Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art07d
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Impulse für die Praxis: Einblicke in die Praxis:
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Nadine Knuchel
Als Bewegungstherapeutin mit Zusatzqualifikationen in Psychomotorik und systemisch-psychomotorischer Familienintervention arbeite ich auf einer fächerübergreifenden Therapiestation der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zusammenarbeit mit der Erwachsenenpsychiatrie (Asklepios Klinik Hamburg Harburg). Hier werden psychisch erkrankte Eltern gemeinsam mit ihren ebenfalls psychisch belasteten sowie behandlungsbedürftigen Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren stationär behandelt. Die Aufenthaltsdauer beträgt in der Regel etwa drei Monate.
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[ 37 ] Impulse für die Praxis 1| 2026 [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Einblicke in die Praxis: Bewegungstherapie und Psychomotorik auf der Therapiestation der Kinder- und Jugendpsychiatrie Nadine Knuchel Als Bewegungstherapeutin mit Zusatzqualifikationen in Psychomotorik und systemisch-psychomotorischer Familienintervention arbeite ich auf einer fächerübergreifenden Therapiestation der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Zusammenarbeit mit der Erwachsenenpsychiatrie (Asklepios Klinik Hamburg Harburg). Hier werden psychisch erkrankte Eltern gemeinsam mit ihren ebenfalls psychisch belasteten sowie behandlungsbedürftigen Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren stationär behandelt. Die Aufenthaltsdauer beträgt in der Regel etwa drei Monate. Ich bin Teil eines multiprofessionellen Teams bestehend aus Ärzt: innen, Psycholog: innen, Fachtherapeut: innen (Bewegungs- und Ergotherapie), pflegerischen und pädagogischen Mitarbeiter: innen aus dem Fachbereich Kinder- und Jugendpsychiatrie und Erwachsenenpsychiatrie. Gemeinsam begleiten wir die Familien ganzheitlich im stationären Alltag. Mein bewegungstherapeutisches Angebot umfasst: Alltagsbegleitung: Viermal wöchentlich begleite ich das gemeinsame Mittagessen, einmal wöchentlich leite ich die Waldaktivitätsgruppe. Eltern-Kind-Einheiten: Wöchentlich arbeite ich mit jeder Familie im Bewegungsraum zur Förderung von Interaktion und Bindung. Jedes Kind erhält ein psychomotorisches Angebot in Kleingruppe oder Einzelsetting. Kinder unter zwei Jahren werden in der Regel von einem Elternteil begleitet. Ausstattung und Arbeit im Psychomotorikraum Der Psychomotorikraum bildet das Herzstück meiner Arbeit. Ein flexibles Schienensystem ermöglicht eine vielfältige Nutzung. Der Raum ist mit Schaukeln, Kletterelementen, Bänken, Bällen und weiteren Materialien ausgestattet. Die Kinder und Eltern werden aktiv in Umgestaltung und Materialauswahl einbezogen und erleben dadurch Selbstwirksamkeit und Mitgestaltung. Bewegungstherapie im psychomotorischen Raum in der Kleingruppe Die psychomotorische Kleingruppe (2-4 Kinder) bietet einen ganzheitlichen Ansatz, der Körper, Wahrnehmung, Erleben und Verhalten als untrennbare Einheit begreift. Alle Abb.: Nadine Knuchel [ 38 ] 1| 2026 Impulse für die Praxis Die Kinder gestalten die Inhalte der Stunde aktiv mit, entscheiden welche Materialien genutzt werden und helfen beim Umgestalten des Raumes. Dabei wird bewusst auf die Förderung von Selbsttätigkeit und Selbstwirksamkeit geachtet. Die Zusammensetzung der Gruppe wird wöchentlich in einer gemeinsamen Teambesprechung abgestimmt und variiert, je nach Therapieverlauf. Ich übernehme eine überwiegend beobachtende, zurückhaltende Rolle und unterstütze gezielt dort, wo es notwendig ist. Es geht darum, Erfahrungsräume zu schaffen, in denen Kinder sich frei entfalten, motorische Herausforderungen annehmen, eigene Grenzen erfahren und soziale Kompetenzen im Miteinander entwickeln können. Das freie Spiel hat dabei eine besondere Bedeutung, da es als zentrale Ausdrucksform des Kindes verstanden wird. Im Spiel zeigen sich Bedürfnisse, Konflikte, Beziehungsthemen und Lösungsstrategien auf unmittelbare und körpernahe Weise. Die Gruppensituation macht es möglich, soziales Lernen auf vielfältige Weise zu erleben: Kooperation, Aushandlung, Frustrationstoleranz, Rücksichtnahme und Grenzsetzung werden hier ganz konkret erfahrbar. Konflikte sind dabei kein Störfaktor, sondern werden als wichtige Entwicklungssignale verstanden, die Aufschluss über innere Themen geben und als Brücke zu weiterführenden Therapieprozessen dienen können-- etwa in den Mutter-Kind-Interaktionseinheiten. Besonders im Bewegungsraum zeigen sich oft neue, ungefilterte Seiten der Kinder, die im Alltag oder im Einzelkontakt nicht sichtbar werden. Bewegungstherapie im psychomotorischen Raum in der Mutter-Kind- Interaktion Die Bewegungstherapie im psychomotorischen Raum bietet einen besonders wertvollen Rahmen für die Arbeit mit Familien, in denen ein Elternteil psychisch erkrankt ist. Der Raum eröffnet durch seine Vielfalt an Materialien und Gestaltungsmöglichkeiten eine körperliche Begegnungsebene, auf der Bindung, Beziehung und Feinfühligkeit direkt erlebt und gestaltet werden können. Im Mittelpunkt steht nicht die Leistung, sondern das gemeinsame Tun: Eltern und Kinder begegnen sich im Spiel, in der Bewegung und über körperliche Nähe. Dabei ist das Ziel nicht, dass »etwas geschafft« wird, sondern dass miteinander etwas erlebt wird. Die psychomotorische Arbeit geht davon aus, dass Beziehung über den Körper vermittelt und aufgebaut wird- - insbesondere in frühen Lebensjahren. Durch gemeinsames Schaukeln, Klettern, Bauen oder Balancieren können die Eltern ihr Kind im Moment wahrnehmen, sich auf es einlassen, es emotional und körperlich »mitnehmen«. Die Eltern erleben in der Bewegungssituation oft neue, ungewohnte Seiten ihres Kindes- - etwa dessen Neugier, Mut, Freude oder auch Rückzug und Vorsicht. Ebenso spüren sie ihre eigenen Reaktionen: Unsicherheiten, Kontrollbedürfnisse, Freude oder Überforderung. Diese Erfahrungen können behutsam begleitet und in die therapeutische Reflexion eingebunden werden. Nicht zuletzt fördert die gemeinsame Bewegung Freude, Lebendigkeit und spielerische Verbindung- - Ressourcen, die im belasteten Alltag der Familien oft in den Hintergrund geraten sind oder zum 1. Mal entdeckt werden. [ 39 ] [ 39 ] Impulse für die Praxis 1| 2026 Diese positiven Beziehungserfahrungen im psychomotorischen Raum können ein wichtiger Ausgangspunkt für nachhaltige Veränderungsprozesse im Familiensystem sein. Familienintervention im psychomotorischen Raum Ergänzend zur Eltern-Kind-Arbeit und den Kleingruppenangeboten besteht die Möglichkeit, im Rahmen des stationären Aufenthalts eine familienzentrierte Bewegungseinheit durchzuführen. Hierzu wird das zu Hause lebende Elternteil-- in manchen Fällen der Vater oder auch andere wichtige Bezugspersonen wie Geschwister- - eingeladen, gemeinsam mit dem Kind und dem stationär aufgenommenen Elternteil den psychomotorischen Raum zu nutzen. Diese Intervention findet in Absprache und je nach Familiensituation einbis zweimal während des Aufenthalts statt. Sie ist ein optionales Angebot und wird flexibel an den Therapieprozess sowie die individuellen Gegebenheiten und Bedürfnisse der Familie angepasst und im interdisziplinären Team abgesprochen- - insbesondere auch bei getrenntlebenden Elternteilen oder komplexeren Familiensystemen. Im Fokus steht das gemeinsame Erleben im Raum: Bewegung, Spiel und Interaktion werden genutzt, um Beziehung erfahrbar zu machen, Nähe und Kontakt zu ermöglichen und das Familiensystem in seiner Gesamtheit zu sehen und zu stärken. Die psychomotorische Herangehensweise bietet dabei einen alltagsfernen, neutralen Rahmen, in dem Rollenverteilungen, Kommunikationsmuster und Beziehungsdynamiken auf körperlich-spielerischer Ebene sichtbar und bearbeitbar werden. Gemeinsames Schaukeln, Klettern, Balancieren oder Bauen fördern nicht nur das Miteinander, sondern regen auch zur Reflexion über gewohnte Beziehungsmuster an. Gleichzeitig entsteht Raum für neue Erfahrungen- - sei es im Miteinander, in der Rollenverteilung oder im Erleben von Unterstützung, Grenzen und Vertrauen. Diese Erfahrungen können stärkend wirken und Impulse für das familiäre Zusammenleben über den Klinikaufenthalt hinaus geben. ER-MO-Gruppe Gemeinsam mit einer Ergotherapeutin leite ich diese interdisziplinäre Gruppe, in der psychomotorische und ergotherapeutische Impulse verbunden werden: ■ Materialien wie Wasserperlen, Speisestärke, Knete, Sand, gekochte Nudeln etc. ■ Anregungen zum Matschen, Greifen, Schütten, Kneten, Balancieren und Bewegen Diese Erfahrungen fördern: ■ die taktile, propriozeptive und vestibuläre Wahrnehmung ■ Grob- und Feinmotorik ■ emotionale Regulation und die Freude am Erkunden ■ die achtsame, feinfühlige Interaktion zwischen Eltern und Kind Ziel des Gruppenangebots ist es, Eltern und Kindern einen sicheren, wertschätzenden Rahmen zu bieten, in dem sensomotorische Erfahrungen ermöglicht, begleitet und reflektiert werden. Im Fokus stehen die Förderung der kind- [ 40 ] 1| 2026 Impulse für die Praxis lichen Körperwahrnehmung und motorischen Entwicklung sowie die Stärkung der Eltern-Kind-Beziehung. Dabei orientiert sich das Angebot unter anderem an dem Leitsatz »Hilf mir, es selbst zu tun«, der auf die Bedeutung der kindlichen Selbständigkeit verweist. Kinder sollen ermutigt werden, ihre Umwelt aktiv zu erkunden und dabei eigenständig Erfahrungen zu sammeln-- mit unterstützender, aber nicht übernehmender Begleitung durch die Eltern. Waldaktivitätsgruppe im Rahmen der Bewegungstherapie Die wöchentliche Waldgruppe richtet sich an alle Familien der Station. Ziel ist es, Naturerfahrungen zu ermöglichen. Der Wald bietet eine natürliche Spielkulisse, die vielfältige Bewegungs- und Wahrnehmungsanreize schafft. Die Kinder erleben freies Laufen, Balancieren und Klettern-- oft zum ersten Mal. Dies fördert die Selbstwirksamkeit und wirkt sich positiv auf die Eltern-Kind-Interaktion sowie die motorische Entwicklung aus. Der gemeinsame Weg in den Wald ist Teil des therapeutischen Rahmens. Wiederholung und Struktur stärken Alltagskompetenzen und Bewegungsfreude. Inhalte der Waldgruppe sind das Sammeln von Naturmaterialien, Sinneserfahrungen (Geräusche, Gerüche, Oberflächen), kleine Achtsamkeitsübungen (barfuß gehen, etwas Bestimmtes ertasten oder suchen) sowie das freie Spiel in der Natur, Hüttenbau oder ein Picknick im Wald. Die Arbeit im Alltag und beim begleiteten Mittagessen Das begleitete Mittagessen ist ein sensibler Moment im Alltag, der schnell zu Anspannung im Miteinander führt. Hier gilt es unterstützend präsent zu sein, Orientierung zu geben und wertschätzend zu begleiten. Diese Alltagssituation gibt wertvolle Einblicke in familiäre Dynamiken. Wir gestalten das Mittagessen individuell und therapeutisch: mit entwicklungsbezogener Aufklärung und sensomotorischen Impulsen. Auch herausfordernde Situationen wie kindliches Matschen, Unruhe am Tisch oder Reizüberflutung während die Gruppe gemeinsam isst, werden achtsam begleitet. Ziel ist es, Eltern in ihrer Wahrnehmung zu stärken und zu einem gelingenden gemeinsamen Essen beizutragen-- ohne Druck, mit Unterstützung und Ermutigung. Motorische Testung Bei allen Kindern ab drei Jahren wird standardisiert der Movement Assessment Battery for Children- - Third Edition (MABC-3) durchgeführt. Als Bewegungstherapeutin erhalte ich wertschätzende Rückmeldungen. Viele Familien nehmen den Aufenthalt auf unserer Therapiestation als wichtig und wertvoll wahr. Oft brauchen die Familien Anschlussbehandlungen und werden therapeutisch weiterbegleitet, um veränderte Sichtweisen und Haltungen in den Alltag zu übertragen und zu festigen, da neue Entwicklungsschritte im Leben der Kinder auch neue Herausforderungen für das Familienleben bedeuten können. Kontakt Nadine Knuchel Bewegungstherapeutin Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik n.knuchel@asklepios.com DOI 10.2378/ mot2026.art07d • Bewegungsförderung im Ganztag • multiprofessionelle Teams • Ganztag bewegt gestalten • grafomotorisches Selbstkonzept Vorschau auf die nächsten Hefte Das Jahresinhaltsverzeichnis 2025 der motorik finden Sie in unserem Online-Archiv unter https: / / reinhardt-journals.de/ journal/ 7
