Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art06d
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Insight: Erfahrungs- und handlungsorientiertes Lernen an der Hochschule Niederrhein
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Aida Kopic
Mein Arbeitgeber ist die Hochschule Niederrhein. Mit 78 Bachelor- und 34 Masterstudiengängen in zehn Fachbereichen deckt sie ein breites Fachspektrum ab und bereitet junge Menschen für die Berufswelt von morgen vor. Die Hochschule Niederrhein versteht sich »als Ort des lebensbegleitenden Lernens« (HSNR 2022, 1). Lehrende unterstützen Studierende dabei, »ihre Persönlichkeit im Sinne gemeinsinnorientierter Handlungsfähigkeit auszubilden« (HSNR 2022, 1).
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[ 34 ] 1| 2026 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis [ INSIGHT-- ERFAHRUNGEN AUS DER PRAXIS ] Erfahrungs- und handlungsorientiertes Lernen an der Hochschule Niederrhein Aida Kopic Mein Setting Mein Arbeitgeber ist die Hochschule Niederrhein. Mit 78 Bachelor- und 34 Masterstudiengängen in zehn Fachbereichen deckt sie ein breites Fachspektrum ab und bereitet junge Menschen für die Berufswelt von morgen vor. Die Hochschule Niederrhein versteht sich »als Ort des lebensbegleitenden Lernens« (HSNR 2022, 1). Lehrende unterstützen Studierende dabei, »ihre Persönlichkeit im Sinne gemeinsinnorientierter Handlungsfähigkeit auszubilden« (HSNR 2022, 1). Meine Zielgruppe sind Studierende, junge Menschen im frühen Erwachsenenalter. Die Studierenden finden ihren Weg zur Hochschule in der Regel direkt nach dem Abitur und sind bei Antritt eines Bachelorstudienganges ca. 18-19 Jahre alt. Damit sind sie volljährig und im juristischen Sinne »erwachsen« und für die eigenen Handlungen voll verantwortlich (Faltermaier 2014, 85). Gleichzeitig befinden sie sich aber noch im Übergangsprozess »vom Status des Lernenden, Unselbstständigen und Unmündigen zum Status des Selbstständigen, Mündigen und Ausgebildeten« (Faltermaier 2014, 85). Aus entwicklungspsychologischer Perspektive stellt das Studium also eine prägende / persönlichkeitsbildende Entwicklungsphase in der Biografie dar und bedarf besonderer Aufmerksamkeit. Gefordert ist ein Setting, in welchem die Persönlichkeit der jungen Menschen noch reifen darf, sie ihre berufliche Rolle in der Gesellschaft und ihre Handlungsfähigkeit erproben und in ihr Selbstbild integrieren können. Mein Berufsalltag Ich bin an der Hochschule Niederrhein als Lehrkraft für besondere Aufgaben (LfbA) am Fachbereich Sozialwesen tätig. Als LfbA ist es meine primäre Aufgabe, Studierende durch anwendungsbezogene und wissenschaftlich fundierte Lehre, praxisnah und forschungsorientiert auf ihre berufliche Tätigkeit vorzubereiten (HSNR 2022, 2). Meine Lehre erfolgt primär im Bachelorstudiengang »Kindheitspädagogik- - Bildung durch Bewegung«. Hier begleite ich je Jahrgang ca. 60 Studierende während ihres Professionalisierungsprozesses in einer dreijährigen Studienphase. Als Dipl. Heilpädagogin mit Zusatzqualifikationen in den Bereichen Psychomotorik und Erlebnispädagogik sehe ich meine Rolle- - ganz im Sinne der Persönlichkeitsentwicklung- - als Lernbegleiterin und Coach auf dem Weg zur Selbstständigkeit, Mündigkeit und professionellen Handlungskompetenz der Studierenden. Spezifika meiner psychomotorischen Arbeit sind die Gestaltung handlungs- und erfahrungsorientierter Lehr-Lern-Settings sowie die Bereitstellung von geschützten Reflexionsräumen, um eine ganzheitliche Kompetenzentwicklung zu initiieren und zu begleiten. Da sich Kompetenzen erst im Handlungsvollzug auf performativer Ebene zeigen, liegt der Fokus auf Lehr-Lern-Konzepten, bei welchen eine enge Verzahnung aus wissenschaftsfundierter Theorie (Input), nachhaltiger Selbsterfahrung, konkreten Anwendungsmöglichkeiten und hohen Reflexionsanteilen im Vordergrund stehen (ISAR) (Krus 2018, 33 ff ). Exemplarisch möchte ich hier das »Service Learning Projekt- - Psychomotorische Förderung« (Krus / Pla 2016) beschreiben. Im Rahmen von Service Learning Projekten (SLP) wird gesellschaftliches Engagement (»Service«) mit hochschulischem Lernen (»Learning«) verknüpft (Seifert/ Zentner 2013). Das Konzept bietet den Studierenden aufgrund der engen Verzahnung von Theorie und Praxis die Möglichkeit des unmittelbaren Transfers und der Reflexion fachbezogener theoretischer Inhalte in die Praxis und unterstützt zugleich die Entwicklung von professioneller Handlungskompetenz. Gleichzeitig gewährt [ 35 ] Insight-- Erfahrungen aus der Praxis 1| 2026 das Konzept regionalen Praxispartnern aus den Bereichen Soziales und Bildung eine Dienstleistung, die einem echten gesellschaftlichen Bedarf entspricht und bei dem Know-how aus dem Studium in die gemeinnützige Arbeit einfließt. Das SLP ist im Bachelorstudiengang Kindheitspädagogik in ein zweisemestriges Modul zur angewandten Didaktik und Methodik der bewegungsorientierten Bildungsförderung integriert, welchem die Auseinandersetzung mit der Psychomotorik in Theorie und Praxis (Selbsterfahrung) bereits vorausgegangen ist. In Dreiergruppen (Trios) bieten die Studierenden in einem Zeitraum von ca. neun Monaten psychomotorische Fördereinheiten in Arbeitsfeldern der Kindheitspädagogik an. Dabei müssen Sie das theoretische Knowhow zur methodisch-didaktischen Planung eines psychomotorischen Fördersettings aktivieren, sich im Kleinteam über das methodische Vorgehen und ihre jeweilige Rolle austauschen und auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen und schließlich ihre Planung in den direkten Anwendungsbezug bringen. In einem wöchentlich stattfindenden Begleitmodul erhalten die Studierenden nach jeder psychomotorischen Einheit den Raum, ihre konkreten Erfahrungen aus der Praxis zu analysieren und zu reflektieren und die gewonnenen Erkenntnisse in einem zirkulären Prozess in ihrem Handeln neu zu integrieren, zu erproben und mit der Zeit an Selbstsicherheit und -vertrauen in ihrer Rolle als psychomotorische Fachkraft zu gewinnen. Mein theoriegeleiteter Zugang Bei dem skizzierten Lehr-Lern-Szenario stehen das selbstgesteuerte Lernen, die Erfahrungen und Herausforderungen der Studierenden aus der Praxis und damit ihre individuellen Lernbzw. Entwicklungsprozesse im Vordergrund. Die gemachte Erfahrung und das zukünftige Handeln stehen in untrennbarem Zusammenhang zueinander und bilden die Grundlage für den Prozess des Erfahrungslernens (Kolb 1984), welcher hier als theoretisches Modell zugrunde gelegt wird. Lernen wird von Kolb definiert als »the process whereby knowledge is created through the transformation of experience« (Kolb 1984, 38). Der erfahrungsbasierte Lernzyklus umfasst vier zentrale Elemente, die auf das oben beschriebene Lehr-Lern-Szenario transferiert werden können: 1. die konkrete Erfahrung, 2. die reflektierende Beobachtung, 3. die abstrakte Konzeptionalisierung und 4. das aktive Experimentieren. Aus der konkreten Erfahrung werden durch die Analyse / Reflexion neue Erkenntnisse / Konsequenzen für die Praxis abgeleitet und durch erneutes aktives Handeln / Experimentieren erprobt und bilden damit wieder den Ausgangspunkt für neue Erfahrungen (Kolb 1984, 21 ff ). Hierbei ist es mir wichtig, dass die Studierenden sowohl in der Analyse als auch bei der Ableitung von Konsequenzen fachtheoretisches Wissen hinzuziehen und die Generierung »neuen« Wissens auf einem fachlichen Fundament basiert. Damit wird die Analyse und Reflexion nach dem Handlungsvollzug zu einer Kernkomponente professionellen pädagogischen Handelns und eine (forschungs-)methodisch fundierte Praxis- und Selbstreflexionsfähigkeit zum wesentlichen »Motor professioneller Handlungskompetenz« (Fröhlich-Gildhoff et al. 2014, 23). Nur so kann das implizite Handlungswissen auf einer bewussten Ebene explizit gemacht, zum Gegenstand des Nachdenkens werden und unter Berücksichtigung fachwissenschaftlicher Erkenntnisse kritisch hinterfragt und schließlich als reflektiertes Erfahrungswissen in das eigene Handlungsrepertoire integriert bzw. verändert und im Sinne eines forschenden Vorgehens erneut angewendet und überprüft werden (Nentwig-Gesemann 2007). Verstehen sich Studierende als handelnde Subjekte-- und weniger als Konsumenten von Lerninhalten-- erhalten sie eine aktive Rolle und haben Einfluss auf die Gestaltung der eigenen Entwicklung (Fischer 2024, 52). Eigenaktivität wird damit nicht nur bei Kindern zum »Motor der Entwicklung«, sondern findet sich in einer doppelten Didaktik auch in diesem Lehr-Lern-Setting an der Hochschule wieder. In der Begleitung der Studierenden habe ich die Möglichkeit, an verschiedenen Stellen des Zyklus in einen wertschätzenden Dialog zu treten, Entwicklungsschritte wahrzunehmen und zu spiegeln, individuelle kognitiv-reflexive bzw. affektivmotivationale Impulse zu setzen und damit zur kontinuierlichen und ganzheitlichen Kompetenzentwicklung zu ermutigen, welche schließlich in Handlungskompetenz und dem Erleben von Selbstwirksamkeit mündet. Meine Bedeutsamkeit/ Wirksamkeit Das Selbstwirksamkeitserleben der Studierenden wird in den Projekt-Berichten aus ihren Service Learning Projekten zur psychomotorischen Förderung deutlich und spiegeln zeitgleich die Bedeutsamkeit/ Wirksamkeit meiner Arbeit. Nach dem ersten Semester psychomotorischer Förderung in verschiedenen Arbeitsfeldern der Kindheitspädagogik sollten die Studierenden in ihren Trios einen kreativen Text über ihre Praxisphase verfassen. Entstanden sind verschiedene Gedichte, Geschichten und Märchen, die für sich »wirken« und in diesem Heft unter der Rubrik Projektberichte zu finden sind. [ 36 ] 1| 2026 Insight-- Erfahrungen aus der Praxis Literatur Faltermaier, T., Mayring, P., Saup, W., Strehmel. P. (2014): Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters. 3. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart, https: / / doi.org/ 10.17433/ 978-3-17-023908-1 Fischer, K. (2024): Einführung in die Psychomotorik. 5. Aufl. Ernst Reinhardt, München / Basel, https: / / doi.org/ 10.36 198/ 9783838561783 Fröhlich-Gildhoff, K., Nentwig-Gesemann, I., Pietsch, S. (2014): Kompetenzen einschätzen und Feedback kompetenzbasiert formulieren. In: Deutsches Jugendinstitut / Weiterbildungsinitiative Frühpädagogische Fachkräfte (Hrsg.): Kompetenzorientierte Gestaltung von Weiterbildungen. Grundlagen für die Frühpädagogik. München (WiFF Wegweiser Weiterbildung, Band 7), 128-153 HSNR (2022): Leitbild für Lehren und Lernen an der HSNR, unter https: / / www. hs-niederrhein.de/ fileadmin/ dateien/ Hochschulkommunikation/ Profil/ Leitbild_Lehren_und_Lernen_final.pdf (Abgerufen am: 23.05.2025) Krus, A. (2018): Qualifikationsprofil Bewegung für Lehrkräfte. Bewegung lehren und in Bewegung lernen. Springer VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-21353-4 Krus, A., Pla, G. (2016): Psychomotorische Förderung als Service Learning Projekt. motorik 39 (1), 4-10, https: / / doi.org/ 10.2378/ mot2016.art02d Nentwig-Gesemann, I. (2007): Das Konzept des forschenden Lernens im Rahmen der hochschulischen Ausbildung von FrühpädagogInnen. In: Nentwig- Gesemann, I., Fröhlich-Gildhoff, K., Schnadt, P. (Hrsg.): Neue Wege gehen. Entwicklungsfelder der Frühpädagogik. Ernst Reinhardt, München / Basel, 92-101 Seifert, A., Zentner, S. (2013): Service Learning. »Lernen durch Engagement«. Methode, Qualität, Beispiele und ausgewählte Schwerpunkte. Eine Publikation des Netzwerks Lernen durch Engagement. Freudenberg Stiftung, Weinheim Die Autorin Aida Kopic Dipl. Heilpädagogin, Lehrkraft für besondere Aufgaben an der Hochschule Niederrhein am Fachbereich Sozialwesen Kontakt aida.kopic@hs-niederrhein.de DOI 10.2378/ mot2026.art06d Dank an die Fachgutachter: innen Verlag und Schriftleitung bedanken sich ganz herzlich bei folgenden Personen für ihre differenzierten und sorgfältigen Reviews der Artikel, die für die „motorik“ im Zeitraum von September 2024 bis September 2025 eingereicht wurden: Prof.in Dr. Britta Dawal (D) Dr. Annette Degener (D) Dr. Andrea Dincher (D) Dr. Olivia Gasser-Haas (CH) Dr. Richard Hammer (D) Prof. Dr. Holger Jessel (D) Prof.in Dr. Astrid Krus (D) Dr. Fiona Martzy (D) Prof.in Dr. Christina Reichenbach (D) Prof. Dr. Joseph Richter-Mackenstein (D) Prof. Dr. Stefan Schache (D) Prof. Dr. Jörg Lemmer Schmid (D) Prof. Dr. Rolf Schwarz (D) Prof. Dr. Stefan Valkanover (CH) Prof.in Dr. Bettina Wuttig (D)
