Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art22d
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Forum Psychomotorik: Die körperpsychotherapeutische Arbeit im Kontext von psychotischen Erkrankungen nach dem psychodynamischen Störungsverständnis
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Jan-Niklas Werner
Der vorliegende Artikel thematisiert den psychodynamischen Konflikt der Psychose nach Mentzos (2017) und transferiert hieraus relevante kategorielle Dimensionen für die motologische therapeutische Praxis im Verständnis einer praxeologischen Konzipierung. Die theoretisch erarbeiteten Kategorien werden mit Hilfe konkreter Interventionen präzisiert sowie mit praktischen Erfahrungswerten ergänzt.
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Zusammenfassung / Abstract Der vorliegende Artikel thematisiert den psychodynamischen Konflikt der Psychose nach Mentzos (2017) und transferiert hieraus relevante kategorielle Dimensionen für die motologische therapeutische Praxis im Verständnis einer praxeologischen Konzipierung. Die theoretisch erarbeiteten Kategorien werden mit Hilfe konkreter Interventionen präzisiert sowie mit praktischen Erfahrungswerten ergänzt. Schlüsselbegriffe: Körperpsychotherapie, Psychotische Erkrankungen, Akutpsychiatrie, Praxeologische Konzeption, anwendungsbezogene Interventionen Body-oriented psychotherapy in context of psychotic disorders based on a psychodynamic understanding-- a praxeological framework drawing on theory and practice This article addresses the psychodynamic conflict of psychosis according to Mentzos (2017) and transfers relevant categorical dimensions from this to psychomotor therapeutic practice in the understanding of a praxeological conception. The theoretically developed categories are specified with the help of concrete interventions and supplemented with practical experience. Keywords: Body psychotherapy, psychotic disorders, acute psychiatry, praxeological conception, practice-based interventions [ 120 ] 3| 2026 motorik, 49. Jg., 120-126, DOI 10.2378 / mot2026.art22d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Die körperpsychotherapeutische Arbeit im Kontext von psychotischen Erkrankungen nach dem psychodynamischen Störungsverständnis Eine praxeologische Konzeption aus Theorie und Praxis Jan-Niklas Werner Einleitung Der Haupttätigkeitsbereich von Motolog: innen in Deutschland in der Arbeit mit Erwachsenen stellt fortlaufend das therapeutische Paradigma in der stationären Regelversorgung dar (u. a. Akutpsychiatrie, psychiatrische / psychosomatische Tageskliniken, psychosomatische Reha). Weiterhin bestehen im praxeologischen Kontext der Motologie kaum praxisnahe Konzeptualisierungen für die therapeutische Praxis, weshalb der vorliegende Artikel exemplarisch das körperpsychotherapeutische Potenzial und die vielfältigen Interventionsmöglichkeiten bei Psychotiker: innen im akutpsychiatrischen Setting darlegen soll. Zu Beginn erfolgt eine kurze Erläuterung der Erkrankung sowie die Darlegung der Psychodynamik der Psychosen in ihren elementaren Grundzügen. Nachfolgend werden die hieraus resultierenden Arbeitsdimensionen der Körperpsychotherapie erörtert und mit konkreten Interventionen sowie Erfahrungswerten ergänzt. Abschließend erfolgen relevante Be- [ 121 ] Werner • Körperpsychotherapie und Psychose 3| 2026 merkungen zum Einzelvs. Gruppensetting, zur Beziehungsgestaltung, zum therapeutischen Prozess, zur Evidenzbasierung sowie eine Zusammenfassung der praxeologischen Konzeption. Epidemiologie, Symptomatik und Psychodynamik der Psychosen Die Lebenszeitprävalenz der Schizophrenie beträgt ca. ein Prozent (Hasan / Lieb 2023, 173). Andere psychotische Störungen wie die schizotype Störung, wahnhafte oder schizoaffektive Störungen haben verhältnismäßig geringe Prävalenzraten, sind im Hinblick auf die evidenzbasierte Behandlung weniger gut erforscht und orientieren sich an den Behandlungskonzepten der Schizophrenie (ebd., 205). Die Symptomatik lässt sich in die Negativsymptomatik (z. B. Apathie, sozialer Rückzug, Affektverflachung, Anhedonie) und die Positivsymptomatik (z. B. Wahn, optische / akustische Halluzinationen, Ich-Störungen, formale Denkstörungen) unterteilen (ebd., 176 ff ). Des Weiteren leidet die Patient: innengruppe unter einer starken Stigmatisierung hinsichtlich potenzieller Gefährdung und fehlender Kontrollierbarkeit (ebd., 181). Mentzos beschreibt die Psychose im Rahmen des Bipolaritätsmodells als Identitätskonflikt zwischen den Polaritäten Identität/ Autonomie vs. Bindung (2017, 153 ff, 207) bzw. Nähe vs. Distanz (ebd., 215 ff ) und somit als »[…] Beeinträchtigung der Fähigkeit, zwischen Selbst- und Nicht-Selbst zu unterscheiden […]« (ebd., 205). Die dahinterliegende elementare Angst stellt die Auflösung der Selbstkohäsion, also des Ichs, dar (ebd., 206). Des Weiteren differenziert Mentzos zwischen ausgeprägt subjektbezogenen (z. B. Autismus, Katatonie) und objektbezogenen (z. B. diffuse Ich-Grenzen, Objektfusion) Abwehrmechanismen, also dem Versuch, den beschriebenen Identitätskonflikt in Richtung Individualität (= Subjektpol) oder in Richtung Bindung (= Objektpol), mit Vernachlässigung des jeweiligen anderen Pols, zu bewältigen (2017, 154). Im Subjektpol steht die Stabilisierung bzw. Rettung der Individualität und Autonomie im Vordergrund, im Objektpol hingegen das Beziehungsbedürfnis sowie die Angst vor Objektlosigkeit (ebd., 233). Außerdem gibt es neben den stark selbst- und objektbezogenen Abwehrmechanismen kompromissorientierte Lösungsversuche, die sich mehr in der Balance des Konflikts bewegen (z. B. Halluzinationen, Beziehungswahn, Verfolgungswahn) (ebd., 154). Konkret bedeutet dies anhand einer beispielhaften Erläuterung des Verfolgungswahns folgendes: Durch den Verfolgungswahn werden klare Grenzen zur Strukturierung geschaffen. Einerseits wird das Subjekt von dem Verfolger gesehen. Andererseits spürt und sieht sich das Subjekt als Individuum. Somit werden die Repräsentanzen des Selbst, des Objekts und der Beziehung klar definiert (ebd., 219). Die beschriebenen Abwehrmechanismen lassen sich als unreife Abwehrmechanismen im Verständnis einer hochgradigen Regression, mit u. a. der Inkaufnahme der Verleugnung der Realität, einordnen (ebd., 45 ff ). Hierbei handelt es sich jedoch im psychodynamischen Verständnis um »[…] Bestandteile von aktiv, wenn auch unbewusst mobilisierten Schutz-, Kompensierungs- und Abwehrmechanismen« (ebd., 106). Hierauf aufbauend sind nach Mentzos zwei Kreisläufe von bedeutender Relevanz: Im ersten Kreislauf können seitens der Psychotiker: innen keine neuen, positiven Beziehungserfahrungen gemacht werden, da bei allen Modi der Abwehr (subjektbezogen, kompromissorientiert, objektbezogen) der Verlust des Objekts die Folge darstellt. Durch die hieraus resultierenden sekundären Einbußen von Sozialfertigkeiten und die inaktivitätsauslösende Reduktion von kognitiven Fähigkeiten können im Rahmen des zweiten Kreislaufs ebenfalls keine neuen, positiven Beziehungserfahrungen gemacht werden, sodass sich die beschriebene Problematik chronifiziert (ebd., 229 ff ). Diese Chronifizierung der beschriebenen Dilemmata ist so schwerwiegend, da neue, korrigierende Beziehungserfahrungen die einzige Möglichkeit zur Ausbalancierung und Auflösung des Bipolaritätskonflikts zwischen Die Psychose als Identitätskonflikt zwischen den Polaritäten Identität / Autonomie vs. Bindung [ 122 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik selbst- und objektbezogenen Mustern darstellen (ebd., 229). In der klinischen Praxis äußern sich solch elementare Identitätskonflikte auf vielfältige Art und Weise: Häufig werden insbesondere die chronifizierten Patient: innen mit ausgeprägter Negativsymptomatik als ›leere Hüllen‹ erlebt. Gleichzeitig imponieren die Probleme und Defizite im Kontext der Beziehungsgestaltung. Eine sehr chronifizierte Patientin, die Jahre lang stationär in der Akutpsychiatrie war, rang förmlich jeden Tag um ihre Identität, indem sie sich mit berühmten, historischen oder fiktiven Persönlichkeiten identifizierte und ihre eigene Identität verleugnete. Ein anderer Patient befand sich wochenlang im mutistischen Rückzug. Mit zunehmender symptomatischer Besserung im Rahmen der multiprofessionellen Behandlung begann ein Individualisierungsprozess der sich in einem ausgeprägten Gothic-Stil bemerkbar machte. Gleichzeitig begann der Patient im multiinterpersonellen Kontext mit Freude Beziehung zu gestalten. Anhand des letzten Beispiels lässt sich die Ausbalancierung des psychotischen Konflikts anhand der parallelen Individualisierung und der Entwicklung der Beziehungsgestaltung eindeutig identifizieren und exemplarisch aufzeigen. Praxeologische Arbeitsdimensionen der Körperpsychotherapie Für die praktische motologische Arbeit mit Erwachsenen wird in dem vorliegenden Artikel ausschließlich der Begriff Körperpsychotherapie verwendet, da dieser bereits beide zentralen Elemente, den Körper und die Psyche, beinhaltet und die enge Wechselbeziehung umfasst. Des Weiteren soll hiermit eine gezielte Abgrenzung zur Sport- und Bewegungstherapie erfolgen, da dieser Begriff vorwiegend eine sportliche Assoziierung beinhaltet und somit in der therapeutischen Praxis im multiprofessionellen Umfeld zu Verwechslungen und Missverständnissen führt. Die praktische therapeutische Haltung orientiert sich an Methoden wie der Reinszenierung, der gleichschwebenden Aufmerksamkeit und freien Assoziation, der Deutung, der Abstinenz und dem Agieren (Wolf 2017, 67 ff ) sowie den bekannten Übertragungs- und Gegenübertragungsdynamiken (ebd., 27 ff ). Aus dem oben beschriebenen Grundkonflikt lassen sich folgende kategorielle Dimensionen, die sich am niedrigen Strukturniveau der Psychose orientieren (Mentzos 2017, 45 ff ) und eine Ausbalancierung des psychotischen Dilemmas anstreben (ebd., 229), für die körperpsychotherapeutische Praxis erarbeiten: Niedrigschwellige Interventionen Niedrigschwellige Interventionen wie Spaziergänge außerhalb des Klinikgeländes (z. B. im Park oder im Feld) und freie Spielangebote (z. B. Wikingerschach, Boccia) stärken die therapeutische Beziehung, ermöglichen den Raum für Interpersonalität (= in Kontakt kommen, Kurzgespräche, passives / aktives Gruppenerleben) zwischen Patient: innen und fördern außerdem auf sekundärer Ebene die körperliche Aktivität sowie im Rahmen der freien Spielangebote das Erleben von Freude und Selbstwirksamkeit. Solche Interventionen stellen keine klassischen körperpsychotherapeutischen Interventionen dar, jedoch dienen diese Angebote als Möglichkeit für den Aufbau einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, die weiterhin als größter Wirkfaktor für einen erfolgreichen Behandlungsverlauf gilt (Jacob / Frauenknecht 2023, 103) und folglich als Grundlage für einen tiefgreifenden körperpsychotherapeutischen Prozess unerlässlich ist. Auch Mentzos betont in den verschiedenen Settings der ambulanten psychodynamischen Psychotherapie von Psychosen die hohe Bedeutsamkeit und Wirksamkeit der therapeutischen Beziehung (2017, 234). In der praxeologischen Dimension der niedrigschwelligen Interventionen bieten somit sehr einfache Interventionen einen Erfahrungsraum für ein in Beziehung sein unter Patient: innen sowie den Aufbau einer therapeutischen Beziehung. Im Verständnis des Bipolaritätsmodells (ebd., 153 ff, 215 ff ) wird der beziehungsfokussierte Objektpol im Sinne neuer Beziehungserfahrungen thematisiert. Insbesondere bei Psychotiker: innen hat sich zudem die therapeutische Beziehungsgestaltung im Klinikalltag stark bewährt. Konkret gemeint sind hiermit Kurzkontakte zwi- [ 123 ] [ 123 ] Werner • Körperpsychotherapie und Psychose 3| 2026 schen ›Tür und Angel‹ im Stationsalltag, die Präsenz im Teamraum als Ansprechperson für Patient: innen, begleitete Ausgänge im Klinikgarten zu Beginn eines stationären Aufenthaltes, die therapeutische Moderierung von Morgenrunden oder die Begleitung des Mittagessens. Hierüber wird das therapeutische Gegenüber in einem milieutherapeutischen Rahmen zu einem vertrauten und nahbaren Objekt, was besonders bei einem Störungsbild, das von paranoiden sowie misstrauischen Tendenzen geprägt wird, von bedeutender Relevanz ist. Körperwahrnehmung Die körperpsychotherapeutische Arbeit im Kontext der Körperwahrnehmung stärkt die Ich- Struktur über die Körperstruktur. Dementsprechend wird der Subjektpol, also das Ich, im Rahmen des Bipolaritätsmodell (ebd., 153 ff, 215 ff ) thematisiert sowie gefestigt. Grundlegende Ziele dieser Dimension sind, dass die Patient: innen sich selbst als Individuum achtsam spüren, die Körpergrenzen bewusst erlebt werden, dass im Rahmen der beschriebenen Interventionen im Hier und Jetzt gehandelt wird und somit das Ich in einem grundlegenden Verständnis der Identität sowie Individualität über die körperliche Struktur erlebbar zu machen. Interventionen zur Körperwahrnehmung sind beispielsweise: ■ selbstkreierte Barfußpfade aus verschiedenen Materialien (u. a. Sandsäckchen, Seile, Kissen, Matten, Ringe, Igelbälle), ■ die Füße als zentrales Element (Wolf 2022, Karte 49), ■ Igelballmassagen, ■ achtsame Sandsäckchenwahrnehmung, ■ körpernahe Entspannungsverfahren wie die progressive Muskelrelaxation oder ■ achtsame Spaziergänge (Fokus auf die Umgebung: Sehen, Hören, Riechen vs. Fokus auf das körpernahe Erleben: eigener Gang, Atmung, Körperhaltung). In der therapeutischen Praxis melden Patient: innen unwohle Empfindungen, aufgrund der Konfrontation mit der ursprünglich abgewehrten Realität, bis hin zu wohligen, angenehmen Impressionen zurück. Größtenteils werden die Prozesse des Körpererlebens als positiv, erdend und stabilisierend resümiert. Eine Patientin, die ihrem subjektiven Erleben zur Folge schon weit fortgeschritten im Therapieprozess war, resümierte nach einer intensiven Stunde zum Körpererleben, dass es ihr noch nicht so gut ginge, wie sie ursprünglich angenommen hatte. Hier konnte durch die Körperwahrnehmung der aktuelle psychische Ist-Zustand gezielt zugänglich gemacht werden. Beziehungsgestaltung Angebote zur Beziehungsgestaltung in Form von Interaktionsgruppen bieten den Patient: innen auf einer erfahrungsbasierten, zwischenleiblichen Ebene die Möglichkeit, neue Beziehungserfahrungen zu machen. Der Unterschied zur Interpersonalität im Rahmen der niedrigschwelligen Interventionen liegt darin, dass Beziehungen tiefgreifender, intensiver und aktiver gestaltet werden. Die praxeologische Dimension der Beziehungsgestaltung thematisiert im Verständnis des Bipolaritätsmodells (Mentzos 2017, 153 ff, 215 ff ) ebenfalls das beziehungsfokussierte Agieren im Objektpol. In der Regel beziehen sich die körperpsychotherapeutischen Angebote auf einfachstes in Beziehung sein, wie beispielsweise: ■ die Namen der Mitpatient: innen in einer spielerischen Ballinteraktion kennenzulernen, ■ verschiedene Interaktionsspiele, ■ sich mit verbaler Kommunikation nach verschiedenen Eigenschaften wie Größe oder Alter im Raum aufzustellen oder sich in Subgruppen nach Gemeinsamkeiten zusammenzufinden (Wolf 2022, Karte 31), ■ achtsamkeitsbasierte Interaktion (z. B. als Gruppe, ohne sich untereinander abzustimmen, bis 20 zählen), ■ der Anwendung des Fröbelturms, ■ die Arbeit mit und über das Schwungtuch oder ■ sich als Gruppe in ein verknotetes Tau zu lehnen, die Balance zu finden und gehalten zu werden (Wolf 2022, Karte 32). Das Nicht-Kennen der Namen der Mitpatient: innen ist typisch für Psychotiker: innen und [ 124 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik spiegelt die ausgeprägten Defizite im Kontext der Beziehungsgestaltung wider, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass hier die stationäre Aufenthaltsdauer häufig mehrere Monate beträgt. Je nach psychotischer Strukturstärke können die Interventionen von Gruppe zu Gruppe angepasst werden. Im praktischen therapeutischen Alltag werden die Gruppendynamiken im Gegenübertragungserleben aufgrund der ausgeprägten Defizite im Kontext der Beziehungsgestaltung als schwer aushaltbar erlebt, was jedoch im therapeutischen Handeln nicht im Ausagieren enden sollte, da hiermit der Beziehungsprozess und die hieraus entstehenden neuen Beziehungserfahrungen verhindert bzw. beeinflusst werden. Die Abwehr der Patient: innen inszeniert sich außerdem darin, dass es nicht unüblich ist, dass eine Interaktionsgruppe nicht zustande kommt oder kurz vor Beginn Teilnahmen abgesagt werden. Eine chronifizierte Patientin, die vorzugsweise im Subjektpol agierte und große Schwierigkeiten in der Beziehungsgestaltung zu Mitpatient: innen hatte, nahm regelmäßig an der Interaktionsgruppe teil. Nach einem längeren Zeitraum des Nicht-Verstehens konnte aus therapeutischer Perspektive verstanden werden, dass die Patientin in der Schulzeit eine Außenseiterin gewesen ist und sich hier der Wunsch nach Beziehung und Gruppenzugehörigkeit inszenierte. Freies Gestalten und Inszenieren Im Kontext des freien Gestaltens und Inszenierens bietet ein offener therapeutischer Rahmen Inszenierungsraum für das Unbewusste. Die Vorgehensweise orientiert sich an dem verstehenden Ansatz nach Seewald (2007) und an der sinnverstehenden Psychomotoriktherapie nach Wolf (2019). Das verkörperte Unbewusste bekommt in diesem therapeutischen Setting die Möglichkeit sich in »[…] freien Assoziationen in Bewegung, Handlung und Körperkontakt […]« (Wolf 2019, 36) auszudrücken. Somit darf in einem offenen, autonomen Setting der therapeutische Rahmen mit allen zur Verfügung stehenden Materialien frei ausgestaltet werden (u. a. inhaltlich, Subjektpol vs. Objektpol). In der therapeutischen Praxis äußern sich die unbewussten, verkörperten Inhalte auf vielfältige Art und Weise: Ein Patient mit ausgeprägter Negativsymptomatik zeigte sich in einer KPT-Stunde ungewohnter Weise sehr kontaktfreudig und initiierte über ein Ballspiel ein in Beziehung sein mit der gesamten Gruppe. Die therapeutische Entwicklung im Hinblick auf die Beziehungsgestaltung machte sich hier unvorhergesehen, jedoch prägnant bemerkbar. Eine andere Patientin versuchte sich mit verschiedenen zur Verfügung stehenden Materialien selbst zu spüren und griff eigenständig eine Intervention zur Körperwahrnehmung aus einer vorherigen KPT-Stunde auf und intensivierte den somit bereits initiierten Prozess. Ein junger Patient inszenierte sein abgewehrtes Aggressionspotenzial, indem er ohne Rücksicht auf Verluste im Rahmen einer Gruppe einen großen Pezziball durch den gesamten Gruppenraum schoss. Des Weiteren zeigt sich in einem solch autonomen Setting, ob das individuelle psychotische Strukturniveau in der Lage ist, diesen Rahmen inhaltlich auszugestalten, oder ob das Resultat beispielsweise Passivität oder ein ausgeprägter Objektpol im Verständnis von Nachahmung ist. Folglich können einerseits therapeutische Entwicklung in dem beschrieben Setting beobachtet und andererseits Themen inszeniert werden, die in anderen therapeutischen Settings nicht zum Vorschein kommen können oder dürfen. Abschließende Bemerkungen zu relevanten therapeutischen Variablen Einzelvs. Gruppensetting Die Frage nach einem Einzel- oder Gruppensetting wurde vorhergehend nur am Rande auf einer impliziten Ebene im Rahmen des Bipolaritätsmodells (Mentzos 2017, 153 ff, 215 ff ) thematisiert: Die niedrigschwelligen Interventionen, die Interaktionsgruppe oder das freie Gestalten und Inszenieren setzen das Vorhandensein einer Gruppe größtenteils voraus. Unter der Betrachtung dessen, dass die zwei zentralen beschriebenen Kreisläufe nach Mentzos zu einer Verhinderung neuer Beziehungserfahrungen führen [ 125 ] [ 125 ] Werner • Körperpsychotherapie und Psychose 3| 2026 und neue, korrigierende Beziehungserfahrungen den einzigen Ausweg zur Auflösung des Dilemmas darstellen (2017, 229), lässt sich klar für ein Gruppensetting argumentieren. Lediglich im Rahmen der Körperwahrnehmung kann es von Vorteil sein, wenn ein Einzelsetting gegeben ist. Dies gilt besonders unter Berücksichtigung der Tatsache, dass grundlegende Stunden wie die Fußwahrnehmung (Wolf 2022, Karte 49) oder die Konstruktion eines individuellen Barfußpfads zu Beginn eines körperpsychotherapeutischen Prozesses zur grundlegenden Stabilisierung, also zur Stärkung des Ichs, angewendet werden. Beziehungsgestaltung In dem vorliegenden Artikel wurde die hohe Relevanz neuer, positiver Beziehungserfahrungen in der Psychosen-Behandlung ausführlich erörtert. Hierauf aufbauend kristallisieren sich zwei Formen der Beziehungserfahrung und -gestaltung im Rahmen der Körperpsychotherapie heraus: Einerseits die therapeutische Beziehung, andererseits die Patient: innenbeziehung. Das Bewusstsein für die Differenzierung der Art der Beziehung ist insofern wichtig, da Motolog: innen hierüber Beziehungserfahrungen reflektierter in der therapeutischen Praxis einsetzen sowie evaluieren können. Angelehnt hieran folgt ein Beispiel aus der klinischen Praxis, welches die Bedeutsamkeit der therapeutischen Beziehung verdeutlicht: Eine sehr chronifizierte Patientin (u. a. lange akutzimmerpflichtig, aggressive Verhaltensweisen, fortlaufende produktive Symptomatik, keine sozialen Gruppenkompetenzen, im therapeutischen Setting nicht führbar, Security Betreuung notwendig), die sich über viele Jahre in kontinuierlicher stationärer Behandlung befand und bei der eine ausgeprägte Fluktuation zwischen Wahnwelten und Realität vorlag, konnte durch eine gefestigte, vertraute therapeutische Beziehung soweit stabilisiert werden, dass sie nachhaltig in ein Wohnheim vermittelt werden konnte. Im Rahmen der Körperpsychotherapie erfolgte fast ausschließlich ein Intervenieren auf einer beziehungsfokussierten Ebene (u. a. kleine Spazierrunden außerhalb des Klinikgeländes im Einzelsetting, Kontakte im Stationsalltag) und weniger in den vier beschriebenen praxeologischen Feldern, da das ausgeprägte, chronifizierte Krankheitsbild ein Arbeiten in diesen Kontexten, insbesondere im Gruppensetting, nur vereinzelt möglich machte. Im Stationsalltag konnte die Patientin zunehmend an den therapeutischen Mahlzeiten im Speiseraum sowie den therapeutischen Morgenrunden teilnehmen. Hervorzuheben ist, dass bei solch ausgeprägten, chronifizierten Formen der Schizophrenie jede Therapieteilnahme einen großen Erfolg darstellt. Das beschriebene Beispiel stellt in der chronifizierten Ausprägung der Symptomatik sicherlich eine besondere Ausnahme dar, zeigt jedoch eindrucksvoll, dass durch eine stabile, vertraute therapeutische Beziehung des multiprofessionellen Teams und die hiermit verbundenen positiven Beziehungserfahrungen auch bei sehr langjährig chronifizierten Patient: innen eine umfassende Entwicklung im Rahmen der individuellen Bedingungen möglich sein kann. Therapeutischer Prozess Die beschriebenen Kategorien zur körperpsychotherapeutischen Arbeit mit Psychotiker: innen, welche sich in der Praxis auf Grundlage der dargelegten Literatur bewährt haben, stellen keinesfalls ein Manual im Sinne eines gezielten Ab- oder Durcharbeitens dar. Im Gegenteil, es bedarf einer Kombination aus intrinsischer Motivation bzw. Therapie-Compliance der Patient: innen, die besonderes bei Psychotiker: innen nicht selbstverständlich ist, und der Expertise der Motolog: innen, welche sowohl zeitliche als auch inhaltliche Aspekte sowie den multiprofessionellen Behandlungsverlauf (ärztlich, psychologisch, ergotherapeutisch, musiktherapeutisch, sozialarbeiterisch, pflegerisch) berücksichtigen sollten, um einen optimalen körperpsychotherapeutischen Prozess zu ermöglichen. Außerdem ist im Kontext psychotischer Erkrankungen die Relevanz einer medikamentösen Ein- oder Die therapeutische und die Patient: innenbeziehung als Erfahrungsraum für neues, positives Beziehungserleben [ 126 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik Umstellung nicht zu unterschätzen. In der Akutsowie der Langzeitbehandlung von Schizophrenien kommt der Medikation mit Antipsychotika eine bedeutende Rolle zu (Hasan / Lieb 2023, 194). In der therapeutischen Praxis bewirken medikamentöse Therapien signifikante symptomatische Verbesserungen und begünstigen häufig die Teilnahme an körperpsychotherapeutischen Angeboten. Evidenzbasierung Zum Thema der Evidenzbasierung sei abschließend eine kurze, aber relevante Bemerkung erlaubt: Die erarbeiteten Konzeptionen aus Theorie und Praxis stützen sich auf ein historisch gewordenes Therapieverfahren in der Psychotherapie, die Psychodynamik, die ihren Ursprung in Form der Psychoanalyse Ende des 19. Jahrhunderts auf Grundlage der Arbeiten Sigmund Freuds hatte (Jacob / Frauenknecht 2023, 115), und somit auf ein wissenschaftlich anerkanntes Störungsverständnis, das kassenärztlich in Form der Tiefenpsychologie und der analytischen Psychotherapie zugelassen ist (Kassenärztliche Bundesvereinigung 2020). In dem vorliegenden Artikel wurde der psychodynamische Kern dargelegt und mit der leiblichenerfahrungsbasierten körperpsychotherapeutischen Herangehensweise, im Verständnis eines ganzheitlichen Denkens erweitert. Somit liegen eine grundlegende, literarisch konzipierte Rechtfertigung sowie theoretische Begründung der therapeutischen Arbeit vor. Nichtsdestotrotz bedarf die therapeutische Praxis weiterer Evidenzbasierung zur Anerkennung, Popularität und Rechtfertigung in einem multiprofessionellen Kontext. Zusammenfassung Das übergeordnete Ziel der körperpsychotherapeutischen Arbeit ist es, flankierend in einem multiprofessionellen Behandlungsprozess über die erfahrungsbasierte Arbeit mit und über den Körper den psychodynamischen Kern der Psychose zu thematisieren und somit einen relevanten Beitrag zu leisten, den beschriebenen Bipolaritätskonflikt zwischen Identität/ Autonomie vs. Bindung nach Mentzos (2017, 153 ff, 206, 229 ff ) auszubalancieren. Angelehnt an Mentzos (ebd.) bedeutet dies: Das Ich zu stabilisieren und vielfältige, neue Beziehungserfahrungen zu ermöglichen. Die Interventionen bewegen sich zusammenfassend in folgenden vier kategoriellen Dimensionen: Niedrigschwellige Interventionen zum therapeutischen Beziehungsaufbau und zur Förderung von Interpersonalität, Körperwahrnehmung zur Stärkung der Ich-Struktur im Sinne von Identität und Individualität über die Körperstruktur, Beziehungsgestaltung als Rahmen für neue Beziehungserfahrungen, freies Gestalten und Inszenieren als Inszenierungsraum für das Unbewusste. Literatur Hasan, A., Lieb, K. (2023): Schizophrenien und andere psychotische Störungen, Katatonie. In: Lieb, K. (Hrsg.): Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. 10. Aufl. Elsevier GmbH, München, 173-209 Jacob, G., Frauenknecht, S. (2023): Psychotherapie. In: Lieb, K. (Hrsg.): Intensivkurs Psychiatrie und Psychotherapie. 10. Aufl. Elsevier GmbH, München, 102-128 Kassenärztliche Bundesvereinigung (2020): Ambulante Psychotherapie in der Gesetzlichen Krankenversicherung. In: https: / / update.kbv.de/ itaupdate/ Abrechnung/ 0EXT_ITA_AHEX_PTV10.pdf, 03.04.2026 Mentzos, S. (2017): Lehrbuch der Psychodynamik- - Die Funktion der Dysfunktionalität psychischer Störungen. 8. Aufl. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen Seewald, J. (2007): Der Verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München Wolf, B. (2022): Körperpsychotherapie: 75 Therapiekarten. Beltz, Weinheim / Basel Wolf, B. (2019): Sinnverstehende Psychomotoriktherapie mit Erwachsenen. Ernst Reinhardt, München Der Autor Jan-Niklas Werner ist Motologe (M. A.) und arbeitet schwerpunktmäßig mit Psychotiker: innen auf der Soteria-Station in der Akutpsychiatrie in Friedberg (Hessen). Kontakt Werner.Jan-Niklas@web.de
