Motorik
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Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Qualifikationsarbeit: Sportbezogene Sozialisation in sozial schwachen Familien. Der Zugang zu Sportvereinen für Kinder aus sozial schwachen Familien
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Greta Dahlke
Sportvereine erreichen eine Vielzahl an Kindern und Jugendlichen und haben die größte Reichweite, im Vergleich zu anderen Jugendorganisationen (DOSB 2024, 1).
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[ 104 ] 2| 2026 Aktuelles / Kurz berichtet Qualifikationsarbeit Sportbezogene Sozialisation in sozial schwachen Familien. Der Zugang zu Sportvereinen für Kinder aus sozial schwachen Familien Sportvereine erreichen eine Vielzahl an Kindern und Jugendlichen und haben die größte Reichweite, im Vergleich zu anderen Jugendorganisationen (DOSB 2024, 1). Dennoch bleibt vielen Kindern der Zugang verwehrt. Die Studie Move For Health (Dreiskämper et al. 2023) zeigt, dass niedrige Bildung, staatliche Unterstützungsleistungen und fehlende Vollerwerbstätigkeit der Eltern die Wahrscheinlichkeit der Inaktivität im Kindes- und Jugendalter erhöhen. Daran wird deutlich, dass kein gleichberechtigter Zugang zu Sportvereinen vorliegt. Die soziale Öffnung sollte weiterhin verfolgt werden, um soziale Ungleichheiten abzubauen. Die zugrunde gelegte Bachelorarbeit an der Hochschule Niederrhein untersucht diese Problematik mit Fokus auf die familiäre Sozialisation in Bezug auf den Sport. Es ergibt sich folgende Fragestellung: Wie gestaltet sich sportbezogene Sozialisation in sozial schwachen Familien und wie kann der Zugang von Kindern aus sozial schwachen Familien in Sportvereine erleichtert werden? Die Arbeit stützt sich auf Fachpublikationen und die Ergebnisse der Move For Health-Studie, um den familiären Einfluss auf die Teilnahme am Sport zu analysieren und Handlungsansätze auszuarbeiten. Sport in der Kindheit und Jugend Sport beschreibt ein Tätigkeitsfeld, in dem freiwillig, organisiert und zielgerichtet körperliche Betätigung in Beziehung zu anderen Menschen ausgeübt wird. Demnach gestaltet sich Sport im Mit-, Für- und Gegeneinander, wobei bestimmte Bewegungsaufgaben, mit dem Ziel der Freude an Bewegung und Spiel, bewältigt werden. Besonders im schulischen und organisierten Sport wirken Lehrkräfte und Trainer: innen gezielt erzieherisch, indem sie Entwicklung und Wertevermittlung unterstützen. Kinder eignen sich im Sport Normen und Rollen an, die seitens der Gesellschaft vermittelt werden. Erziehung und Sozialisation münden in Bildung, die als emanzipatorischer Akt des »Sich-Bildens« (Ruin / Stibbe 2021, 39), verstanden wird. Besonders in informellen Bildungsprozessen werden soziale, personale, kognitive und sachbezogene Kompetenzen gefördert. Das Erfahrungslernen in informellen Bildungsprozessen ermöglicht Kindern wichtige Fähigkeiten, Werte und Einstellungen aktiv zu erschließen, die in klassischen Institutionen vernachlässigt werden. Sport erweist sich damit als lebensweltorientierter Bildungsort, der sowohl formelle als auch informelle, alltagsbildende Lernprozesse anstößt, wodurch die Persönlichkeitsentwicklung und Weltaneignung im Kindesalter gefördert und vielfältige Kompetenzen erworben werden, die auch für die Bildungsbiografie eine hohe Relevanz aufweisen. Durch den Vereinssport können soziale Unterschiede in der Gesellschaft mithilfe des Kompetenzzuwachses im Sport ausgeglichen werden, da die erworbenen Kompetenzen auch in Lebensbereichen außerhalb des Sports Anwendung finden. Sportbezogene und schichtspezifische Sozialisation Sportbezogene Sozialisation beschreibt den Prozess, in dem Kinder durch personinterne (z. B. Motivation, Persönlichkeit und Interessen) und personexterne (z. B. soziale, ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Bedingungen) Faktoren in ihrem sportlichen Verhalten geprägt und sozialisiert werden (Burrmann 2021). Insbesondere das soziale Umfeld sollte hervorgehoben werden, da beispielsweise die Familie als primäre Sozialisationsinstanz den Zugang und die Rahmenbedingungen für den Sport maßgeblich prägt. Studien zeigen, dass Kinder aus Familien mit höherem ökonomischem und kulturellem Kapital häufiger sportlich aktiv sind (Dreiskämper et al. 2023, 16). Die schichtspezifische Sozialisation beschreibt den Prozess der Sozialisation im Kontext der sozialen Schicht der Herkunftsfamilie. Kinder und Jugendliche inkorporieren den für ihre soziale Schicht spezifischen Habitus, der die subjektiven Normen, Werte, Einstellungen und Rollenerwartungen einer sozialen Gruppe widerspiegelt (Endreß 2023, 270). Die Wirklichkeitswahrnehmung der Kinder wird schichtspezifisch beeinflusst und der [ 105 ] [ 105 ] Aktuelles / Kurz berichtet 2| 2026 vorgelebte Habitus wird unbewusst übernommen. Daraus folgt, dass Sport in sozial schwachen Familien andere Formen annimmt als in der Mittel- und Oberschicht. Soziale Determinanten können den Zugang erschweren und Kindern Vorteile des Sports vorenthalten, obwohl Sport gerade für sie eine wichtige Ressource in der Entwicklung sein kann. Strategien zur sozialen Öffnung der Sportvereine Bei den folgenden Strategien liegt der Fokus auf den Familien, um mögliche Herausforderungen in ihrer Lebenswelt zu erkennen und sich seitens der Sportvereine an diese Lebenswelt anzupassen und die Familien aktiv anzusprechen. Eine grundlegende Aufgabe der Vereine ist eine Lebensweltorientierung, die sich an alle sozialen Schichten richtet. Dies setzt eine Reflexion der gesellschaftlichen Strukturen in der Kommune voraus, um angepasst reagieren zu können. Sportvereine sollen »sich aktiv um die Entwicklung einer einladenden, inklusiven und diskriminierungsfreien Kultur bemühen« (Bartsch / Rulofs 2024, 136) und diese in ihrer Vereinssatzung verankern. Diese Ausrichtung sollte durch eine einladende Willkommensstruktur, stadteilbezogene Aufklärung, die Haltung der Trainer: innen oder lokale Netzwerke, sichtbar werden. Eine gelungene Öffentlichkeitsarbeit informiert Familien in verständlicher Sprache über Trainingszeiten, Kosten, Unterstützungsleistungen und Entwicklungsmöglichkeiten etc. im Verein (Bartsch / Rulofs 2024, 144). Auch seitens der Trainer: innen sollte eine sensible Haltung gegenüber Familien in unterschiedlichen Lebenslagen vermittelt werden. Dazu gehört, dass Trainer: innen den jeweiligen Habitus der Familien und unterschiedliche Wertvorstellungen berücksichtigen und angemessen darauf reagieren. Es sind weiterführende Unterstützungsleistungen seitens des Vereins, wie Mitfahrgelegenheiten, die Bereitstellung von Sportmaterialien oder eine Second-Hand-Börse ratsam. Weitere finanzielle Mittel könnten zusätzlich in Form von Sponsor: innen oder Förderprogrammen herangezogen werden. Von großer Bedeutung können aufsuchende Hilfen in Quartieren oder die Einbindung in den offenen Ganztag sein, die den Kindern den Zugang zum Sport ohne aktives Zutun der Eltern ermöglichen. Sportangebote müssen dort präsent sein, wo Kinder ihren Alltag gestalten und diesen Raum für weiterführende Angebote nutzen. Sportliche Angebote sollten sich direkt an die Kinder wenden, sodass sich die Kinder nicht aus ihrem gewohnten Raum entfernen müssen oder ein geplantes Teilnehmen notwendig ist. Dies erleichtert ihnen den Zugang zum Sportverein, da ein Tätigwerden der Eltern nicht zwingend notwendig ist. Wie geht es weiter? Vereine sollten es sich zur Aufgabe machen, sich an der Lebenswelt der sozial benachteiligten und erschöpften Familien zu orientieren, um eine soziale Öffnung für alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen. Mögliche Handlungsoptionen sind: Professionalisierung und habituelle Aufklärung der Trainer: innen, Armutssensibilität, Öffentlichkeitsarbeit, aufsuchende Hilfen, Second-Hand-Börsen, Partizipation der Kinder und Netzwerkarbeit. Zudem können Kooperationen mit allen Schulformen und den Anbietern der Kinder- und Jugendhilfe ein übergreifendes Netzwerk bilden, um Kinder gemeinsam zum Sport zu motivieren. Leider fehlt es oftmals an finanziellen Mitteln und der konkreten Umsetzung im Verein, da ein leistungsorientierter Sport in Deutschland oftmals verfolgt wird und wenig erzieherische Potenziale gesehen werden. Trotz finanzieller und struktureller Hürden lassen sich jedoch bereits erste Schritte hin zu einer sozialen Öffnung der Vereine erkennen. Literatur Bartsch, F., Rulofs, B. (2024): Perspektiven von Jugendlichen aus sozioökonomisch marginalisierten Lebenslagen auf Sportvereine: Erkenntnisse aus einer Interviewstudie. Forum Kinder- und Jugendsport 5 (2), 134-146, https: / / doi.org/ 10.1007/ s43594-024- 00134-2 Burrmann, U. (2021): Sportbezogene Sozialisation. In: Gullich, A., Kruger, M. (Hrsg.): Sport in Kultur und Gesellschaft: Handbuch Sport und Sportwissenschaft. Springer, Berlin, 197-216 Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB) (2024): Bestandserhebung 2024. Deutscher Olympischer Sportbund e. V., Frankfurt am Main Dreiskämper, D., Burrmann, U., Kehne, M., Neuber, N., Rulofs, B., Süßenbach, J., Voigts, G., Henning, L. (2023): Sport und mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen- - Ausgewählte Ergebnisse aus dem Move For Health Projekt. Deutsche Sportjugend im DOSB, Frankfurt am Main Endreß, M. (2023): Soziologische Theorien kompakt. 4. Aufl. De Gruyter Oldenbourg, Basel Ruin, S., Stibbe, G. (2021): Erziehung und Bildung. In: Gullich, A., Kruger, M. (Hrsg.): Sport in Kultur und Gesellschaft: Handbuch Sport und Sportwissenschaft. Springer, Berlin, 37-53 Kontakt Greta Dahlke Sozialarbeiterin gretadahlke@web.de https: / / www.hs-niederrhein.de/ fileadmin/ dateien/ FB06/ Dozenten/ Krus/ Bachelorarbeit_Greta_ Dahlke.pdf
