eJournals Motorik48/4

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art32d
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2025
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FORUM PSYCHOMOTORIK: MotorikPlus - Beobachtung psychomotorischer Kompetenzen von Kindern im Alltag von Kindertageseinrichtungen

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Renate Zimmer
»MotorikPlus« ist ein Verfahren zur Beobachtung und Dokumentation der motorischen und der sensorischen Kompetenzen von Kindern, zusätzlich werden jedoch auch – dafür steht das »Plus« – soziale, emotionale und kognitive Kompetenzen einbezogen. Dem zugrunde liegt die Auffassung von kindlicher Entwicklung als ein ganzheitlicher Prozess, in dem über Wahrnehmung und Bewegung gewonnene Erfahrungen die Grundlage für den Erwerb kognitiver Kompetenzen darstellen und diese eng verknüpft sind mit emotionalen und sozialen Kompetenzen. Im Beitrag wird das Beobachtungsverfahren vorgestellt, zudem wird die ressourcenorientierte Sicht auf die kindliche Entwicklung erläutert.
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Zusammenfassung / Abstract »MotorikPlus« ist ein Verfahren zur Beobachtung und Dokumentation der motorischen und der sensorischen Kompetenzen von Kindern, zusätzlich werden jedoch auch-- dafür steht das »Plus«-- soziale, emotionale und kognitive Kompetenzen einbezogen. Dem zugrunde liegt die Auffassung von kindlicher Entwicklung als ein ganzheitlicher Prozess, in dem über Wahrnehmung und Bewegung gewonnene Erfahrungen die Grundlage für den Erwerb kognitiver Kompetenzen darstellen und diese eng verknüpft sind mit emotionalen und sozialen Kompetenzen. Im Beitrag wird das Beobachtungsverfahren vorgestellt, zudem wird die ressourcenorientierte Sicht auf die kindliche Entwicklung erläutert. Schlüsselbegriffe: psychomotorische Kompetenzen, MotorikPlus, Screening, Beobachtung, Entwicklungsbegleitung MotorikPlus-- Observation of children’s psychomotor skills in everyday life in daycare centers »MotorikPlus« is a method for observing and documenting children’s motor and sensory skills. In addition, social, emotional, and cognitive skills are also included-- the »plus« stands for this. This approach is based on the concept of child development as a holistic process in which experiences gained through perception and movement form the basis for the acquisition of cognitive skills, which are closely linked to emotional and social skills. The article presents the observation procedure and explains the resource-orientated view of child development. Keywords: psychomotor skills, MotorikPlus, screening, observation, developmental support [ 189 ] motorik, 48. Jg., 189-192, DOI 10.2378 / mot2025.art32d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2025 [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] MotorikPlus-- Beobachtung psychomotorischer Kompetenzen von Kindern im Alltag von Kindertageseinrichtungen Renate Zimmer Im Vordergrund von MotorikPlus steht der individuelle Prozess der Entwicklung der Kinder, es geht nicht um das Aufdecken spezifischer Entwicklungsbeeinträchtigungen noch um die Einordnung ihrer Leistungen in eine vergleichbare Altersgruppe. Dies ist zwar aufgrund der Norm- und Orientierungswerte, die für eine zusätzliche Auswertung zur Verfügung stehen, möglich, sollte aber eher als zusätzliche- - nicht als vordergründige- - Möglichkeit der Auswertung der Beobachtungsergebnisse angesehen werden. MotorikPlus verfolgt vielmehr den Anspruch, die individuellen Fähigkeiten und Interessen der Kinder bewusster zu beobachten und wahrzunehmen- - mit dem Ziel, ihnen möglichst viele Chancen zur Entfaltung ihrer individuellen Potenziale zu geben. MotorikPlus führt zu einem kompetenzorientierten Blick auf das Kind: Wo liegen seine Stärken, welche alltäglichen Herausforderungen kann es schon bewältigen, wo benötigt es noch Hilfe und Unterstützung? Das Erleben der eigenen Kompetenz wird als Voraussetzung dafür betrachtet, dass ein Kind sich weiter voran wagt, dass es sich auch mit neuen Anforderungen gerne auseinandersetzt, dass es bei auftretenden Schwierigkeiten zuversichtlich bleibt und bei Misserfolg nicht gleich aufgibt. [ 190 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik Ressourcenorientierte Sicht Die Sichtweise auf das Kind ist ausdrücklich ressourcenorientiert: Die Beobachtung soll dazu dienen, bei jedem Kind die individuellen Ressourcen zu erkennen und damit die Bereiche zu identifizieren, in denen es am besten seine Stärken entfalten kann. Dabei ist natürlich eingeschlossen, dass auch beobachtet werden soll, ob ein Kind z. B. bestimmte Situationen und Angebote meidet, ob es sich z. B. bei feinmotorischen Aktivitäten, beim Basteln und Malen eher großräumigen Bewegungsangeboten, der Bewegungsbaustelle oder der Bauecke zuwendet. Die pädagogische Fachkraft wird das Kind in solchen Situationen aufmerksam begleiten und herauszufinden versuchen, was die Beweggründe seines Verhaltens sind: Hat es z. B. Angst vor möglichem Misserfolg oder einfach nur besondere Vorlieben und Interessen? Aufbauend auf den Beobachtungen kann die pädagogische Fachkraft Ziele für die pädagogische Arbeit formulieren. Sie kann Maßnahmen planen und dabei die individuellen Interessen der Kinder berücksichtigen. Kontinuierliche Beobachtung und Dokumentation MotorikPlus kann vom vollendeten 1. Lebensjahr bis zum Alter von 6; 11 Jahren angewendet werden. Zur Beobachtung und Dokumentation stehen zwei Versionen von MotorikPlus zur Verfügung. Je nach Alter des Kindes sollte entweder die MotorikPlus-U3-Version oder die Motorik- Plus-Ü3-Version verwendet werden: ■ Kinder im Alter von 1; 0-3; 5 Jahren: Motorik- Plus-U3-Protokollbogen ■ Kinder im Alter von 3; 0-6; 11 Jahren: Motorik- Plus-Ü3-Protokollbogen Die Überschneidung der Altersbereiche wurde bewusst gewählt, da die Entwicklung individuell sehr unterschiedlich verläuft. Die pädagogische Fachkraft kann ein dreijähriges Kind entweder mit dem Bogen für Kinder unter drei Jahren als auch für Kinder über drei Jahren beobachten-- je nachdem, wie sie das Kind aufgrund ihrer bisherigen Erfahrungen einschätzt. Die Beobachtung erfolgt »begleitend« im pädagogischen Alltag der Kindertageseinrichtung mit dem Ziel, den Verlauf der Entwicklung eines Kindes kontinuierlich zu dokumentieren. Die einzelnen Beobachtungsbögen sind so aufgebaut, dass sie über einen längeren Zeitraum wiederholt eingesetzt werden können. Für jede Beobachtungsaufgabe sind drei entsprechende Eintragungsmöglichkeiten vorhanden- - der Entwicklungsprozess kann somit bei jeder neuen Durchführung verfolgt werden. Bei jährlicher Beobachtung kann ein Bogen also drei Jahre lang verwendet werden. Durch die wiederholte Beobachtung anhand von MotorikPlus kann der Entwicklungsprozess des Kindes kontinuierlich begleitet werden. So liefern die Beobachtungen mehr als nur eine Momentaufnahme der Kompetenzen innerhalb einer künstlich herbeigeführten Situation. Sie bilden Entwicklungsverläufe über eine längere Zeitspanne hinweg ab und verfolgen damit vor allem auch das Ziel, Bildungsprozesse des Kindes längerfristig zu begleiten und zu dokumentieren. Damit sind sie weniger auf das einmalige Resultat einer Messung und vielmehr auf die Erfassung des individuellen Entwicklungsprozesses ausgerichtet. Aus einer ressourcenorientierten Perspektive werden so die bereits erreichten Entwicklungsschritte sowie Entwicklungspotenziale abgebildet. Daraus lassen sich wiederum Schlüsse für die Umsetzung und Gestaltung des pädagogischen Alltags ziehen, um die kindliche Entwicklung zu unterstützen. Aufbau des Beobachtungsverfahrens Die folgende Übersicht stellt den Aufbau von MotorikPlus in Form von drei Grundbausteinen dar. Im Rahmen der motorischen Kompetenzen werden die Bereiche Koordination, Kraft/ Ausdauer und Feinmotorik in den Blick genommen. Im Rahmen der sensorischen Kompetenzen geht es um die vestibuläre Wahrnehmung, die taktil-kinästhetische, die visuelle und die auditive Wahrnehmung. Die sog. »Plus«-Kompetenzen sind auf die emotionale, soziale und kognitive Entwicklung ausgerichtet. Jede dieser Skalen enthält 6 bis 9 Beobachtungsaufgaben, die einzel- Abb. 1: Grundbausteine des Verfahrens [ 191 ] [ 191 ] Zimmer • MotorikPlus-- Beobachtung psychomotorischer Kompetenzen von Kindern 4 | 2025 nen Skalen können auch getrennt beobachtet und ausgewertet werden. MotorikPlus greift sowohl auf Beobachtungssituationen aus dem Alltag (z. B. Treppensteigen, Stift halten) als auch auf Situationen zurück, die von der pädagogischen Fachkraft begleitet oder sogar vorgegeben werden. Die Aufgaben sind so angelegt, dass eine Beobachtung in authentischen, für das Kind sinnvollen Situationen des pädagogischen Alltags möglich ist. Auf eine künstliche »Test«-Situation wird verzichtet. Qualitative und quantitative Auswertung Die Beobachtungen können sowohl qualitativ (beschreibend), als auch quantitativ (rechnerisch) ausgewertet werden. Die qualitative Auswertung hat die Dokumentation des individuellen Entwicklungsverlaufs sowie die Ableitung von Maßnahmen zur Entwicklungsbegleitung im Blick. Die quantitative Auswertung ermöglicht die Einordnung der individuellen Ergebnisse eines Kindes in die durchschnittlichen Ergebnisse der entsprechenden Altersstufe. So kann ein Profil erstellt werden, welches Aufschluss darüber gibt, wo sich das Kind- - entweder im Vergleich zu vorangegangenen Beobachtungszeiträumen oder im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern- - in seiner Altersgruppe befindet. Die qualitative Auswertung steht bei MotorikPlus im Vordergrund. Zur Eintragung der Beobachtungsergebnisse wurde in MotorikPlus eine Skalierung von »4« (trifft voll und ganz zu) bis »1« (trifft noch nicht zu) gewählt. Individuelle Besonderheiten des Kindes können in dem Protokollbogen auch in einer zusätzlichen Spalte vermerkt werden. Gütekriterien Im Prozess der Erprobung von MotorikPlus wurde das Verfahren auf der Basis der klassischen Testtheorie wissenschaftlich untersucht. Objektivität, Reliabilität und Validität sind nach [ 192 ] 4 | 2025 Forum Psychomotorik den vorliegenden Ergebnissen als gut zu bewerten, Itemschwierigkeiten und Trennschärfen lassen eine zufriedenstellende Differenzierungsfähigkeit annehmen. Ineinandergreifen von Beobachtung und Entwicklungsbegleitung Das Besondere an MotorikPlus ist das unmittelbare Ineinandergreifen von Beobachtung und Entwicklungsbegleitung bzw. Entwicklungsförderung. Praktische Beispiele geben Hinweise für eine bewegungsanregende Gestaltung des pädagogischen Alltags, sie beinhalten sowohl Herausforderungen der Wahrnehmungsfähigkeit als auch der kognitiven, emotionalen und sozialen Kompetenzen. Das Manual von MotorikPlus enthält Hintergrundinformationen zu den theoretischen Grundlagen, auf denen MotorikPlus aufbaut. Es gibt Hinweise zur prozessbegleitenden Beobachtung der Entwicklung von Kindern, zur Anwendung und zur Auswertung der Beobachtungsergebnisse. Besonders hilfreich für die Praxis sind die im letzten Kapitel des Manuals beschriebenen Praxisbeispiele, die sich auch für die Beobachtung der in den einzelnen Skalen enthaltenen Aufgaben eignen. MotorikPlus ist ähnlich aufgebaut wie BaSiK (Zimmer 2019). Beide Verfahren ergänzen sich, da sie eine ähnliche ressourcenorientierte Sicht auf das Kind haben. Auch für Elterngespräche und für Entwicklungsberichte sind die Beobachtungsbögen gut zu verwenden. Sie liefern detaillierte Beobachtungen, lenken den Blick auf die Potenziale des Kindes, zeigen aber auch auf, wo es ggf. noch Unterstützungsbedarf hat. In der Erprobung von MotorikPlus empfanden die pädagogischen Fachkräfte den Einsatz hilfreich in Bezug auf eine differenzierte Dokumentation der kindlichen Entwicklung. Beispielsweise schilderten die Fachkräfte, dass dadurch Stärken und Entwicklungspotenziale in verschiedenen Bereichen bewusster wahrgenommen werden. Sie berichteten, dass viele Situationen aus dem Alltag ihnen vertraut waren, dass sie diese aber selten für eine strukturierte Beobachtung genutzt hätten. Zusammenfassend ermöglicht MotorikPlus also ■ eine alltagsintegrierte Anwendung bei allen Kindern in Kindertageseinrichtungen, ■ die Beobachtung der Entwicklung ab dem vollendeten 1. Lebensjahr, ■ die kontinuierliche Dokumentation des kindlichen Entwicklungsverlaufs, ■ eine qualitative und quantitative Auswertung der Beobachtungen, ■ das Ableiten von alltagsintegrierten Maßnahmen zur Begleitung und Unterstützung der Entwicklung über Bewegung und Spiel, ■ die Einbeziehung der Beobachtungsbögen in Elterngespräche oder bei der Erstellung von Entwicklungsberichten. Literatur Zimmer, R. (2019): BaSiK. Begleitende alltagsintegrierte Sprachentwicklungsbeobachtung in Kindertageseinrichtungen. Herder, Freiburg Zimmer, R. (2020): Handbuch Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis. Herder, Freiburg Zimmer, R. (2021): MotorikPlus. Beobachtung psychomotorischer Kompetenzen von Kindern im Alltag von Kindertageseinrichtungen. Herder, Freiburg Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Die Autorin Prof. Dr. Renate Zimmer Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Frühe Kindheit und Professorin (i.R.) für Sportwissenschaft an der Universität Osnabrück. Mitbegründerin und bis 2018 Direktorin des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (nifbe). Kontakt Renate.Zimmer@uni-osnabrueck.de www.renatezimmer.de www.institut-bewegtekindheit.de