eJournals Motorik49/1

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art02d
7_049_2026_1/7_049_2026_1.pdf11
2026
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Forum Psychomotorik: Prozessdiagnostik und -evaluation bewegungspädagogischer Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala

11
2026
Mone Welsche
Franziska Theil
Die Leuvener Beobachtungsskala (LOVIPT) wurde ursprünglich für die psychomotorische Therapie in der Erwachsenenpsychiatrie entwickelt. In Deutschland wird sie im klinisch-bewegungstherapeutischen Bereich sowie im Kontext bewegungsorientierter Angebote für Kinder und Jugendliche in der Heilpädagogik eingesetzt. Dieser Beitrag stellt die LOVIPT als Instrument zur qualitativen Erfassung von Bewegungsverhalten vor, beschreibt ihre Anpassungen für Kinder und Jugendliche, zeigt ein Fallbeispiel und reflektiert Rückmeldungen aus der Praxis sowie Perspektiven der Weiterentwicklung.
7_049_2026_1_0003
Zusammenfassung / Abstract Die Leuvener Beobachtungsskala (LOVIPT) wurde ursprünglich für die psychomotorische Therapie in der Erwachsenenpsychiatrie entwickelt. In Deutschland wird sie im klinisch-bewegungstherapeutischen Bereich sowie im Kontext bewegungsorientierter Angebote für Kinder und Jugendliche in der Heilpädagogik eingesetzt. Dieser Beitrag stellt die LOVIPT als Instrument zur qualitativen Erfassung von Bewegungsverhalten vor, beschreibt ihre Anpassungen für Kinder und Jugendliche, zeigt ein Fallbeispiel und reflektiert Rückmeldungen aus der Praxis sowie Perspektiven der Weiterentwicklung. Schlüsselworte: Qualitative Bewegungsbeobachtung, Leuvener Beobachtungsskala, Bewegungsverhalten, Bewegungsausdruck, Bewegungsdiagnostik, Prozessevaluation Process Diagnostics and -evaluation of Psychomotor Interventions with the Leuven Observation Scale The Leuven Observation Scale (LOVIPT) was originally developed for psychomotor therapy in adult psychiatry. In Germany, it is used in clinical movement therapy and in the context of movement-orientated programs for children and adolescents in special education. This article presents the LOVIPT as an instrument for the qualitative assessment of movement behaviour, describes its adaptations for children and adolescents, shows a case study and reflects on feedback from practice as well as perspectives for further developments. Keywords: Qualitative Movement Observation, Leuvener Observation Scales, Movement Behaviour, Expression, Movement Diagnostic, Process Evaluation [ 4 ] 1| 2026 motorik, 49. Jg., 4-11, DOI 10.2378 / mot2026.art02d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Prozessdiagnostik und -evaluation bewegungspädagogischer Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala Mone Welsche, Franziska Theil Einleitung Die Leuvener Beobachtungsskala (LOVIPT) ist ein Instrument, das in Belgien für die psychomotorische Therapie in der Erwachsenenpsychiatrie entwickelt wurde (Simons et al. 1989). In Deutschland wird sie als qualitatives Instrument in der Bewegungsdiagnostik psychisch erkrankter Erwachsener genannt (Hölter 1989/ 2011) und kommt auch im kinder- und jugendpsychiatrischen Kontext zum Einsatz (u. a. Welsche et al. 2005, Hölter 2011). Seit vielen Jahren wird sie zudem im Studiengang Heilpädagogik an der KH Freiburg zur Prozessdiagnostik und Verlaufsevaluation bewegungspädagogischer Interventionen mit Kindern und Jugendlichen genutzt. In diesem Beitrag stellen wir die LOVIPT als Beobachtungsinstrument vor, das es ermöglicht, Bewegungsverhalten und -ausdruck ökonomisch zu erfassen. Damit erweitert sie die in Deutschland primär auf motorische Parameter fokussierte Bewegungsdiagnostik. Zunächst erläutern wir die Entwicklung der LOVIPT und fassen Erfahrungen zum Einsatz mit Kindern und Jugendlichen zusammen. Dabei gehen wir auf vorgenommene Anpassungen ein, zeigen einen Beobachtungsbogen und veranschaulichen den Einsatz anhand eines Fallbeispiels. Abschließend stellen wir Rückmel- [ 5 ] Welsche, Theil • Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala 1| 2026 dungen aus der Praxis zur Nützlichkeit des Instrumentes vor und schließen den Beitrag mit einem Blick auf die anstehende Überarbeitung. LOVIPT Ursprung Bereits 1989 wurde die LOVIPT in der motorik (Simons et al.) vorgestellt, welcher als Grundlage für die folgende Darstellung herangezogen wird. Mit der Entwicklung der LOVIPT wurde damals das Ziel verfolgt, ein Beobachtungsinstrument zu erstellen, das im Rahmen der Psychomotoriktherapie (PMT) relevante psychologische Aspekte standardisiert erfassen kann und die Formulierung konkreter Zielsetzungen für die PMT ermöglicht. Damit war sie von Beginn an förderdiagnostisch ausgerichtet (Hölter 1989). Die Beobachtungskriterien sollten sowohl die psychischen als auch die motorischen Aspekte des Verhaltensrepertoires von Patient: innen in der Gruppe erfassen. Sie beziehen sich nach Hölter (2011, 87) »auf spezifische Verhaltensweisen, wie sie in der Regel in fast jeder Therapiesituation zu beobachten sind«. Die LOVIPT kann in jeder psychomotorischen Praxis, unabhängig von den Aktivitäten in der Stunde, zum Einsatz kommen, da sie an keine spezifischen Beobachtungssituationen gebunden ist. Die Entwicklung des Verfahrens erfolgte mehrschrittig. In der ersten Phase wurden mittels Literaturanalyse Zielsetzungen zusammengetragen, die der PMT zugeschrieben wurden. Diese wurden von psychomotorischen Fachkräften nach inhaltlichen Gesichtspunkten gruppiert und anschließend einer hierarchischen Clusteranalyse unterzogen. Aus den entstandenen Kategorien wurden jene ausgewählt, die sich auf psychologische Aspekte, die in der PMT beobachtbar und beeinflussbar sind, beziehen und für die klinische Praxis als relevant galten (Tab. 1). Diese Kategorien wurden in zwei Schritten in Beobachtungsmerkmale überführt und operationalisiert. Erst erfolgte eine Beschreibung der einzelnen Kategorien. So wurde die Kategorie Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle wie folgt definiert: »Innerhalb von Beobachtungen im Bereich der Psychomotorischen Therapie (PMT) versteht man hierunter Ausmaß und Grad der Bereitschaft des Patienten, sich an Absprachen, Spiel und Verhaltensregeln zu halten« (LO- VIPT Manual o. J.). Anschließend wurden die einzelnen Kategorien anhand einer 7er-Skalierung von ›zu viel‹ bis ›zu wenig‹ aufgegliedert, wobei der Nullwert das situationsangemessene Verhalten abbildet (Tab. 2). Tab. 1: Kategorien der LOVIPT 1 Grad der emotionalen Beziehung 2 Grad der Selbstsicherheit 3 Grad der Aktivität 4 Grad der Entspanntheit 5 Grad der Bewegungskontrolle 6 Grad des situativen Interesses 7 Grad der Expressivität beim Bewegen 8 Grad der verbalen Kommunikation 9 Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle Tab. 2: 7er-Punkte-Skala für die Kategorie »Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle« Kategorie: Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle +3 Der Patient zeigt eine stark zwanghafte Anpassung und Selbstkontrolle +2 Der Patient zeigt eine zwanghafte Anpassung und Selbstkontrolle +1 Der Patient zeigt eine leicht zwanghafte Anpassung und Selbstkontrolle 0 Der Patient besitzt ein adäquates Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle −1 Der Patient zeigt einen leichten Mangel des Vermögens zur Anpassung und Selbstkontrolle −2 Der Patient zeigt einen Mangel des Vermögens zur Anpassung und Selbstkontrolle −3 Der Patient zeigt einen großen Mangel des Vermögens zur Anpassung und Selbstkontrolle [ 6 ] 1| 2026 Forum Psychomotorik Tab. 3: Beschreibung LOVIPT-A und LOVIPT-S für die Kategorie »Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle« Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle LOVIPT-A: LOVIPT-S: +2 Eine zwanghafte Anpassung und Selbstkontrolle kann in einem Bewegungsverhalten zum Ausdruck kommen, das hinsichtlich der Regeln und Verfahrensweisen zu rigide, zu kontrollierend ist. Der Patient achtet übertrieben genau darauf, ob andere die Absprachen respektieren. Bei dem geringsten Fehler werden die anderen auf ihre Regelüberschreitungen aufmerksam gemacht. Angebracht oder nicht, der Patient entschuldigt sich für die geringste Unzulänglichkeit. −2 Bei Beobachtungen in der PMT kann ein Mangel des Vermögens zur Anpassung und Selbstkontrolle in einem Bewegungsverhalten zum Ausdruck kommen, das aufbrausend, impulsiv, jähzornig, aggressiv ist. Der Patient verletzt die Anstandsregeln, er flucht, schlägt, zieht, tritt oder schubst die anderen, seine Sprache ist ungehobelt. Der Patient hält sich nicht an Absprachen und Spielregeln, er kommt zu spät, geht zu früh. Der Patient erhebt Einspruch gegen jede Entscheidung des Therapeuten. Um eine möglichst objektive Beurteilung des beobachteten Verhaltens zu gewährleisten, wurden die Mittelwerte (+2 / -2) in Form einer Handreichung pro Kriterium anhand von Adjektiven (LOVIPT-A) und einer Umschreibung des Verhaltens (LOVIPT-S) näher beschrieben (Tab. 3). Diese Skalen geben eine Orientierung, wie die beobachteten Verhaltensweisen zwischen +3 und −3 eingeordnet werden können. Die LOVIPT wurde hinsichtlich Reliabilität und Validität mit zufriedenstellenden Ergebnissen untersucht (Simons et al. 1989). Die LOVIPT für das Kindes- und Jugendalter-- Erfahrungen und Anpassungen Kinder- und Jugendpsychiatrie Erfahrungen zum Einsatz der LOVIPT für das Kindes- und Jugendalter wurden in Deutschland erstmals von Welsche und Romer (2005) publiziert. In einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie wurde nach einem bewegungsdiagnostischen Instrument gesucht, um die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen an einem mehrwöchigen Rudergruppenprojekt untersuchen zu können. Im Vordergrund des Interesses stand die Erfassung von Verhaltensparametern, die im Zusammenhang mit den jeweiligen psychischen Beeinträchtigungen der jungen Menschen relevant waren. Da die Mehrzahl bewegungsdiagnostischer Instrumente für das Kindes- und Jugendalter auf die Überprüfung des motorischen Entwicklungsstandes abzielt, wurde die LOVIPT, trotz ihrer Entwicklung für den Erwachsenenbereich, aus Mangel an Alternativen ausgewählt. Damals wurden zwei Anpassungen vorgenommen: ■ Die Kategorie Grad der emotionalen Beziehung wurde in a) zu Erwachsenen (Pädagog: innen, Therapeut: innen) und b) zur Peergroup unterteilt, da die jungen Menschen unterschiedliches Kontaktverhalten zu den beiden Personengruppen zeigten. ■ Die Beobachtungssituation in der Rudergruppe wurde in drei Phasen aufgeteilt: den ca. 15-minütigen Hinweg zum Bootshaus, die Aktivität am Bootshaus und den Rückweg. Die LOVIPT wurde auf alle drei Phasen angewendet. Das Beobachtungsinstrument fand in der klinischen Praxis eine hohe Akzeptanz. Die relativ leicht verständliche Struktur der LOVIPT ermöglichte nach einer kurzen Einarbeitung ein schnelles Erfassen relevanter Verhaltensmerkmale. Damit erwies sie sich als ein ökonomisches Instrument, das effizient in den klinischen Alltag der Kinder- und Jugendpsychiatrie integriert werden konnte. In derselben Klinik wurde die LOVIPT über viele Jahre zur Dokumentation [ 7 ] [ 7 ] Welsche, Theil • Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala 1| 2026 und Evaluation bewegungstherapeutischer Verläufe im Gruppensetting eingesetzt. Heilpädagogik Im B.A. Studiengang Heilpädagogik der KH Freiburg wird die LOVIPT im Rahmen der studienintegrierten Praxis-- im 6. und 7. Semester führen Studierende wöchentlich eine heilpädagogische Intervention durch, die in Kleingruppen supervidiert wird- - seit vielen Jahren als Instrument zur Prozessdiagnostik und -evaluation in bewegungsorientierten Gruppenangeboten mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt, z. B. in der Kita, in Grundschulförderklassen, in der teil- und vollstationären Jugendhilfe und in Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ). Die Differenzierung der Kategorie Grad der emotionalen Beziehung wurde beibehalten. In Abhängigkeit zur Gestaltung der Stunde und der Gruppe wird jeweils individuell entschieden, ob die LOVIPT auf die gesamte Einheit angewendet wird oder ob eine Unterteilung in Anfangs-, Haupt- und Abschlussphase sinnvoller ist. Zudem wird die LOVIPT regelmäßig als Forschungsinstrument in Qualifikationsarbeiten genutzt. In einer publizierten Arbeit zum Ringen und Raufen mit Jugendlichen mit kognitiven Beeinträchtigungen (Welsche / Schäffler 2016) zeigte sich, dass mit der LOVIPT bei Jungen mit einem sehr niedrigen Ausgangsniveau zum Teil deutliche Veränderungen in der Ich- und Sozialkompetenz feststellbar waren, die durch die Rückmeldungen der Lehrkräfte bestätigt wurden. LOVIPT +3 +2 +1 0 −1 −2 −3 Emotionale Beziehung zu Peers x - - - - Emotionale Beziehung zu Pädagog: innen - - x - - Selbstsicherheit - - x - - - Grad der Aktivität x - - - - - Grad der Entspanntheit x - - - - - Bewegungskontrolle - - x - - - Situatives Interesse - - - - x - Expressivität beim Bewegen x - - - - - Verbale Kommunikation x - - - - Vermögen zur Anpassung u. Selbstkontrolle x Anmerkungen / Besonderheiten: Es wurden heute nicht seine Lieblingsspiele gespielt, was ihn sehr störte und sich auf seine Motivation auswirkte. Er entzog sich dem Kontakt zu mir, ließ sich kaum eingrenzen und war angespannt. Er rannte immer wieder durch das Zimmer. Zu den anderen Kindern war er wieder aufdringlicher, provozierte und versuchte zum Quatsch machen zu animieren. Wirkt rastlos, überdeckt Traurigkeit mit Provokation und Unruhe? Aktuelle Situation in Schule? Name: Max Datum: 15.03.2024 Gruppe: Klasse 3 Termin Nr.: 7 Inhalt der Stunde: Begrüßungskreis, Lokomotive, Tierkrankenhaus, Surfbrett, Abschlusskreis Ziele: Beziehungsaufbau, Kooperationsbereitschaft, Selbstregulation (Anpassung & Impulskontrolle), Empathie/ Perspektivwechsel Abb. 1: Dokumentationsbogen LOVIPT [ 8 ] 1| 2026 Forum Psychomotorik Das Manual zur LOVIPT selbst enthält keinen vorgegebenen Beobachtungsbogen. Für die Praxis wurde ein Bogen (Abb. 1), der auch zur Stundendokumentation eingesetzt wird, entworfen, der neben dem Namen, der Gruppe, dem Datum und den groben Inhalten der Stunde eine Tabelle enthält, in welcher die Beobachtungskriterien in ihrer Skalierung angekreuzt werden. Im unteren Bereich können zudem wichtige ergänzende Anmerkungen und Besonderheiten festgehalten werden. Die Stundenprotokolle können in eine Excel- Tabelle übertragen werden, um eine Verlaufskurve zu erhalten, die Entwicklungen auf einen Blick sichtbar macht (Abb. 2). In der klinischen Praxis dienten die Kurven als anschauliches Informationsmaterial zum Verlauf der bewegungstherapeutischen Stunden in Fallbesprechungen, darüber hinaus können sie z. T. Abschlussberichten hinzugefügt werden. Eine exemplarische Auswertung-- Fallbeispiel Max war 9 Jahre alt und besuchte das SBBZ für sozial-emotionale Entwicklung. Er zeigte häufig oppositionelle Verhaltensweisen, war impulsiv und unruhig, zudem wurde vor einigen Jahren eine ADHS diagnostiziert. In seiner Klasse war Max gut integriert. Er geriet mit seinen Klassenkameraden jedoch immer wieder in Konflikte, da er sich schnell angegriffen fühlte. Das Erkennen von Grenzen und Bedürfnissen anderer war schwierig für ihn. Max nahm mit seiner Klasse an einem bewegungspädagogischen Angebot von Studierenden der KH Freiburg nach dem Konzept der Beziehungsorientierten Bewegungspädagogik (Welsche 2018) teil. Zu Beginn gelang es Max nur schwer, die Regeln und Strukturen der Stunde einzuhalten. Immer wieder fühlte er sich provoziert und reagierte mit Wutausbrüchen. Im Kontakt zu den anderen Kindern wies er oft auf die Regeln hin und diskutierte lautstark. Max bewegte sich gerne und zeigte, wenn es ihm gelang, die Spiele mitzuspielen, gute motorische Kompetenzen, dennoch fielen sein hoher Muskeltonus sowie seine Hyperaktivität auf. Aufgrund seiner hohen Impulsivität benötigte er zu Beginn die enge Begleitung der Erwachsenen. Im Kontakt zu diesen zeigte Max sich offen, musste jedoch auch klarstellen wie ›cool‹ er war und dass ihm Ermahnungen nichts ausmachten. Im Laufe der Zeit fasste er Vertrauen zu den Erwachsenen und es gelang ihm gegen Ende deutlich besser, die Regeln einzuhalten. Zunehmend Abb. 2: Auswertung von Max [ 9 ] [ 9 ] Welsche, Theil • Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala 1| 2026 positive Erfahrungen seiner Selbstwirksamkeit in den einzelnen Sherborne-Sequenzen im Gegensatz zu negativen, die er zu Beginn in Form störender und provozierender Verhaltensweisen zu suchen schien, wirkten sich sichtlich auf seine Sozialkompetenz und seine Motivation in der Stunde aus. Er blieb mehr bei sich und konnte sich zunehmend auf Paarübungen sowie auf die Regeln und Abläufe der Stunde einlassen und sich besser regulieren. Die Stundenverläufe wurden für dieses Angebot anhand der LOVIPT dokumentiert. In Abb. 2 sieht man die Auswertung zu Max anhand eines Excel Diagramms. Während Max zu Beginn das Beziehungsangebot zu den Erwachsenen eher ablehnte, fällt auf, dass es ihm gelang eine angemessene emotionale Beziehung zu den Pädagog: innen aufzubauen. Zu den Kindern fiel es ihm leichter die Beziehung angemessen zu gestalten. Allerdings zeigte sich in den ersten Stunden, dass es ihm schwerfiel, die Grenzen der anderen zu wahren. Dieses Verhalten reduzierte sich bereits nach wenigen Stunden und es zeigte sich zum Zeitpunkt von T5 ein adäquates Verhalten, das er mit der Ausnahme von T12 konstant halten konnte. Im Bereich Vermögen zur Anpassung und Selbstkontrolle hatte Max zu Beginn große Schwierigkeiten und er wich deutlich von der Nulllinie ab. Es gelang ihm nicht, den vorgegeben Rahmen zu wahren, weshalb es zu Konflikten kam. Er fühlte sich häufig angegriffen, reagierte impulsiv und konnte sich kaum auf das Angebot einlassen. Ab dem siebten Termin wurde eine positive Veränderung sichtbar, die zunächst noch schwankte (zwischen T9 und T12). Es gelang ihm allerdings kontinuierlich, angemessene Verhaltensweisen zu zeigen, was sich auch in der Kurve Situatives Interesse abbildet. Es wird deutlich, dass diese beiden Kurven Parallelen aufweisen und es verwundert nicht, dass mit wachsender Freude und positiven Erlebnissen im Angebot auch die Motivation, sich anzupassen, stieg. Ebenso zeigen sich im Bereich der verbalen Kommunikation Parallelen in den Kurven, jedoch hier im Bereich der +Werte, da er ein ›zu viel‹ dieser Aspekte zeigte. Max neigte dazu, sehr laut zu sprechen und jegliche Regelverstöße zu kommentieren (was sich auch in der Kurve der Expressivität beim Bewegen zeigte). Dieses Verhalten nahm kontinuierlich ab und er zeigte ab T13 ein adäquates Verhalten. Im Bereich Grad der Aktivität zeigt sich ein kontinuierlich hohes Ausmaß, was sich gegen Ende dem adäquaten Verhalten annäherte. Die Verlaufskurve der LOVIPT zeigt, dass sich bei Max in nahezu allen Beobachtungskategorien positive Entwicklungen zeigten. Rückmeldungen aus der Praxis Erfahrungen, sowohl in der KJP, in der Heilpädagogik als auch in Fortbildungsseminaren für Psychomotoriktherapeut: innen zeigen, dass sich die LOVIPT, trotz der ursprünglichen Ausrichtung am Erwachsenenalter, als gut geeignet erweist, um psychomotorisch, bewegungstherapeutisch und heilpädagogisch relevante Aspekte im Bewegungsverhalten und -ausdruck strukturiert zu erfassen. Geschätzt wird an dem Instrument, dass es sowohl Ressourcen und Stärken im Sinne von angemessenem Verhalten (0 Wert in der Skala) als auch Unterstützungsbedarfe abbildet und ■ zur Überprüfung und Anpassung von Förderzielen, ■ zur Reflexion und Überprüfung eigener subjektiver Eindrücke, ■ als Grundlage für Zwischen- und Abschlussberichte ■ und zum Austausch mit Kolleg: innen herangezogen werden kann. Beide Skalen (LOVIPT-A und -S) wurden als hilfreich eingeschätzt, um zu verstehen, welche Beobachtungen zu welcher Kategorie gehören, auch wenn das Wording z. T. als unpassend, zu klinisch und zu bewertend wahrgenommen wurde. In der Arbeit mit Studierenden der Heilpädagogik, die die LOVIPT in der studienintegrierten Praxis nutzen, zeigt sich, dass es etwas Zeit braucht, um die Kategorien zu verstehen, insbesondere dann, wenn die Studierenden über wenig Expertise im Kontext [ 10 ] 1| 2026 Forum Psychomotorik Bewegung / Bewegungsdiagnostik verfügen. Anfangs fällt es manchen zudem schwer, die Kinder oder Jugendlichen anhand der Skalenwerte von −3 bis +3 zu ›bewerten‹. Mit Gewöhnung an diese Form der Verhaltensbeschreibung und etwas Übung wird die LOVIPT als hilfreiches Instrument empfunden. Originalaussagen von Studierenden der Heilpädagogik »Ermöglicht einen relativ detaillierten und umfassenden Überblick über die Entwicklung der Kinder.« »Spannend, die Fortschritte der Kinder in einer Tabelle visualisiert zu sehen. Es gab mir eine andere Perspektive auf ihre Entwicklung.« »Hilfreich, um die Entwicklung der Kinder im Verlauf der Förderung differenziert beurteilen zu können.« »Die Möglichkeit jede Kategorie noch einmal einzeln grafisch betrachten zu können, half sehr, um Ordnung in den Gesamteindruck zu bekommen.« Rückmeldungen von psychomotorischen Fachkräften, die die LOVIPT im Rahmen einer Fortbildung kennengelernt und ausprobiert haben, zeigen, dass das Instrument als praxistauglich und gewinnbringend eingeschätzt wurde. Die Kategorien waren für die Bewegungsfachkräfte leicht verständlich. Hervorgehoben wurde, dass mit der LOVIPT nun gezielt und strukturiert Bewegungsverhalten und -ausdruck dokumentiert werden kann, was bislang mittels freier Beobachtung eher subjektiv und wenig systematisch beschrieben wurde. Kritisch wurde angemerkt, dass für den Einsatz in der psychomotorischen Arbeit mit Kindern motorische Fähigkeiten nicht ausreichend berücksichtig werden. Es entstanden Überlegungen, den LOVIPT Beobachtungsbogen für den individuellen Gebrauch den eigenen Bedarfen anzupassen, indem zusätzliche Beobachtungskategorien, ähnlich dem Platzhalter zu ›Anmerkungen / Besonderheiten‹, ergänzt werden. Originalaussagen von Psychomotoriktherapeut: innen »hat man den Dreh raus, ist er sehr einfach und auch zeitsparend einzusetzen« »bereichert und schärft die eigene Wahrnehmung und Reflexion sehr« »Tendenzen werden schnell sichtbar« »Ich nutze Diagramme vor Gesprächen und sehe darin wichtige Aussagen über die von mir eingeschätzte Entwicklung. Veränderungen oder eben vielleicht auch keine Veränderung. Es zeigt auch kleine Veränderungen an, was auch wieder super ist, da es vielleicht zeigt, was aktuell gerade passiert.« »Es macht den Verlauf sichtbar und das finde ich auch für mich selber als Bestätigung der Arbeit total wertvoll, stärkt die Vertretung gegenüber außen! « Ausblick Die LOVIPT hat sich, trotz der Ausrichtung am Handlungsfeld der PMT in der Erwachsenenpsychiatrie, für den Einsatz in der heilpädagogischen und psychomotorischen Praxis mit Kindern und Jugendlichen als praktikabel, hilfreich und für die Bewegungsdiagnostik bereichernd erwiesen. Gleichwohl erscheint das Wording in den Skalen A und S an vielen Stellen nicht passend und möglicherweise sind einzelne Kategorien für die Altersgruppe weniger relevant, während andere ergänzt werden könnten. Die Bearbeitung einer Anpassung des Instrumentes an das Handlungsfeld Psychomotorik/ Motologie und Heilpädagogik sowie an die Lebenspanne Kindheit ist aktuell Thema eines Forschungsprojektes an der KH Freiburg. Literatur Hölter, G. (2011): Bewegungstherapie bei Psychischen Erkrankungen. Grundlagen und Anwendung. Deutscher Ärzte-Verlag, Köln Hölter, G. (1989): Qualitative Bewegungsanalysen in der Motodiagnostik von psychisch kranken Erwachsenen. motorik 12 (1), 9-18 [ 11 ] [ 11 ] Welsche, Theil • Interventionen mit der Leuvener Beobachtungsskala 1| 2026 LOVIPT Manual (o. J.) In: www.researchgate.net/ publication / 389872636_Manual_und_Informationen_zur_Leuvener_Beobachtungsskala_LOVIPT_ Simons_et_al, 27.03.2025 Simons, J., Van Coppenolle, H., Pierloot, R., Wauters, M. (1989): Zielgerichtete Beobachtung des Bewegungsverhaltens in der Psychiatrie. motorik 12 (2), 66-71 Welsche, M. (2018): Beziehungsorientierte Bewegungspädagogik. Ernst Reinhardt, München Welsche, M., Romer, G. (2005): Qualitative Bewegungsbeobachtung in der erlebnis- und bewegungspädagogischen Gruppenarbeit mit Jugendlichen im psychiatrisch klinischen Setting. Bewegungstherapie und Gesundheitssport 21 (5), 206-214, https: / / doi.org / 10.1055 / s-2005- 872490 Welsche, M., Romer, G., Rosenthal, S. (2005): Bewegungsdiagnostik und bewegungstherapeutische Professionalisierung in der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie. Bewegungstherapie und Gesundheitssport 21 (5), 199-205, https: / / doi. org / 10.1055 / s-2005-872489 Welsche, M., Schäffle, L. (2016): ›Ringen und Raufen‹ für Jugendliche mit einer geistigen Behinderung, Auswirkungen auf die Ich- und Sozialkompetenz. In: Meyer, M. (Hrsg.): Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre 2015. Feldhaus, Edition Czwalina, Hamburg, 134-143 Die Schriftleitung und der Verlag freuen sich über Ihr Feedback zu diesem Artikel unter journals@reinhardt-verlag.de Die Autorinnen Prof.in Dr. Mone Welsche Professorin für Entwicklungsförderung im Kindes- und Jugendalter an der Katholischen Hochschule Freiburg, Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt zu bewegungs- und sportorientierten Methoden in der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit Franziska Theil M. A. Klinische Heilpädagogik, Tanz- und Bewegungspädagogin, Lehrbeauftragte an der Katholischen Hochschule Freiburg, Heilpädagogin in der Frühförderung. Anschrift Prof.in Dr. Mone Welsche Katholische Hochschule Freiburg Karlstrasse 61 79104 Freiburg mone.welsche@kh-freiburg.de franziska.theil.hp@web.de a w Psychomotorik autismussensibel gestalten Die wachsende Anzahl von Kindern mit Autismus stellt auch psychomotorische Fachkräfte vor große Herausforderungen: Welchen Beitrag kann die Psychomotorik bei Kindern mit Autismus leisten? Wie können sie von einem psychomotorischen Setting profitieren und welche Rahmenbedingungen müssen dafür geschaffen werden? Im Mittelpunkt steht die Gestaltung der psychomotorischen Praxis mit dem Fokus auf die Besonderheiten bei Kindern mit Autismus. Es werden sowohl bewährte Methoden und Ansätze aus dem aktuellen Fachdiskurs dargestellt und für psychomotorische Spiel- und Bewegungsanlässe adaptiert als auch spezifische psychomotorische Interventionen vorgestellt. Mit Onlinematerial. (psychomotorische praxis) 2024. 191 Seiten. 44 Abb. 5 Tab. (978-3-497-03209-9) kt