Bewegungserfahrung in den Antriebsqualitäten, den Kinesphären und Beziehungsdimensionen, sei es im Rahmen von Seminaren, Workshops oder Fortbildungen. Theoretisches Wissen ohne die Exploration der eigenen Bewegung reicht nicht aus. Die Selbsterfahrung, das Nachspüren, Reflektieren und Analysieren ist die Basis, um das Bewegungsverhalten anderer Menschen mit Hilfe dieser Beobachtungskriterien erfassen und beschreiben zu können. Diese qualitative Beobachtung rückt die Betrachtung der Bewegungsebene, die über die Erfassung motorischer Parameter hinausgeht, in den Fokus. Das flüchtige Phänomen der Bewegung selbst wird zum Gegenstand der Beobachtung. Neben der Bewegungsbeobachtung gewinnt die Auseinandersetzung mit der Qualität der Bewegung mit dem Entwicklungspsychologen und Psychoanalytiker Stern auch für die bewegungstherapeutische Arbeit an Bedeutung. Stern (2011) betrachtet die dynamischen Aspekte der Bewegung-- und hier bezieht er sich auf Labans Antriebsqualitäten- - als elementare Manifestation der Vitalität. In seinem Spätwerk betont er, dass die Qualität der therapeutischen Arbeit mit den Ausdruckformen der Vitalität maßgeblich von der Bewegungserfahrung der Therapeutin abhängig ist. Erst die eigene Erfahrung befähigt, sich einzufühlen und einen hilfreichen Dialog, der ja auch im Gespräch auf der Bewegungsebene stattfindet, anzubieten. Hölter stellte bereits 2013, unter Bezugnahme auf u. a. Stern, die Frage, ob die Psychomotorik stärker auf die Bewegungsqualität (und auch Bewegungsleistung) achten und die Bewegung »wiederentdeckt« werden müsse. Ich finde noch 12 Jahre später: unbedingt! Hier ist eine wichtige Perspektive Kinesphäre Antriebe Beziehungsdimensionen klein/ eng mittel groß Kraft: kraftvoll - leicht Zeit: plötzlich - allmählich Raum: direkt - indirekt Fluss: gebunden - frei Füreinander Gegeneinander Miteinander Abb. 3: vorgestellte Beobachtungskategorien [ 188 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik über die Jahre in Vergessenheit geraten- - oder nie wirklich ausreichend präsent gewesen? Die in diesem Beitrag vorgestellten Zugänge zur Beobachtung eröffnen eine m. E. grundlegende bewegungsdiagnostische Perspektive. Dieser zu folgen und passende Instrumente zu adaptieren, wiederzuentdecken oder zu entwickeln, kann einen Bedarf und eine Lücke in der Psychomotorik und Motologie füllen (Welsche 2025). Darüber hinaus verdeutlicht sie auch für andere Disziplinen, u. a. die Soziale Arbeit, Heil- oder Kindheitspädagogik und Therapiewissenschaften, die Bedeutung eines differenzierten Blicks auf die Bewegungsebene für diagnostische und pädagogisch-therapeutische Prozesse und kann damit den Mehrwert einer psychomotorisch-motologischen Expertise an relevanten Schnittstellen herausstellen. Literatur Amighi, J. K., Loman, S., Sossin, K. M. (2018): The Meaning of Movement. Embodied Developmental, Clinical, and Cultural Perspectives of the Kestenberg Movement Profile. 2 Aufl. Routledge, London Brandstetter, G. (2018): Bewegungs-Beziehungen. Tanzwissenschaftliche Verfahren zur Analyse von Interaktionen. Paragrana, 27 (1), 30-40, https: / / doi.org/ 10.1515/ para-2018-0002 Funke-Wieneke, J. (2010): Bewegungs- und Sportpädagogik. 2. Aufl. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler Hölter, G. (1989): Qualitative Bewegungsanalysen in der Motodiagnostik von psychisch kranken Erwachsenen. motorik 12 (1), 9-18 Hölter, G. (2013): Psychomotorik in Deutschland am Beginn des 21. Jahrhunderts. Lücken und Tücken eines Erfolgsmodells. Motorik 36 (1), 9-17, http: / / dx.doi.org/ 10.2378/ mot2013.art01d Kennedy, A., Brinkmann, D. (2017): Laban/ Bartenieff- Bewegungsstudien. Ein Handwerkszeug für Bewegungsbeschreibung auch in der Psychomotorik. motorik 40 (4), 174-179, https: / / doi.org/ 10.2378/ Mot2017.art28d Kennedy, A. (2010): Bewegtes Wissen- - Laban / Bartenieff-Bewegungsstudien verstehen und erleben. Logos, Berlin Kiphard, E. J. (1984): Psychomotorik- - Motopädagogik- - Mototherapie. Fragen der Gegenstandsbestimmung und Abgrenzung. motorik 7 (2), 49-51 Kuhlenkamp, S. (2022): Lehrbuch Psychomotorik. 2. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838588209 Laban, R. v. (2003): Die Kunst der Bewegung. 3 Aufl. Florian Noetzel, Wilhelmshaven Laban, R. v., Perrottet, C. (1991): Choreutik. Grundlagen der Raumharmonielehre des Tanzes. Florian Noetzel, Wilhelmshaven Reichenbach, C. (2025): Aktuelle Perspektiven und Entwicklungen in der Heilpädagogischen Diagnostik im Kindes- und Jugendalter. heilpaedagogik.de (1), 6-13 Reichenbach, C. (2016): Bewegungsdiagnostik in Theorie und Praxis. Bewegungsdiagnostische Verfahren und Modelle. Bedeutung für Praxis und Qualifizierung. Borgmann, Dortmund Rollwagen, B. (1994): Laban-Bewegungsstudien in der Psychomotorik. Ein Beitrag zur handlungsbegleitenden Diagnostik. Praxis der Psychomotorik 19 (1), 19-25 Sherborne, V. (2001): Developmental Movement for Children. Mainstream, Special Needs and Preschool. 2. Aufl. Worth Publishing, London Stern, D. N. (2011): Ausdrucksformen der Vitalität. Brandes & Apsel, Frankfurt am Main Welsche, M. (2018): Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel Welsche, M., Stobbe, C., Romer, G. (2007a): »Und wer sieht uns? «-- Bewegungsdiagnostik für Jugendliche. motorik 30 (2), 94-101 Welsche, M., Kennedy, A., Penfield, K. (2007b): Movement Pattern Analysis- - Methode zur Erfassung individueller Entscheidungs- und Handlungsmotivationen. In: Koch, S. C., Bender, S. (Hrsg.): Movement Analysis. The Legacy of Laban, Bartenieff, Lamb and Kestenberg. Logos, Berlin, 42-52 Welsche, M., Romer, G., Rosenthal, S. (2005): Bewegungsdiagnostik und bewegungstherapeutische Professionalisierung in der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bewegungstherapie und Gesundheitssport 21 (5), 199-205, https: / / doi. org/ 10.1055/ s-2005-872489 Welsche, M. (2025): Bewegungsdiagnostik in der heilpädagogischen Frühförderung, Ergebnisse einer Fragebogenerhebung und Fragen an die Psychomotorik/ Motologie. Motorik 48 (3), 115-123 Willke, E., Hölter, G., Petzold, H. (Hrsg.) (2014): Tanztherapie- - Theorie und Praxis. Ein Handbuch. Reichert Verlag, Wiesbaden, https: / / doi. org/ 10.29091/ 9783954909629 Die Autorin Prof.in Dr. Mone Welsche Professorin für Entwicklungsförderung im Kindes- und Jugendalter an der Katholischen Hochschule Freiburg, Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt zu Bewegung und sportliche Aktivität als Medium sowie bewegungs- und sportorientierten Methoden in der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit Anschrift Prof.in Dr. Mone Welsche Katholische Hochschule Freiburg Karlstrasse 61 79104 Freiburg mone.welsche@kh-freiburg.de