Motorik
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Berichte: Bericht zur Jahrestagung der Wissenschaftlichen Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e. V. (WVPM) in Marburg
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Ulf Henrik Göhle
Unter dem Thema »Leib – Bewegung – Erkenntnis: Methodologische Perspektiven der Motologie und Psychomotorik« fand am 17. Januar 2026 die Jahrestagung der Wissenschaftlichen Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e.V. (WVPM) am Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg statt. Fast 60 Teilnehmer:innen aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz – darunter Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Studierende – kamen zusammen, um über methodologische Grundfragen der Motologie und Psychomotorik zu diskutieren.
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[ 98 ] 2| 2026 Aktuelles / Kurz berichtet Bericht zur Jahrestagung der Wissenschaftlichen Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e. V. (WVPM) in Marburg Unter dem Thema »Leib- - Bewegung- - Erkenntnis: Methodologische Perspektiven der Motologie und Psychomotorik« fand am 17. Januar 2026 die Jahrestagung der Wissenschaftlichen Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e. V. (WVPM) am Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg statt. Fast 60 Teilnehmer: innen aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz- - darunter Wissenschaftler: innen, Praktiker: innen und Studierende- - kamen zusammen, um über methodologische Grundfragen der Motologie und Psychomotorik zu diskutieren. Bereits am Vorabend trafen sich die Mitglieder zur Jahreshauptversammlung in der turnusgemäß Vorstandswahlen stattfanden. Ausgetreten aus dem Vorstand sind Prof. Dr. Martin Vetter, der sich intensiver auf der europäischen Ebene einbringen möchte und vertr. Prof. Dr. Stephan Berg. Als 1. Vorsitzender wurde Univ.-Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle wiedergewählt, als neue 2. Vorsitzende wurde Dr. Judith Sägesser Wyss (PH-Bern) gewählt. Den erweiterten Vorstand bilden Marijke Stein (Informatikerin, HfMDK Frankfurt), Sihna Lind (wiss. Mitarbeiterin, Universität Marburg) und Nina Kaufmann-Kern (MA). Den Auftakt der Jahrestagung am folgenden Tag bildete ein bewegter Start unter dem Titel »Proxemische Zonen in Bewegung« bei dem die Teilnehmer: innen zu Nähe und Distanz erkundeten: zunächst spontan, dann anschließend erneut, nachdem mittels der Methodik der Ideokinese die eigene (subjektive) anatomische Mitte aufgespürt worden war. Im anschließenden Kurzvortrag gab Univ.-Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle einen Einblick in seine Strategie für die Professur für Motologie und Psychomotorik an der Philipps-Universität Marburg auf die er zum 01.08.2025 berufen wurde: im Mittelpunkt steht die empirische Neuausrichtung der Motologie, die damit verbundene Kooperation mit dem FB Psychologie sowie die Beteiligung an der Gründung des Interdisziplinären Behandlungszentrums (IBZ), bei der bereits eine neue E13 Motolog: innen (50 %)-Stelle geschaffen wurde und die Vertiefung der Kooperation mit der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Marburg. Im ersten Hauptvortrag »Zwischen Bewegung und Bewusstsein- - Mikrophänomenologie als Brücke zwischen Praxis und Forschung« stellte PD Dr. Prisca Bauer (Universitätsklinikum Freiburg, Institut für Musikermedizin) die Mikrophänomenologie als Forschungsmethode vor. Diese in den 1990er-Jahren entwickelte Interviewtechnik ermöglicht es, subjektive Erfahrungen in ihrer feinen zeitlichen, leiblichen und affektiven Struktur systematisch zu erforschen. Prisca Bauer, die als Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie klinische und neurowissenschaftliche Expertise verbindet, erläuterte zentrale Prinzipien und Anwendungsmöglichkeiten der Methode. Sie zeigte auf, wie die Mikrophänomenologie als eine Art »psychologisches Mikroskop« neue Wege des Verstehens von Bewegung, Bewusstsein und leiblicher Präsenz eröffnen kann- - und damit als Brücke zwischen gelebter Praxis und empirischer Untersuchung dient. Dank der Demonstration eines Interviewteils mit der Doktorandin Nina Holz (PH- Ludwigsburg) konnte das Auditorium die Methode live erleben. Im zweiten Hauptvortrag widmete sich Dr. sc. nat. Jan C. Schuller (Gründer von »True Signal«, Brüssel) dem Thema »Messbare Signaturen von Leiblichkeit- - erkenntnistheoretische Herausforderungen einer quantitativen Motologie«. Ausgehend von den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Inferenzstatistik- - von den unterschiedlichen Ansätzen R. A. Fishers und Neyman-Pearsons über das Induktionsproblem (Hume, Popper) bis hin zu den Grenzen randomisierter kontrollierter Studien- - spannte Schuller einen weiten Bogen. Er thematisierte die Spannung zwischen dem Anspruch, Leiblichkeit in messbare Signaturen zu übersetzen, und der Notwendigkeit, dem Einmaligen jedes Menschen gerecht zu werden. Besonderes Augenmerk legte er auf digitale Biomarker und deren Potenzial für die motologische Forschung. Am Beispiel der explorativen Studie der Doktorandin und Dipl.-Psychologin Stefania Ferraro zu Herzratenvariabilität und Bewegung in der ambulanten Psychotherapie wurde anschaulich, wie physiologische Messdaten die Dynamik zwischenleiblicher Prozesse längsschnittig sichtbar machen können. Berichte [ 99 ] [ 99 ] Aktuelles / Kurz berichtet 2| 2026 Am Nachmittag bildete das Kolloquium unter der Moderation von Prof. Dr. Martin Vetter (PH-Ludwigsburg) ein weiteres Highlight der Tagung. In Posterpräsentationen stellten Doktorand: innen und Forschende ihre Promotions- und Forschungsvorhaben vor. Die Forschungsinteressen sind dabei sehr weit gefasst und reichen beispielsweise von einer Auseinandersetzung mit grundlegenden Einflüssen auf fehlende oder vorhandene Bewegungsfreude, Psychomotoriktherapie bei Menschen mit bipolaren Störungen, Leib und Körper beim mathematischen Lernen bis hin zur Leibkörperbeziehung in der postnatalen Matreszenz. Im Anschluss verteilten sich die Tagungsteilnehmer: innen auf zwei Arbeits- und Vernetzungsgruppen. In der ersten Gruppe wurde der Vortrag von Jan Schuller vertieft und die Frage diskutiert, wie ein quantitativer Ansatz in der Motologie erneut gelingen kann. Im Ergebnis wurde herausgearbeitet, dass zunächst der Fokus auf einfachere Fragestellungen gelegt werden sollte, die gegebenenfalls zunächst deskriptive Statistik befördern. Die statistische Betrachtung von beispielsweise Herzdaten in Bewegungsverfahren habe bereits aufgezeigt, wie Synchronisationen zwischen Menschen über viele Minuten hinweg auftreten- - manchmal aber eben auch nicht. Solche deskriptiven Beobachtungen seien bereits sehr wertvoll, ohne dass damit etwas bewiesen werde; sie dienen jedoch dazu, erneut Fragen zu stellen: Warum synchronisieren sich Menschen und warum manchmal auch nicht? Die zweite Arbeitsgruppe entstand impromptu und widmete sich einer Initiative zur Neuausrichtung der Motologie. Der ehemalige Lehrstuhlinhaber Prof. (em.) Dr. Jürgen Seewald und der aktuelle Univ.-Prof. Dr. Henrik Göhle stellten einen Prozess vor, in dem in einem offenen Verfahren neue Ideen und Themen gesammelt werden sollen, die zu einer Neuausrichtung des Fachs führen können. In drei geplanten Treffen im Laufe des Jahres 2026 sollen zunächst Rückschau auf das bisherige Lehrgebäude der Motologie gehalten, anschließend zeitgenössische Themen und Befunde erhoben und schließlich die Ergebnisse zusammengeführt werden. Der Aufruf zur Beteiligung richtete sich ausdrücklich auch an Studierende, da es um die Zukunft des Fachs geht. Die Tagung zeigte eindrucksvoll, wie das kleine Fach Motologie und Psychomotorik durch methodologische Reflexion und interdisziplinäre Vernetzung produktive Impulse setzen kann. Die beiden Hauptvorträge spannten den Bogen von der qualitativen Erforschung subjektiver Erfahrung über die Mikrophänomenologie bis zu den erkenntnistheoretischen Herausforderungen einer quantitativen Motologie- - und verdeutlichten damit, dass die Zukunft des Fachs in der klugen Verbindung beider Perspektiven liegen dürfte. Prof. Dr. Ulf Henrik Göhle - Anzeige - Information: ZAPPA • Professor-Neu-Allee 6 • 53225 Bonn Fon 0228 - 479 76 13 • info@zappa-bonn.de www.zappa-bonn.de Zentrum für Aus- und Fortbildung in Psychomotorischer Praxis Aucouturier PPA kompakt - 7teiliges Intensivseminar zum Ansatz von Bernard Aucouturier in der therapeutischen Intervention Ab September 2026 in Bonn - Praxis mit dem Kind über Fallbesprechungen und Videoanalysen - Formation Personelle als Möglichkeit der Erweiterung der eigenen Persönlichkeit im psychomotorischen Raum - Theoretische Beiträge zu einer tiefenpsychologisch orientierten Psychomotorik Das Intensivseminar ist als siebenteilige Reihe gedacht und kann nicht einzeln belegt werden. Es richtet sich an Personen, die über Körper und Bewegung in einem therapeutischen Setting tätig sind.
