Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art33d
7_048_2025_4/7_048_2025_4.pdf101
2025
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Fachbeitrag: Der Deutsche Motorik-Test (DMT) - Goldstandard zur Testung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen
101
2025
Chiara Feldhaus
Klaus Bös
Tanja Eberhardt
Im Jahr 2006 beauftragte die Sportministerkonferenz die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) mit der Entwicklung eines Tests zur Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Unter der Leitung von Prof.Dr.Klaus Bös (KIT) wurde der Deutsche Motorik-Test (DMT) entwickelt und 2009 veröffentlicht. 2021 erschien eine englische Version. Der Test umfasst acht Aufgaben, ist auf Gütekriterien geprüft und wird weltweit angewendet. Erfasste Daten können über die DMT-Homepage ausgewertet werden, um individuelle Ergebnisprofile zu erhalten. Bis Ende 2024 wurden 264.766 Testungen registriert. Der DMT wird in verschiedenen Regionen und Projekten genutzt.
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Zusammenfassung / Abstract Im Jahr 2006 beauftragte die Sportministerkonferenz die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) mit der Entwicklung eines Tests zur Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Bös (KIT) wurde der Deutsche Motorik-Test (DMT) entwickelt und 2009 veröffentlicht. 2021 erschien eine englische Version. Der Test umfasst acht Aufgaben, ist auf Gütekriterien geprüft und wird weltweit angewendet. Erfasste Daten können über die DMT-Homepage ausgewertet werden, um individuelle Ergebnisprofile zu erhalten. Bis Ende 2024 wurden 264.766 Testungen registriert. Der DMT wird in verschiedenen Regionen und Projekten genutzt. Schlüsselbegriffe: Motorische Leistungsfähigkeit, Deutscher Motorik-Test, Diagnostik, Kinder und Jugendliche, Normwerte The German Motor Test (GMT)-- Gold Standard for Assessing Motor Performance in Children and Adolescents In 2006, the Conference of Sports Ministers commissioned the German Association for Sports Science (dvs) to develop a test to assess the motor performance of children and adolescents. Under the leadership of Prof. Dr. Klaus Bös (KIT), the German Motor Test (GMT) was developed and published in 2009. An English version was released in 2021. The test consists of eight motor tasks, has been validated for its quality criteria, and is used worldwide. Data can be evaluated via the DMT homepage to obtain individual performance profiles. By the end of 2024, 264.766 tests had been registered. The DMT is used in various regions and projects. Keywords: motor performance, german motor test, diagnostic, children and adolescents, norm values [ 193 ] [ FACHBEITRAG ] motorik, 48. Jg., 193-200, DOI 10.2378 / mot2025.art33d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2025 Der Deutsche Motorik-Test (DMT)-- Goldstandard zur Testung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen Chiara Feldhaus, Klaus Bös, Tanja Eberhardt Historie und Reichweite des DMT Der DMT wurde auf Initiative der Sportministerkonferenz von einer Ad-hoc-Kommission der dvs entwickelt und im Jahre 2009 erstmals publiziert (Bös 2009). Im Jahr 2023 ist bereits die dritte Auflage des DMT erschienen (Bös et al. 2023). 2021 wurde zusätzlich eine englische Version als International Physical Performance Test Profile (IPPTP-R; Bös et al. 2021) veröffentlicht. Von Beginn an, war dem DMT eine Online- Plattform hinterlegt, die Testleitenden eine Dateneingabe und anschließende Klassen- / Gruppenauswertung der getesteten Kinder und Jugendlichen ermöglicht (Vorgehen unter: www. ifss.kit.edu/ dmt; www.deutschermotoriktest.de). Bis Ende 2024 wurden mit dem DMT insgesamt 264.766 Testungen auf der Online-Plattform erfasst. Daneben gibt es zahlreiche weitere Studien, in denen der DMT angewandt wird. Allein im Projekt »Berlin hat Talent« (https: / / berlin-hat-talent.de/ ) liegen über 70.000 Datensätze zum DMT vor. Hinzu kommen uns bekannte Anwendungen in verschiedenen Ländern von Ägypten bis China, so dass angenommen werden kann, dass bisher rund 350.000 Kinder und Jugendliche weltweit den DMT durchlaufen haben. [ 194 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Theoretisches Konzept Die motorische Leistungsfähigkeit lässt sich charakterisieren als die Gesamtheit aller Fähigkeiten, die am Zustandekommen von beobachtbaren Bewegungsleistungen beteiligt sind. Es besteht in der Sportwissenschaft und Sportmedizin überwiegende Einigkeit, dass Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit, die je nach der Terminologie der Autor: innen »Fähigkeiten«, »Eigenschaften« oder »Hauptbeanspruchungsformen« (Bös / Mechling 1983) genannt werden, die zentralen Komponenten der motorischen Leistungsfähigkeit sind. Bös und Mechling (1983) konnten zeigen, dass sich diese Fähigkeiten bei Kindern früh ausprägen und Leistungen in sportmotorischen Tests mit Hilfe dieser Fähigkeiten gut erklärt werden können. Studien zur Erklärung und Prognose von Leistungen in sportlichen Disziplinen (z. B. Sportspiele) zeigen, dass ein hohes Niveau in den motorischen Fähigkeiten zwar unverzichtbar, aber zur Leistungserklärung und -prognose bei weitem nicht ausreichend ist (Bös/ Schneider 1997). Je koordinativ komplexer die sportliche Bewegung und je höher das Leistungsniveau ist, umso wichtiger werden die Ausprägung des sportartspezifischen Technikniveaus sowie die konstitutionellen, motivationalen und psychischen Dispositionen eines Kindes. Das Niveau der motorischen Fähigkeiten ist dann weiterhin eine zwingend notwendige Leistungsvoraussetzung, trägt aber nur noch sehr wenig Varianz zu der Erklärung von komplexen sportlichen Leistungen bei. Beim DMT geht es um die »allgemeine« motorische Leistungsfähigkeit, die für Entwicklung, Lernen und Leistung bei Kindern eine zentrale Grundlage bildet. Gut ausgeprägte motorische Fähigkeiten tragen entscheidend dazu bei, dass Kindern der Schritt in den Sport gelingt. Fähigkeiten und Fertigkeiten sind Grundlagen der Kompetenz. Sie beziehen sich auf die Fähigkeit einer Person, eine konkrete Bewegungsaufgabe zu verstehen und auszuführen. Fähigkeiten können angeboren sein und umfassen Begabungen in verschiedenen Bereichen. Fähigkeiten und Fertigkeiten unterscheiden sich dadurch, dass Fähigkeiten die allgemeineren, angeborenen (»latenten«) Eigenschaften einer Person beschreiben, während Fertigkeiten die konkreten, erlernbaren (»manifesten«) Teil-Kompetenzen sind, die auf bestimmte Aktivitäten oder Aufgaben abzielen. Fertigkeiten und Fähigkeiten stellen beide wichtige Komponenten der Kompetenz dar. Kompetenzen werden im Laufe des Lebens erworben. Sie beschreiben die Fähigkeit, eine konkrete Aufgabe oder bestimmte Tätigkeit erfolgreich auszuführen. Dabei geht es darum, bereits vorhandenes Wissen, Können und Erfahrungen sowie persönliche Fähigkeiten und Begabungen, sinnvoll zu kombinieren und anzuwenden-- kurz, über eine gute Problemlösungskompetenz zu verfügen (Herrmann et al. 2015). Der DMT basiert auf einem fähigkeitsorientierten Ansatz für die Zielgruppe 6bis 18-jähriger Kinder und Jugendlicher. Hier wird auf einen eigenen Systematisierungsansatz zurückgegriffen, der erstmals 1987 publiziert wurde (Bös 1987, 94). In dieser Systematisierung wird auf der ersten Ebene in energetisch determinierte (konditionelle) und informationsorientierte (sensomotorisch-koordinative) Fähigkeiten unterschieden. Auf der zweiten Ebene dann in die fünf Fähigkeiten Ausdauer, Kraft, Schnelligkeit, Koordination und Beweglichkeit. Auf Basis von Dauer und Intensität der Belastung werden schließlich auf der dritten Ebene zehn motorische Fähigkeiten differenziert. In der Terminologie von Bös und Mechling sind aerobe Ausdauer, Maximalkraft und Koordination bei Präzisionsaufgaben eindimensional und werden auch als Basisfähigkeiten bezeichnet (Bös / Mechling 1983). Differenzierte Überlegungen zur Definition, Dimensionalität und Erklärungswert dieser einzelnen Fähigkeiten und des Gesamtmodells wurden vielfach publiziert (z. B. Bös / Mechling 1983; Bös 1987; Bös et al. 2021). Testbeschreibung und Testauswertung Testbeschreibung Der DMT besteht aus acht Testaufgaben, die alle motorischen Fähigkeiten erfassen. Der Test [ 195 ] [ 195 ] Feldhaus et al. • Der Deutsche Motorik-Test (DMT) 4 | 2025 wurde hinsichtlich der Testgütekriterien überprüft, deutschlandweit normiert und in einem Testmanual publiziert (Bös et al. 2009/ 2016/ 2023). Abbildung 1 zeigt die Einordnung der DMT- Testaufgaben in eine Matrix, die nach Aufgabenstruktur und Fähigkeiten gegliedert ist. Bei der Auswahl wurde versucht, einerseits die Testökonomie zu beachten, andererseits Fähigkeiten und Aufgabenstrukturen möglichst vollständig abzudecken. Die genauen Testbeschreibungen finden sich im Testmanual sowie auf den Homepages des DMT (www.ifss.kit.edu/ dmt; www. deutschermotoriktest.de). Gütekriterien Der DMT ist umfassend auf seine Gütekriterien untersucht. Die methodische Vorgehensweise sowie die Koeffizienten für Objektivität, Reliabilität und Validität sind im Testmanual umfassend dargestellt (Bös et al. 2023, 48 ff ). Zur Ermittlung der kriterienbezogenen Validität wurden eine ganze Reihe von hypothetischen Annahmen überprüft (Bös et al. 2023, 56 ff ). Der DMT zeigt Unterschiede zwischen Vereinsmitgliedern und Nichtmitgliedern, positive Korrelationen mit dem Lehrkrafturteil, bessere Testergebnisse von normalgewichtigen Kindern gegenüber übergewichtigen Kindern und auch sportarttypische Profile (z. B. haben Turner: innen eine bessere Beweglichkeit und Leichtathlet: innen sind bei den Lauftests besser). Zum DMT liegen deutschlandweit repräsentative Normwerte vor. Diese basieren auf der Baseline der MoMo-Studie und wurden in den Jahren 2003-2006 erhoben (Bös et al. 2009). Vorliegende Testwerte können mit den Referenzwerten verglichen werden. Testauswertung Für Lehrkräfte, Übungsleitende und Trainer: innen bietet das KIT für die Auswertung der Daten von Schulklassen oder Vereinsgruppen die Möglichkeit der kostenfreien Nutzung der Plattform mithilfe eines individuellen Zugangscodes (Kontakt: dmt@ifss.kit.edu). Die Auswertung der Testergebnisse auf der Auswertungsplattform bietet unterschiedliche Möglichkeiten der Rückmeldung (Urkunde, Individualauswertung, Gruppenübersicht und -auswertung, Datenexport als Excel). In der Auswertung wird auch ein Gesamtwert angegeben. Ein Gesamtwert ist streng genommen nicht zulässig, da die einzelnen Testaufgaben unterschiedliche motorische Fähigkeiten erfassen. Die Bildung eines Gesamtwertes kann deshalb nur eine erste Orientierung sein. In der Online-Plattform sind die Normwerte und die Algorithmen für die Auswertung hinterlegt. Beispiele für Testanwendungen Nachfolgend werden zwei Anwendungsbeispiele vorgestellt, die seit vielen Jahren fortlaufend durchgeführt werden und eine breite Akzeptanz aufweisen. Fitnessbarometer Baden-Württemberg Seit 2012 wird in Ba-Wü in einer Kooperation von der Kinderturnstiftung Ba-Wü und dem KIT die Fitness von Kindern im Alter von 3-10 Jahren mit dem Kinderturn-Test PLUS getestet. Der Kinderturn-Test PLUS ist »baugleich« mit dem DMT, wobei Kindergartenkinder im Alter von 3-6 Jahren nur vier der acht Testaufgaben absolvieren. Abb. 1: Konzeption des Deutschen Motorik-Tests (Bös 1987) [ 196 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Inzwischen wurden bisher in Ba-Wü Daten von 45.275 Kinder bei Testevents von Lehrkräften, pädagogischen Fachkräften und Übungsleitenden erfasst. Das Fitnessbarometer Ba-Wü wird seit 2018 der Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft präsentiert (www.turnbeutelbande.de / fitnessbarometer). Dabei werden jährlich folgende Fragen beantwortet: ■ Wie viele Kinder werden in Ba-Wü wann und wo getestet? ■ Wie fit sind diese Kinder, verglichen mit der bundesdeutschen Referenzstichprobe? ■ Wie viele Kinder sind von Übergewicht betroffen und welche Auswirkungen hat dies auf die Fitness? ■ Seit 2021: Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Fitness der Kinder aus? Wie entwickeln sich die Corona-Trends? Die aktuellen Ergebnisse des Fitnessbarometers 2025 zeigen, dass der Perzentilwert der Kinder in Ba-Wü mit 55,8 um 5,8 Prozentpunkte über dem bundesdeutschen Durchschnitt aus der MoMo-Stichprobe (2003-2006) liegt. Der aktuelle Perzentilwert für das Jahr 2024, der die Grundlage für das Fitnessbarometer 2025 bildet, liegt bei 55,7. Der Wert aus 2023 lag noch bei 53,5, was bedeutet, dass die »Delle« in der motorischen Leistungsfähigkeit als Folge der Corona-Pandemie bisher noch nicht aufgeholt werden konnte, aber sich eine Annäherung an das Niveau vor der Corona-Pandemie abbildet (Vergleich 2012-2019: P = 57,0). Die Fähigkeiten Koordination (P = 64,5) und Kraft (P = 59,5) erreichen wieder das Niveau vor Corona, jedoch zeigt sich weiterhin ein Rückgang in der Ausdauer im Grundschulalter, der Perzentilwert in 2024 liegt hier bei 40,5 (Vergleich 2012-2019: P = 50,0). Auch Schnelligkeit (2012-2019: P = 49,8 vs. 2024: P = 44,6) und Beweglichkeit (2012-2019: P = 50,6 vs. 2024: P = 46,9) weisen weiterhin niedrigere Perzentilwerte auf. Es bleibt weiterhin spannend, wie sich die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die motorische Leistungsfähigkeit langfristig entwickeln. Um den Rückgang vollkommen aufzuholen, gilt es, zielgruppenspezifische und aktive Maßnahmen und Programme zu gestalten. Die Ergebnisse machen ebenfalls deutlich, dass der Anteil übergewichtiger Kinder weiterhin zunimmt. Die Zahlen des Fitnessbarometers 2025 zeigen, dass von den getesteten Kindern 15 % übergewichtig und 6,5 % adipös sind, womit der Anteil um 2,3 % über den Werten vor der Pandemie liegt. Sportschulen in NRW Im Jahr 2007 hat das Bundesland NRW begonnen, an 18 Standorten Sportschulen einzurichten. Die Zugangsvoraussetzung für die 5. Klasse ist das erfolgreiche Absolvieren des Motorischen Tests 1 NRW (MT1) in Klasse 4. Der MT1 ist »baugleich« mit dem DMT. Für die Aufnahme an eine Sportschule gibt es zwei Kriterien: Erstens müssen die Kinder im MT1 mindestens einen Z-Gesamtwert von 820 erreichen, zweitens entscheidet die Testrangreihe nach den verfügbaren Plätzen über die Aufnahme in die Sportklassen. Mit der Aufnahme beginnt eine vielseitige sportliche Grundausbildung sowie die gezielte Förderung und Unterstützung der sportlichen Karriere. Das Konzept der NRW-Sportschulen wird auf der Homepage der Staatskanzlei (https: / / www.sporttalente. nrw / motorische-tests) beschrieben. Mitsamt des Schuljahrs 2024 / 25 wurden rund 26.400 Kinder mit dem MT1 getestet. In Klasse 7 erfolgt eine erneute Testung (Motorischer Test 2 NRW- - MT2). Der MT2 umfasst die Wiederholung des MT1 zur Betrachtung der motorischen Entwicklung und ergänzt die Testbatterie um vier weitere motorische Testaufgaben, um ein differenzierteres Bild zu erlangen. Hier liegen insgesamt bisher rund 8.400 Testdaten vor. Auf Basis dieser umfangreichen Datengrundlage wird im Folgenden beispielhaft analysiert, wie sich die motorische Leistungsfähigkeit zwischen Klasse 4 und Klasse 7 entwickelt-- unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede. Die vorliegende Stichprobe beinhaltet 63,1 % (N = 2.980) männliche und 36,9 % (N= 1.745) weibliche Personen, die in Klasse 4 im Mittel 9,9 Jahre und in Klasse 7 13,1 Jahre alt sind. Die Entwicklung der Anthropometrie der [ 197 ] [ 197 ] Feldhaus et al. • Der Deutsche Motorik-Test (DMT) 4 | 2025 Schüler: innen zeigt sich in beiden Geschlechtern entsprechend erwartbar. Die Betrachtung der motorischen Leistungsfähigkeit im Verlauf von Klasse 4 zu Klasse 7 erfolgt auf der Grundlage von Z-Werten. Die absoluten Werte (auch die Veränderungen von Größe und Gewicht) ändern sich im Altersgang. Hier interessiert die Frage, ob sich durch die Zusatzförderung in den Sportschulen auch die altersnormierten Werte verändern. Es zeigt sich, dass sich bei weiblichen Personen in allen acht Testaufgaben und bei männlichen Personen in sechs von acht Aufgaben zwischen Klasse 4 und Klasse 7 statistisch signifikante Veränderungen ergeben. Bei den Mädchen zeigt sich nur der durchschnittliche Gesamt-Z-Wert nicht signifikant, bei den Jungen blieben Balancieren rückwärts und Standweitsprung auf dem gleichen relativen Leistungsniveau. Trotz dieser statistischen Unterschiede sind die altersnormierten Veränderungen aus praxisorientierter Sicht jedoch als gering einzustufen. Die Mittelwerte der Z- Werte beider Geschlechter liegen durchgehend im überdurchschnittlichen (Z > 103) bis weit überdurchschnittlichen Bereich (Z > 108) im Vergleich zur deutschen Normstichprobe der Altersklasse, was auf ein insgesamt hohes motorisches Leistungsniveau sowohl in Klasse 4 als auch in Klasse 7 hinweist (Tab. 1 und Tab. 2). Weitere Veränderungen auf diesem hohen Niveau sind dementsprechend schwer zu erzielen. Diese Ergebnisse zeigen, dass die motorische Leistungsfähigkeit in den untersuchten Gruppen über den Zeitraum von drei Schuljahren- - relativ nach Altersnormen betrachtet- - hinweg insgesamt stabil geblieben ist. Es zeigen sich keine Leistungsabfälle oder -zuwächse im Gesamtbild, sondern eher geringere Veränderungen in den einzelnen Fähigkeiten. Als weiteres Ergebnis lässt sich zwischen der motorischen Leistungsfähigkeit in Klasse 4 und 7 ein starker positiver korrelativer Zusammenhang (Durchschnitt Gesamt-Z: 0.67 < r > 0.75; p <.001) feststellen. Dies deutet erneut auf eine relative Stabilität motorischer Fähigkeiten über den Zeitraum von drei Schuljahren in beiden Geschlechtern hin. Die motorische Entwicklung verläuft damit weitgehend konstant auf einem hohen Niveau. In einer weiteren Untersuchung der Stichprobe wurde betrachtet, ob und in welchen Testaufgaben sich die Kinder (Klasse 7 in NRW- Sportschulen; Alter im Mittel: 13 Jahre) aus verschiedenen Sportarten unterscheiden. Dazu wurden 159 Handballerinnen, 220 Leichtathletinnen und 123 Schwimmerinnen sowie 235 Handballer, 128 Leichtathleten und 85 Schwimmer, unabhängig ob Breiten- oder Leistungssportniveau, vergleichend in den Testaufgaben untersucht. Dabei gaben 94 % der Kinder an, in einem Sportverein zu sein. Die anthropometrischen Werte zwischen den drei Sportarten unterschieden sich nur geringfügig. Im motorischen Gesamtwert zeigen sich geringe, aber signifikante Mittelwertsunterschiede zwischen den Sportarten. Die Handballerinnen erreichen einen durchschnittlichen Z-Wert von 111,6, die Leichtathletinnen den höchsten Wert der drei Sportarten von 113,6 und die Schwimmerinnen von 110,5. Das gleiche Bild zeigt sich bei den männlichen Personen mit 110,9 bei den Handballern, mit 112,1 den Leichtathleten und 110,9 bei den Schwimmern. Alle Mittelwerte liegen im weit überdurchschnittlichen Bereich (Z > 108) im Vergleich zur deutschem Normstichprobe der Altersklasse. Im Mittel betragen die Prozentunterschiede zwischen den einzelnen Sportarten rund 2 %, was aus praxisorientierter Sicht als kaum bedeutsam einzuschätzen ist (s. a. exemplarisch Tab. 3). Die differenzielle Betrachtung zeigt statistisch signifikante Gruppenunterschiede in sieben von acht Testaufgaben des DMT bei den Mädchen. Die deutlichsten Mittelwertsunterschiede liegen hierbei in der Testaufgabe Standweitsprung, in welcher die Leichtathletinnen deutlich herausragen (117,14 vs. 112,04 (Handball) und 109,51 (Schwimmen)) sowie im 20 m- Sprint. Hier schneiden die Leichtathletinnen im Mittel erneut mit 109,6 Z-Punkten, vor allem gegenüber den Schwimmerinnen mit 102,1 Z-Punkten, besser ab. Bei den Jungen zeigen sich signifikante Gruppenunterschiede in vier von acht Testaufgaben. Die deutlichsten Mittelwertunterschiede liegen auch hier in den Testaufgaben 20 m-Sprint, [ 198 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Tab. 1: Entwicklung Motorische Leistungsfähigkeit von Klasse 4 zu 7 (Z-Wert)-- weiblich Motorische Leistung in Klasse 4 Motorische Leistung in Klasse 7 t-Test Differenz Z Testitem N MW SD N MW SD t p 20 m-Sprint 1740 108,08 7,87 1740 104,74 7,87 19,59 >,001 -3,34 Balancieren rückwärts 1740 110,43 7,33 1740 109,33 6,84 5,79 >,001 -1,1 Seitliches Hin- und Herspringen 1740 118,67 10,13 1740 120,99 8,99 -9,89 >,001 2,32 Sit-Ups 1740 107,42 8,94 1740 110,12 9,19 -12,24 >,001 2,7 Standweitsprung 1740 108,39 9,05 1740 110,3 9,54 -11,14 >,001 1,91 Liegestütz 1740 110,91 11,9 1740 107,34 12,99 10,05 >,001 -3,57 Rumpfbeuge 1740 106,49 9,5 1740 109,27 10,13 -16,05 >,001 2,78 6-Min-Lauf 1740 113,57 8,91 1740 110,32 9,06 17,64 >,001 -3,25 Durchschnitt Gesamt-Z 1740 110,5 5,92 1740 110,31 6,12 1,76 0,079 -0,19 Tab. 2: Entwicklung Motorische Leistungsfähigkeit von Klasse 4 zu 7 (Z-Wert)-- männlich Motorische Leistung in Klasse 4 Motorische Leistung in Klasse 7 t-Test Differenz Z Testitem N MW SD N MW SD t p 20 m-Sprint 2976 109,45 7,15 2976 108,06 7,55 10,55 >,001 -1,39 Balancieren rückwärts 2976 110,21 8,07 2976 110,13 7,5 0,47 0,638 -0,08 Seitliches Hin- und Herspringen 2976 117,82 9,77 2976 120,49 8,78 -15,18 >,001 2,67 Sit-Ups 2976 107,66 8,57 2976 108,65 9,52 -5,42 >,001 0,99 Standweitsprung 2976 106,78 8,24 2976 107,02 10,16 -1,62 0,106 0,24 Liegestütz 2976 110,97 11,44 2976 110,09 12,34 3,38 >,001 -0,88 Rumpfbeuge 2976 105,83 8,58 2976 103,24 9,71 18,53 >,001 -2,59 6-Min-Lauf 2976 111,96 8,23 2976 106,35 9,06 37,27 >,001 -5,61 Durchschnitt Gesamt-Z 2976 110,09 5,38 2976 109,25 5,85 10,0 >,001 -0,84 [ 199 ] [ 199 ] Feldhaus et al. • Der Deutsche Motorik-Test (DMT) 4 | 2025 in welcher die Leichtathleten gegenüber den Schwimmern deutlich besser abschneiden (112,07 vs. 106,94). Auch in der Testaufgabe Standweitsprung zeigen die Leichtathleten mit 114,78 (vs. 110,32 Handball und 110,6 Schwimmen) bessere Leistungen. Insgesamt machen die Ergebnisse die überdurchschnittliche motorische Leistungsfähigkeit der teilnehmenden Kinder aller drei untersuchten Sportarten deutlich, wobei sich insbesondere die Leichtathletik durch überwiegend bessere Leistungen in kraft- und schnelligkeitsbetonten Testaufgaben herausstellt. Im Rahmen weiterer Forschungsarbeiten befasst sich eine gemeinsame Arbeitsgruppe des KIT, der Universität Trier und des Leibniz-Instituts für Bildungsverläufe Bamberg mit der Frage der Talentprognose. Es interessiert u. a. die Forschungsfrage, inwieweit die Auswahl und Förderung in den NRW-Sportschulen ein Erfolgskriterium für späteren sportlichen Erfolg ist. Erste Recherchen und bisher unveröffentlichte Arbeiten (vgl. Feldhaus 2023; Präregistrierung, Feldhaus et al. 2025) legen nahe, dass rund 16 % der Sportschüler: innen in späteren Leistungskadern und / oder nationalen und internationalen Wettkämpfen im Jugendund/ oder Seniorenbereich (nur Seniorenbereich: rund 6 %) wiederauftauchen. Fazit und Perspektive Der DMT wurde im Auftrag der Sportministerkonferenz durch eine Ad-hoc-Kommission der dvs entwickelt, wissenschaftlich überprüft, bundesweit normiert und hat sich in zwölf Ländern bei über 350.000 Testanwendungen bewährt. In den letzten Jahren entwickelt sich zunehmend ein Netzwerk von Forschenden, das bereit ist, die eigenen Testdaten im Repositorium MO|RE data (https: / / www.motor-research-data. de/ ) zur Nachnutzung zu veröffentlichen. Diesen Open Data-Ansatz gilt es zukünftig, sowohl national als auch international, weiter auszubauen. Dies bietet erhebliches Potenzial für Kooperationen und neue Forschungsansätze. So können beispielsweise Daten aus unterschiedlichen Tab. 3: Vergleich der Testergebnisse (Z-Werte) in drei Sportarten-- weiblich - Handball Leichtathletik Schwimmen Testitem MW SD MW SD MW SD F p 20 m-Sprint 107,2 6,95 109,56 5,93 102,09 7,12 51,21 <,001 Balancieren rückwärts 110,65 5,89 110,55 6,36 108,97 5,56 3,4 0,034 Seitliches Hin- und Herspringen 123,69 6,97 123,82 6,83 120,25 8,33 10,87 <,001 Sit-Ups 112,83 7,31 112,92 8,46 112,27 9,67 1,7 0,183 Standweitsprung 112,04 6,83 117,14 6,87 109,51 8,55 48,7 <,001 Liegestütz 105,2 11,3 110,15 11,69 108,98 13,44 8,07 <,001 Rumpfbeuge 107,42 8,74 109,61 8,93 110,37 9,18 4,4 0,013 6-Min-Lauf 114,09 6,21 115,0 7,33 112,38 8,44 5,1 0,006 Durchschnitt Gesamt-Z 111,64 4,37 113,59 4,35 110,48 5,51 19,36 <,001 [ 200 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Quellen zu einem großen Datensatz zusammengeführt werden und vergleichende Fragestellungen beantwortet werden. Dazu braucht es zusätzlich aber einen einheitlichen Standard bei der Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. Ein regelmäßiges, langfristiges und bundesweites Monitoring könnte dazu beitragen, Fragestellungen zur Veränderung der motorischen Leistungsfähigkeit mit Blick auf Gesundheit, Talent oder Förderbedarf zu beantworten. Mit Blick auf das inklusive Potenzial des Sports beschäftigt sich eine Arbeitsgruppe aus Berlin, NRW und Ba-Wü aktuell mit der Erweiterung des DMT auf Kinder und Jugendliche mit Behinderungen (s. Beitrag in diesem Heft). Der DMT dient als praktische Testbatterie für die Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit. Trotzdem sollte Testung kein reiner Selbstzweck sein, sondern dem Sinne einer verbesserten Grundlagenforschung und evidenzbasierten Praxis dienen. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Bös, K. (1987): Handbuch sportmotorischer Tests. Hogrefe, Göttingen Bös, K., Mechling, H. (1983): Dimensionen sportmotorischer Leistung. Hofmann, Schorndorf Bös, K., Schneider, W. (1997): Vom Tennistalent zum Spitzenspieler. Czwalina Edition. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Schlenker, L., Albrecht, C., Büsch, D., Lämmle, L., Müller, H., Oberger, J., Seidel, I., Tittlbach, S. (2016): Deutscher Motorik-Test 6-18. Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Czwalina Edition, Bd. 186, 2. Aufl. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Schlenker, L., Büsch, D., Eberhardt, T., Müller, H., Niessner, C., Tittlbach, S., Woll, A. (2023): Deutscher Motorik-Test 6-18 (DMT 6-18). 3. Aufl. Czwalina Edition. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Schlenker, L., Eberhardt, T., Abdelkarim, O., Mechling, H. (2021): International Physical Performance Test Profile 6-18 (revised). IPPTP-R (6-18). Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. Czwalina Edition, Bd. 293. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Worth, A., Opper, E., Oberger, J., Woll, A. (Hrsg.) (2009): Motorik-Modul: Eine Studie zur motorischen Leistungsfähigkeit und körperlich-sportlichen Aktivität von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Abschlussbericht zum Forschungsprojekt. Nomos Verlag, Baden-Baden Feldhaus, C. (2023): Talentprognose durch motorische und sportpsychologische Testverfahren an NRW- Sportschulen- - Eine sportartenübergreifende und repräsentative Analyse. Unveröffentlichte Masterarbeit, Karlsruher Institut für Technologie, Institut für Sport und Sportwissenschaft Feldhaus, C., Feuchter, M. D., Breit, M. (2025): Predicting Extraordinary Athletic Achievement by Manifold Data Collected in Early Adolescence, https: / / doi.org/ 10.17605/ OSF.IO/ XMZKW Herrmann, C., Gerlach, E., Seelig, H. (2015): Motorische Basiskompetenzen in der Grundschule. Sportwissenschaft 46 (2), 60-73 Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Die Autor: innen Chiara Feldhaus Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Sport und Sportwissenschaft (KIT) Prof. Dr. Klaus Bös Distinguished Senior Fellow, Institut für Sport und Sportwissenschaft (KIT) Tanja Eberhardt (ehemalige) wissenschaftliche Mitarbeiterin, Institut für Sport und Sportwissenschaft (KIT) Anschrift Chiara Feldhaus Engler-Bunte-Ring 15 76131 Karlsruhe chiara.feldhaus@kit.edu
