Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art23d
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2026
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Forum Psychomotorik: Bewegungsförderung im Wasser mit Kindern in einem marginalisierten Quartier
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Rudolph Meyer
Der Zugang zu Bewegung, Sport und Gesundheit ist für Kinder in marginalisierten Quartieren durch verschiedene armutsbedingte Barrieren höher als in anderen Quartieren. Dies gilt insbesondere für den Zugang zum ›Bewegen im Wasser‹. Darum engagiert sich die Kinder-Bewegungsstadt Osnabrück mit einem Kita-Projekt in einem entsprechenden Quartier und ermöglicht Kindern, die von multiplen Problemlagen betroffen sind, kostenfreie Bewegungsförderung im Wasser. Das Projekt und erste Evaluationsergebnisse werden im vorliegenden Paper vorgestellt.
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Zusammenfassung / Abstract Der Zugang zu Bewegung, Sport und Gesundheit ist für Kinder in marginalisierten Quartieren durch verschiedene armutsbedingte Barrieren höher als in anderen Quartieren. Dies gilt insbesondere für den Zugang zum ›Bewegen im Wasser‹. Darum engagiert sich die Kinder-Bewegungsstadt Osnabrück mit einem Kita-Projekt in einem entsprechenden Quartier und ermöglicht Kindern, die von multiplen Problemlagen betroffen sind, kostenfreie Bewegungsförderung im Wasser. Das Projekt und erste Evaluationsergebnisse werden im vorliegenden Paper vorgestellt. Schlüsselbegriffe: Bewegen im Wasser, Sozialraumorientierung, Frühe Bildung, Emotionale und soziale Förderung, Kita, Psychomotorik Promoting physical activity in water with children in a marginalized neighborhood-- A preschool project Access to physical activity, sport, and health opportunities is more constrained for children in marginalized neighborhoods due to various poverty-related barriers than it is for children in other neighborhoods. This is particularly true for access to movement in water (aquatic activity). For this reason, the Kinder-Bewegungsstadt Osnabrück initiative is implementing a preschool (Kita) project in a corresponding neighborhood, enabling children affected by multiple social and economic challenges to participate in free aquatic movement and physical activity programs. The present paper introduces the project and presents the first evaluation results. Keywords: Movement in water, social space orientation, early education, emotional and social development, daycare, psychomotricity [ 127 ] [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] motorik, 49. Jg., 127-133, DOI 10.2378 / mot2026.art23d © Ernst Reinhardt Verlag 3| 2026 Bewegungsförderung im Wasser mit Kindern in einem marginalisierten Quartier Ein Kita-Projekt Rudolph Meyer Hintergrund Zweifellos kann das genussvolle und sichere Bewegen im Wasser mit Blick auf Bildung, Selbsterfahrung und Entwicklung ein wichtiger Bestandteil bewegungspädagogischer Tätigkeit sein (Hildebrandt-Stratmann 2009; Beudels / Pla 2014; Mayr 2022). Eine von der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) beauftragte repräsentative Befragung legt jedoch nahe, dass rund 60 % der Kinder am Ende der Grundschule nicht sicher schwimmen können. Gleichzeitig schrumpft das Netz an nutzbaren Schwimmbädern in Deutschland seit Jahrzehnten. Hunderte Anlagen sind bereits geschlossen, die Hälfte der vorhandenen Anlagen ist sanierungsbedürftig, häufig fehlen Wasserzeiten für Vereine oder andere Instanzen der Bewegungsförderung in der Kindheit (Bäderallianz Deutschland 2025). Kinder, die von marginalisierten Lebenslagen (Wacquant 2018) betroffen sind, haben aufgrund sozialer, räumlicher und psychologischer Barrieren häufig einen besonders eingeschränkten Zugang zu Bewegungsangeboten im Allgemeinem (Edelhoff 2025) und zu solchen im Wasser im Speziellen (Mella 2019). Um auch ihnen Zugänge zum Bewegungsfeld Wasser zu ermöglichen, kooperiert die Kinder-Bewegungsstadt-Initiative [ 128 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik der Bürgerstiftung Osnabrück mit mehreren Kindertageseinrichtungen und ermöglicht betroffenen Kindern, ein Jahr lang kostenfrei an einem Bewegungsangebot im Wasser teilzunehmen. Bewegungsförderung in einem marginalisierten Quartier Im Sinne eines sozialräumlichen Ansatzes hat sich das Projekt auf ein Quartier festgelegt, das vom Jugendamt im Rahmen einer interdisziplinären Präventionskette (aus Akteur: innen des Gesundheitsamts, des Jugendamts, von Trägern der freien Jugendhilfe sowie der lokalen Statistikstelle) als besonders förderwürdig markiert wurde. Dabei wurde auch festgestellt, dass das Aufwachsen im entsprechenden Quartier mit einer tendenziell erhöhten Dichte sozial-emotionaler Risikofaktoren in der Kindheit einhergeht. In den erziehungswissenschaftlichen Diskursen um marginalisierte Quartiere zeichnet sich eine deutliche Tendenz zur Defizitbetrachtung der lokalen Strukturen und deren heterogenen Bewohner: innen als vulnerable Bevölkerungsgruppen ab (Löw et al. 2008). Dementsprechend ist der Diskurs um prekäre Stadtteile schon seit längerem durch eine deutliche Verfallssemantik geprägt, wobei empirische Arbeiten tatsächlich zeigen, dass marginalisierte Quartiere das Risiko von Kindheiten erhöhen, die durch soziale Benachteiligung geprägt sind (Preissing 2019). Mit Blick auf Bildungszugänge im Feld von Bewegung, Körper und Gesundheit lässt sich feststellen, dass diese hier durch armutsbezogene Barrieren eingeschränkt sind (Burrmann et al. 2015; Edelhoff 2025; Meyer 2025). Auf Grund dieser Zusammenhänge geht das Projekt davon aus, dass die Möglichkeiten sich im Wasser zu bewegen für Kinder im adressierten Quartier aufgrund finanzieller, kulturbedingter und geschlechtsbezogener Barrieren begrenzt sind. Projektkontext und -struktur Das Projekt wird durch die Unterstützung des Stifters- - Firma Thomas Philipps- - im mittleren 6-stelligen Bereich gefördert. Dabei geht es grundsätzlich um ein inklusives Setting, das Kinder mit und ohne emotionale und soziale Risiken einschließt. Die teilnehmenden Kitas sollen besonders förderungswürdige Teilnehmer: innen- - in der Regel im Vorschulalter- - auf der Grundlage des fachlichen und Erfahrungswissens und entlang verschiedener emotional-sozialer Risikofaktoren identifizieren, etwa: 1. Die unmittelbaren sozialen Interaktionen in der Kita 2. Der familiäre und biografische Hintergrund 3. Bereits vorhandene sozial- oder sonderpädagogische Hilfeleistungen 4. Vorhandene klinisch externalisierende oder internalisierende Diagnosen Dabei kommen die Kinder häufig aus Familien, die Leistungen des SGB II erhalten. Die Teilnehmer: innen bekommen die Möglichkeit, ein Jahr am Projekt zu partizipieren. Das Bewegungsangebot wird von der Kinder-Bewegungsstadt-Initiative der Bürgerstiftung Osnabrück organisiert und umgesetzt. Um personelle Konstanz zu gewährleisten, findet eine Kooperation mit einer städtischen Schwimmschule statt. Die Einheiten beinhalten Wassergewöhnung, sensomotorisches Erleben von Wasser, spielerische Übungen, Wasserspringen sowie erstes Erlernen des Brustschwimmens. Auf Grund der Unterstützung des Stifters ist ein Betreuungsschlüssel von eins zu sechs gewährleistet. Dieser ermöglicht eine starke Binnendifferenzierung und Berücksichtigung individueller Bedarfe und Bedürfnisse. Wasser als Erfahrungs- und Bildungsraum Bewegen im Wasser wird im Rahmen des Projektes als pädagogisch geleiteter Zugang zu einem für die Kinder neuen Erfahrungsraum begriffen. Es geht um die Unterstützung von Kindern bei subjektiv und objektiv relevanten Entwicklungsaufgaben (Neuber 2007), wobei durch das Wasser vermittelte, leibliche und soziale Erfahrungen ermöglicht werden. Dieser besondere Bewegungsraum entsteht, wie bereits einschlägig herausgearbeitet (Hildebrandt-Stratmann 2009; Beudels / Pla 2014; Mayr 2022), in der be- [ 129 ] [ 129 ] Meyer • Bewegungsförderung im Wasser 3| 2026 sonderen Sinnlichkeit und den physikalischen Eigenschaften (Auftrieb, Widerstand, Temperatur, Druck) des Elements, die einerseits positive Erlebnisse ermöglichen (z. B. Auftrieb erfahren, Gleiten) und andererseits beängstigend oder befremdlich wirken können. Damit das Bewegen im Wasser in positiver Weise erlebt und erfahren werden kann, orientiert sich die Gestaltung des Angebots in Anlehnung an Mayr (2022) an den körperlich-leiblichen Voraussetzungen und individuellen Befindlichkeiten der Teilnehmenden. Besondere Berücksichtigung erfahren die Passung des Materials zu den Voraussetzungen der Kinder, die ritualisierten Abläufe und die gleichberechtigte Kommunikation in allen Projektphasen. Es soll ein Bewegungsraum entstehen, in dem die Kinder nicht nur zu sich, zu Anderen und zum Wasser in Resonanz treten, sondern auch ihre Widerstände und Barrieren offen kommunizieren können. Kinder mit multiplen emotionalen und sozialen Risikofaktoren bilden eine heterogene Gruppe, die häufig durch überdauernde Beeinträchtigungen im Person-Umwelt-Bezug gekennzeichnet wird (Hennemann / Casale 2025). Diese Beeinträchtigungen prägen sich leiblich aus und umfassen neben beobachtbaren Handlungen auch inneres Erleben (ebd.). Gerade für diese vulnerablen Kinder versucht das Projekt eine sukzessive Gewöhnung an das Wasser, an den Ort und die neuen Lehrkräfte zu gewährleisten. Dafür sollen neben einer adressat: innengerechten Vermittlung (s. u.) personelle Konstanz, die Begleitung bekannter Kita-Fachkräfte und die Möglichkeit, sich zeitweise aus der Schwimmsituation zurückzuziehen, sorgen. Didaktische Bausteine des Projektes Die didaktischen Bausteine des Projekts wurden in partizipativer Zusammenarbeit der Kinder-Bewegungsstadt mit den Lehrkräften, den Fachkräfte in den Kitas und den Kindern induktiv entwickelt. Auch auf Wunsch der Fachkräfte wurde im Rahmen eines Dialogs zwischen der Kinder- Bewegungsstadt und den Lehrkräften ein Grundgerüst entwickelt. Die Fachkräfte waren durch ständige Anwesenheit, Beobachtung und Rückmeldung zu Situationen sowie durch gemeinsame Diskussionsrunden an allen Adaptionsprozessen des Projektes beteiligt. Die Kinder hatten am Ende jeder Stunde den Raum, Wünsche und Rückmeldungen zu äußeren. 1. Wassergewöhnung als Grundlage Wassergewöhnung bildet die elementare Grundlage des Projektes vor allem zu Beginn. Viele der adressierten Kinder bringen kaum oder keine Vorerfahrungen mit. Einige reagieren mit Unsicherheit oder Angst, andere mit Enthusiasmus und Bewegungsdrang. Daher beginnt jede Einheit mit ritualisierten Übungen. Wesentliche Aspekte dieses Bausteins: ■ Das Schwimmbad und seine Materialien werden vorgestellt. ■ Mit einfachen Bewegungspraktiken sollen Körperwahrnehmung, Wassergefühl und Vertrauen gefördert werden (z. B. Spritzen, Gleiten, Blubbern, Tauchen, Schweben im flachen Wasser). ■ Durch wiederkehrende Spiele (z. B. Kettenfangen, ›Fischer, Fischer wie tief ist das Wasser‹) und kleine Aufgaben (z. B. im Sitzen die Füße über Wasser halten, unter Wasser ausatmen) wird ein sicherer Rahmen für Exploration und das Ausloten individueller Grenzen geschaffen. ■ Auf Wunsch können Kinder einen Neoprenanzug tragen. Dieser erhöht den Auftrieb, spendet Wärme und wird von einigen Menschen als Schutz wahrgenommen. 2. Spielen als zentrale Lernpraktik Im Zentrum steht das Lernen entlang des Spielens. Es werden verschiedene Spieltypen aufgegriffen: ■ Fantasie- und Rollenspiele verknüpfen motorische Aufgaben mit Geschichten. ■ In kooperativen Spielen werden gemeinsam Ziele festgelegt und erreicht. ■ Kompetitive Spiele in Gruppen sind besonders bewegungsintensiv und folgen dem Paradigma ›Gemeinsam gegeneinander‹. [ 130 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik 3. Differenzierung und Individualisierung Die Binnendifferenzierung stellt aufgrund der Heterogenität einen wichtigen Baustein dar: Die Kinder starten mit unterschiedlichen Voraussetzungen- - körperlich, motorisch, sprachlich und emotional-sozial. Das Projekt wird durch flexible Gruppenbildung, variable Aufgabenstellungen und individuelle Zielsetzungen angepasst: ■ Kinder mit hoher Wassersicherheit erhalten herausfordernde Technikaufgaben, z. B. Koordination von Atmung und Armzug. ■ Bewegungsunsichere Kinder spielen und üben in Kleingruppen mit erhöhter Betreuung in der Regel unter Zuhilfenahme von Materialien wie Schwimmbrettern, Poolnudeln oder Halteelementen. ■ Die Lernfortschritte werden nicht primär am Technikstand bemessen, sondern an der individuellen Entwicklung (z. B. erste Tauchversuche, angstfreies Schweben). 4. Körpererfahrung und Sinneswahrnehmung Wasser bietet einen einzigartigen Raum für intensives körperlich-leibliches Erleben: ■ Der Auftrieb ermöglicht Bewegungen, die an Land nicht möglich wären (z. B. schwebendes Drehen, Rollen und Gleiten). ■ Die Haut wird durch Temperatur, Druck und Strömung vielfältig stimuliert. ■ In gezielten Ruhephasen im Wasser (z. B. als ›schwebende Sterne‹) wird versucht, Körperwahrnehmung zu fördern. Ein besonderes Ziel ist es, Kindern mit emotionalen und sozialen Risiken sinnliche Möglichkeitsräume der Selbstwirksamkeit, des Loslassens und des spielerischen Sich-Ausprobierens zu ermöglichen. Im besten Fall werden so auch Techniken der Selbstregulation erprobt. 5. Rituale, Beziehung und Sicherheit Rituale strukturieren jede Schwimmstunde und geben Sicherheit: ■ Gemeinsame Start- und Schlusssituationen sowie wiederkehrende Übungen im Wasser fördern die Gruppenbindung, Vertrauen und Sicherheit. ■ Die kontinuierliche Begleitung durch vertraute Fachkräfte der Kita ist entscheidend, um Beziehungskontinuität zu gewährleisten. ■ Die Schwimmlehrkräfte sollen nach Möglichkeit über das Jahr lang konstant bleiben, so dass sie nicht nur als Anleiter: innen agieren, sondern auch als Vertrauenspersonen, die emotionale Sicherheit geben. 6. Übergang zur Schwimmtechnik Das Erlernen des Brustschwimmens erfolgt schrittweise, eingebettet in die zuvor genannten Prinzipien: ■ Technikvermittlung wird über Bilder, Geschichten und taktile Hilfsmittel (z. B. Schwimmbretter, Poolnudeln) gestaltet. ■ Atmung, Bein- und Armbewegung werden nicht als abstrakte Technik vermittelt, sondern als ›Froschbewegung‹, ›Rakete‹ oder ›Wellenritt‹ ins Spiel integriert. ■ Die Vermittlung findet nicht entlang des Technikbildes, sondern im Zuge problemorientierter, bildhafter Bewegungsaufgaben statt. Erste Projektevaluation Zur wissenschaftlichen Begleitung des Projekts wurden Gruppengespräche mit Erzieher: innen und den Schwimmlehrkräften geführt. Des Weiteren liegen verschriftliche Erfahrungsberichte der Kitas vor, die gemeinsam von Fachkräften, Kindern und Eltern angefertigt wurden. Schließlich liegen quantitative Daten über die erreichten Kitas vor. Zunächst wurden folgende Zieldimensionen festgelegt: 1. Anzahl erreichter Kitas und Kinder 2. reibungslose Organisation und Kooperation mit den Kitas 3. Gewinnen von Wassersicherheit 4. Freude am Bewegen im Wasser [ 131 ] [ 131 ] Meyer • Bewegungsförderung im Wasser 3| 2026 Die Daten wurden mit Hilfe des offenen Kodierens geordnet und zusammenhängende thematisch bedeutsame Phänomene mit Blick auf die Zieldimensionen ausgemacht (Charmaz 2014). Daran anknüpfend wurde der Versuch unternommen, ursächliche Bedingungen, Folgen und Kontextvariationen mit Blick auf Orte, Personen, Praktiken und Konflikte zu berücksichtigen. Ziel ist es, typische Muster des Erfahrungsprozesses im Wasser zu rekonstruieren. Anzahl der erreichten Kitas und Kinder Im Rahmen der ersten Projektphase von März 2024 bis August 2025 konnten 11 Kitagruppen mit jeweils 10-12 Kindern in das Projekt integriert werden. Zum Start des Schuljahrs 25 / 26 bringt das Projekt damit also ca. 130 Osnabrücker Kinder wöchentlich ins Wasser. Reibungslose Organisation und Kooperation mit den Kitas Für die kooperierenden Kitas stellt das Projekt einen gewissen Mehraufwand dar. Der Transportweg zum Schwimmbad kann zeitaufwendig und logistisch anspruchsvoll sein. Daher unterstützt die Bürgerstiftung manche Kitas bei Transportkosten. Des Weiteren ist die Begleitung durch Kita-Personal durch den allgemeinen Fachkräftemangel nicht immer einfach sicherzustellen. Hier kann die Bürgerstiftung nicht unterstützend tätig werden, da die Aufsichtspflicht sowie die Gewährleistung sicherer Umkleidesituationen und Wege bei den Kitas liegen. Abschließend ist die Verfügbarkeit geeigneter Schwimmzeiten in öffentlichen Bädern begrenzt, mögliche Schwimmzeiten passen nicht immer in die Personalplanung der Kitas. Hier konnte die Bürgerstiftung durch intensive Kommunikation und die Flexibilität ihrer Lehrkräfte allen Kitas weitestgehend entgegenkommen. Personelle Konstanz und Beziehungsarbeit Als wichtiger Gelingfaktor des Projektes wurde durch die Fachkräfte die konstante Begleitung durch feste Schwimmlehrkräfte und die Beziehungsarbeit markiert. So wurde in Gruppen, in denen die Schwimmlehrkräfte über das Jahr nicht gewechselt haben, der Lernerfolg und das Vertrauen der Kinder grundsätzlich positiver eingeschätzt als in Gruppen, in denen Lehrkräfte wechseln mussten. Dies erklärt sich auch daraus, dass konstante vertrauensvolle pädagogische Beziehung gerade für Kinder mit emotionalen und sozialen Risiken besonders wichtig sind (Stein / Müller 2024). Darüber hinaus wurden paritätisch besetzte Dozent: innengruppen als besonders förderlich beschrieben, wobei nicht abschließend zu klären ist, ob dies auf Grund des Geschlechts oder der Lehrkompetenzen geschehen ist. Gewinnen von Wassersicherheit und Freude am Schwimmen Insbesondere auf der Grundlage der schriftlichen Erfahrungsberichte ließ sich feststellen, dass Eltern und Kitapersonal von einem erheblichen Gewinn an Wassersicherheit und Schwimmfähigkeit aller Kinder berichten. Die Schwimmlehrkräfte weisen mitunter auf erhebliche Barrieren der Kinder bei der Wassergewöhnung hin, die überwunden wurden. Auf diesen wahrgenommenen Erfolgen begründet das Kita- Personal auch die eigene Motivation zur Mehrarbeit, die mit dem Projekt einhergeht. Dabei sind die Fortschritte sehr individuell. Aus den Daten ließen sich drei typische Fälle rekonstruieren: A) Von der Angst vor Wasser zum: r souveränen Wasserliebhaber: in Die Kinder kommen ohne Vorerfahrung ins Projekt, sind wasserscheu oder haben negative Erfahrungen mit Wasser gemacht. Durch die sensible und individuelle Begleitung konnten sie sich im Laufe des Jahres sukzessive an das Element gewöhnen und Freude in der Bewegung erfahren. B) Spielen im Wasser Einige Kinder sind mit großer Begeisterung und Spielfreude ins Projekt eingetreten und haben diese konstant beibehalten. Hier stand weniger das Schwimmabzeichen als das spielerische Erleben in seinen verschiedenen Facetten [ 132 ] 3| 2026 Forum Psychomotorik im Mittelpunkt. Intensive, wettkampforientierte Bewegungsspiele wurden dabei tendenziell als besonders attraktiv markiert. C) Mit Ehrgeiz zum Schwimmabzeichen Einige Kinder entwickelten einen enormen Ehrgeiz, das sportive Bahnen-Schwimmen zu erlernen und Schwimmabzeichen vom Seepferdchen bis hin zum Silber zu erwerben. Diese Kinder wurden dabei gezielt und spielerisch unterstützt und gefördert. Soft Skills Trotz der Herausforderungen berichten die Kitas von einer Vielzahl positiver Effekte, die über die reine Schwimmfähigkeit hinausgehen. Insbesondere von den Fachkräften als ›Soft Skills‹ genannte Aspekte konnten gestärkt werden: ■ Die Kinder zeigen mehr Selbstständigkeit in organisatorischen Settings (insbesondere beim Aufräumen ihrer Spinde). ■ Der respektvolle Umgang mit der Körperlichkeit anderer Kinder hat sich verbessert. ■ Auf dem Weg zum Schwimmbad entstehen intensive Gespräche, die von den Fachkräften als besonders wertvoll für die Beziehungsarbeit beschrieben werden. Fazit und Ausblick Das Projekt hat sich als Ziel gesetzt, durch spielerische, Leiblichkeit reflektierende und binnendifferenzierende Bewegungsförderung im Wasser motorische, soziale und emotionale Kompetenzen zu stärken und Bildungszugänge für Kinder in einem marginalisierten Quartier zu öffnen. Die durch die Bürgerstiftung selbst begleitete Evaluation deutet zunächst die breiten Bedarfe im adressierten Quartier an. Die Ergebnisse verdeutlichen zugleich die Notwendigkeit struktureller Unterstützung durch Fachkräfte und infrastruktureller Rahmenbedingungen durch Bäder. Des Weiteren kann ein so breit angelegtes Projekt nur durch eine angemessene Finanzierung realisiert werden, die Kommunen und Träger in der Regel nicht selbst leisten (können). Eine nachhaltige Verankerung des Projektes erfordert daher nicht nur pädagogisches, sondern auch politisches und gesellschaftliches Engagement. Literatur Bäderallianz Deutschland (2025): Ausweg aus der Misere: Bäderallianz Deutschland stellt Schwimmbadplan vor. In: https: / / www.sportwissenschaft.de/ fileadmin/ pdf/ News/ 2025_Presseinfo_Schwimmbadplan.pdf, 27.10.2025 Beudels, W., Pla, G. (2014): Bewegungsraum Wasser und seine Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Praxis der Psychomotorik 39 (1), 48-52 Burrmann, U., Mutz, M., Zender, U. (Hrsg.) (2015): Jugend, Migration und Sport- - Kulturelle Unterschiede und die Sozialisation zum Vereinssport. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978- 3-658-06397-9 Charmaz, K. (2014): Constructing Grounded Theory: A Practical Guide through Qualitative Analysis. Sage, Thousand Oaks Edelhoff, D. (2025): Soziale Gerechtigkeit für Kinder in Bewegung, Spiel und Sport. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-49503-9 Hennemann, T., Casale, G. (2023): Kinder und Jugendliche mit Verhaltensstörungen bzw. mit einem sonderpädagogischen Förderbedarf im Bereich ihrer emotional-sozialen Entwicklung. In: Markowetz, R., Hennemann, T., Hövel, D., Casale, G. (Hrsg.): Handbuch Emotionale und soziale Entwicklung. Beltz, Weinheim, 47-52 Hildebrandt-Stratmann, R. (2009): Bewegen im Wasser. In: Laging, R. (Hrsg.): Inhalte und Themen des Bewegungs- und Sportunterrichts. Von Übungskatalogen zum Unterrichten in Bewegungsfeldern. Schneider-Verlag, Hohengehren, 278-304 Löw, M., Steets, S., Stötzer, S. (2008): Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. UTB, Stuttgart Mayr, R. (2022): Erlebnisorientierte und wertschätzende Begleitung von Menschen mit schweren Behinderungen im Wasser. motorik 45 (2), 84-59, https: / / doi.org/ 10.2378/ mot2022.art16d Mella, A. A. (2019): Schwimmfähigkeit muslimischer Kinder- - Die Situation von Kindern mit Migrationshintergrund muslimischen Glaubens im Schwimmen am Beispiel einer Bielefelder Grundschule. Bielefelder E-Dissertation, https: / / doi. org/ 10.4119/ unibi/ 2956244, 27.10.2025 Meyer, R. (2025): Im Käfig- - Straßenfußball und Straßenkindheit in einem marginalisierten Quartier- - Eine Streetwork-Ethnographie. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658- 48257-2 Neuber N. (2007): Evaluationsforschung im Jugendalter. Theoretische Grundlagen und empirische Befunde aus sportpädagogischer Perspektive. Hofmann, Schorndorf [ 133 ] [ 133 ] Meyer • Bewegungsförderung im Wasser 3| 2026 Preissing, S. (2019): Jugend am Rande der Stadt- - Eine vergleichende Studie zu Marginalisierung und Raumaneignung in Deutschland und Frankreich. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978- 3-658-23607-6 Stein, R., Müller, T. (Hrsg.) (2024): Inklusion im Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. 3. Aufl. Kohlhammer, Stuttgart Wacquant, L. (2018): Die Verdammten der Stadt, Eine vergleichende Soziologie fortgeschrittener Marginalität. Springer, Heidelberg, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-02680-6 Der Autor Dr. Rudolph Meyer ist seit über zehn Jahren in der sozialraumorientierten Kinder- und Jugendarbeit und quartiersorientierten Bewegungsförderung aktiv. Seit dem Sommersemester 2026 vertritt er die Professur für Sportpädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Anschrift Dr. Rudolph Meyer Institut für Sportwissenschaften Bergische Universität Wuppertal Gaußstraße 20 42119 Wuppertal 2024. 234 Seiten. 22 Abb. 9 Tab. utb-M (978-3-8252-6229-7) kt Psychologie der Einsamkeit Zahlreiche Studien belegen die schwerwiegenden Folgen der Einsamkeit für die körperliche und seelische Gesundheit. Einsamkeit ist mit hohem Leidensdruck verbunden, chronische Einsamkeit spielt eine Rolle für das Auftreten verschiedener Erkrankungen. Das Buch bietet einen wissenschaftlich fundierten Einstieg in das komplexe Thema. Ausgehend von einer Begriffsdefinition und Abgrenzung gegenüber verwandten Konzepten wird die Epidemiologie der Einsamkeit beleuchtet. Das Buch schließt mit aktuellen Perspektiven: Der Diskussion, ob Einsamkeit in den letzten Jahren zugenommen hat, und dem Forschungsstand zu wirksamen Interventionen. a w
