Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art03d
7_049_2026_1/7_049_2026_1.pdf11
2026
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Forum Psychomotorik: Hochfrequente leibliche Mikrophänomene und Stimme - Perspektiven empirischer Motologie
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Ulf Henrik Göhle
Silke Rüdinger
Die Motologie steht vor der Aufgabe, ihre phänomenologische Tiefe mit empirischer Forschung zu verbinden. Der Beitrag entwickelt einen Forschungsansatz zu hochfrequenten leiblichen Mikrophänomenen - kleinste Veränderungen in Bewegung, Haltung und Stimme -, die zentrale Bedeutung für Selbstregulation, Interaffektivität und Zwischenleiblichkeit haben. Theoretisch stützt sich der Ansatz auf Embodiment-Forschung, dem Konzept der Supervenienz und Fuchs’ Modell zirkulärer Kausalität. Am Beispiel der Stimme in der Schauspielausbildung wird gezeigt, wie Top-down- und Bottom-up-Prozesse ineinandergreifen. Damit eröffnet der Beitrag eine Perspektive auf eine empirische Motologie, die phänomenologische Sensibilität und technologische Präzision verschränkt.
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Zusammenfassung / Abstract Die Motologie steht vor der Aufgabe, ihre phänomenologische Tiefe mit empirischer Forschung zu verbinden. Der Beitrag entwickelt einen Forschungsansatz zu hochfrequenten leiblichen Mikrophänomenen-- kleinste Veränderungen in Bewegung, Haltung und Stimme -, die zentrale Bedeutung für Selbstregulation, Interaffektivität und Zwischenleiblichkeit haben. Theoretisch stützt sich der Ansatz auf Embodiment-Forschung, dem Konzept der Supervenienz und Fuchs’ Modell zirkulärer Kausalität. Am Beispiel der Stimme in der Schauspielausbildung wird gezeigt, wie Top-down- und Bottom-up-Prozesse ineinandergreifen. Damit eröffnet der Beitrag eine Perspektive auf eine empirische Motologie, die phänomenologische Sensibilität und technologische Präzision verschränkt. Schlüsselbegriffe: Motologie, Leib, Mikrophänomene, Embodiment, Supervenienz, Stimme High-frequency embodied micro-phenomena and voice-- towards an empirical Motology Motology faces the challenge of integrating its phenomenological depth with empirical research. This article outlines a framework focusing on high-frequency embodied micro-phenomena-- subtle changes in movement, posture, and voice-- that are central to self-regulation, interaffectivity, and interbodily resonance. The approach builds on embodiment theory, the concept of supervenience, and Fuchs’ model of circular causality. Using the voice in actor training as an example, it illustrates how top-down and bottom-up processes interrelate. The paper argues for an empirical motology that bridges phenomenological sensitivity with technological precision. Keywords: motology, lived body, micro-phenomena, supervenience, embodiment, voice [ 12 ] 1| 2026 motorik, 49. Jg., 12-17, DOI 10.2378 / mot2026.art03d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Hochfrequente leibliche Mikrophänomene und Stimme-- Perspektiven empirischer Motologie Ulf Henrik Göhle, Silke Rüdinger Empirische Neuorientierung der Motologie Die Motologie widmete sich in den letzten Jahren fast ausschließlich komplexer geisteswissenschaftlicher Forschungen. Diese Methodik hat den Vorzug, die vielen Puzzleteile verschiedener Fachdisziplinen in metatheoretische Modelle zu überführen und damit Fundamente zu liefern auf denen dann eine theoriegeleitete Praxis fußen kann. Beispiele hierfür sind der sinnverstehende Ansatz nach Seewald (Seewald 1992 / 2007), sowie der Gewaltprävention nach Jessel (2010 / 2013) oder der Organisations- und Gesundheitsberatung (Schache 2009; Göhle 2019; Berg 2020). Die kleinteilige empirische Forschung ist jedoch dabei notwendig vernachlässigt worden, auch aufgrund fehlender Ressourcen. Dies birgt aber die Gefahr, dass zentrale Anliegen der Motologie von anderen Wissenschaftsfeldern übernommen werden, ohne ihre phänomenologischleibliche Tiefe angemessen zu würdigen. Die Vermischung der Begriffe Motologie und Psychomotorik, die zu oft in einem Atemzug genannt werden, hat die als kleines Fach anerkannte Disziplin weiter unter Zugzwang gesetzt, Trennschärfen einzuführen, zumal auch die akademische Psychomotorik Bezug nehmend auf so angestammte Themen wie Inklusion in ihren theoretischen Fundamenten und empirischen [ 13 ] Göhle, Rüdinger • Hochfrequente leibliche Mikrophänomene und Stimme 1| 2026 Belegen zu Recht sehr kritisch betrachtet worden ist (Giese 2023). Diesbezüglich schlagen wir einen Forschungsansatz vor, der das Anliegen einer leibzentrierten, empirisch fundierten Motologie verfolgt: Im Fokus stehen hochfrequente Mikrophänomene der Bewegung, Haltung und Stimme, die als Ausdrucks- und Regulationsformen selbst- und zwischenleiblicher Prozesse fungieren. Durch die Integration quantitativer Messdaten mit qualitativen und phänomenologischen Zugängen möchten wir einerseits neue Erkenntnisse gewinnen und andererseits vermeiden, dass eine neue Form des Szientismus das Feld vereinnahmt. Die hier nur kurz skizzierten theoretischen Bezüge ergeben sich aus den besonderen erkenntnistheoretischen Herausforderungen einer empirischen Motologie. Embodiment-Theorien ermöglichen eine internationale Anschlussfähigkeit und betonen die Eigenbedeutung des Leibes jenseits reduktionistischer Modelle. Das philosophische Konzept der Supervenienz adressiert das Verhältnis von Mikro- und Makroebene und verdeutlicht, warum leibliche Mikrophänomene nicht monokausal erklärbar sind. Schließlich bietet die Unterscheidung von Prozess und Struktur ein theoretisches Raster, um hochfrequente Veränderungen im Längsschnitt zu betrachten. Gemeinsam bilden diese Ansätze erkenntnistheoretisch Ergänzungen bestehender motologischer Theorien, die sowohl die phänomenologische Tiefe als auch die empirische Erfassbarkeit leiblicher Mikrophänomene trägt. Embodiment, zirkuläre Kausalität und das Problem der Supervenienz Die Motologie versteht sich als Wissenschaft der menschlichen Bewegung und Wahrnehmung sowie damit verbundenen Leiblichkeit, als subjektiv erfahrbare, intersubjektiv wirksame und kulturell geprägte Dimension menschlichen Daseins. Die Reichhaltigkeit dieser vor- und außersprachlichen Informationen fordert den Blick dabei auf Mikrobewegungen und hochfrequente leibliche Regungen zu richten, die oft unterhalb der bewussten Wahrnehmungsschwelle liegen, aber für zwischenmenschliche Koordination, emotionale Resonanz und Selbstregulation von zentraler Bedeutung zu sein scheinen (Trevarthen / Aitken 2001; McGowan / Delafield-Butt 2022). Diese Mikrophänomene-- etwa ein kaum sichtbares Innehalten, eine minimale Muskelanspannung, eine Veränderung im Atemrhythmus oder ein kaum hörbarer Stimmbruch- - stellen, so vermuten wir, Verdichtungen leiblicher Prozesse dar, in denen sich Affekte, Aufmerksamkeit, Intention und Beziehungssinn womöglich sogar die Einzigartigkeit der Person konkretisieren. Der Begriff der Zwischenleiblichkeit erhält in diesem Zusammenhang besondere Relevanz. Zwischenleiblichkeit beschreibt das Geschehen zwischen zwei oder mehreren Menschen, in dem sich nicht nur Bewegung synchronisiert, sondern überhaupt unser Wahrnehmen und leiblich geteiltes Verstehen entsteht (Fuchs 2020, 149 f ). In der Beobachtung und Analyse dieser Phänomene sehen wir eine zentrale Aufgabe empirischer motologischer Forschung. Der Versuch, leibliche Mikrophänomene empirisch zu erfassen, stellt nicht nur eine methodische, sondern vor allem eine erkenntnistheoretische Herausforderung dar. Für eine tragfähige motologische Forschungsperspektive erscheinen folgende Gedanken und Theoriebezüge zusätzlich zu etablierten Ansätzen der Motologie als vielversprechend: Embodiment hat das 4E-Modell entwickelt: Embodied (verkörpert), Embedded (eingebettet), Enactive (enaktiv) und Extended (erweitert) (Tschacher / Bannwart 2021). Für die Anschlussfähigkeit an die Motologie ist dabei entscheidend, dass leibliches Erleben nicht bloßer »Input« für psychische Prozesse ist, sondern selbst Quelle von Bedeutung und Ausdruck. Führender Vertreter der Embodiment-Forschung ist Thomas Fuchs. Ohne hier die Möglichkeit zu haben in den Rahmen dieses Welche körperlichen Mikrophänomene sind (zwischen-)leibliche Verdichtungen? [ 14 ] 1| 2026 Forum Psychomotorik Forumsbeitrags Fuchs’ Modell angemessen besprechen können, lässt sich jedoch kurz zeigen, dass sein Konzept der horizontalen und vertikalen zirkulären Kausalität u. a. eine differenzierte Beschreibung der Beziehungen zwischen (neuro-)physiologischer Dynamik und leiblichsinnhafter Erfahrung liefert (Fuchs 2023, 87 f ). Auf der horizontalen Ebene beschreibt er, wie sich subjektive Erfahrung und soziale Interaktion dynamisch gegenseitig formen und in kontinuierlicher Rückkopplung aufeinander wirken. Diese Ebene betont auch, dass wir Geist, Körper und Soziales Umfeld nicht hinreichend verstehen werden, wenn wir sie isoliert betrachten. Die vertikale Kausalität betont dagegen das Verhältnis zwischen niedrigeren Ebenen (z. B. Hormone) und höheren Ebenen (z. B. leiblich-sinnhafter Erfahrung, soziale Beziehungen): Hier geht es um die Frage, wie Bedeutungen, Affekte und kulturelle Praktiken einerseits durch Bottom-up-Prozesse (z. B. sensorische, vegetative und motorische Aktivität) ermöglicht werden und andererseits durch Top-down-Prozesse (z. B. Sprachstrukturen, Texte, soziale Erwartungen) mikro-leibliche Phänomene modulieren können. Damit liefert Fuchs’ Ansatz ein theoretisches Fundament, um hochfrequente Mikrophänomene wie Stimme, Atem oder Haltungsveränderungen gleichzeitig als Ausdruck und Prozess zu verstehen- - als Schnittstelle zwischen Physiologie, subjektivem Erleben und kulturellem Kontext. Für die hier nur grob skizzierte motologische Forschung ist insbesondere die vertikale Kausalität von Interesse- - also die Frage, wie sich Bedeutung im Vollzug verkörpert, ohne auf z. B. neuronale Prozesse reduziert zu werden. In diesem Zusammenhang ist vor allem die »Top- Down-Kausalität« von besonderem Interesse, d. h.: inwiefern komplexe Prozesse sich (wie z. B. das Sprechen von Shakespeare-Texten) auf Mikrophänomene auswirken? Wirkt die Emotionalität des Textes bis tief in unsere Physiologie? Besonders relevant für die empirische Motologie ist dabei Fuchs’ Hinweis auf die zeitliche Differenz- - er nennt es »diachrone Zirkularität von Prozess und Struktur« (Fuchs 2023, 97): Während Prozesse in der Gegenwart ablaufen, hochfrequent und situativ, repräsentieren Strukturen die sedimentierten Ergebnisse vergangener Erfahrungen und bilden (zunehmend) den Rahmen zukünftiger Prozesse. Diese Unterscheidung von Prozess und Struktur hatte bereits Niklas Luhmann aufgezeigt (Luhmann 1984, 73 f ) und bildet für den hier umrissenen Forschungsansatz einen sehr wichtigen Hinweis: Es erscheint daher vielversprechend vor allem längsschnittige Beobachtungen von Einzelfallstudien zu verfolgen, denn dort können wir die hochfrequenten Mikrophänomene in ihrem Verlauf beobachten und Rückschlüsse über mögliche stabile Strukturen ziehen. Wie verändert sich z. B. die Herzfrequenzvariabilität, die Körperhaltung und der Klang der Stimme beim Sprechen von Texten. Dazu eignen sich Studien an Schauspielstudierenden besonders, da sie (u. a. klassische) Texte rezipieren und im Verlauf ihrer mehrjährigen Ausbildung diese immer stärker mit Ausdruckskraft, Authentizität und Emotionalität füllen, während sie sich selbst als Menschen weiterentwickeln. Es bleibt aber die Problematik der Supervenienz (Hoyningen-Huene 2009, 180), die einfach ausgedrückt folgendes beschreibt: komplexere Phänomene gehen aus niedrigen komplexen Bausteinen hervor. Das Verhältnis ist aber asymmetrisch: ändert sich die komplexe Ebene, müssen sich die Bestandteile der niedrig komplexen Ebene, aus denen diese zusammengesetzt ist, ändern, das leuchtet ein. Aber: ändern sich die niedrig komplexen Bausteine, kann sich die höhere Ebene ändern, muss es aber nicht, daher sind komplexere Zustände prinzipiell mehrfach-realisierbar. Fuchs greift dieses Problem indirekt auf, indem er hervorhebt, dass höhere Prozesse als »formierende oder organisierende Kausalität« (2020, 89) wirken, sie ermöglichen bestimmte Konfigurationen ihrer eigenen Bausteine. Diese Erkenntnis schützt vor einem naiven Szientismus, wie z. B. dass Oxytocin das »Bindungshormon« bekannt geworden ist. Dabei Hochfrequente Mikrophänomene werden gleichzeitig als Ausdruck und Prozess verstanden. [ 15 ] [ 15 ] Göhle, Rüdinger • Hochfrequente leibliche Mikrophänomene und Stimme 1| 2026 kann ein Hormon selbst keine Bindung verursachen, es ist lediglich ein Baustein, der zusammen mit sehr vielen anderen Komponenten bei der Ausprägung von sozialer Bindung eine Rolle spielt, es kann aber in anderen Kontexten sogar Aggression fördern (Fuchs 2023, 88), wie dies mittlerweile von vielen Studien dokumentiert wurde (u. a. Bartz et al. 2011; DeWall et al. 2014; Oliveira et al. 2021). Dieser erkenntnistheoretische Hintergrund zeigt wiederum, dass wir die quantitative, qualitative und hermeneutische Perspektive verschränken müssen, um eine empirische Motologie erfolgreich zu betreiben. Wie dies im Detail ausgearbeitet werden kann, ist bereits Teil des nun anlaufenden Projekts. Die Stimme als Mikrophänomen leiblicher Selbst- und Fremdregulation Die menschliche Stimme ist ein komplexes Ausdrucksmedium, das zwischen physiologischer Funktion, psychischer Resonanz und sozialer Kommunikation vermittelt. Ihre Besonderheit liegt darin, dass sie gleichermaßen tief im Körper verankert ist und zugleich nach außen wirkt-- oft bereits, bevor ein bewusst formulierter Inhalt transportiert wird. In der Stimme erscheint der Leib auf einzigartige Weise: atmend, schwingend, tastend, zögernd, durchlässig oder blockiert. Die Stimme ist damit ein Paradebeispiel für das, was wir als leibliches Mikrophänomen bezeichnen: eine hochfeine, multimodale Ausdrucksform, die stimmlich wie bewegungsmäßig kleinste Schwankungen in Stimmung, Beziehung, Intention oder Resonanz abbildet- - und oft auch beeinflusst. Dass Stimmphänomene nicht monokausal zu erklären sind, sondern stets in komplexen Verflechtungen leiblicher, psychischer, sozialer und zeitlicher Dimensionen stehen, stellte zum Beispiel Marianne Spieker Henke (1997) in ihrem Konzept einer interaktionalen und integrativen Stimmtherapie dar. Besonders deutlich wird diese Mehrschichtigkeit auch in der Schauspielausbildung, wo Stimme in enger Verschränkung mit Text gearbeitet wird. Ein Beispiel hierfür sind die von Kristin Linklater entwickelten Übungen (Linklater 1992 / 2010 / 2019). Sie verbindet bspw. eine Sequenz Konsonanten und Vokale mit unterschiedlichen Körperregionen, sodass beim Durchlaufen einer »Resonanzleiter« Stimme, Bewegung, Empfindungen und Text in Wechselwirkung treten. Stimme als Forschungsfenster für Supervenienz Die Stimme eignet sich daher exemplarisch, um das Problem der Supervenienz in empirischer Motologie zu verdeutlichen: komplexere Ebenen wie die ästhetische Wirkung von Texten sind auf niedere Bausteine (Atem, Phonation, Artikulation) angewiesen. Verändert sich diese, müssen sich diese Bausteine mitverändern; umgekehrt führt eine Veränderung auf basaler Ebene nicht zwangsläufig zu einem anderen Gesamtausdruck. Damit wird Stimme zum lebendigen Beispiel für die Mehrfachrealisierbarkeit komplexer Phänomene- - und für die Notwendigkeit, Prozess- und Strukturebene empirisch wie phänomenologisch zugleich in den Blick zu nehmen. Die Verbindung von theoretischer Modellierung und praktischer Stimmpraxis eröffnet so ein Forschungsfeld, in dem hochfrequente leibliche Mikrophänomene nicht nur abstrahiert beschrieben, sondern in situ erlebt, gemessen und reflektiert werden können. Dabei sind kontrollierte Settings des Unterrichts im Schauspiel womöglich ideal um quasi-experimentell erste Forschungsfragen anzugehen. Genau darin liegt das Potenzial einer empirischen Motologie, die phänomenologische Tiefe mit technologischer Präzision zu verschränken sucht. Relevanz des Vorhabens Warum richten wir unseren Blick auf kleinste leibliche Komponenten? Der Grund liegt in der doppelten Einsicht der Supervenienz: Einerseits kön- Die Stimme am Schnittpunkt von Top-down- und Bottom-up-Kausalität. [ 16 ] 1| 2026 Forum Psychomotorik nen höhere Zustände- - wie etwa stimmlicher Ausdruck, Affektqualität oder Beziehungsdynamik- - auf unterschiedliche Weise realisiert werden. Dies erschwert ihre Vorhersagbarkeit. Andererseits wird zugleich deutlich, dass bestimmte elementare Prozesse unverzichtbar sind, um höhere Phänomene überhaupt hervorzubringen. Gerade in dieser Spannung zwischen Mehrfachrealisierbarkeit und elementarer Notwendigkeit liegt der Schlüssel für eine empirische Motologie: Sie kann nicht das Geheimnis des Lebens auflösen, wohl aber zeigen, welche mikroleiblichen Signale unverzichtbar zur Entstehung bestimmter Ausdrucks- und Beziehungsgeschehen beitragen. Ein klinisch relevantes Beispiel verdeutlicht dies: In der Suizidforschung ist bekannt (u. a. Bloch-Elkouby et al. 2023), dass Menschen in einer finalen Entschlusslage oft nach außen hin ruhig und unauffällig wirken- - sie tun alles, um ihr Vorhaben zu verbergen. Klassische Beobachtung oder Selbstberichte greifen hier oft zu kurz. Eine leibbasierte Diagnostik, die hochfrequente Mikrophänomene erfasst, könnte jedoch subtil erhöhte Stresslevel oder feinste Anzeichen vegetativer Dysregulation sichtbar machen- - selbst, wenn diese bewusst kaschiert werden. In der Zukunft könnten so Warnsignale identifiziert und gerade in vulnerablen klinischen Kontexten präzisere Hilfen ermöglicht werden. Fazit und Ausblick Mit diesem Beitrag möchten wir einen Impuls zur theoretischen und methodischen Weiterentwicklung der Motologie geben. Im Zentrum steht die Idee einer empirischen Motologie, die das leiblich-subtile Geschehen methodisch trianguliert und dabei eine Balance findet zwischen phänomenologischer Tiefe und technologischer Präzision. Beim vorgeschlagenen Zugang zu hochfrequenten Mikrophänomenen geht es nicht um Messung um der Messung willen, sondern um ein durch empirische Puzzleteile weiter gestütztes Verstehen des gelebten Leibes in seiner Bedeutung für Lernen, Entwicklung, Ausdruck und Therapie. Literatur Bartz, J. A., Zaki, J., Bolger, N., Ochsner, K. N. (2011): Social effects of oxytocin in humans: Context and person matter. Trends in Cognitive Sciences 15(7), 301-309, https: / / doi.org / 10.1016 / j. tics.2011.05.002 Berg, S. (2020): Motologisch orientierte Gesundheitsförderung in Organisationen- - dargestellt am Beispiel eines Orchesters. Dissertation Marburg Universität, Marburg, https: / / doi. org / 10.17192 / z2020.0223 Bloch-Elkouby, S., Zilcha-Mano, S., Rogers, M. L., Park, J. Y., Manlongat, K., Krumerman, M., Galynker, I. (2023): Who are the patients who deny suicidal intent? Exploring characteristics associated with self-disclosure and denial of suicidal ideation. Acta Psychiatrica Scandinavica 147(2), 205-216, https: / / doi.org / 10.1111 / acps.13511 DeWall, C. N., Gillath, O., Pressman, S. D., Black, L. L., Bartz, J. A., Moskovitz, J., Stetler, D. A. (2014): When the love hormone leads to violence: Oxytocin increases intimate partner violence inclinations among high trait aggressive people. Social Psychological and Personality Science, 5(6), 691- 697, https: / / doi.org / 10.1177 / 1948550613516876 Fuchs, T. (2020): Verteidigung des Menschen-- Grundfragen einer verkörperten Anthropologie. Suhrkamp Verlag, Berlin Fuchs, T. (2023): Psychiatrie als Beziehungsmedizin-- Ein ökologisches Paradigma.Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart, https: / / doi.org / 10.17433 / 978-3- 17-036846-0 Giese, M. (2023): Psychomotorische Behinderungen des Körpers? Eine sportpädagogische Heuristik aus einer ableismkritischen Perspektive. motorik 46(4), 187-192, http: / / doi.org / 10.2378 / mot2023. art35d Göhle, U. H. (2019): Die sozial-integrative Komplexität von Gesundheit-- Perspektiven einer motologischen Gesundheitsförderung in Unternehmen. Verlag Dr. Jacobs, Lage Hoyningen-Huene, P. (2009): Reduktion und Emergenz. In: Bartels, A. 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Prof. Silke Rüdinger ist seit 2015 Professorin für Sprechen im Ausbildungsbereich Schauspiel an der HfMDK Frankfurt a. M. Zuvor war sie langjährig als Logopädin und Lehrlogopädin tätig, mit dem Schwerpunkt auf Diagnostik und Therapie von Stimmerkrankungen. Anschrift Uni.-Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle Institut für Sportwissenschaft und Motologie Barfüßerstraße 1a 35037 Marburg henrik.goehle@uni-marburg.de © Kristin Bucher a w Den eigenen Körper annehmen Wie fühle ich mich in meinem Körper? Diese Frage ist für Patient: innen mit Essstörungen schwierig. Impulse für die Körperbild-Arbeit mit allen Altersgruppen gibt dieses Manual. Verhaltenstherapie und Bewegungstherapie bei psychischen Erkrankungen werden mit Improvisationstheater verbunden. So bringen kreative Elemente Schwung und Leichtigkeit in die Therapie. Vielfältige emotionsaktivierende Übungen bilden die Grundlage für die ganzheitliche Auseinandersetzung mit Gefühlen, insbesondere Scham und Unsicherheit sowie Kontrollbedürfnisse. 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