eJournals Motorik48/4

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art34d
7_048_2025_4/7_048_2025_4.pdf101
2025
484

Fachbeitrag: GRAFOS-2 in Praxis und Forschung

101
2025
Joséphine Schwery Klingele
Judith Sägesser Wyss
Thierry Schluchter
Michael Eckhart
Grafomotorische Fertigkeiten sind für den erfolgreichen Start in die Schule von zentraler Bedeutung. Lern- und Entwicklungsverläufe wurden in Bezug auf die grafomotorische Entwicklung erst selten untersucht, obwohl deren bessere Kenntnis die Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten unterstützen könnte. Im vorliegenden Artikel wird anhand von latenten Wachstumskurvenmodellen gezeigt, dass sich das Instrument GRAFOS-2 Screening auch für verlaufsdiagnostische Analysen eignet. Hierzu werden längsschnittliche Befunde zur grafomotorischen Leistung von Kindern der ersten und zweiten Klasse sowie zu Einflussfaktoren, welche die grafomotorische Leistung beeinflussen, berichtet.
7_048_2025_4_0008
Zusammenfassung / Abstract Grafomotorische Fertigkeiten sind für den erfolgreichen Start in die Schule von zentraler Bedeutung. Lern- und Entwicklungsverläufe wurden in Bezug auf die grafomotorische Entwicklung erst selten untersucht, obwohl deren bessere Kenntnis die Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten unterstützen könnte. Im vorliegenden Artikel wird anhand von latenten Wachstumskurvenmodellen gezeigt, dass sich das Instrument GRAFOS-2 Screening auch für verlaufsdiagnostische Analysen eignet. Hierzu werden längsschnittliche Befunde zur grafomotorischen Leistung von Kindern der ersten und zweiten Klasse sowie zu Einflussfaktoren, welche die grafomotorische Leistung beeinflussen, berichtet. Schlüsselbegriffe: GRAFOS-2, Grafomotorische Leistung, Grafomotorische Entwicklung Lernverlaufsdiagnostik, Messinvarianzanalyse, Latente Wachstumskurvenmodelle GRAFOS-2 in practice and research Insights into the instrument and analyses of its use in longitudinal studies Graphomotor skills are crucial for a successful start in school. Learning and developmental trajectories have rarely been studied in relation to graphomotor development, although better knowledge of these could support the promotion of children with difficulties. In the present article, it is shown using latent growth curve models that the diagnostic instrument GRAFOS-2 Screening is also suitable for longitudinal studies. Additionally, longitudinal findings on the graphomotor performance of children in the first and second grades and on factors influencing graphomotor performance are reported. Keywords: GRAFOS-2, graphomotor performance, graphomotor development, learning process diagnostics, measurement invariance analysis, latent growth curve model [ 201 ] [ FACHBEITRAG ] motorik, 48. Jg., 201-209, DOI 10.2378 / mot2025.art34d © Ernst Reinhardt Verlag 4 | 2025 GRAFOS-2 in Praxis und Forschung Einblicke und längsschnittliche Untersuchungen in inklusiven Settings Joséphine Schwery Klingele, Judith Sägesser Wyss, Thierry Schluchter, Michael Eckhart Grafomotorische Fertigkeiten, insbesondere die Feinmotorik und die visuomotorische Integration, sind für einen erfolgreichen Schulstart von zentraler Bedeutung und sagen die Handschriftentwicklung voraus (z. B. Duiser et al. 2014; Van Hartingsveldt et al. 2015; Weintraub / Graham 2000). Während unter Feinmotorik »die Fähigkeit zur kleinräumigen, gezielten und besonders abgestimmten Bewegung« verstanden wird (Sägesser Wyss et al. 2024a, 27), bezieht sich »Visuomotorische Integration« auf die Wiedergabe grafischer Elemente (Formen, Buchstaben und Zahlen) durch gezielte Bewegungen von Hand und Arm auf der Basis einer mentalen Repräsentation (ebd. 35). Diese beiden bedeutsamen Prädiktoren der Handschrift beeinflussen nicht nur die grafomotorische Entwicklung, sondern auch den Erwerb umfassenderer, sprachlicher und mathematischer Fähigkeiten (Maurer et al. 2023; McClelland / Cameron 2019; Suggate et al. 2019). Für eine erfolgreiche Bewältigung grafomotorischer und handschriftlicher Anforderungen, ist das Ineinandergreifen unterschiedlicher Entwicklungsbereiche (z. B. Motorik, Wahrnehmung, Kommunikationsfähigkeit) von großer Bedeutung (Vetter et al. 2021). Zudem haben der berufliche Status der Eltern (Sägesser Wyss / Eckhart 2020), das Geschlecht, das Arbeitsgedächtnis und die Motivation zu Schreiben nachweislich einen Einfluss auf die Entwicklung grafomotorischer Fertigkeiten (Maurer et al. 2023, Maurer 2023). Um eine Benachteiligung von Kindern mit grafomotorischen Schwierigkeiten in der Grundschule möglichst zu verhindern, ist eine frühzeitige Erfassung wichtig (Sägesser Wyss et al. 2024a). Im Rahmen der heilbzw. sonderpädagogischen Diagnostik wird der Mehrwert einer Verlaufsdiagnostik für die Förderung [ 202 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis von Kindern hervorgehoben, da die Entwicklung eines Kindes das mehrmalige Messen eines Merkmals erfordert, was eine einmalige querschnittliche Diagnostik nicht leisten kann (Blumenthal 2022). Längsschnittliche Analysen individueller Entwicklungen geben Hinweise auf Förderbedarfe und auf die Wirksamkeit allfälliger Fördermaßnahmen (ebd.). Trotz der Bedeutung von verlaufsdiagnostischen Analysen sind nur wenige Instrumente bekannt, die sich dafür auch eignen. Das diagnostische Verfahren GRAFOS-2 Grafomotorische Leistungen können in der Grundschule anhand des diagnostischen Verfahrens GRAFOS-2 (Screening und Differentialdiagnostik der Grafomotorik im schulischen Kontext) zuverlässig gemessen werden. Es handelt sich um ein dreiteiliges Instrument für die Erfassung der grafomotorischen Leistungen bei Kindern zwischen vier und neun Jahren, welches sowohl die Analyse des grafischen Resultats auf dem Papier als auch die Beobachtung des Schreibprozesses beinhaltet (Sägesser Wyss et al. 2024b). Die Erfassung ist in eine kindgerechte Rahmengeschichte eingebettet und umfasst drei Teile: Erstens ein Screening zur Identifikation von Kindern mit grafomotorischen Schwierigkeiten im schulischen Kontext (quantitative Erhebung). Zweitens ein Beobachtungsbogen zur qualitativen Analyse des Schreibprozesses im Schulalltag. Drittens eine Differentialdiagnostik, die eine detaillierte Untersuchung der verschiedenen Entwicklungsbereiche der Grafomotorik als Grundlage einer angepassten Förderung von Kindern mit Schwierigkeiten ermöglicht. Durch die weitgehend sprachunabhängige Herangehensweise bietet GRAFOS-2 eine differenzierte Analyse grafomotorischer Vorläuferfertigkeiten und für den Handschrifterwerb zentraler Entwicklungsbereiche. Zudem unterstützt das Verfahren die multiprofessionelle Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte (Sägesser Wyss et al. 2024b). Struktur und Ziel des Screenings Die Screeningbögen sind entsprechend der Entwicklung des Zeichnens geometrischer Formen aufgebaut. In Screeningbogen 1 werden grundlegende Schriftbestandteile wie Kreis, Dreieck oder Viereck gezeichnet (Abb. 1). Schüler: innen der ersten und zweiten Klasse arbeiten zusätzlich mit Screeningbogen 2 (Abb. 2), in dem sie komplexere Formen wie einen Rhombus oder eine liegende Acht nachzeichnen. Die bewusst klein gehaltenen Zeichenaufgaben ermöglichen eine gezielte Erfassung der Feinmotorik und der visuomotorischen Integration. Das Screening wird standardisiert durchgeführt, ausgewertet und interpretiert, sodass die grafomotorischen Leistungen der Kinder mit Normwerten verglichen und in ihren individuellen Entwicklungsverlauf eingeordnet werden Abb. 2: GRAFOS-2, Ausschnitt aus Screeningbogen 2 Abb. 1: GRAFOS-2, Ausschnitt aus Screeningbogen 1 [ 203 ] [ 203 ] Schwery Klingele et al. • GRAFOS-2 in Praxis und Forschung 4 | 2025 können (Sägesser Wyss et al. 2024b). Aufgrund der Normierung an einer großen Stichprobe (Schule: n = 1786, Kindergarten: n = 601) und der Validität, Reliabilität und Objektivität kann das Screening für den Unterricht und für die Forschung wichtige Informationen in Bezug auf die altersbezogene grafomotorische Leistung bzw. den fachspezifischen Förderbedarf von Kindern der Grundstufe generieren. Die Weiterentwicklung des GRAFOS-2 (Sägesser Wyss et al. 2024b) hatte unter anderem zum Ziel, das Instrument für die Lernverlaufsdiagnostik in Schule und Therapie und die längsschnittliche Untersuchung der Leistungsentwicklung in der Forschung zu optimieren (Maurer et al. 2023). Beobachtungsbogen und Differentialdiagnostik Beobachtungsbogen und Differentialdiagnostik des GRAFOS-2 stehen in dieser Studie nicht im Fokus. Sie ermöglichen das gezielte Beobachten des Schreib- und Zeichenprozesses bzw. eine differenziertere Erfassung der grafomotorischen Entwicklung eines Kindes mit Schwierigkeiten (Sägesser Wyss et al. 2024b). Verknüpfung mit dem Unterricht Die Erkenntnisse aus GRAFOS-2 lassen sich mit dem Lehrmittel Grafomotorik und Inklusion (GRAFINK) (Sägesser Wyss et al. 2021) im Unterricht umsetzen. Die entwickelten Unterrichtskonzepte basieren auf empirischen Erkenntnissen zur Gestaltung eines effektiven Handschriftunterrichts (z. B. Santangelo / Graham 2016). Sie zeigen auf, wie Aufgaben an die individuellen Voraussetzungen der Kinder angepasst werden können, sodass alle Schüler: innen Fortschritte machen und Selbstwirksamkeit erleben (Sägesser Wyss et al. 2021). Die Unterrichtsmaterialien orientieren sich an den Grundformen der Schrift und können individuell an einzelne Kinder angepasst werden. Zudem besteht die Möglichkeit, die Unterrichtskonzepte in Zusammenarbeit zwischen Lehrkräften und Fachkräften für Psychomotorik weiterzuentwickeln. Fragestellungen Mit dem GRAFOS-2 steht ein valides, reliables und objektives Instrument zur Erfassung der grafomotorischen Leistung zur Verfügung, welches in Unterricht und Forschung eingesetzt wird. Da es einerseits für die Schule ein zentrales Ziel ist, das Instrument für die Lernverlaufsdiagnostik einzusetzen, andererseits die Entwicklung grafomotorischer Leistungen im Längsschnitt noch kaum erforscht wurde, stellen sich die folgenden zwei Fragestellungen: 1. Inwiefern kann das GRAFOS-2 Screening als diagnostisches Instrument für längsschnittliche Analysen und damit verbunden auch in der Lernverlaufsdiagnostik eingesetzt werden? 2. Welche Ausgangswerte und Entwicklungsverläufe lassen sich bei Kindern hinsichtlich der grafomotorischen Leistung beobachten und welche Faktoren beeinflussen diese? Methode Stichprobe Die im vorliegenden Artikel analysierten Daten entstammen dem Schweizer Nationalfondsprojekt »grafset« (März 2020-Februar 2024, Nr. 100019_189187), dessen Ziel die Untersuchung der Wirksamkeit unterschiedlicher grafomotorischer Fördersettings war. Im Rahmen der vorliegenden Studie wird eine Teilstichprobe berücksichtigt, die eine inklusiv ausgerichtete grafomotorische Förderintervention erhalten hat. Die Förderung wurde von der Psychomotoriktherapeut: in und der Lehrkraft ko-konstruktiv gestaltet (Fussangel / Gräsel 2012). Die Studie ist als Längsschnittuntersuchung mit drei Messzeitpunkten angelegt und umfasst Kinder aus städtischen und ländlichen Regionen der deutschsprachigen Schweiz. Die analysierte Stichprobe umfasst insgesamt 684 Kinder (Mädchen: 338, Jungen: 346). Der Prä- Test erfolgte zu Beginn der ersten Klasse (Durchschnittsalter 7 Jahre, SD = 0.39), der Post-Test sechs Monate später und der Follow-up-Test zu Beginn der zweiten Klasse. Zur Einschätzung des sozioökonomischen Hintergrunds [ 204 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis der Kinder wurde der Beruf der Eltern anhand des internationalen sozioökonomischen Index des beruflichen Status (ISEI) bewertet (Ganzeboom et al. 1992). Das mittlere Berufsprestige der weiblichen Erziehungsperson der Kinder betrug 33.38 (SD = 60.98), das der männlichen Erziehungsperson 34.22 (SD = 61.07). Messinstrumente Grafomotorische Leistung: Zur Erfassung der grafomotorischen Leistung wurde das GRA- FOS-2 Screening eingesetzt (Sägesser Wyss et al. 2024b). Im GRAFOS-2 Screening werden acht Grundformen der Schrift (senkrechte Linie, waagerechte Linie, Kreis, Bogen nach unten, Bogen nach oben, Kreuz, Quadrat, Dreieck) sowie vier komplexere Formen (Raute, Doppelschleife, waagerechte Acht, Tropfen) von den Kindern reproduziert. Die korrekte Wiedergabe dieser Formen setzt sowohl eine gut entwickelte visuomotorische Integration als auch feinmotorische Präzision voraus. Die Kinder wurden dazu aufgefordert, jede der insgesamt zwölf Formen sechs Mal möglichst genau innerhalb vorgegebener 1 cm² großer Felder nachzuzeichnen. Die Bewertung erfolgte nach standardisierten Kriterien, wobei jede Form entweder mit 1 Punkt für eine exakte Wiedergabe oder mit 0 Punkten für eine ungenaue Wiedergabe bewertet wurde. Die Übereinstimmung zwischen den beurteilenden Personen wurde anhand von Fleiss’ κ berechnet und erreichte einen Wert von .65, was gemäß Landis und Koch (1977) als gute Übereinstimmung gilt. Zudem zeigte das Screening eine hohe interne Konsistenz, gemessen mit Cronbachs Alpha (α = .80 für die grundlegenden Formen und α = .78 für die komplexeren Formen). Analysen Zur Beantwortung der Fragestellungen wurde ein Wachstumskurvenmodell (latent growth curve model, LGCM) berechnet. Beim LGCM wird für jedes Individuum eine Wachstumskurve über alle Messzeitpunkte hinweg geschätzt. Der latente Abschnittsfaktor repräsentiert den Ausgangswert einer Person in einem bestimmten Merkmal (Intercept), während der latente Steigungsfaktor die Veränderung des Merkmals im Zeitverlauf Grafomotorische Leistung T1 Grafomotorische Leistung T2 Grafomotorische Leistung T3 GRAFOS-2 (Grundformen) GRAFOS-2 (komplexe Formen) GRAFOS-2 (Grundformen) GRAFOS-2 (komplexe Formen) GRAFOS-2 (Grundformen) GRAFOS-2 (komplexe Formen) Ausgangswert Steigung 1 1 1 0 1 2 Alter Geschlecht Sozioökonomischer Status der Mutter Sozioökonomischer Status des Vaters Abb. 3: Ausgangspunkte und Entwicklungsverläufe der grafomotorischen Leistung [ 205 ] [ 205 ] Schwery Klingele et al. • GRAFOS-2 in Praxis und Forschung 4 | 2025 abbildet (Slope) (Kleinke et al. 2017). Die grafomotorische Leistung wurde, wie in Abbildung 2 dargestellt, zu jedem Messzeitpunkt latent über zwei Indikatoren (Grundformen und komplexe Formen) modelliert. Zusätzlich wurden Einflussfaktoren im Zusammenhang mit der grafomotorischen Leistung in das LGCM integriert. Hierzu zählen das Alter, das Geschlecht und der sozioökonomische Status der erziehungsberechtigten Personen (Sägesser Wyss / Eckhart 2020; Maurer 2023). Die Schätzung sämtlicher Modellparameter erfolgte mithilfe der Software Mplus (Version 8.11) unter Verwendung des robusten Maximum-Likelihood-Schätzverfahren (MLR). Zudem wurde die hierarchische Struktur der Daten- - Kinder, die verschiedenen Klassen angehören- - berücksichtigt (Option »type = complex« in Mplus). Kinder mit fehlenden Werten hinsichtlich der grafomotorischen Leistung, die entstanden, wenn Kinder zum Beispiel aufgrund von Krankheit am Tag der Testung nicht anwesend waren, wurden ausgeschlossen. Die Analysen basieren auf den Daten der Kinder, die an allen drei Messzeitpunkten an der Studie teilnahmen (n = 535; 258 Mädchen, 227 Jungen). Zur Beurteilung des Modellfits wurden in Anlehnung an Kline (2016) die folgenden Modellfitwerte und Grenzwerte berücksichtigt: χ2-Wert mit den dazugehörigen Freiheitsgraden (df) und dem p- Wert (p), der Root Mean Square Error of Approximation (RMSEA, Grenzwert: RMSEA ≤.08), der Comperative Fit Index (CFI, Grenzwert: CFI ≥.90) und der Standardized Root Mean Square Residual (SRMR, Grenzwert: SRMR ≤.10). Vor der Durchführung der Analysen wurden die Daten mit Hilfe der Software SPSS (Version 29.0.1.0) auf Ausreißer: innen untersucht. Dabei konnten 13 Kinder der Untersuchungsstichprobe als multivariate Ausreißer: innen identifiziert werden, die daraufhin aus den Analysen ausgeschlossen wurden. Analysen zur Beantwortung der ersten Fragestellung Um die erste Fragestellung zu beantworten, ob das GRAFOS-2 Screening als diagnostisches Instrument für längsschnittliche Analysen und Lernverlaufsdiagnostik eingesetzt werden kann, wurde geprüft, ob Messinvarianz über die Zeit vorliegt und das GRAFOS-2 Screening die grafomotorische Leistung über die Zeitpunkte hinweg konsistent misst. Hierfür wurde der Step-Up-Ansatz nach Brown (2015) angewendet. Dabei wurden die Modellfitwerte unterschiedlich stark restringierter Modellvarianten (konfigurale, metrische, skalare Messinvarianz) verglichen, wobei deren Differenz höchstens .01 betragen darf, damit die restriktivere Modellvariante angenommen werden kann (Cheung / Rensvold 2002). Zudem wurden die Modellvarianten mittels Satorra- Bentler χ2-Differenztests miteinander verglichen. Hierbei entsprechen p-Werte <.05 einer signifikanten Verschlechterung der Modellfitwerte und einem Nichterreichen der restriktiveren Modellvariante. P-Werte >.05 zeigen hingegen auf, dass keine signifikante Verschlechterung der Modellfitwerte vorliegt und die restriktivere Modellvariante angenommen werden kann (Weiber / Mühlhaus 2014). Um die Ergebnisse des LCGM interpretieren zu können, ist das Vorliegen von skalarer resp. partieller skalarer Messinvarianz nötig (Kleinke et al. 2017). Analysen zur Beantwortung der zweiten Fragestellung Um die zweite Fragestellung zu beantworten, wurden die standardisierten Ergebnisse des LCGM analysiert, um die Ausgangspunkte und Entwicklungsverläufe sowie die Einflussfaktoren zu identifizieren. Die Varianz des Ausgangswerts (σ²α) zeigt, ob es statistisch signifikante Unterschiede zwischen den Kindern hinsichtlich ihres Ausgangswerts gibt. Die Varianz der Steigung (σ²β) gibt Aufschluss darüber, ob sich die Kinder in ihrer Leistungsentwicklung unterscheiden. Der Mittelwert der Steigung (μβ) zeigt, ob eine bedeutsame Veränderung bezüglich der grafomotorischen Leistung vorliegt. Weiter kann anhand der Korrelation (ρ) zwischen Ausgangswert und Steigung bestimmt werden, ob zwischen diese beiden Werten ein Zusammenhang besteht. Schließlich geben die Regressionskoeffizienten (β) an, inwiefern die einbezogenen Variablen den Ausgangspunkt bzw. die Steigung beeinflussen. [ 206 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Ergebnisse Ergebnisse zur ersten Fragestellung Prüfung auf Messinvarianz: Die dargestellten Analysen zur Messinvarianz (Tab. 1) zeigen, dass die erste Modellvariante gute Modellfitwerte aufweist, womit konfigurale Messinvarianz angenommen werden kann. Der Vergleich zwischen den Modellvarianten konfigurale und metrische Messinvarianz, die ebenfalls zufriedenstellende Modellfitwerte aufweist, zeigt keine signifikante Verschlechterung der Modellfitwerte, sodass auch metrische Messinvarianz als gegeben angesehen werden kann. Der Vergleich der Modellvarianten metrische und skalare Messinvarianz zeigt jedoch eine signifikante Verschlechterung der Modellfitwerte sowie einen signifikanten χ2- Differenztest. Zudem liegen die Modellfitwerte der Modellvariante skalare Messinvarianz nicht innerhalb der Grenzwerte. Aus diesem Grund wurde eine Modellvariante mit partieller skalarer Messinvarianz berechnet, wobei die Modellmodifikationsindizes berücksichtigt und der Intercept der Indikatorvariable GRAFOS-2 komplexe Formen zum zweiten Messzeitpunkt frei geschätzt wurde. Diese Modellvariante verfügt über gute Modellfitwerte und es zeigt sich keine signifikante Verschlechterung im Vergleich mit der Modellvariante metrische Messinvarianz. Somit kann partielle skalare Messinvarianz angenommen werden und das GRAFOS-2 Screening für längsschnittliche Analysen, zum Beispiel für LGCM, verwendet werden. Ergebnisse zur zweiten Fragestellung Ausgangswert der grafomotorischen Leistung: Die Ergebnisse zeigen, dass sich die Kinder hinsichtlich der grafomotorischen Leistung zum Ausgangspunkt (T1) statistisch signifikant voneinander unterscheiden (σ²α = .835, p < .001). Werden diese Unterschiede anhand der einbezogenen Einflussfaktoren analysiert, so zeigt sich, dass ältere Kinder statistisch signifikant höhere grafomotorische Leistungen aufweisen als jüngere Kinder (β = .191, p < .001). Weiter zeigen Mädchen eine statistisch signifikant höhere grafomotorische Leistung als Jungen (β = -.324, p < .001) (vgl. Abb. 4, Diagramm A). Zudem wurde ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen dem sozioökonomischen Status der Mutter und dem Ausgangspunkt der grafomotorischen Leistung festgestellt (β = -.190, p = .008). Der sozioökonomische Status des Vaters hingegen zeigt keine signifikante Auswirkung auf den Ausgangspunkt der grafomotorischen Leistung (β = -.006, p = .925). Entwicklung der grafomotorischen Leistung: Die Analysen zur Entwicklung der grafomotorischen Leistung verdeutlichen eine signifikante Verbesserung der grafomotorischen Leistung im Zeitverlauf (μβ = 2.743, p = .007). Dabei zeigen Kinder, die zu T1 höhere Ausgangspunkte aufweisen, einen geringeren Leistungszuwachs im Vergleich zu Kindern, die niedrigere Ausgangspunkte zu T1 aufweisen (ρ = -.576, p < .001). Zur Veranschaulichung sind die Entwicklungsverläufe des obersten und untersten Quartils dar- Tab. 1: Ergebnisse zur Messinvarianzprüfung χ2 df RMSEA 90 % KI RMSEA CFI SRMR Δ χ2 Δ df Δ p Konfigurale Messinvarianz 50.103 17 .055 [.036,.075] .951 .040 Metrische Messinvarianz 56.862 19 .054 [.035,.073] .948 .043 6.759 2 .136 Skalare Messinvarianz 164.365 21 .096 [.080,.112] .838 .070 101.578 2 <.001 Partielle skalare Messinvarianz 57.986 20 .051 [.033,.070] .950 .041 1 .393 [ 207 ] [ 207 ] Schwery Klingele et al. • GRAFOS-2 in Praxis und Forschung 4 | 2025 gestellt (Abb. 4, Diagramm B). Darüber hinaus bestehen signifikante Unterschiede in den Entwicklungsverläufen der Kinder (σ²β = .980, p <.001). Interessant ist die Entwicklung der grafomotorischen Leistung von Kindern mit ausgewiesenem grafomotorischen Förderbedarf (Abb. 4, Diagramm C). Die Ergebnisse zeigen, dass diese Kinder ihre grafomotorische Leistung innerhalb des ersten Schuljahres markant verbessern und einen großen Teil des Rückstands aufholen können. Die einbezogenen Einflussfaktoren (Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status) spielen keine bedeutsame Rolle für die grafomotorische Leistungsentwicklung (Alter: β = -.091, p = .128; Geschlecht: β = .031, p =.608; sozioökonomische Status der Mutter: β = -.097, p = .277; sozioökonomische Status des Vaters (β = .119, p = .153). Diskussion und Fazit Die vorliegende Studie zeigt, dass mit dem GRA- FOS-2 Screening nicht nur ein valides, reliables und objektives diagnostisches Instrument für die querschnittliche Erfassung der grafomotorischen Leistung vorliegt (Sägesser Wyss et al. 2024b), sondern ein Instrument, welches sich für längsschnittliche Untersuchungen eignet. Das GRAFOS-2 Screening kann entsprechend einerseits für die Lernverlaufsdiagnostik eingesetzt werden, da individuelle Entwicklungen von Kindern dokumentiert und Fortschritte sichtbar gemacht werden können. Andererseits eignet sich das GRAFOS-2 Screening auch für den Einsatz in der Forschung und die Untersuchung längsschnittlicher Entwicklungen. Die im vorliegenden Beitrag dargestellten Ergebnisse bieten hierfür einen ersten Ausgangspunkt. So konnten die aus der Literatur bekannten Annahmen zum Einfluss des Alters, des Geschlechts und des sozioökonomischen Status auf die grafomotorische Leistung zu Beginn des ersten Schuljahres bestätigt werden (z. B. Maurer et al. 2023; Maurer 2023). In Bezug auf den Einfluss des sozioökonomischen Status differieren die vorliegenden Resultate insofern, dass lediglich der sozioökonomische Status der weiblichen Erziehungsperson einen Einfluss auf die grafomotorische Leistung des Kindes zu Beginn der ersten Klasse (T1) hat. Eine mögliche Interpretation dieses Ergebnisses könnte dahin führen, dass die weiblichen Erziehungspersonen bezogen auf die frühkindliche Förderung grafomotorischer Kompetenzen im Vergleich zu den männlichen Erziehungspersonen eine bedeutsamere Rolle einnehmen. Hierbei scheint sich zu betätigen, dass ein höheres Berufsprestige sich günstig auswirkt, was sich mit früheren Analysen deckt (Sägesser Wyss / Eckhart 2020). Allerdings lassen sich längsschnittlich keine solche Unterschiede feststellen. Die analysierten Einflussfaktoren (Alter, Geschlecht, sozioökonomischer Status) beeinflussen den Ausgangspunkt der grafomotorischen Leistungen. In der grafomotorischen Leistungs- Abb. 4: individuelle Entwicklungsverläufe der grafomotorischen Leistung über die Zeit [ 208 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis entwicklung sind jedoch bezogen auf diese Merkmale keine Unterschiede festzustellen. Möglicherweise wirkt sich die schulische Förderung ausgleichend auf die Leistungsentwicklung aus. Erfreulich ist der Befund, dass Kinder mit niedriger grafomotorischer Leistung bei T1 im Verlauf der Entwicklung und in einem inklusiven Setting größere Fortschritte machen als Kinder, welche mit höheren Leistungen starten. Dies kann so interpretiert werden, dass die zu Beginn bestehenden Unterschiede in der grafomotorischen Leistung im Verlauf der ersten Klasse teilweise aufgeholt werden können. Jedenfalls scheinen alle Kinder und insbesondere jene mit schwächeren grafomotorischen Leistungen von der inklusiven Förderung zu profitieren. Weiterführende Forschungsprojekte müssen diese allgemeinen Befunde zusätzlich differenzieren. In diesem Zusammenhang wäre es von Interesse, weitere Einflussfaktoren in die Berechnungsmodelle aufzunehmen (z. B. Kompetenzen der Lehrkraft und der Psychomotoriktherapeut: in, Lehrmittel, Art und Weise der Förderung usw.). Zudem müssten Lern- und Leistungsvoraussetzungen der Kinder eingehender berücksichtigt werden (z. B. Selbstkonzept, Motivation). In diesem Beitrag wurden erste längsschnittliche Untersuchungen durchgeführt. Diese verdeutlichen, dass der GRAFOS-2 sich durchaus eignet, um verlaufsdiagnostische Analysen durchzuführen. Diese Analysen können einen Beitrag leisten für einen zukunftsorientierten Handschriftunterricht, der alle Kinder, unabhängig von ihrem Startpunkt im ersten Schuljahr, bestmöglich unterstützen kann. 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