eJournals Motorik49/1

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art08d
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2026
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Impulse für die Praxis: Spielerische Förderung motorischer Basiskompetenzen im Kindergarten

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Andrea Dincher
Lukas Sonnet
Motorische Basiskompetenzen sind Kompetenzen, die ein Kind mindestens benötigt, um aktiv an der Sport- und Bewegungskultur teilhaben zu können. Also was muss ein Kind in welchem Alter können? Einerseits sind die Basisqualifikationen allgemeiner als spezielle Fertigkeiten, andererseits aber auch kontextgebunden und häufig auch komplexer (Herrmann et al. 2017, Kurz et al. 2008). Die folgende Abbildung 1 gibt einen kurzen Überblick über dieses Modell.
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[ 41 ] Impulse für die Praxis 1| 2026 [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Spielerische Förderung motorischer Basiskompetenzen im Kindergarten Im Dschungel Andrea Dincher, Lukas Sonnet Was sind motorische Basiskompetenzen? Motorische Basiskompetenzen sind Kompetenzen, die ein Kind mindestens benötigt, um aktiv an der Sport- und Bewegungskultur teilhaben zu können. Also was muss ein Kind in welchem Alter können? Einerseits sind die Basisqualifikationen allgemeiner als spezielle Fertigkeiten, andererseits aber auch kontextgebunden und häufig auch komplexer (Herrmann et al. 2017; Kurz et al. 2008). Die folgende Abbildung 1 gibt einen kurzen Überblick über dieses Modell. Motorische Basiskompetenzen können nicht direkt erfasst werden, dies erfolgt indirekt über die beobachtbaren motorischen Basisqualifikationen, die über Ball werfen, fangen, prellen und dribbeln (Kompetenz Etwas bewegen) und rollen, balancieren, laufen und springen (Kompetenz Sich bewegen) operationalisiert werden (Herrmann et al. 2016). Wie nun genau diese Kompetenzen gefördert werden können, wird in dem folgenden Stundenbeispiel dargestellt. Förderung motorischer Basiskompetenzen Die vorgestellte Übungseinheit ist für Kinder im Kindergartenalter gedacht und für eine Dauer von etwa 60 Minuten geplant. Die Schwierigkeit der Aufgaben wird differenziert angeboten, sodass jedes Kind im Rahmen seiner Möglichkeiten mitmachen kann. Die Übungsleitung kann grundsätzlich Hilfe anbieten, jedes Kind soll aber für sich selbst entscheiden, ob es die Hilfe annehmen möchte. Geben Sie den Kindern Bewegungsanregungen oder Impulse, falls sie keine eigene Idee haben, um die Aufgabe zu lösen (Zimmer 2014). Einstieg (ca. 5 Minuten): Die Kinder versammeln sich im Sitzkreis. In der Mitte des Kreises liegt unter einem Tuch versteckt ein Plüschtier, alternativ eine Bildkarte mit Dschungelmotiven. Ein freiwilliges Kind darf zur Mitte und das Tuch entfernen und beschreiben was es sieht. Aufwärmphase (ca. 5 Minuten): Im Vorfeld werden verschiedene Plüschtiere im Raum abgelegt bzw. versteckt. Die Kinder dürfen sich zuerst frei im Raum auf Musik bewegen. Sobald die Musik stoppt, nennt die Übungsleitung ein Tier, das die Kin- Abb. 1: Modell der Motorischen Basiskompetenzen (Herrmann 2018) [ 42 ] 1| 2026 Impulse für die Praxis der schnell finden sollen. Wenn die Kinder das Spiel verstanden haben, können Bewegungsaufgaben gestellt werden, wie z. B. bewege dich wie ein Känguru, ein Löwe, eine Schlange, ein Flamingo usw., bis die Musik erneut stoppt und das nächste Plüschtier gefunden werden soll (in Anlehnung an Weiglhofer 2015). Hauptteil (ca. 30-35 Minuten): Eine durchgängige Bewegungslandschaft oder einzelne Stationen zum gestellten Thema: 1. Wir überqueren einen rauschenden Fluss mit Hilfe einer Brücke (einfach: eine Turnbank, mit kleinen blauen Turnmatten gesichert; schwieriger: die Bank wird umgedreht und die Kinder balancieren auf der schmalen Seite; ganz schwierig: eine Reckstange, die zwischen zwei Würfelkästen aufgelegt wird). Hier wird speziell das Balancieren gefördert. 2. Wir klettern hoch in die Baumkronen und springen herunter in einen Laubhaufen (Sprossenwand / hoher Turnkasten mit kleinen Turnmatten gesichert, zum Landen ein Weichboden, zur Differenzierung klettert jedes Kind so hoch, wie es sich dies zutraut). Vom Turnkasten aus kann das Kind nicht nur aus dem Stand, sondern auch aus der Hocke oder dem Sitzen herunterspringen / -gleiten oder sich bäuchlings ablassen. Hier werden Balance und Springen Abb. 2: Möglicher Aufbau der Station »Flussüberquerung« (Alle Abb.: Andrea Dincher) Abb. 3: Möglicher Aufbau der Station »Baumkronen« Abb. 4: Möglicher Aufbau der Station »Schlingpflanzen« Abb. 5: Möglicher Aufbau der Station »Schlammloch« Abb. 6: Möglicher Aufbau der Station »Fledermaushöhle« [ 43 ] [ 43 ] Impulse für die Praxis 1| 2026 gefördert, zudem wird hier zusätzlich zu den motorischen Basiskompetenzen ein wenig Mut benötigt und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. 3. Wir müssen Schlingpflanzen auf dem Boden ausweichen (auf dem Boden sind Springseile ausgelegt, die die Kinder beim Durchlaufen nicht berühren dürfen). Hier werden Laufen und Balance gefördert, sowie außerhalb der motorischen Basiskompetenzen auch die Orientierungsfähigkeit. 4. Wir müssen uns aus dem Schlammloch befreien (die Kinder springen auf einem Bein, das andere wurde schon aus dem Schlamm befreit, in der nächsten Runde kommt das andere Bein an die Reihe). Wie viele Sprünge brauchen die Kinder, um den Schlamm zu überwinden? Wie hoch können sie dabei springen? Hier werden Balance und das Springen gefördert. 5. Wir erkunden eine Fledermaushöhle (aus Turnmatten wird ein kleiner Tunnel gebaut, der durchkrochen wird, z. B. bäuchlings rutschen, rücklings mit den Füßen anschieben, damit man die Fledermäuse an der Decke beobachten kann, robben, auf allen Vieren usw.) (in Anlehnung an Biermann 2010; Weiglhofer 2015). Hier geht es vorwiegend um die Schulung der Orientierungsfähigkeit und das Erproben verschiedener Fortbewegungsarten auf dem Boden, unabhängig von den motorischen Basiskompetenzen. Abschlussspiel (ca. 5 Minuten): Es ist schon dunkel geworden und wir müssen den Weg zu unserem Camp finden. Schließe deine Augen und folge dem Geräusch (z. B. ein leises Summen oder anderes Tiergeräusch in der Mitte des Raumes) (in Anlehnung an Moosmann 2014). Hier werden der Gehörsinn und die Orientierung im Raum angesprochen. Reflexion (ca. 5 Minuten): Die Kinder setzen sich wieder in einen Kreis und es wird kurz reflektiert, wie gut die Einheit funktioniert hat: ■ Hast du es geschafft, den Fluss zu überqueren? ■ Konntest du die Bäume hinaufklettern und wieder hinunterspringen? ■ Wie gut konntest du den Schlingpflanzen ausweichen? ■ Wie gut konntest du deinen Fuß aus dem Schlamm befreien? ■ Konntest du gut durch die Fledermaushöhle kriechen? Die Kinder können hierzu die Augen schließen und ihren Daumen nach oben (gut), seitlich (mittel) oder nach unten (schlecht) zeigen. Literatur Biermann, I. (2010): Spiele zur Wahrnehmungsförderung. 2. Aufl. Herder, Freiburg Herrmann, C. (2018): MOBAK 1-4. Test zur Erfassung motorischer Basiskompetenzen für die Klassen 1-4. Hogrefe, Göttingen Herrmann, C., Gerlach, E., Seelig, H. (2016): Motorische Basiskompetenzen in der Grundschule. Begründung, Erfassung und empirische Überprüfung eines Messinstruments. German Journal of Exercise and Sport Research, 46, 60-73, 10.1007 / s12662- 015-0378-8 Herrmann, C., Heim, C., Seelig, H. (2017): Diagnose und Entwicklung motorischer Basiskompetenzen. Zeitschrift für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie, 49 (4), 173- 185 Kurz, D., Fritz, T., Tscherpel, R. (2008): Der MOBAQ-Ansatz als Konzept für Mindeststandards für den Sportunterricht? In: Oesterhelt, V., Hofmann, J., Schimanski, M., Scholz, M., Altenberger, A. (Hrsg.): Sportpädagogik im Spannungsfeld gesellschaftlicher Erwartungen, wissenschaftlicher Ansprüche und empirischer Befunde- - Jahrestagung der dvs-Sektion Sportpädagogik vom 7.-9. Juni 2007 in Augsburg, Czwalina, Hamburg, 97-106 Moosmann, K. (2014): Das große Limpert- Buch der kleinen Spiele: Bewegungsspaß für Jung und Alt. 3. Aufl. Limpert, Wiebelsheim Weiglhofer, C. (2015): Eltern-Kind-Turnen: Ein fachdidaktisch fundiertes Bewegungsprogramm. In: http: / / unipub.uni-graz.at / obvugrhs / 446172, 25.11.2024 Zimmer, R. (2014): Handbuch Bewegungserziehung. Grundlagen für Ausbildung und pädagogische Praxis. 26. Aufl. Herder, Freiburg Kontakt Dr. Andrea Dincher Lehrkraft für besondere Aufgaben Sportwissenschaftliches Institut der Universität des Saarlandes Uni Campus B8.1 66123 Saarbrücken Andrea.Dincher@uni-saarland.de Lukas Sonnet Lukas.Sonnet@gmail.com DOI 10.2378/ mot2026.art08d