eJournals Motorik49/3

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art25d
7_049_2026_3/7_049_2026_3.pdf71
2026
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Fachbeitrag: Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie " eine Analyse von standardisierten Therapieprotokollen

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2026
Simone Sager
Sibylle Hurschler Lichtsteiner
Stefanie Wyss
Glena Iten
Alois Buholzer
Werner Wicki
Die vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützte Studie »Effectiveness of Psychomotor Therapy among Children with Graphomotor Impairment with and without DCD-Diagnosis« wurde im randomisierten Kontrollgruppendesign durchgeführt. Die an das Projekt anschließende Analyse untersuchte gesetzte Therapieziele, Schwerpunkte und Teilziele sowie deren Umsetzung. 600 Therapieprotokolle von 60 Kindern wurden deskriptiv ausgewertet. Die häufigsten Schwerpunkte waren »Motorik«, »Schrift« und »Motivation/Selbstkonzept« mit Teilzielen wie »Gesamtkörperkoordination«, »Buchstabenabläufe automatisieren« und »Selbstwirksamkeit«.
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Zusammenfassung / Abstract Die vom Schweizerischen Nationalfonds SNF unterstützte Studie »Effectiveness of Psychomotor Therapy among Children with Graphomotor Impairment with and without DCD-Diagnosis« wurde im randomisierten Kontrollgruppendesign durchgeführt. Die an das Projekt anschließende Analyse untersuchte gesetzte Therapieziele, Schwerpunkte und Teilziele sowie deren Umsetzung. 600 Therapieprotokolle von 60 Kindern wurden deskriptiv ausgewertet. Die häufigsten Schwerpunkte waren »Motorik«, »Schrift« und »Motivation / Selbstkonzept« mit Teilzielen wie »Gesamtkörperkoordination«, »Buchstabenabläufe automatisieren« und »Selbstwirksamkeit«. Schlüsselwörter: Psychomotoriktherapie, Grafomotorische Beeinträchtigungen, Therapieziele, Therapieprotokolle Graphomotor support processes in psychomotor therapy-- an analysis of standardised therapy protocols The SNSF study »Effectiveness of Psychomotor Therapy among Children with Graphomotor Impairment with and without DCD- Diagnosis« was conducted in a randomized control group design. The subsequent analysis of the project examined the therapy goals, priorities and sub-goals as well as their implementation. 600 therapy protocols from 60 children were evaluated descriptively. The most common focal points were »motor skills«, »writing« and »motivation / self-concept«, with sub-goals such as »overall body coordination«, »automating letter sequences« and »self-efficacy«. Keywords: psychomotor therapy, graphomotor impairments, therapy goals, therapy protocols [ 142 ] 3| 2026 motorik, 49. Jg., 142-152, DOI 10.2378 / mot2026.art25d © Ernst Reinhardt Verlag [ FACHBEITRAG ] Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie-- eine Analyse von standardisierten Therapieprotokollen Simone Sager, Sibylle Hurschler Lichtsteiner, Stefanie Wyss, Glena Iten, Alois Buholzer, Werner Wicki Einleitung Die Psychomotoriktherapie (PMT) wird von verschiedenen theoretischen Konzepten beeinflusst (Fischer 2019; Kuhlenkamp 2022). Ein häufig gewählter Ansatz ist der kindzentrierte, der die Stärkung der kindlichen Persönlichkeit betont (Zimmer 2022). Das Kind mit seinen Ressourcen und Bedürfnissen steht im Mittelpunkt. Über Bewegung und Spiel als zentrale Medien kann es positive Selbstwirksamkeitserfahrungen machen. Innerhalb der Psychomotorik stellt die Verbesserung des Selbstkonzepts ein wesentliches Ziel dar, denn ein positives Selbstkonzept fördert einen offenen und selbstsicheren Umgang mit neuen Anforderungen und führt zu einer positiven Selbstwirksamkeitsüberzeugung (Valkanover / Meyer 2022; Ruploh 2013). Im »Reciprocal Effect«-Modell (Marsh 2006) beeinflussen sich Selbstkonzept und Leistung wechselseitig- - eine Dynamik, die für die Therapie bedeutsam ist. Selbstregulative Verfahren wie das Setzen eigener Ziele und die Selbsteinschätzung fördern zusätzlich die psychomotorische Entwicklung (Zimmer 2022). Vor diesem Hintergrund kommt klar formulierten, diagnostisch begründeten Therapiezielen eine zentrale Rolle für die Motivation und den Thera- [ 143 ] Sager et al. • Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie 3| 2026 pieverlauf zu (Hirsbrunner / Sisson 2016). Die in der PMT formulierten Ziele beziehen sich dabei häufig auf spezifische Entwicklungsbereiche der Kinder, darunter die grafomotorische Entwicklung (Mahrhofer 2004). Handschrift bleibt eine zentrale Grundfertigkeit des Schreibens, da automatisierte Transkriptionsfertigkeiten (Handschrift, Tastaturschreiben, Rechtschreibung) den Arbeitsspeicher entlasten und die Textqualität steigern (Sturm et al. 2017). Für schulischen Erfolg und Wohlbefinden ist langfristig entscheidend, dass Kinder geläufig (d. h. mit automatisierten Abläufen) und leserlich schreiben lernen. Grafomotorische Beeinträchtigungen, die sich insbesondere im Umgang mit dem Stift beim Schreiben von Hand zeigen, können bei Kindern mit einer Umschriebenen Entwicklungsstörung motorischer Funktionen (UEMF) auftreten (Hurschler Lichtsteiner 2024). Die Metaanalyse von Smits-Engelsman et al. (2013) zeigt, dass Interventionen mit aufgabenorientierten Ansätzen wie Neuromotor Task Training (NTT) oder Cognitive Orientation to Daily Occupational Performance (CO-OP) die motorische Leistung von Kindern mit UEMF verbessern. In der Schweiz gilt die PMT- - ein pädagogisch-therapeutisches Angebot für Kinder und Jugendliche zur Unterstützung im Bereich der sozio-emotionalen Entwicklung, des Bewegungsverhaltens und der Stärkung des Selbstvertrauens-- auch als Standardtherapie für Kinder mit grafomotorischen Beeinträchtigungen (EDK 2023; Psychomotorik Schweiz 2021). Nach Häusler (2007) setzt die PMT bei grafomotorischen Schwierigkeiten entwicklungsorientiert an den grundlegenden Schreibvoraussetzungen an, indem durch spielerische Aufgaben Motivation und Selbstvertrauen gestärkt werden. Ziel ist eine funktionale, automatisierte Handschrift. Da Schreiben auf Bewegungslernen beruht (Meinel / Schnabel 2018), sind evidenzbasierte Übungsphasen für die Automatisierung unerlässlich (Jurt Betschart et al. 2019). Die G-FIPPS-Studie (Vetter et al. 2010) zeigte erstmals, dass eine psychomotorisch orientierte, gezielt auf grafomotorische Kompetenzen ausgerichtete präventive Förderung langfristig wirksam ist und insbesondere Kinder mit schwachen Ausgangsleistungen in diesem Setting im Vergleich zu anderen Fördermaßnahmen stärker profitieren. Für die Phase des Schrifterwerbs fehlten bislang vergleichbare Nachweise. Die Daten für den vorliegenden Beitrag stammen aus dem SNF-Projekt Nr. 185467 (Hurschler Lichtsteiner et al. 2023). In dieser Studie wurde erstmals die Wirksamkeit grafomotorischer Therapie innerhalb der PMT untersucht. Zur Untersuchung der Wirksamkeit der PMT wurde im erwähnten SNF-Projekt eine randomisierte kontrollierte Feldstudie (RCT) mit 121 Kindern mit grafomotorischen Beeinträchtigungen durchgeführt. Nach einer fünfmonatigen Therapie zeigte die Studie signifikante Verbesserungen der feinmotorischen Fertigkeiten in der Therapiegruppe im Vergleich zur Wartekontrollgruppe sowie teilweise Verbesserungen im Handschrift-Selbstkonzept. Fortschritte in den Schriftkennwerten traten jedoch teilweise auch in der Wartekontrollgruppe auf. Beide Gruppen erreichten noch kein altersgemäßes Niveau (Hurschler Lichtsteiner et al. 2023). Ziel dieses Beitrags ist es, Einblicke in die praktische Umsetzung psychomotorischer Arbeitsweisen im Bereich der Grafomotorik anhand von Therapieprotokollen zu geben. Dadurch soll die Therapie bei Kindern mit grafomotorischen Beeinträchtigungen besser verstanden werden, wodurch sich Möglichkeiten zur Optimierung therapeutischer Interventionen eröffnen. Fragestellungen Die Fragestellungen zielen darauf ab, die therapeutischen Prozesse besser zu verstehen. Unter Berücksichtigung der nach der Erstdiagnostik formulierten Therapieziele sollen die Schwerpunkte und deren Teilziele anhand der Therapieprotokolle näher betrachtet werden. ■ Fragestellung 1 (F1): Welche Therapieziele werden vor Therapiebeginn festgelegt? Ent- Für Schulerfolg und Wohlbefinden ist entscheidend, dass Kinder geläufig und leserlich schreiben. [ 144 ] 3| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis sprechen die im Voraus festgelegten Ziele den tatsächlich umgesetzten Schwerpunkten im Verlauf der Therapie? Wie viel Zeit wird in die Umsetzung dieser Schwerpunkte investiert? ■ Fragestellung 2 (F2): Welche Schwerpunkte werden im Rahmen der Therapie favorisiert? Welche Teilziele werden innerhalb der Schwerpunkte am häufigsten gewählt? ■ Fragestellung 3 (F3): Wie intensiv wird die Umsetzung der Teilziele im Verlauf der Therapie verfolgt? Methode Beim Untersuchungsdesign handelt es sich um eine Feldstudie mit längsschnittlichem Design (Anzahl der Messwiederholungen: zehn standardisierte Protokollbögen mit geschlossenem Antwortformat, s. Abb. 1). Aufgrund des hohen Strukturierungsgrades werden in dieser Studie die Protokolldaten der Therapiegruppe quantitativ-deskriptiv untersucht (Döring 2023). Stichprobe Im Zeitraum von 2019 bis 2022 wurden insgesamt 121 Kinder erfasst, die aufgrund von Schwierigkeiten im Bereich der Grafomotorik für eine PMT angemeldet waren. Personendaten wie Alter, Geschlecht, Händigkeit, Sprache(n) sowie Anamnese- und Diagnostikdaten wurden zu Beginn erhoben und anonymisiert. Für die Studie wurden die Daten von 61 zufällig der Therapiegruppe zugeteilten Kindern ausgewertet (Dropout: ein Kind). Die Therapiegruppe (n = 60) nahm von August bis Januar wöchentlich (45 Min.) an der PMT teil. Das Setting umfasste Einzeltherapie sowie Kleingruppen mit maximal zwei Kindern. Die Förderinhalte waren dabei individuell auf das jeweilige Kind ausgerichtet. Die Protokolle wurden jeweils von derjenigen Therapeut: in ausgefüllt, welche die Therapie leitete. Insgesamt waren 24 qualifizierte Psychomotoriktherapeut: innen aus der Stadt Zürich beteiligt. Die Therapiegruppe umfasste 45 Jungen und 15 Mädchen im Alter von 6.1 bis 8.9 Jahren (M = 7.2 J., SD = 7.5 Mon., Mdn = 7.3 J.). 25 Kinder besuchten die erste, 35 die zweite Primarschulklasse. Bei 22 Kindern zeigten sich im M-ABC-2 (≤ 16. Perzentil) nach Ausschluss anderer Diagnosen Anzeichen einer UEMF (Blank/ Vinçon 2020). Untersuchungsmaterial Nach der umfassenden Diagnostik wurden zu Beginn einmalig-- angelehnt an die ICF (Hollenweger / Kraus de Camargo 2017)- - gemeinsam mit den Kindern die Therapieziele besprochen und in Fließtext formuliert. Für jede Therapielektion wurde ein standardisiertes Protokoll aus- Abb. 1: Studiendesign & Protokollbogen-Ausschnitt »Motorik« [ 145 ] [ 145 ] Sager et al. • Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie 3| 2026 gefüllt. Die Schwerpunkte sowie die dafür aufgewendete Zeit hielten die Therapeut: innen in Fünf-Minuten-Schritten fest. Jeder Schwerpunkt umfasst mehrere Teilziele, die die Arbeit in der Therapiestunde konkretisieren. Die Teilziele wurden mittels Auswahlliste (Mehrfachnennungen möglich) erfasst. Für jedes Kind liegt eine Sammlung von 10 bis 18 Protokollen vor. Der Datensatz umfasst insgesamt 600 Protokolle. Bei fünf Kindern wurde die geplante Anzahl von 16 Protokollen aufgrund von Krankheit oder organisatorischen Gründen nicht erreicht. Ausgewertet wurden 10 Protokolle pro Kind. Datenanalyse Die Analyse der im Fließtext übermittelten Therapieziele erfolgte mittels deduktiver niedriginferenter Codierung, die aus einem früheren Forschungsprojekt adaptiert wurde (Hurschler Lichtsteiner / Wicki 2017). Die Analyse wurde mit MAXQDA 2022 durchgeführt. In Zweifelsfällen erfolgte die Zuordnung der Codes in Konsensbildung mit einer zweiten Person. Die 600 standardisierten Therapieprotokolle in Papierform wurden mithilfe von Remark Office OMR elektronisch erfasst, kontrolliert und in das Statistikprogramm SPSS 28 übertragen. Anschließend wurden die Protokolldaten einer deskriptiven Analyse unterzogen, um die Datenmengen zusammenzufassen und zu interpretieren. Zur Sicherung der Objektivität nutzten alle Beteiligten denselben strukturierten Protokollbogen; die Auswertung erfolgte durch eine unabhängige Person. Die Validität des Protokollbogens wurde im Rahmen der oben genannten Vorstudie praxisbasiert entwickelt. Zur Gewährleistung der Reliabilität erhielten alle Therapeut: innen zu Beginn eine gemeinsame Schulung. Ergebnisse F1: Nach der Diagnostik wurden insgesamt 13 Therapieziele identifiziert; alle Therapeut: innen nannten zu Beginn mehrere Ziele. Am häufigsten wurde das Ziel »Motorik« gewählt (95 %) und im Therapieverlauf auch am längsten bearbeitet (Ø 12 Minuten pro Einheit). Das Ziel »Schrift« wurde zu Beginn von 78 % genannt und durchschnittlich sieben Minuten pro Einheit verfolgt. Das Therapieziel »Motivation / Selbstkonzept« wurde von 70 % der Therapeut: innen genannt und durchschnittlich sechs Minuten pro Einheit bearbeitet (Abb. 2). F2: Im Schwerpunkt »Motorik« wurde das Teilziel »Gesamtkörperkoordination« mit 283 Nennungen am häufigsten bearbeitet. Es folgen »Fingerbewegung mit Stift« (213) und »Gleichgewicht« (202). Die »Stifthaltung« wurde 164-mal Abb. 2: Gewählte Therapieziele [ 146 ] 3| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis und die »Fingerbeweglichkeit ohne Stift« 153mal bearbeitet (Abb. 3). Im Schwerpunkt »Schrift« wurde das Teilziel »Buchstabenabläufe automatisieren« mit 194 Nennungen am häufigsten gewählt, gefolgt von »Elemente der Schrift« (150) und »Automatisieren der Buchstabenformen« (146) (Abb. 4). Im Schwerpunkt »Motivation / Selbstkonzept« wurde das Teilziel »Selbstwirksamkeit« mit 248 Nennungen am häufigsten verfolgt. Am »Vertrauensaufbau« wurde 144-mal gearbeitet (Abb. 5). F3: Die zeitliche Entwicklung der Schwerpunkte ist in den Abbildungen 6-8 dargestellt. Die durchschnittlich investierte Zeit pro Schwerpunkt wird durch die grüne Fläche pro Lektion visualisiert; farbige Linien zeigen die Gesamtzahl der Teilziele pro Sitzung. Im Schwerpunkt »Motorik« wurden durchschnittlich etwa 12 Minuten pro Einheit investiert. Das Teilziel »Gesamtkörperkoordination« wird über den gesamten Therapieverlauf konstant und intensiv verfolgt. »Fingerbewegung mit dem Stift« wird in den ersten beiden Sitzungen weniger bearbeitet, steigt in der dritten und vierten Sitzung deutlich an und nimmt danach wieder etwas ab. Ein ähnlicher Verlauf zeigt sich für das Teilziel »Stifthaltung« (Abb. 6). Bis zur vierten Lektion steigt die durchschnittliche Zeit im Schwerpunkt »Schrift« von vier auf acht Minuten; nach einem kurzen Rückgang bleibt sie bis zur zehnten Lektion konstant bei etwa acht Minuten. Am häufigsten wird am »Automatisieren von Buchstabenabläufen« gearbeitet; diese Tendenz bleibt bis zum Therapieende Abb. 3: Anzahl Nennungen der Teilziele des Schwerpunktes »Motorik« (n = 60) Abb. 4: Anzahl Nennungen der Teilziele des Schwerpunktes »Schrift« (n = 60) [ 147 ] [ 147 ] Sager et al. • Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie 3| 2026 stabil. Im Bereich der Genauigkeit treten insbesondere die Teilziele »Leserlichkeit üben« und »Proportionen« hervor, während das »Üben mit verschiedenen Schreibgeräten« vergleichsweise selten genannt wird (Abb. 7). Die Auswertung zeigt, dass in der ersten Therapiestunde durchschnittlich elf Minuten für den Schwerpunkt »Motivation / Selbstkonzept« aufgewendet wurden. In der ersten Stunde steht besonders das »Kennenlernen und der Vertrauensaufbau« im Vordergrund. Das Teilziel »Selbstwirksamkeit« wird über den gesamten Verlauf hinweg mit leichten Schwankungen verfolgt. Die »Heranführung an grafomotorische Ar- Abb. 5: Anzahl Nennungen der Teilziele des Schwerpunktes »Motivation / Selbstkonzept« (n = 60) Abb. 6: Teilziele und Zeitdauer für den Schwerpunkt »Motorik« (n = 60) (Legende: y1- Achse: Anzahl Teilziele; x-Achse: Therapiestunde; y2-Achse: durchschnittliche Dauer in Minuten am jeweiligen Schwerpunkt) [ 148 ] 3| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Abb. 8: Teilziele und Zeitdauer für den Schwerpunkt »Motivation / Selbstkonzept« (n = 60) (Legende: y1-Achse: Anzahl Teilziele; x-Achse: Therapiestunde; y2- Achse: durchschnittliche Dauer in Minuten am jeweiligen Schwerpunkt) Abb. 7: Teilziele und Zeitdauer für den Schwerpunkt »Schrift« (n = 60) (Legende: y1- Achse: Anzahl Teilziele, x-Achse: Therapiestunde, y2-Achse: durchschnittliche Dauer in Minuten am jeweiligen Schwerpunkt) [ 149 ] [ 149 ] Sager et al. • Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie 3| 2026 beiten« ist vor allem in den ersten fünf Lektionen präsent und nimmt danach ab. Die Teilziele »realistische Ziele setzen« und »Schrift nach Kriterien selbst beurteilen« werden seltener genannt, nehmen jedoch gegen Ende der Therapie zu (Abb. 8). Diskussion F1: Die Auswertung zeigt, dass die Therapeut: innen in den Therapiesitzungen Zeit und Aufmerksamkeit überwiegend auf die zu Beginn festgelegten Therapieziele richteten. Dies weist auf ein strukturiertes und planvolles Vorgehen hin und unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Zieldefinition zu Therapiebeginn. Die Ergebnisse bestätigen die in der Fachliteratur hervorgehobene Relevanz klar formulierter Ziele als Grundlage professioneller psychomotorischer Therapie, bei der Diagnostik, Zielsetzung und Intervention eng verknüpft sind. Eine kontinuierliche Bezugnahme auf die Ziele kann zudem die Veränderungsmotivation und Selbstwirksamkeit der Kinder fördern (Hirsbrunner / Sisson 2016). Die Daten erlauben jedoch keine Aussage darüber, ob Therapieziele im Verlauf überprüft oder modifiziert wurden. Für Best-Practice-Ansätze wäre daher eine explizite Dokumentation von Zielanpassungen wünschenswert, um Zieltreue und therapeutische Flexibilität transparenter abzubilden. F2: Im Schwerpunkt »Motorik« wurde das Teilziel »Gesamtkörperkoordination« am häufigsten bearbeitet. Diese Gewichtung erscheint nachvollziehbar, denn die PMT versteht sich als ganzheitlicher Ansatz, der Spielangebote in einem räumlich attraktiven Setting anbietet (Zimmer 2022) und betroffene Kinder nicht auf ihre Herausforderungen reduzieren will. An zweiter Stelle steht das eher funktionale Teilziel »Fingerbewegung mit Stift«. Eine optimale Stifthaltung mit flexibler Fingersteuerung gilt als grundlegende Voraussetzung für eine präzise und geläufige Handschrift (Jurt Betschart et al. 2019) und ist daher unverzichtbar in einer grafomotorisch ausgerichteten Therapie. Für die Weiterentwicklung evidenzbasierter Therapien sollte geprüft werden, wann eine stärkere Fokussierung auf spezifische grafomotorische Fertigkeiten einer ganzkörperorientierten Förderung überlegen ist. Im Schwerpunkt »Schrift« wurde am häufigsten an der »Automatisierung von Buchstabenabläufen« gearbeitet. Deren Automatisierung bildet eine zentrale Grundlage für eine geläufige Handschrift, da sie das Arbeitsgedächtnis im Prozess des Verschriftens entlastet und einen schnellen, sicheren Abruf ermöglicht (Sturm et al. 2017). Im Schwerpunkt »Motivation / Selbstkonzept« wurde am häufigsten das Teilziel »Selbstwirksamkeit« gewählt. Dies betont die aktive Beteiligung der Kinder in der grafomotorischen Therapie, etwa durch Wahlmöglichkeiten und Erfolgserlebnisse. Die Befunde stehen im Einklang mit Zimmer (2022) und Fischer (2019) und bestätigen Selbstwirksamkeit als zentrales Wirkprinzip der Therapie. Entsprechend zeigten sich bereits in der Hauptstudie positive Effekte für die Kinder der Therapiegruppe. F3: Im Schwerpunkt »Motorik« blieb das Teilziel »Gesamtkörperkoordination« über den gesamten Therapiezeitraum hinweg hoch gewichtet. Es ist anzunehmen, dass das Therapieverständnis den kindzentrierten Ansatz widerspiegelt, der die individuelle Entwicklungsbegleitung betont. Grundlegende motorische Fertigkeiten gelten dabei als essenziell, um dem Kind neue Bewegungserfahrungen, Selbstwirksamkeit und soziale Teilhabe zu ermöglichen (Zimmer 2022). Ein variabler Verlauf zeigt sich, wenn bestimmte Vorläuferfertigkeiten der Grafomotorik trainiert werden. Die beiden zu Beginn der Therapie häufig gewählten Aspekte »Fingerbewegung mit Stift« und »Stifthaltung« können als Basiskomponenten der Grafomotorik angesehen werden. Daher ist ihre gezielte Förderung in der Initialphase besonders sinnvoll (Jurt Betschart et al. 2019). Der Verlauf der Teilziele im Schwerpunkt »Schrift« zeigt, dass am meisten und mit zunehmender Intensität direkt die Buchstabenabläufe Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung einer sorgfältigen Zieldefinition zu Therapiebeginn. [ 150 ] 3| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis geübt werden. Dies ist in Übereinstimmung mit den Zielen des Schweizer »Lehrplan 21«, Zyklus 1 (D-EDK 2024). Diese Vorgehensweise entspricht neueren Therapieansätzen bei motorischen Beeinträchtigungen (Top-down-Förderung, NTT, Schoemaker et al. 2003). Gemäß diesen Ansätzen fokussiert eine wirksame Therapie auf das gezielte Training spezifischer Fertigkeiten. Nach Berninger und Richards (2002) müssen die Grundfertigkeiten des Schreibens explizit geübt werden, und zwar häufig und kurz, 5-10 Minuten täglich. Dieser Ansatz zur Steigerung der Schrift-Geläufigkeit wird in der Schriftforschung geteilt (Mahrhofer 2004). Das explizite Üben von Genauigkeit jedoch (vgl. Teilziele »Leserlichkeit, Präzision der Schrift üben« und »Proportionen der Schrift üben«) wird kritisch diskutiert, da die verlangte Kontrolle der Genauigkeit die Strichführung verlangsamt und die Automatisierung erschwert. Erste Hinweise von Di Brina et al. (2008) legen nahe, dass mit paradoxen Interventionen (»schreib schneller«) bessere Resultate erzielt werden. Für Best-Practice-Empfehlungen ergibt sich daraus die Notwendigkeit, Therapeut: innen stärker für potenzielle Zielkonflikte zwischen Leserlichkeit und Geläufigkeit zu sensibilisieren. Im Verlauf der Therapie verschieben sich die Akzente im Schwerpunkt »Motivation / Selbstkonzept« von einer spielerischen, kindzentrierten Anfangsphase (z. B. Bewegungsspiele, Rollenspiele, Kennenlernspiele) zu einer zielorientierten Phase. Ist der »Vertrauensaufbau« zwischen Therapeut: in und Kind gefestigt, kann eine zielorientierte Arbeit folgen, um die grafomotorischen Fertigkeiten und das Selbstkonzept der Kinder zu fördern. Die therapeutische Beziehung ist ein zentraler Wirkfaktor der Psychomotorik und entscheidend für den Erfolg. Der Beziehungsaufbau wird als prozesshafter Vorgang verstanden, der sich nach Köckenberger (2011) über die Stufen Kontakt, Begegnung und Beziehung entwickelt. Nach erfolgtem Beziehungsaufbau sind Inhalte wie funktionales Üben und Wiederholen notwendig, um Entwicklungsfortschritte und den Transfer in den Alltag zu sichern. Die Stärkung der »Selbstwirksamkeit« ist ein konstantes Therapieziel. Zu Beginn steht die »Heranführung an grafomotorische Arbeiten« im Fokus, später folgen komplexere Aufgaben. Teilziele wie »realistische Ziele setzen« und »Schrift selbst beurteilen« nehmen zu, sobald grundlegende Kompetenzen vorhanden sind. Die Ergebnisse liefern erstmals im deutschsprachigen Raum empirische Einblicke in den Verlauf psychomotorischer Therapie bei grafomotorischen Beeinträchtigungen. Gleichzeitig wird aufgezeigt, dass die Diskussion von Best- Practice-Ansätzen bislang vor allem deskriptiv bleibt. Eine verstärkte kritische Auseinandersetzung mit Zielkonflikten sowie der Passung zwischen theoretischen Modellen und tatsächlicher Praxis ist nötig, um die Aussagekraft der Befunde zu erhöhen. Einschränkungen Eine Limitation besteht darin, dass die Protokolldaten von den Therapeut: innen selbst verfasst wurden und daher subjektiven Verzerrungen unterliegen, was Reliabilität und Objektivität beeinträchtigen kann. Der kindzentrierte, dialogbasierte Ansatz wie auch die Flexibilität im Therapieverlauf werden als Stärke der PMT angesehen, jedoch auch als wenig standardisiert oder schwer fassbar kritisiert. Die hier dargestellten Inhalte entkräften diese Kritik weitgehend. Unklar bleibt, ob die Verfolgung der Therapieziele auch ohne externe Beobachtung zuverlässig und kontinuierlich stringent beibehalten würde. Die explorative Häufigkeitsanalyse zeigt priorisierte Inhalte, erlaubt jedoch nur begrenzte Aussagen zu Wirkmechanismen. Auch Rückschlüsse auf fallspezifische Passung, methodische Umsetzung oder Unterschiede im Therapieerfolg sind kaum möglich. Die Protokolle bilden vor allem quantitative Gewichtungen ab und geben wenig Einblick in die qualitative Ausgestaltung der Interventionen. Da der Protokollbogen bislang nur in- Die Therapeut: innen sollen Zielkonflikte zwischen Leserlichkeit und Geläufigkeit erkennen lernen. [ 151 ] [ 151 ] Sager et al. • Grafomotorische Förderprozesse in der Psychomotoriktherapie 3| 2026 tern geprüft wurde, ist die Generalisierbarkeit der Ergebnisse eingeschränkt. Ausblick Die systematische Dokumentation und Analyse von Therapieprotokollen ermöglicht eine strukturierte Datensammlung als Grundlage für die Evaluation therapeutischer Ansätze und die Entwicklung von Best Practices. Ergänzend könnten offene Textpassagen genutzt werden, um Aspekte wie individuelle Anpassungen an die Entwicklungsthemen der Kinder oder die achtsame therapeutische Herangehensweise zu erfassen. Therapieprotokolle unterstützen zudem die Reflexion der eigenen Arbeitsweise und können mit Verlaufsdiagnostik kombiniert werden, um therapeutische Wirkungen zeitnah zu erkennen. Zur Stärkung dieses Ansatzes wurden Weiterbildungskurse zur grafomotorischen Verlaufsdiagnostik entwickelt, die auch die Integration von Therapieprotokollen vorsehen (Hurschler Lichtsteiner et al. 2022). Literatur Berninger, V., Richards, T. (2002): Brain Literacy for Educators and Psychologists. Academic Press, Amsterdam / Boston, https: / / doi.org/ 10.1016/ B978- 012092871-2/ 50001-2 Blank, R., Vinçon S. 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Herder, Freiburg im Breisgau Die Autor: innen MA Simone Sager Dozentin an der PH Luzern; Kindergartenlehrperson; Psychomotoriktherapeutin; Schulische Heilpädagogin Sibylle Hurschler Lichtsteiner Projektleiterin und Dozentin an der PH Luzern; Psychomotoriktherapeutin D-EDK; Doktorandin an der PH Heidelberg Dr. Stefanie Wyss Dozentin Fachdidaktik Deutsch, Mentorin PS und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der PH Luzern, Doktorat in Fachdidaktik Deutsch, Universität Basel Dr. Glena Iten Wissenschaftliche Mitarbeiterin Statistik und Dozentin an der PH Luzern, Geschäftsstelle Forschung & Entwicklung; Doktorat in Psychologie, Universität Basel Prof. Dr. Alois Buholzer Professor für Bildungs- und Sozialwissenschaften und Leiter des Instituts für Diversität und inklusive Bildung an der PH Luzern Prof. Dr. Werner Wicki Emeritierter Professor für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der PH Luzern Anschrift PH Luzern Simone Sager Institut für Fachdidaktik der Sprachen und Bildungslinguistik (ISB) Sentimatt 1 CH-6003 Luzern simone.sager@phlu.ch - Anzeige -