eJournals Motorik48/4

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2025.art35d
7_048_2025_4/7_048_2025_4.pdf101
2025
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Fachbeitrag: Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (DMT Plus)

101
2025
Sarah Heinisch
Chiara Feldhaus
Jan Lesener
Christopher Bortel
Marie Heinz
Klaus Bös
Der Deutsche Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (DMT Plus) wurde entwickelt, um die motorische Leistungsfähigkeit dieser Zielgruppe differenziert und zuverlässig einschätzen zu können. Die motorische Leistungsfähigkeit gilt als wichtiger Indikator für die gesundheitliche Entwicklung und wirkt langfristig präventiv gegen Folgen von Bewegungsmangel wie Übergewicht, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Muskelschwäche (Starker et al. 2007). Während für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung bereits etablierte Testverfahren und Normdaten vorliegen, mangelt es bislang an entsprechenden Instrumenten für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Der DMT Plus berücksichtigt verschiedene Behinderungsarten und schafft damit eine fundierte Grundlage zur Beurteilung motorischer Fähigkeiten. In diesem Beitrag werden die Entwicklung des Tests, seine Anwendung und die inhaltliche Gestaltung der Testaufgaben erläutert sowie erste Ergebnisse vorgestellt.
7_048_2025_4_0009
Zusammenfassung / Abstract Der Deutsche Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (DMT Plus) wurde entwickelt, um die motorische Leistungsfähigkeit dieser Zielgruppe differenziert und zuverlässig einschätzen zu können. Die motorische Leistungsfähigkeit gilt als wichtiger Indikator für die gesundheitliche Entwicklung und wirkt langfristig präventiv gegen Folgen von Bewegungsmangel wie Übergewicht, Herz-Kreislauf- Erkrankungen oder Muskelschwäche (Starker et al. 2007). Während für Kinder und Jugendliche ohne Behinderung bereits etablierte Testverfahren und Normdaten vorliegen, mangelt es bislang an entsprechenden Instrumenten für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Der DMT Plus berücksichtigt verschiedene Behinderungsarten und schafft damit eine fundierte Grundlage zur Beurteilung motorischer Fähigkeiten. In diesem Beitrag werden die Entwicklung des Tests, seine Anwendung und die inhaltliche Gestaltung der Testaufgaben erläutert sowie erste Ergebnisse vorgestellt. Schlüsselbegriffe: Motorische Leistungsfähigkeit, Diagnostik, Förderung, Sport, Kinder und Jugendliche mit Behinderung, Inklusion German Motor Test for children and adolescents with disabilities (DMT Plus) The German Motor Skills Test for Children and Adolescents with Disabilities (DMT Plus) was developed to assess the motor skills of this target group in a differentiated and reliable manner. Motor performance is considered an important indicator of health development and has a long-term preventive effect against the consequences of lack of exercise such as obesity, cardiovascular disease or muscle weakness (Starker et al., 2007). While there are already established test procedures and standardized data for children and adolescents without disabilities, there is a lack of corresponding instruments for children and adolescents with disabilities. The DMT Plus takes into account different types of disability and thus creates a sound basis for the assessment of motor skills. In this article, the development of the test, its application and the content of the test items are explained and initial results are presented. Keywords: motor performance, test battery, inclusion, people with disabilities [ 210 ] [ FACHBEITRAG ] 4 | 2025 motorik, 48. Jg., 210-218, DOI 10.2378 / mot2025.art35d © Ernst Reinhardt Verlag Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (DMT Plus) Sarah Heinisch, Chiara Feldhaus, Jan Lesener, Christopher Bortel, Marie Heinz, Klaus Bös Motorische Tests bilden den Leistungsstand von Kindern und Jugendlichen sowie Erwachsenen ab, sie können motorische Stärken und Schwächen deutlich machen und auf dieser Grundlage mögliche Interventionsansätze formulieren. Bisher gibt es keine Testbatterien mit dem Ziel, die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung zu erfassen. Es existieren einige (motorische) Tests, die insbesondere in der klinischen Praxis eingesetzt werden, um Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen zu diagnostizieren. Der BOT2 (Bruininks / Bruininks 2014) und Movement ABC-3 (Henderson / Barnett 2024) sind Instrumente, die eine verzögerte oder gestörte motorische Entwicklung identifizieren können. Auf Basis der Testergebnisse ist es möglich, nicht nur gezielte Therapieprogramme anzustoßen, sondern auch individuelle Fördermaßnahmen zu initiieren und systematisch zu planen. Dadurch können passgenaue Bewegungsangebote entwickelt werden, die an den spezifischen motorischen Bedürfnissen und Potenzialen der Kinder und Jugendlichen mit Behinderung ansetzen. Seit der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ist Deutschland verpflichtet, Menschen mit Behinderungen Zugang zu Sport und Bewegung zu ermöglichen, ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu fördern und ihre Entwicklung zu unterstützen. Artikel 30 betont das Recht auf Teilhabe an Freizeit, Erholung und Sport. Die Vertragsstaaten sollen Maß- [ 211 ] Heinisch et al. • Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung 4 | 2025 nahmen ergreifen, um die Teilnahme von Menschen mit Behinderungen am Breitensport zu fördern und dafür geeignete Rahmenbedingungen zu schaffen (Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung 2025). An diesem Punkt setzt auch der hier im Fokus stehende »Deutsche Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung (DMT Plus)« an. Zur bedarfsgerechten Weiterentwicklung sowohl inklusiver als auch spezifisch adaptierter (para-)sportlicher Angebote ist die Erhebung differenzierter Informationen zur motorischen Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderung erforderlich. Dabei sollte die Analyse nicht primär auf eine kategoriale Gegenüberstellung vermeintlicher Stärken und Schwächen unterschiedlicher Behinderungsformen abzielen, sondern im Sinne eines bio-psycho-sozialen Modells die Wechselwirkungen zwischen personenbezogenen Voraussetzungen, Umweltbedingungen sowie Aspekten von Aktivität und Partizipation in den Blick nehmen. Ein solcher ganzheitlicher Zugang ermöglicht es, individuelle Förderbedarfe kontextsensibel zu erfassen und Teilhabechancen nachhaltig zu verbessern. Auch die Teilnahme an einem standardisierten motorischen Test ist bislang für Menschen mit Behinderung nicht uneingeschränkt möglich. Das Ziel war es daher, mit dem DMT Plus einen Test zu entwickeln, der für eine Vielzahl von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Ausprägungen von Behinderung anwendbar und auch in verschiedenen Settings (bspw. Schule, Kindergarten, Sportverein) umsetzbar ist. Entstehung und Entwicklung einer motorischen Testbatterie für Kinder und Jugendliche mit Behinderung Der DMT Plus basiert auf dem 2009 erstmals publizierten Deutschen Motorik-Test (DMT 6-18, siehe auch in diesem Heft). Aufgrund individueller motorischer (und / oder geistiger) Voraussetzungen ist es für viele Kinder und Jugendliche mit Behinderung nicht möglich, die acht Aufgaben der DMT-Testbatterie in ihrer festgelegten Form durchzuführen. Mit der Notwendigkeit einer motorischen Testbatterie, welche auch für Kinder und Jugendliche mit unterschiedlichen Behinderungen bewältigbar und zudem äquivalent zum DMT ist, wurde im Rahmen der Initiative BERLIN HAT TALENT erstmals eine entsprechende Testbatterie erarbeitet. Diese wurde nachfolgend in enger Kooperation mit dem KIT weiter optimiert und zum hier dargestellten DMT Plus weiterentwickelt. Einteilung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung in die DMT Plus Testprofile Um ein Testverfahren zu entwickeln, welches die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung abbildet, ist die Einteilung bzw. Klassifizierung unterschiedlicher Körperfunktions- und Strukturbeeinträchtigungen unerlässlich. Die Klassifikation der ICF (International Classification of Functioning, Disability and Health) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) basiert auf der Annahme, dass Behinderung nicht medizinisch, sondern auch auf sozialer Ebene betrachtet werden muss. Die Einteilung basiert auf drei Komponenten: Körperfunktionen und -strukturen (bspw. Hör- und Sehvermögen, motorische Kontrolle oder Gehirnverletzungen), sowie Partizipation und Teilhabe (bspw. die Fähigkeit einer Person, alltägliche Aktivitäten wie essen, gehen oder sich anzuziehen, auszuführen oder zu lernen) (Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 2020). Auch im Sport gibt es unterschiedliche Einteilungs- und Klassifikationssysteme, die insbesondere einen fairen Wettkampf ermöglichen sollen. Die Klassifizierungen im paralympischen Sport werden durch ausgebildete Fachkräfte vorgenommen, die je nach Sportart unterschiedliche fachliche Kompetenzen benötigen (Deutscher Behindertensportverband e. V. o. J.). Die Heterogenität der verschiedenen Fähigkeiten unterschiedlicher Behinderungsarten stellt eine erhebliche Herausforderung dar. Aus diesem Grund befindet sich auch das Klassifizierungssystem im paralympischen Leistungssport in einem kontinuierlichen Wandel, um der Vielfalt an individuellen Beeinträchtigungen und den damit verbundenen Anforderungen gerecht zu werden. [ 212 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Im Rahmen des vorliegenden DMT Plus existieren unterschiedliche Ansätze zur Klassifikation und Einteilung der Teilnehmenden. Im Projekt BERLIN HAT TALENT erfolgt die Einteilung der Teilnehmenden in die jeweiligen Testprofile durch geschulte Klassifizierer: innen auf Grundlage des Klassifizierungssystems des Internationalen Paralympischen Komitees der Sportart Para-Leichtathletik (IPC) sowie der Dokumentation der individuellen Beeinträchtigung. Auf dieser Grundlage erfolgt schließlich die Einteilung in das entsprechende Testprofil. Durch dieses Vorgehen wird den vielfältigen und heterogenen motorischen sowie kognitiven Voraussetzungen der Teilnehmenden angemessen entsprochen. Durch die wettkampfgerechte Klassifizierung gelingt eine sehr genaue Darstellung der individuellen Art und Ausprägung der Funktionsbeeinträchtigung. Für die Anwendung des motorischen Tests in NRW im Rahmen der NRW-Sportschulen wurde ein spezifisches Einteilungssystem entwickelt. Dieses System zielt darauf ab, Übungsleitenden, Lehrkräften sowie weiterem Fachpersonal eine schnelle, unkomplizierte und dennoch standardisierte Möglichkeit zu bieten, dass jeweils zutreffende Testprofil zu ermitteln. Der erste Schritt beginnt mit den definierten Hauptbehinderungskategorien Kleinwuchs, Amputation / Fehlbildung und Nerven- / Muskelerkrankungen. Diese Kategorien werden weiter unterteilt, um spezifischere Arten von Behinderung zu berücksichtigen. So wird beispielsweise die Kategorie Amputation / Fehlbildung in obere oder untere Extremitäten mit oder ohne Prothese unterteilt. Fachkräfte gelangen über die Auswahl der Entscheidungsmöglichkeiten zum entsprechenden Testprofil. Sollte der Entscheidungsprozess nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führen, so hilft ein Fragenkatalog, der an die Teilnehmenden, Eltern oder Betreuer: innen gerichtet werden kann, bei der Ermittlung des richtigen Testprofils. Während die Entscheidungsfragen defizitorientiert sind und die Einordnung auf der Grundlage der Einschränkungen basiert, verfolgen die Kernfragen des Fragenkatalogs einen funktionsorientierten Ansatz, die die Durchführbarkeit der in Frage kommenden Testprofile abfragt (zur Veranschaulichung vgl. Tab. 1). Anwendung der Testbatterie Initiative BERLIN HAT TALENT-- Inklusiver DMT Das Programm BERLIN HAT TALENT, eine Initiative des Berliner Senats und des Landessportbunds Berlin, führt jährlich in der dritten Jahr- Abb. 1: Entscheidungsbaum zur Einteilung im MT1 Para-Modul [ 213 ] [ 213 ] Heinisch et al. • Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung 4 | 2025 gangsstufe den Deutschen Motorik-Test durch, um gezielte Bewegungsangebote zu entwickeln. Ziele sind die allgemeine Bewegungsförderung, Integration in den organisierten Sport sowie die Förderung motorisch auffälliger und sportlich talentierter Kinder. Seit 2020 ist Inklusion Bestandteil des Programms: Mit dem »Inklusiven DMT« können auch Kinder mit Behinderungen teilnehmen. 2022 / 23 nahmen 229 Kinder an Berliner Förderschulen am Test teil, weitere Förderzentren werden sukzessive einbezogen und evaluiert (LSB Berlin 2023). NRW-Sportschulen: Auswahlverfahren für Kinder mit körperlicher Behinderung-- MT1-- Para-Modul Im Jahr 2007 richtete Nordrhein-Westfalen (NRW) zur Förderung sportlich talentierter Kinder spezielle Sportschulen ein. Für die Aufnahme ist der Motorik-Test MT1 (identisch mit dem DMT 6-18) erforderlich (Bös et al. 2014). Seit 2016 gibt es in NRW einen rechtlichen Rahmen zur Umsetzung inklusiver Bildung gemäß der UN-Behindertenrechtskonvention. Ziel ist, auch Kinder mit körperlicher Behinderung sportlich zu fördern und ihnen den Zugang zu Sportschulen zu ermöglichen. Dazu wurde der MT1-- Para-Modul (DMT Plus) entwickelt, der die motorische Leistungsfähigkeit körperlich behinderter Kinder erfasst. Kinder mit geistiger oder Sehbehinderung sind aktuell nicht einbezogen. Ab dem Schuljahr 2024 / 25 soll der Para-Modul testweise an ausgewählten Standorten eingesetzt werden, mit dem Ziel, ab 2025 / 26 erste Aufnahmen in Sportklassen zu ermöglichen. Erste Erfahrungen wurden 2023 und 2024 bei ›Para-Aktionstagen‹ in Kooperation mit der Staatskanzlei NRW, dem BRSNW und lokalen Sportvereinen gesammelt. Vorstellung der Testprofile und -aufgaben Das Ziel des DMT Plus ist es, für die bereits aufgezeigten, definierten Klassifikationsgruppen alternative Testaufgaben zu entwickeln und diese in Testprofile zusammenzufassen. Der DMT Plus umfasst somit insgesamt sechs verschiedene Testprofile, welche durch bestimmte Farben repräsentiert werden und damit die Auswahl der Testaufgaben vorgeben. In den sechs Testprofilen finden sich insgesamt zehn Klassifikationsgruppen (KG) wieder, welche jeweils mehrere IPC-Kennziffern zusammenfassen. Insgesamt werden 36 IPC-Gruppierungen unterschieden. Das blaue Testprofil umfasst die Gruppierungen geistige Behinderung (1), Kleinwuchs (2) und Beinamputation mit Prothese (3). Das rote Testprofil testet Kinder mit cerebralen Bewegungsstörungen mit Rollstuhlnutzung (4) und Kinder mit Lähmung oder Amputation mit Rollstuhlnutzung (5). Liegt eine Beeinträchtigung vor, die eine E-Rolli-Nutzung erfordert (6), steht Tab. 1: Kernfragen-Set für das rote Testprofil Testaufgabe Kernfrage 20 m (R) Kannst du etwas schnell von deiner Brust wegdrücken? Medizinballstoßen Trichterfahren Kannst du den Rollstuhl geschickt durch enge Räume manövrieren? Zweifächerfahren 6-Min (R) Kannst du weite Strecken mit dem Rollstuhl fahren? Tube-Pull Kannst du greifen? Seitliches Tippen Kannst du dich zur Seite lehnen? [ 214 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis das hellrote Testprofil zur Verfügung. Das grüne Testprofil kann für die Gruppierungen cerebrale Bewegungsstörungen ohne Rollstuhlnutzung (7) sowie Amputation und Fehlbildungen der unteren Extremitäten (8) verwendet werden. Das orange Testprofil erfasst Kinder mit Amputationen oder Fehlbildungen der oberen Extremitäten (9). Das lilafarbene Profil umfasst die Testaufgaben, welche von Kindern mit Sehbehinderung (10) absolviert werden (siehe auch Tab. 2). In Berlin kommen alle sechs Testprofile zum Einsatz. In der Testanwendung in NRW mit dem MT1- - Para-Modul werden fünf der sechs Testprofile in der Praxis angewandt, welche primär Testpersonen aus den Gruppierungen zwei bis neun erfassen. Die Kinder in den verschiedenen IPC-Gruppen und Testprofilen bilden keine homogene Leistungsgruppe und lassen sich nicht im Voraus eindeutig hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit differenzieren. Innerhalb der einzelnen Gruppierungen besteht lediglich eine eingeschränkte Vergleichbarkeit, was zu einer erheblichen Spannbreite an Leistungsniveaus trotz gleicher Gruppenzuordnung führt. Aktuell wird ein Faktorisierungsverfahren erprobt, das- - trotz fehlender vollständiger Referenzwerte- - eine differenzierte Bewertung und Zuordnung der heterogenen Testergebnisse ermöglichen soll. Bei Auswahlentscheidungen und der Zuweisung zu Fördergruppen auf Basis der DMT Plus-Ergebnisse müssen diese methodischen Einschränkungen unbedingt berücksichtigt werden. Zu den acht Testaufgaben des DMT (6min- Lauf, Standweitsprung, Liegestütz, Sit-Ups, 20 m-Sprint, Seitliches Hin- und Herspringen, Balancieren rückwärts und Rumpfbeuge) (Bös et al. 2009), kommen 15 weitere Testaufgaben hinzu, die für Kinder mit Behinderungen Alternativen zu den Originalaufgaben des DMT sind. Diese alternativen Testaufgaben versuchen die Originaltestaufgaben des DMTs möglichst äquivalent abzubilden und tauchen in den sechs Testprofilen mehrfach auf. Es wird weiterhin die Systematisierung der motorischen Fähigkeiten nach Bös (1987) zugrunde gelegt. Tab. 2: Verteilung der Probanden nach Geschlecht auf die einzelnen Klassifikationsgruppen und Testprofile Klassifikationsgruppe N (m) N (w) N Gesamt % 1 (Geistige Beeinträchtigung) 438 184 622 65,82 % 2 (Kleinwuchs) 13 7 20 2,12 % 3 (Beinamputation mit Prothese) 1 1 2 0,21 % 4 (Cerebrale Bewegungsstörung mit Rollstuhlnutzung) 3 3 6 0,63 % 5 (Lähmung / Amputation mit Rollstuhlnutzung) 18 13 31 3,28 % 6 (Beeinträchtigung, die E-Rollstuhl-Nutzung erfordert) 3 5 8 0,85 % 7 (Cerebrale Bewegungsstörung ohne Rollstuhlnutzung) 87 54 141 14,92 % 8 (Amputation / Fehlbildung unterer Extremitäten) 39 16 55 5,82 % 9 (Amputation / Fehlbildung unterer Extremitäten) 6 5 11 1,16 % 10 (Sehbeeinträchtigung) 28 21 49 5,19 % Gesamt alle KG 636 309 945 100 % Gesamt KG 2-9 170 104 274 28,99 % Gesamt 8-11 Jahre in KG 2-9 120 76 196 20,74 % [ 215 ] [ 215 ] Heinisch et al. • Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung 4 | 2025 Kurzbeschreibung der alternativen Testaufgaben Zur Messung der Aktionsschnelligkeit gibt es den 20 m-Sprint im Rollstuhl, der die Schnelligkeit der oberen Extremitäten erfasst (Testprofil rot) sowie den 20 m-Sprint mit Begleitperson für die Schnelligkeit beim Laufen (Testprofil lila). Als Alternative zur Aufgabe Balancieren rückwärts, welche die Koordination bei Präzisionsaufgaben erfasst, wird über die drei verschieden breiten Balken (3 cm, 4,5 cm, 6 cm) vorwärts balanciert (Testprofil blau, grün, lila). Sitzt ein Kind im Rollstuhl, stellt die Aufgabe Trichterfahren die Alternative zum Balancieren dar, wobei rückwärts durch einen Trichter aus zwei Langbänken durchgefahren werden muss, der im Testverlauf zunehmend schmaler (20 cm, 10 cm, 5 cm) wird (Testprofil rot, hellrot). Die Rumpfbeuge erfasst im DMT die Beweglichkeit des Rumpfes. Es wird entweder, sofern das Kind die Aufgabe durchführen kann, original übernommen (Testprofil blau, grün, orange, lila) oder fällt als Aufgabe weg (Testprofil rot, hellrot). Als Alternative zu den Liegestützen, die zur Messung der Kraftausdauer der oberen Extremitäten dient, wird der Tube-Pull getestet (Testprofil rot, hellrot, grün, orange). Die Testperson zieht möglichst oft in 40 Sekunden im 90 °-Winkel auf Schulterhöhe an einem Tube-Band. Die Testaufgabe Sit-Ups wird verwendet, um die Kraftausdauer der Rumpfmuskulatur zu erfassen. Diese Aufgabe wird nach Möglichkeit original durchgeführt (Testprofile blau, grün, orange, lila). Als Alternative für Rollstuhlfahrende wird das Seitliche Tippen verwendet (Testprofile rot, hellrot). Die sitzende Testperson tippt abwechselnd mit der rechten und der linken Hand seitlich und so oft wie möglich innerhalb von 40 Sekunden auf einen an den Rändern befestigten Klebestreifen. Zur Erfassung der Koordination unter Zeitdruck testet das blaue und das orangene Testprofil die originale Testaufgabe Seitliches Hin- und Herspringen. Rollstuhlfahrende (Testprofile rot, hellrot) absolvieren das Zweifächer-Fahren. Hierbei überfahren die Testpersonen zwei im 90 °-Winkel zueinanderstehende Linien in einer vorgegebenen Abfolge so oft wie möglich innerhalb von 40 Sekunden. Im grünen Testprofil wird äquivalent der Zweifächerlauf verwendet, der im Laufen absolviert wird. Der Standweitsprung wird original zur Erfassung der Schnellkraft bei Sprüngen durchgeführt (Testprofile blau, grün, orange, lila). Als Alternative wird im Testprofil rot (ggf. auch im Testprofil grün) das Medizinballstoßen zur Messung der Schnellkraft der oberen Extremitäten verwendet. Im Sitzen stößt die Testperson einen 1 kg schweren Medizinball mit den Armen von der Brust weg. Im hellroten Testprofil findet sich der Säckchenwurf als Alternative. Zur Messung der aeroben Ausdauer gibt es den 6min-Lauf im Rollstuhl (Testprofil rot), sowie den 6min-Lauf mit Begleitperson (Testprofil lila). Im hellroten Testprofil entfällt die Testaufgabe. DMT Plus: Aktuelle Datenlage Die größte Gruppe mit 65,82 % machen Kinder und Jugendliche mit geistiger Beeinträchtigung in der Klassifikationsgruppe 1 aus, gefolgt Kindern und Jugendlichen mit cerebralen Bewegungsstörungen ohne Rollstuhlnutzung mit 14,92 % (Tab. 2). Da die anderen Gruppen derzeit noch zu geringe Fallzahlen aufweisen, werden im Folgenden die Ergebnisse von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Beeinträchtigung (KG 1) sowie Kindern und Jugendlichen mit cerebraler Bewegungsstörung ohne Rollstuhlnutzung (KG 7), die den blauen und grünen Testbogen absolviert haben, deskriptiv ausgewertet (tabellarisch s. Tab. 3 und 4). Aktuell wurden 622 Personen mit einer geistigen Beeinträchtigung dem blauen Testprofil zugeordnet und getestet. Die Gruppe setzt sich aus 438 männlichen (70,4 %) und 184 weiblichen (29,6 %) im Alter von sechs bis 18 Jahren (MW = 9,67; Stabw = 1,7) zusammen. Nicht alle Kinder und Jugendlichen konnten, bspw. aus krankheits- oder organisatorischen Gründen, alle Testaufgaben absolvieren, wodurch die unterschiedlich großen Gruppen je Testaufgabe zu erklären sind. Der größte Teil der Testpersonen mit geistiger Beeinträchtigung wurde im Rahmen des Projektes BERLIN HAT TA- LENT getestet. [ 216 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Tab. 3: Übersicht der Ergebnisse der Testpersonen mit geistiger Beeinträchtigung (KG 1) Testaufgabe N Min Max MW Stabw 20 m-Sprint (Sek.) 615 3,42 23,41 5,3 1,6 Balancieren vorwärts (KN 1) (Σ Schritte) 223 0 48 31,03 13,1 Rumpfbeuge (cm) 578 -33 +20,00 -5,92 8,5 Liegestütz (Anzahl) 569 0 22 7,27 4,5 Sit-Ups (Anzahl) 594 0 34 12,11 6,3 Seitliches Hin- und Herspringen (Anzahl) 568 0 47 19,8 8,6 Standweitsprung (cm) 595 23,00 220,0 106,8 28,7 6-Min-Lauf (Meter) 682 0 1188 703,40 181,24 Tab. 4: Übersicht der Ergebnisse der Testpersonen mit cerebralen Bewegungsstörungen ohne Rollstuhlnutzung (KG 7) Testaufgabe N Min Max MW Stabw 20 m-Sprint (Sek.) 140 3,39 25,35 7,29 4,29 Balancieren vorwärts (KN 1) (Σ Schritte) 96 0 48 23,7 14,5 Rumpfbeuge (cm) 111 -29,00 +30,00 -4,90 11,31 Tube-Pull* 28 7 53 25,21 12,64 Sit-Ups (Anzahl) 109 0 41 12,16 8,1 Zweifächerlauf (Anzahl) 67 4 36 20,6 6,7 Standweitsprung (cm) 123 0,00 270,00 96,3 47,3 6-Min-Lauf (Meter) 119 0 1240 655,3 216,16 *das kleine N in der Testaufgabe Tube-Pull resultiert aus Erprobung anderer, aber verworfener Testaufgaben, bis die finale Aufgabe festgelegt wurde. Bislang wurden insgesamt 141 Personen mit cerebralen Bewegungsstörungen ohne Rollstuhlnutzung getestet (Testprofil grün). Die Gruppe, bestehend aus 87 männlichen (61,7 %) und 54 weiblichen (38,3 %) Personen, ist im Durchschnitt 11,2 Jahre alt (Min = 7,4 Jahre, max = 18,0 Jahre; Stabw = 2,7). Bereits deskriptiv können Unterschiede zwischen den Behinderungsgruppen ausgemacht werden. Auf inferenzstatistische Analysen wurde bisher verzichtet. So liegt der Mittelwert beim 20 m-Sprint bei den Kindern und Jugendlichen mit geistiger Beeinträchtigung bei 5,3 Sekunden und bei Kindern und Jugendlichen mit cerebralen Bewegungsstörungen ohne Rollstuhlnutzung bei 7,29 Sekunden. Beim Balancieren vorwärts erreichen die Testpersonen der KG 1 im Mittel acht Schritte mehr als die Testpersonen der KG 7. Auch beim Standweitsprung springen die Kinder und Jugendlichen der KG 1 fast 10 cm weiter als die Kinder und Jugendlichen der KG 7. Auch wenn dies durch höhere Fallzahlen statistisch [ 217 ] [ 217 ] Heinisch et al. • Deutscher Motorik-Test für Kinder und Jugendliche mit Behinderung 4 | 2025 überprüft werden muss, so scheint es auf den ersten Blick gelungen zu sein, unterschiedliche Profile für die unterschiedlichen Behinderungsarten zu entwickeln. Ebenfalls können durch diese erste Auswertung der Ergebnisse große Unterschiede auch innerhalb der Gruppen festgestellt werden. Trotz Einordnung in eine vermeintlich homogene Gruppe liegen die Leistungen der Kinder und Jugendlichen sehr weit auseinander. Es ist das Ziel von Folgestudien und Anwendungen des DMT Plus, sukzessive die Zellen der Datenmatrix zu füllen, so dass vergleichende Aussagen zu den verschiedenen Behinderungsgruppen möglich sind. Fazit und Ausblick Die Anwendung des entwickelten Tests sowie des zugehörigen Einteilungs- und Klassifizierungssystems hat sich als praktikabel erwiesen, dennoch stellt die Heterogenität der Kinder und Jugendlichen mit Behinderung eine erhebliche Herausforderung dar. Insbesondere die Einteilung und Klassifizierung sowie die Auswahl geeigneter alternativer Testaufgaben müssen kontinuierlich überprüft und diskutiert werden. Während der Test in Berlin bereits fest etabliert ist und zahlreiche Kinder mit Behinderung erfolgreich getestet wurden, ist die Einführung der Testungen in NRW für die Aufnahme an Pilotschulen zum Schuljahr 2025 / 26 vorgesehen. Ziel dieser Maßnahme ist es, erstmalig Kinder mit Behinderung an den NRW-Sportschulen aufzunehmen. Nach einer Erprobungsphase soll das Modell sukzessive auf weitere Sportschulen ausgeweitet werden. Das übergeordnete und gemeinsame Ziel aller am Projekt Beteiligten ist es, den Test durch landesweite Kooperationen mit anderen Bundesländern zu etablieren und die Stichprobe über verschiedene Altersklassen und Testprofile hinweg zu erweitern. Auf diese Weise sollen Norm- und Vergleichswerte generiert werden, die als Grundlage für die Entwicklung inklusiver Maßnahmen, Projekte und Angebote für Menschen mit Behinderung dienen können. Der DMT Plus stellt einen bedeutenden Schritt in Richtung Inklusion dar. Durch die Implementierung dieses Tests in Berlin erhalten alle Kinder der dritten Klasse die Möglichkeit, an einem sportmotorischen Test teilzunehmen. Kinder mit Behinderung haben nach der Teilnahme die Chance, an gezielten Bewegungsangeboten wie dem Talent-Tag Para-Sport oder Bewegungsfördergruppen teilzunehmen und Mitglieder eines Sportvereins zu werden, wodurch der Artikel 30 der UN BRK unterstützt wird. Bei der Anwendung in NRW durch den DMT Plus wird die Aufnahme an die NRW-Sportschulen ermöglicht. Damit wird Artikel 24 der UN BRK, der den Zugang zu Bildungschancen fordert, berücksichtigt. Auf wissenschaftlicher Ebene wird mit dem DMT Plus eine bislang bestehende Lücke geschlossen, indem ein Testverfahren entwickelt wurde, das die motorische Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit unterschiedlichen Behinderungsarten standardisiert erfasst. Dieser Beitrag durchlief das Peer Review. Literatur Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen (2025): Die UN-Behindertenrechtskonvention. Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Berlin. In: https: / / www.behindertenbeauftragter.de/ SharedDocs/ Downloads/ DE/ AS/ PublikationenErklaerungen/ Broschuere_UNKonvention_KK.pdf? __ blob=publicationFile&v=27, 08.09.2025 Bös, K. (1987): Handbuch sportmotorischer Tests. Hogrefe, Dortmund Bös, K., Schlenker, L., Büsch, D., Eberhardt, T., Müller, H., Niessner, C., Tittlbach, S., Woll, A. (2023): Deutscher Motorik-Test 6-18 (DMT 6-18). 3. Aufl. Czwalina Edition. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Schlenker, L., Büsch, D., Lämmle, L., Müller, H., Oberger, J., Seidel, I., Tittlbach, S. (2009): Deutscher Motorik-Test 6-18 (DMT 6-18). Czwalina Edition. Feldhaus, Hamburg Bös, K., Schlenker, L., Seidel, I. (2014): Motorischer Test für Nordrhein-Westfalen-- Testanleitung mit DVD. 3. Aufl. Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen Bruininks, R. H., Bruininks, B. D. (2014): BOT-2. Bruininks-Oseretsky Test der motorischen Fähigkeiten 2. Aufl. Pearson, London Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (2020): ICD-10-GM Version 2021, Systematisches Verzeichnis, Internationale statistische Klassifika- [ 218 ] 4 | 2025 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis tion der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme, 10. Revision, Stand: 18. September 2020, Köln Bundesinstitut für Sportwissenschaft (Hrsg.) (2014): Das Klassifizierungssystem der paralympischen Sportarten. In: https: / / www.bisp.de/ SharedDocs/ Downloads/ Publikationen/ sonstige_Publikationen_ Ratgeber/ Klassifizierung.pdf? __blob=publication File&v=2, 25.02.2025 Deutscher Behindertensportverband e. V. (o. J.): Infos für Klassifizierer*innen. In: https: / / www.dbs-npc. de/ infos-fuer-klassifizierer.html, 26.01.2025 Henderson, S. E., Barnett, A. L. (2024): Movement Assessment Battery for Children (Movement ABC-3) (3. Edition-- Deutsche Version). Pearson, London Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (2006): Rahmenvorgaben für NRW-Sportschulen. In: https: / / www.sporttalente.nrw/ fileadmin/ user_upload/ nachwuchsfoerderung/ download/ rahmenvorgaben_nrw_sportschule.pdf, 17.01.2025 Landessportbund Berlin (o. J.): BERLIN HAT TALENT-- Inklusion im Programm. Landessportbund Berlin. In: https: / / berlin-hat-talent.de/ inklusion/ , 21.01.2025 Landessportbund Berlin (2023): Dokumentation 2023-- BERLIN HAT TALENT. Landessportbund Berlin. In: https: / / berlin-hat-talent.de/ wp-content/ uploads/ 2024/ 06/ Doku-2023-web.pdf, 25.02.2025 Starker, A., Lampert, T., Worth, A., Oberger, J., Kahl, H., Bös, K. (2007): Motorische Leistungsfähigkeit- - Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS). Bundesgesundheitsblatt- - Gesundheitsforschung- - Gesundheitsschutz (50), 775-783, doi: 10.1007/ s00103-007-0240-8 Seit 2022 entwickeln das KIT (IfSS) und die Initiative »BERLIN HAT TALENT« gemeinsam den motorischen Test DMT Plus für Kinder und Jugendliche mit Behinderung. Beteiligt sind Partner: innen aus Wissenschaft, Politik und Sport, darunter der Landessportbund Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin, die Staatskanzlei NRW und das FoSS am KIT. Allen Mitwirkenden gilt unser Dank. Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Die Autor: innen Dr. Sarah Heinisch wiss. Mitarbeiterin, Institut für Bewegungserziehung & Sport (PHKA) Chiara Feldhaus wiss. Mitarbeiterin, IfSS (KIT) Jan Lesener Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie (Berlin) Christopher Bortel wiss. Mitarbeiter, HU Berlin Marie Heinz LSB Berlin e. V., BERLIN HAT TALENT Prof. Dr. Klaus Bös Distinguished Senior Fellow, Institut für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) (KIT) Anschrift Prof. Dr. Klaus Bös Engler-Bunte-Ring 15 76131 Karlsruhe klaus.boes@kit.edu