Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art29d
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Forum Psychomotorik: Interview mit Ingrid Schäfer
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J. Lemmer Schmid
In dem »Pioneers Project« der Hochschule Emden / Leer werden prägende Persönlichkeiten der deutschen Psychomotorik eingeladen, von ihrem biographischen Werdegang, prägenden Begegnungen und fachlichen Wegmarken zu erzählen. In dieser Interviewreihe wird der Blick auf die Ursprünge und die Entwicklungsgeschichte der Psychomotorik gerichtet, um gleichzeitig dazu einzuladen, das eigene professionelle Selbstverständnis zu schärfen und berufspolitische Fragen gemeinsam voranzutreiben.Den Auftakt macht Ingrid Schäfer, eine Praktikerin der ersten Stunde. Zusammen mit Ernst Kiphard und Helmut Hünnekens hat sie die Psychomotorik in Deutschland maßgeblich mitgestaltet und über Jahrzehnte hinweg praktisch weiterentwickelt.
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[ 174 ] 4| 2026 motorik, 49. Jg., 174-180, DOI 10.2378 / mot2026.art29d © Ernst Reinhardt Verlag [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] Interview mit Ingrid Schäfer Eine Pionierin der deutschen Psychomotorik J. Lemmer Schmid Zusammenfassung / Abstract In dem »Pioneers Project« der Hochschule Emden / Leer werden prägende Persönlichkeiten der deutschen Psychomotorik eingeladen, von ihrem biographischen Werdegang, prägenden Begegnungen und fachlichen Wegmarken zu erzählen. In dieser Interviewreihe wird der Blick auf die Ursprünge und die Entwicklungsgeschichte der Psychomotorik gerichtet, um gleichzeitig dazu einzuladen, das eigene professionelle Selbstverständnis zu schärfen und berufspolitische Fragen gemeinsam voranzutreiben. Den Auftakt macht Ingrid Schäfer, eine Praktikerin der ersten Stunde. Zusammen mit Ernst Kiphard und Helmut Hünnekens hat sie die Psychomotorik in Deutschland maßgeblich mitgestaltet und über Jahrzehnte hinweg praktisch weiterentwickelt. Schlüsselbegriffe: Professionalisierung, Entwicklungsgeschichte, Anfänge, Haltung, Selbstverständnis An interview with Ingrid Schäfer-- a pioneer of German psychomotricity In the “Pioneers Project” at the University of Emden / Leer, influential figures in German psychomotricity are invited to share their personal biography, formative encounters, and key milestones in their professional life. This interview series looks back at the origins and historical development of psychomotricity; while also inviting reflection on one’s own professional identity and encouraging the joint advancement of professional and policy-related questions. The series begins with Ingrid Schäfer, a practitioner from the very beginning. Together with Ernst Kiphard and Helmut Hünnekens, she played a significant role in shaping psychomotricity in Germany and continued to develop it in practice over several decades. Keywords: professionalisation, history, beginnings, professional stance, professional identity Wer die Geschichte der Psychomotorik in Deutschland erzählen will, kommt an Ingrid Schäfer nicht vorbei. Nicht, weil sie sich selbst in den Vordergrund gedrängt hätte. Eher im Gegenteil. In dem hier zusammengefassten Interview aus der Reihe »Pioniere der deutschen Psychomotorik« (15.01.2026) spricht sie mit einer Mischung aus Präzision und trockenem Humor über das, was sie geleistet hat, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Aber gerade darin liegt die Größe dieser Biografie: Ingrid Schäfer gehört zu denjenigen, die die deutsche Psychomotorik nicht nur begleitet, sondern im wörtlichen Sinn mit aufgebaut, mitgetragen, mitgedacht und über Jahrzehnte praktisch verkörpert haben. Geboren wurde sie am 5. Oktober 1942 in Herford. Sie selbst bezeichnete sich als ein »stures westfälisches Mädchen«. Ein salopper Kommentar, in dem jedoch viel von jener Haltung mitschwingt, die vermutlich ihre spätere Arbeit stark geprägt hat: Direktheit, trockener Humor und gesunder Eigensinn. Ihre frühen Kindheitserinnerungen führen nicht in Klassenräume oder Turnstunden, sondern in die Natur: Pilze sammeln, Himbeeren pflücken, im Wasser der Werre spielen, klettern, draußen sein. Diese Erinnerungen an Bewegung, Spiel und freies Erproben, an die Sandkastenfreundin, die bis heute geblieben ist, all das klingt im Interview nicht nostalgisch, sondern wie ein bis heute lebendiger Erfahrungsspeicher, aus dem später eine Praxis werden konnte. Als junge Frau war Ingrid Schäfer zunächst im Sport zu Hause. Sie war Leistungsschwimmerin, schwamm am liebsten Brust, erlebte das Aufkommen des Butterflys mit und gewann sogar einmal die Ostwestfalen-Meisterschaften. Sport machte [ 175 ] Schmid • Interview mit Ingrid Schäfer 4| 2026 ihr Spaß; sie war gut, wettkampforientiert, ehrgeizig. Zugleich taucht jedoch in ihren Erinnerungen schon früh eine Distanz zur reinen Leistungsorientierung auf. Als Jugendliche übernahm sie mit viel Freude und Engagement im Schwimmverein das Training von Kindergruppen, wobei sie selbstkritisch erinnert, dass sie das eigentliche Trainieren lieber hätte sein lassen sollen; »dieses Antreiben, das ein bisschen schneller und nochmal«, sei im Rückblick nicht das gewesen, was ihr wirklich entsprach. Hier zeichnete sich bereits der spätere Bruch mit einem rein funktionellen Verständnis von Bewegung ab. Doch der Weg in die Psychomotorik verlief keineswegs geradlinig. Nach ihrer Mittleren Reife und einem Jahr höhere Handelsschule hatte Frau Schäfer eine Ausbildung zur Industrie- und Handelskauffrau in Herford abgeschlossen. Sie habe sich damals für diese Ausbildung entschieden, weil sie durch ihr Lehrlingsgehalt zu Hause ihre Mutter finanziell unterstützen konnte. Zeitgleich blieb sie dem Sport treu und machte z. B. eine Übungsleiterausbildung beim Landessportbund. Hier waren es vor allem die Begegnungen mit dem dort als Dozent tätigen Diplomsportlehrer Heinz Jost, die ihrem Leben eine neue Richtung gaben. Dieser hatte sie ihrer Aussage nach in ihrem Wesen erkannt und ihr Mut zugesprochen, mehr auf ihr Bauchgefühl zu hören: Statt leistungsorientiertem Sport oder gewinnmaximierender Wirtschaft, solle sie doch lieber eine Ausbildung zur Sport- und Gymnastiklehrerin machen. Er empfahl ihr, Dore Jacobs kennenzulernen. Mit leuchtenden Augen schwärmt Frau Schäfer davon, wie beeindruckt sie damals von der damaligen Ausbildungsleiterin der Fachschule in Essen gewesen sei: diese Gelassenheit, wie sie sich einfach so im Schneidersitz vor uns Schülerinnen setzen konnte und wie mühelos es ihr immer wieder gelang, uns in bedeutungsvolle Gespräche zu verwickeln. Neu war für sie vor allem auch der pflegerische Aspekt dieser Ausbildung: »Ich würde dort heute noch jeden hinschicken! « Und wieder war es Heinz Jost, der ihr den nächsten richtungsweisenden Impuls gab: »Fahr doch mal nach Gütersloh in die Kinder- und Jugendpsychiatrie und versuche dort, ein Praktikum bei einem Herrn Ernst Kiphard zu bekommen! « Und genau hier, im Sommer 1962, beginnt die eigentliche psychomotorische Geschichte von Ingrid Schäfer. In den Ferien meldete sie sich in der Klinik und wurde direkt zum Gespräch eingeladen. Was dann geschah, gehört zu den Schlüsselszenen ihrer Biografie. Kiphard sagte bei ihrer ersten Begegnung sinngemäß nicht etwa: »Setzen Sie sich erst einmal hin, lesen Sie dies alles sorgfältig und nach vier Wochen Hospitation können Sie eventuell unter Aufsicht einmal selbst eine Kindergruppe anleiten.« Stattdessen lautete sein erster Satz: »Du kommst genau richtig! Ich habe gerade ein neues Forschungsprojekt begonnen und brauche jemanden, der für mich die Arbeit in der Klinik übernimmt.« Somit wurde Ingrid Schäfer, damals noch ohne Ausbildungsabschluss, mitten in die Praxis geworfen. »Mach mal was mit den Kindern da! «, habe er zu ihr gesagt. Dieser fast beiläufige Satz von Kiphard markiert den Beginn einer jahrzehntelangen gemeinsamen Pionierarbeit. In dieser Anfangsszene wird zudem sichtbar, wie stark die frühe Psychomotorik aus einer intuitiven Praxis heraus geboren wurde. Ingrid Schäfer »machte einfach«, und Ernst Kiphard wollte anschließend immer alles ganz genau wissen. »Was hast du dir ausgedacht? Welche Herausforderungen gab es? Wie haben sich die Kinder verhalten? « Diese Zusammenarbeit ist exemplarisch für die Genese der Psychomotorik in Deutschland: die spontane Entwicklung neuer Erfahrungssituationen, die dann unter genauer Beobachtung und kritischer Reflexion kontinuierlich weiterentwickelt und im Nachgang theoretisch fundiert wurden. Ingrid formuliert dabei mit einer Mischung aus Stolz und leiser Ironie: »Oftmals waren es meine Berichte, die später in Kiphards Schriften veröffentlicht wurden.« In dieser Bemerkung lag jedoch keineswegs ein nachträglicher Groll, sondern schlicht die sachliche Benennung eines historisch wichtigen Details, das im schillernden Narrativ der psychomotorischen Entwicklungs- »Mach mal was mit den Kindern da! « - der Beginn einer jahrzehntelangen Pionierarbeit von Kiphard und Schäfer [ 176 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik geschichte für die Öffentlichkeit überschattet blieb. Sehr wertschätzend und dankbar beschreibt Ingrid Schäfer den oftmals als Vater der Psychomotorik bezeichneten Ernst Kiphard als außergewöhnlich belesen, energiegeladen und für die Kinder faszinierend. Er kam auf Händen durch die Tür in den Bewegungsraum, machte Kunststücke, zauberte und verließ die Gruppe dann unerwartet wieder im Handstand. »Die Kinder waren begeistert.« Kiphard war der charismatische, sichtbare Initiator-- Ingrid diejenige, die blieb, beobachtete, weitermachte, trug. Über die unzähligen gemeinsam angebotenen Lehrgänge und Weiterbildungen sagt sie trocken, Kiphard habe am Podium gestanden und die Theorie gegeben, »mein Bier war jedoch immer die Praxis! « Von außen betrachtet erscheint diese schlichte Trennung jedoch etwas simplifiziert, denn neben ihren Monografien, z. B. zur Graphomotorik, und zahlreichen Fachartikeln und Buchbeiträgen zur Diagnostik, Praxis und Entwicklungsgeschichte der Psychomotorik, hat sie zudem die Erstellung von mehreren psychomotorischen Lehrfilmen initiiert bzw. aktiv dabei mitgewirkt. Kiphard und Schäfer waren nicht nur Kollegen und ein eingespieltes Team zusammen mit Hünnekens, sie wurden vor allem auch sich gegenseitig wertschätzende Freunde. Nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Gymnastiklehrerin 1964 wurde Ingrid Schäfer eine Festanstellung in der gerade nach Hamm umgezogenen Kinderklinik angeboten. Hier arbeitete sie unter anderem auch eng mit der Gymnastiklehrerin Helga Brinkmann zusammen. Die auch heute noch anhaltende kontinuierliche Weiterentwicklung des so reichhaltigen und bunten Fundus psychomotorischer Praxis war bei Ingrid Schäfer von einer stetigen Suchbewegung getragen. Wie ihr erst später klar wurde, habe ihr im Sport vor allem die soziale, pädagogische und inklusive Öffnung gefehlt. Der Wunsch, genau diese Leerstelle zu füllen, motivierte sie, zwei weitere Ausbildungen abzuschließen: Sozialpädagogik in Dortmund sowie später berufsbegleitend Heilpädagogik in Bremen-Delmenhorst (ca. 1973 / 1974). »Meine zentrale Motivation war immer, das Leben dieser Kinder besser verstehen zu wollen.« Dazu gehörten für sie nicht nur der unmittelbare Kontakt im Spiel und durch die Bewegung, sondern auch die Elternarbeit, das Einbeziehen des sozialen Umfelds sowie die Auseinandersetzung mit klinischen Erscheinungs- und Krankheitsbildern. »Besonders prägend und wertvoll war für mich die Zusammenarbeit mit dem von mir sehr geschätztem Chef und damaligen Klinikleiter Dr. med. Hünnekens. Diesen regen Austausch habe ich sehr genossen! Der Preis dafür war allerdings,«- - wie sie mit einem Schmunzeln erzählt- - »dass Begriffe wie Athetose, Chorea oder Ataxie in mein Aktivvokabular übergingen und ich unzählige dieser fürchterlichen Berichte über die Kinder schreiben musste.« Ingrid lachte laut auf, verschwand kurz in Gedanken und bestätigte sich schließlich selbst: »Ja genau, da hatte alles angefangen.« »Meine zentrale Motivation war immer, das Leben dieser Kinder besser verstehen zu wollen.« Abb. 1: I. Schäfer und E. Kiphard nach dem ersten Durchlauf ihrer »Psychomotorik Fortbildung« in Hamm 1965 (Foto: privat) [ 177 ] [ 177 ] Schmid • Interview mit Ingrid Schäfer 4| 2026 … die Wiege der Psychomotorik Stolz erinnert sich Ingrid an den Moment, als Hünnekens sie eines Tages zur Leiterin der Abteilung für Bewegungstherapie ernannte. »Gütersloh und Hamm«, sagte sie bedacht, das war die »Wiege der deutschen Psychomotorik«. Wie improvisiert und zugleich erfinderisch diese frühen Jahre waren, zeigt sich besonders in den räumlichen Bedingungen: Solange die Turnhalle in Hamm noch nicht fertiggestellt war, fand die Arbeit im Esssaal der Klinik statt. Das Trampolin stand im Heizungskeller, eingezwängt zwischen Rohren. »Es passte gerade so hinein.« Psychomotorik entstand hier nicht in ideal ausgestatteten Räumen, sondern unter provisorischen, mitunter beinahe abenteuerlichen Bedingungen. Gerade diese Situation scheint jedoch eine besondere Kreativität freigesetzt zu haben. Alles, was sich irgendwie für Bewegung und Spiel eignete, wurde gesammelt, umfunktioniert und neu eingesetzt. Schäfer erinnert sich zum Beispiel, wie neben Alltagsmaterialien auch Montessori-Materialien wie Stäbe und Klötze »herrlich zum Spielen und Bauen« gewesen seien. In dieser experimentellen Phase liegen die Anfänge einer kontinuierlichen Materialentwicklung. Ihr Mann Karl Heinz Schäfer begann in Lemgo nicht nur Rollbretter zu bauen, sondern stattete später mit seiner Firma zahlreiche Materialschränke in Kliniken und privaten Praxen mit unterschiedlichsten Wahrnehmungs- und Bewegungsmaterialien aus. Einschlägige Veröffentlichungen wie »Bewegung heilt« (Hünnekens / Kiphard 1960) oder »Erziehung durch Bewegung« (Kiphard / Huppertz 1968) sowie die unzähligen Vorträge und Fortbildungen, die Kiphard, Hünnekens und Schäfer teilweise gemeinsam angeboten hatten, erzeugten auch über die Landesgrenzen hinaus zunehmende Neugier und Aufmerksamkeit für die Idee der Psychomotorik. Aus dieser Dynamik entstand eine psychomotorische Aufbruchsstimmung, die mit der Gründung des Aktionskreises Psychomotorik den notwendigen Anlauf für den Sprung in die institutionelle Lehre und Professionalisierung nahm (Krus / Jessel 2023). … die Gründung des Aktionskreises Psychomotorik als Meilenstein »Hauptantreiber für die Gründung des Aktionskreises Psychomotorik waren Ernst Kiphard, Helmut Hünnekens und Friedhelm Schilling. Ich selbst«, gibt Ingrid Schäfer offen zu, »stand der Vereinsgründung anfänglich eher skeptisch gegenüber. Für mich gab es schon so viele schriftliche Anfragen zur Psychomotorik, die ich alle händisch auf einer Schreibmaschine beantworten musste. Damals gab es dafür weder ein Sekretariat noch einen automatischen E-Mail- Verteiler oder Webseiten. Da hieß es immer: Tummel, mach mal! « Tummel, das war ihr Spitzname, abgeleitet von ihrem Mädchennamen Tummeley. »Ich hätte lieber in einem etwas kleineren Topf weitergearbeitet«, gibt sie zu, doch könne sie heute die Vereinsgründung (1975) ganz klar als wichtigen Meilenstein für die Weiterverbreitung der Psychomotorik anerkennen. Ihr beruflicher Weg führte sie zwischenzeitlich nach Bethel, einem diakonischen Sozial- und Gesundheitsverbund in Bielefeld, wo sie vor allem mit körperlich behinderten Menschen arbeitete und ihre Tätigkeit im Fortbildungsbereich fortsetzte. Doch als mit der »Grundlagenkommission« des Aktionskreises, die Curriculumsentwicklung der sich gerade konstituierenden Fachschule für Motopädie in Dortmund angestoßen wurde, fühlte sie sich »innerlich verpflichtet«, hier mitzuwirken. »Zusammen Abb. 2: I. Schäfer und E. Kiphard beim Trampolinspring mit Kindern, übergangsweise im Heizungskeller bis zur Fertigstellung der Bewegungshalle, 1965 (Foto: privat) [ 178 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik mit Manfred Poerschke, Ignaz Roob und Georg Kesselmann haben wir damals die heute noch staatlich geprüfte Ausbildung ›Motopädie‹ ins Leben gerufen« (1977). Diese »Dortmunder Phase« dauerte nach ihrer Schätzung höchstens fünf Jahre. In dieser Zeit kam es auch, vor allem durch die Initiative von Friedhelm Schilling, zur Gründung des Diplom-Aufbaustudiengangs Motologie in Marburg (1983). Dies waren nicht nur die Anfänge neuer Ausbildungsstrukturen, sondern auch der unvorhergesehene Beginn bis heute bestehender Unklarheiten und Konflikte um Benennungen, professionelle Profile und Zuständigkeiten: Motopädie, Motologie, Psychomotorik. Was aus einer gemeinsamen psychomotorischen Aufbruchsstimmung hervorging, entwickelte sich aus heutiger Sicht zunehmend zu einem Feld von Abgrenzungen und Konkurrenzen. Schäfers Erinnerungen sind an dieser Stelle besonders aufschlussreich, weil sie diese Entwicklung auch mit persönlichen Konfliktlinien zwischen einzelnen Vertreterinnen und Vertretern in Verbindung bringt, die bereits Generationen zurückliegen. Damit ergänzt ihr Bericht gegenwärtige Ordnungsversuche, die die begriffliche Vielfalt meist nur theoretisch oder institutionell erklären, um einen Faktor, dessen Einfluss heute vielleicht zu überwinden wäre. Die letzten 20 Jahre ihres Berufslebens unterrichtete Schäfer mit anhaltender Begeisterung Psychomotorik an einer Fachschule für Physiotherapie in Münster. Dort führte sie unter anderem auch gemeinsam mit Dorothea Schall Lehrgänge für den Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e. V. (bvkm) durch. Diese »Münsteraner Phase« habe ihr psychomotorisches Selbstverständnis nochmals geschärft: Gegenüber einer Physiotherapie, die aus ihrer Sicht zu stark von Übungen, Vormachen und therapeutischem Führen geprägt war, setzte sie mit ihrem Verständnis der Psychomotorik auf einen Raum des Entdeckens. Menschen sollten erfahren: Was kann ich selbst? Wozu kann ich etwas beitragen? Worauf kann ich stolz sein? Dass heute in jedem physiotherapeutischen Lehrbuch auch ein Kapitel zur Psychomotorik zu finden sei, verbucht sie trocken als ihre »Schuld«. … ein ganzheitliches Verständnis von Psychomotorik Auf die Frage hin, was eigentlich für sie »Psychomotorik« genau sei, pausiert sie zuerst einen Moment nachdenklich. Den Begriff »Psychomotorik« selbst führt sie auf Mimi Scheiblauer und später Charlotte Pfeffer zurück; Kiphard habe ihn im deutschen Kontext neu gefasst und weiter etabliert. »Wenn ich Ihnen jetzt nur allein diese Definition sage, dann ist das eine Katastrophe.« Mit einem Augenzwinkern zitiert sie sich fast wortwörtlich selbst in einem schnellen Stakkato: »Psychomotorik ist die bewusste und unbewusste Haltung und Bewegung des Menschen als eine Funktionseinheit von Wahrnehmung, Erleben und Handeln« (Schäfer 1998). Bedächtig führt sie weiter aus, dass Psychomotorik für sie kein Übungsprogramm, kein Katalog, kein Trainieren von Defiziten sei, sondern eben genau diese schwer greifbare Einheit von Wahrnehmung und Bewegung und die damit einhergehende Selbst- und Welterfahrung. Die Bezeichnung »psychomotorische Übungsbehandlung« hätten sie und Kiphard sehr schnell bereut. »Wir haben nie Übungen mit den Kindern gemacht«, sagt sie. Für die Entwicklung ihrer professionellen Haltung sei sie dankbar für die Förderung und Zusammenarbeit mit vielen beeindruckenden Menschen. Besonders geprägt habe sie unter anderem die Psychologin Dr. Else Andresen, eine Dozentin in ihrer Ausbildung zur Beraterin bei der Deutschen Gesellschaft für Individualpsychologie in Braunschweig. Über die Individualpsychologie und die Arbeiten von Rudolf Dreikurs, einem Schüler Alfred Adlers, entdeckte sie für sich das Prinzip der »Ermutigung«. In Dreikurs’ pädagogischem Ansatz rückten an die Stelle von Strafe und Belohnung logische Konsequenzen, klare Regeln, Beteiligung und soziale Zugehörigkeit (Dreikurs 2018). Die Ermutigungs- »Ich mache keine Psychomotorik, sondern ich bin Psychomotorikerin.« [ 179 ] [ 179 ] Schmid • Interview mit Ingrid Schäfer 4| 2026 pädagogik ist für Ingrid Schäfer kein freundliches Zureden, sondern eine feine Kunst der Resonanz. Ermutigen heißt bei ihr nicht »Mach mal«, sondern: mit dem Kind in Kontakt gehen, Emotionen aufgreifen, nicht zu früh interpretieren, Angst da sein lassen, Schreien und Brüllen nicht sofort disziplinieren, sondern zunächst mitempfinden und nachspüren. Natürlich gelten dabei auch Regeln, wie zum Beispiel, niemanden zu verletzen. Aber innerhalb dieser Grenzen soll Entwicklung nicht von außen erzwungen, sondern von innen gestützt werden. An dieser Stelle lohnt es sich, kurz innezuhalten und anzuerkennen, dass Pionierinnen und Pioniere wie Ingrid Schäfer schon damals dazu beigetragen haben, dass eine solche »psychomotorische Haltung« heute vielerorts bereits als selbstverständlich gilt. Als weitere bedeutsame Einflussfaktoren und theoretische Brillen für ihre Praxis nennt Ingrid die damals populär werdende Spieltherapie nach Schmidtchen (1980) sowie die sensorische Integrationstherapie nach Jean Ayres (2013). … abschließender Blick in die Praxis »Ich mache keine Psychomotorik, sondern ich bin Psychomotorikerin«, hatte sie immer wieder gerne auf Fortbildungen einleitend erklärt. Wie diese Haltung konkret in der Praxis aussieht, zeigt sich gut an folgender Erinnerung über die psychomotorische Arbeit mit einem mutistischen Kind. »Es sprach einfach nicht. Niemals und mit niemandem. Ich habe es dann einmal eingeladen, nach der Stunde noch kurz allein in der Halle zu bleiben und auf dem Trampolin zu wippen. Durch den Türspalt habe ich gesehen, wie es begann zu hüpfen, auf einmal mich bemerkte und sagte: ›Guck mal, ich kann auch! ‹« Niemand glaubte ihr später auf der Station so recht, dass das Kind gesprochen habe. Für Ingrid war dies jedoch eine klare Bestätigung ihrer Arbeitsweise: Zutrauen ohne Druck, Raum ohne Erwartungen, Gegenwart ohne Vereinnahmung. Sie hätte, sagt sie, das Kind am liebsten ganz fest in den Arm genommen, aber »so viel war da dann doch nicht angezeigt«. Präziser kann man professionelle Feinfühligkeit kaum formulieren. Sie erinnert weiter an die unzähligen Geschichten, wie zum Beispiel »Wo die wilden Kerle wohnen« oder »Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer«, die sie erzählt hatte, um Bewegungsanlässe zu schaffen. Sie habe es geliebt, wenn die Kinder eifrig anfingen, Höhlen zu bauen, sichere Rückzugsorte einzurichten, in denen sie sich gegenseitig besuchen konnten und die nur mit Erlaubnis betreten werden durften. Sie freute sich immer, wenn ein Kind ungefragt in der nächsten Stunde eine Taschenlampe für seine Höhle mitbrachte oder ganz aufgeregt fragte, ob es noch einmal laut schreien dürfe, so wie die wilden Kerle. Lokomotiven wurden aus Rollbrettern und Kästen gebaut, nicht nach Anweisung, sondern aus eigener Idee. All dies zeigt eine Praxis, in der Material, Fantasie, Raum und Körper ineinandergriffen. Ingrid war, wie sie selbst sagt, »beglückt«, wenn Kinder plötzlich anfingen, ihre eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Eine ihrer beliebtesten psychomotorischen Erfahrungssituationen habe sie jedoch im Kontext der sensorischen Integrationstherapie kennengelernt und weiterentwickelt. Ingrid erzählt mit funkelnden Augen von einer großen Plastikplane, auf der Kinder in ihrem Badeanzug zuerst wie »Schneemänner« von oben bis unten eingecremt wurden und dann durch das warme Wasser auf der Plane ins Rutschen gerieten. Für sie gäbe es fast keinen besseren Nährboden für Körpererfahrung und die Differenzierung des eigenen Körperschemas. Dass sie selbst mitmachte, gehörte für sie selbstverständlich dazu. Abb. 3: I. Schäfer im Einzelkontakt in einer Psychomotorik-Stunde, 1966 (Foto: privat) [ 180 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik Ingrid Schäfer hat die deutsche Psychomotorik nicht nur mit aufgebaut. Sie hat ihr einen Ton gegeben: praktisch, hellwach, ermutigend und von großem Respekt vor dem Eigen-Sinn des Kindes. Dafür gebührt ihr auch heute noch höchster Respekt und Dank für ihre Pioniersarbeit für die deutsche Psychomotorik. Literatur Ayres, A. J. (2013): Bausteine der kindlichen Entwicklung: Sensorische Integration verstehen und anwenden. Das Original in moderner Neuauflage. 5. Aufl. Springer, Berlin Heidelberg, https: / / doi. org/ 10.1007/ 978-3-642-30177-3 Dinkmeyer, D., Dreikurs, R. (2018): Ermutigung als Lernhilfe. 2. Aufl. Klett-Cotta, Stuttgart Hünnekens, H., Kiphard, E. J. (1960): Bewegung heilt: Psychomotorische Übungsbehandlung bei entwicklungsrückständigen Kindern. Flöttmann, Gütersloh Kiphard, E. J., Huppertz, H. (1968): Erziehung durch Bewegung: Leibesübungen mit geschädigten Kindern. Dürrsche Verlagsbuchhandlung, Leipzig Krus, A., Jessel, H. (2023): Forum Psychomotorik: Das »schweigende« Wissen in der Psychomotorik. motorik 46 (3), 112-118, https: / / doi.org/ 10.2378/ mot2023.art23d Schäfer, I. (1998): Von der psychomotorischen Idee zu den Gründungsjahren des Aktionskreises Psychomotorik. motorik 21 (3), 82-86 Schmidtchen, S. (1980): Klientenzentrierte Spieltherapie: Beschreibung und Kontrolle ihrer Wirkweise. 2. Aufl. Beltz, Weinheim Abb. 4: Notiz von E. Kiphard an I. Schäfer (Foto: privat) Der Autor Prof. Dr. J. Lemmer Schmid Professur für Motologie, Dipl. Psych., Approbation Psychotherapie (KJP / Erwachsene), Körperpsychotherapie und Supervisor in pädagogischen / psychosozialen Handlungsfeldern Anschrift Hochschule Emden / Leer Constantiaplatz 4 26723 Emden Post@Joerg-Lemmer-Schmid.de a w Bewegung über die Lebensspanne Das Lehrbuch vermittelt die Grundlagen der Psychomotorik und bietet eine Orientierung über Bezugstheorien und aktuelle Forschungserkenntnisse, die auf psychomotorische Theorie und Praxis wirken. Die psychomotorische Praxis über die Lebensspanne wird vorgestellt und Planung, Diagnostik und Kooperation mittels Fallbeispielen und Abbildungen anschaulich erklärt. Ein umfangreicher Serviceteil mit psychomotorischen Institutionen rundet das Werk ab. In der 2. Auflage: Aktualisierung der Kapitel Inklusion und Diagnostik und Ergänzung des Exkurses ICF-Orientierung. Stefanie Kuhlenkamp Lehrbuch Psychomotorik 2., überarbeitete Auflage 2022. 238 Seiten. 53 Abb. 9 Tab. utb-L (978-3-8252-8820-4) kt
