eJournals Motorik49/4

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art30d
7_049_2026_4/7_049_2026_4.pdf101
2026
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Forum Psychomotorik: Auf Kurs zwischen Rücken- und Gegenwind: Motolog:innen auf dem Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung

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2026
Marlen Dambach
Denise Rohleder
Dieser Artikel beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Qualifikation von Motolog:innen. Die Autorinnen stellten sich dazu die Frage »Was braucht es, um in der Wissenschaft gut auszukommen?« Mit persönlichen und thematisch-exemplarischen Beispielen aus der wissenschaftlichen Praxis legen sie relevante Punkte der aktuellen Situation im Wissenschaftsbetrieb dar und skizzieren fragmentarisch komplexe Spannungsfelder von psychomotorisch-motologischen Inhalten im Kontext der universitären und hochschulischen Lehre und Qualifikation, die auch hinsichtlich des 50-jährigen Jubiläums der dakp zu grundsätzlichen Fragen der professionellen Positionierung anregen können. Im ersten Teil ihres zweiteiligen Beitrages befassen sich die Autorinnen mit zentralen fachlichen und persönlichen Rücken-, Gegen- und Aufwinden im Prozess ihrer wissenschaftlichen Qualifizierung.
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Zusammenfassung / Abstract Dieser Artikel beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Qualifikation von Motolog: innen. Die Autorinnen stellten sich dazu die Frage »Was braucht es, um in der Wissenschaft gut auszukommen? « Mit persönlichen und thematisch-exemplarischen Beispielen aus der wissenschaftlichen Praxis legen sie relevante Punkte der aktuellen Situation im Wissenschaftsbetrieb dar und skizzieren fragmentarisch komplexe Spannungsfelder von psychomotorisch-motologischen Inhalten im Kontext der universitären und hochschulischen Lehre und Qualifikation, die auch hinsichtlich des 50-jährigen Jubiläums der dakp zu grundsätzlichen Fragen der professionellen Positionierung anregen können. Im ersten Teil ihres zweiteiligen Beitrages befassen sich die Autorinnen mit zentralen fachlichen und persönlichen Rücken-, Gegen- und Aufwinden im Prozess ihrer wissenschaftlichen Qualifizierung. Schlüsselbegriffe: Professionalisierung, wissenschaftliche Qualifikation, motologisch-psychomotorische Haltung, Motologie, Forschung, Interdisziplinarität Staying on Course Amid Tailwinds and Headwinds: Motologists on the Path to Academic Qualification This article examines the academic qualifications of motologists. The authors asked themselves, »What does it take to succeed in academia? «. Using personal and thematic examples from academic practice, they highlight relevant aspects of the current situation in academia and sketch out the complex tensions surrounding psychomotor-motological content in the context of university teaching and qualification-- issues that, particularly in light of the 50th anniversary of the dakp, may also prompt fundamental questions regarding professional positioning. In the first part of this two-part article, they examine the key professional and personal tailwinds, headwinds and upward drafts they have encountered during their scientific qualification. Keywords: Professionalisation, scientific qualification, motologicalpsychomotor attitude, motology, research, interdisciplinarity [ 181 ] [ FORUM PSYCHOMOTORIK ] motorik, 49. Jg., 181-187, DOI 10.2378 / mot2026.art30d © Ernst Reinhardt Verlag 4| 2026 Auf Kurs zwischen Rücken- und Gegenwind: Motolog: innen auf dem Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung Marlen Dambach, Denise Rohleder Vom Rückenwind getragen: Ein Master-- viele Wege Absolvent: innen des Masterstudiums Motologie in Marburg sind-- bildlich gesprochen-- vom Rückenwind getragen: Von den bislang vertrauten Wegen des Studiums gestärkt, nach vorn ein weites Feld vielfältiger, jedoch häufig noch unscharf konturierter beruflicher Perspektiven. Neben klassischen motologisch-psychomotorischen Praxisfeldern eröffnet sich dabei auch das berufliche Handlungsfeld der Wissenschaft als möglicher Anschlussweg, in das Motolog: innen unmittelbar nach dem Masterstudium einsteigen können. Unabhängig davon, welcher Weg im Anschluss eingeschlagen wird, teilen Motolog: innen zentrale Erfahrungen und Wissensbestände: Der theoretisch-methodische Rucksack ist mit motologisch-psychomotorischen Inhalten prall gefüllt, das Herz nicht selten erfüllt von Idealen und getragen von einer kraftvollen inneren Idee angeregt durch leibliche Selbsterfahrung und reflexive Auseinandersetzung in Bezug auf Entwicklung, Lernen und Lehren. Motolog: innen erleben die Bildungsinhalte des Studiums auf eine spezifische didaktische und methodische Herangehensweise, die ihre Perspektiven auf Leibkörper, Menschsein und [ 182 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik menschliches Wirken sowie ihre persönliche Weiterentwicklung entscheidend prägt. Die teilweise subjektiv herausfordernden, zugleich aber beständigen Verknüpfungen des leib-körperorientierten Erlebens mit theoretischem Wissen eröffnen neue Perspektiven und Handlungskompetenzen. Diese Form der leiblich fundierten, erfahrungsbasierten und zugleich wissenschaftlich reflektierten Qualifizierung im universitären Kontext stellt nach wie vor eine Besonderheit sowie das qualitative Merkmal des Masterstudiengangs Motologie dar. Innerhalb dieses (geschützten) Ausbildungsrahmens entwickeln angehende Motolog: innen eine gemeinsame fachliche Sprache sowie ein geteiltes Verständnis motologisch-psychomotorischer Grundannahmen. Dazu zählen insbesondere der sensible Umgang mit Gefühlen, Bedürfnissen, Grenzen und Freiwilligkeit sowie die Orientierung an einem ganzheitlichen, humanistisch geprägten Menschenbild. Wahrnehmen, Spüren und Selbstausdruck werden nicht nur als Inhalte vermittelt, sondern als professionelle Kompetenzen erprobt und reflektiert. All diese Erfahrungen bilden die zentrale Grundlage für die Herausbildung einer professionellen Identität als Motologin und Motologe. Beim Übergang aus dem Studium in das berufliche Handlungsfeld treffen diese internalisierten Haltungen, Kompetenzen und Selbstverständnisse auf reale berufliche Bedingungskontexte. Institutionelle Strukturen, organisationale Anforderungen und professionsübergreifende Arbeitskontexte können den weiteren Professionalisierungsprozess unterstützen, erweitern oder irritieren. Insbesondere die Frage, inwieweit motologische Haltungen im beruflichen Alltag gelebt, angepasst oder weiterentwickelt werden können oder müssen, stellt für viele Motolog: innen im Berufseinstieg eine zentrale Herausforderung dar-- eine Herausforderung, von der auch das berufliche Handlungsfeld der Wissenschaft nicht ausgenommen ist. In diesem Text soll es um den Qualifikationsweg im beruflichen Handlungsfeld Wissenschaft gehen. Ausgangspunkt bilden die berufsbiografischen Erfahrungen der beiden Autorinnen, die aktuell selbst wissenschaftlich tätig sind. Es geht also explizit nicht um den Versuch eines universellen Bildes wissenschaftlicher Qualifikationswege von Motolog: innen, sondern um Ergebnisse eines mehrperspektivischen, situativen Austausches. Im gemeinsamen Gespräch zeigten sich als wesentlich erachtete gemeinsame Wissensbestände, Erlebnisse und Haltungen, die das professionelle Denken und Handeln von Motolog: innen im wissenschaftlichen Kontext orientieren und strukturieren. Dazu zählt insbesondere der bereits mehrfach hervorgehobene Leibbezug (z. B. Merleau- Ponty 1974; Weizsäcker 1986; Waldenfels 2000; Schmitz 2007; Rosa 2016) sowie darauf basierende Weiterentwicklungen, die zu motologischpsychomotorischen Haltungen, Ansätzen und Konzepten (Seewald 2007; Haas/ Golmert/ Kühn 2014; Krus/ Jasmund 2015; Wolf 2019; Kuhlenkamp 2022; Fischer 2024, etc.) führten. Daneben fließen auch entwicklungspsychologische, medizinische, soziologische, philosophische, pädagogische und sportwissenschaftliche Theorien in die geteilten Wissensbestände. Ebenso lassen sich eine gemeinsame Symbol-, Sprach- und Ausdrucksweise sowie ein tief verankerter Wissensbestand in Bezug auf (Selbst-)Erfahrung im Lehren und Lernen identifizieren; diese bilden, neben vielfältigen praxeologischen Wissensformen, zentrale Bestandteile ihrer Professionalität und sind bedeutsame Merkmale der motologisch-psychomotorischen Fachdisziplin. Die im Studium des nicht-konsekutiven Masters Motologie erworbenen Wissensbestände treffen darüber hinaus auf bereits vorhandene biografische, fachliche und institutionelle Wissensformen angehender Motolog: innen. So werden Inhalte aus zuvor absolvierten Bachelorstudiengängen, fachschulischen Ausbildungen, Lehramtsabschlüssen oder anderen beruflichen Tätigkeiten mit motologisch-psychomotorischem Wissen verknüpft und durch Wissensbestände aus individuellen Interessenlagen, biografischen Prä- Das Studium schafft eine wichtige Ausgangslage für ein gemeinsames Fachverständnis. [ 183 ] [ 183 ] Dambach, Rohleder • Motolog: innen auf dem Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung 4| 2026 gungen oder zusätzlichen Qualifikationen (z. B. Übungsleiter- oder Trainer: innenausbildungen, Yoga-Lehrer: innenausbildungen, Grundausbildungen in Gewaltfreier Kommunikation u. v. m.) ergänzt. In ihrer Verschränkung können diese unterschiedlichen Wissensbestände für viele Motologinnen und Motologen zu einem tragenden Wissensfundament werden, das den Übergang aus dem Studium in das Arbeitsleben erleichtert oder mitbestimmt. Dieses fachlich-biografische Gepäck entfaltet sich nicht selten zu einem spürbaren Rückenwind, der auch dazu ermutigen kann, sich auf das Handlungsfeld der Wissenschaft einzulassen. Persönlicher Impuls zur Motivation-- Was mir Rückenwind für den ersten Schritt gegeben hat Marlen Meine Motivation, den Weg in die Wissenschaft zu suchen, hat auch mit meinem ersten Studium der Gesundheitsförderung zu tun, in dessen Grundzügen es darum ging, strukturelle Veränderungen zum Wohlbefinden möglichst vieler Menschen herzustellen. Der motologisch-psychomotorische Weg mit Berücksichtigung von Ganzheitlichkeit eröffnete diesem komplexen Grundgedanken neue Wege der Umsetzung. Der Master in Motologie, aber v. a. meine folgenden klinischen Praxiserfahrungen als Körperpsychotherapeutin, ließen in mir die Überzeugung wachsen, dass die Wiederannäherung und Anerkennung des Leibkörpers als dialogisches Gegenüber ein wichtiges Element zum Erlangen von Wohlbefinden und Miteinander darstellen kann (Dambach 2025). Ich vermisse meine körperpsychotherapeutische praktische Arbeit im laufenden Wissenschaftsbetrieb sehr und doch sehe ich die theoretische Auseinandersetzung zu den Potenzialen des Leibkörpers und gelingender Leibkörperbeziehungen als wichtigen Schritt für die Vertiefung und Erweiterung des berufspraktischen Handlungsfelds. Im Setting der Klinik fand ich kein Sprachrohr für meine Ideen und Fragen. Und als sich die Chance zur Promotion ergab, ergriff ich sie, wenn auch unter Aufbringung all meines Mutes bei gleichzeitigem Nichtwissen, was Promotion in aller Gänze bedeutet, sofort. Ich möchte mit meinem wissenschaftlichen Werdegang einen Beitrag zur Leib-Körperlichkeit in unserer Gesellschaft leisten und zur Stärkung der motologisch-psychomotorischen Profession beitragen. Denise Während meines Motologie-Studiums war ich fasziniert davon, wie eng Bewegung, Wahrnehmung und Erleben bei Kindern miteinander verbunden sind. Mit dieser Begeisterung startete ich in die Praxis- - und stellte schnell fest, dass das Handeln vieler Fachkräfte oft im Widerspruch zu dem stand, was ich gelernt hatte. Immer wieder fragte ich mich: Warum gehen pädagogische Fachkräfte mit den Bewegungen von Kindern im Kita-Alltag so um, wie sie umgehen? Diese Frage begleitete mich über Jahre hinweg und führte mich schließlich in die Wissenschaft. Mein Untersuchungsrahmen konzentrierte sich auf die Zusammenhänge von Wissen, Sinn und Handeln (Berger / Luckmann 2010). Methodisch habe ich die qualitative Sozialforschung genutzt, Datengrundlage waren Leitfadeninterviews, die angelehnt an die (reflexive) Grounded Theory (Breuer / Muckel / Dieris 2019) ausgewertet wurden. Auf dieser Basis konnten empirisch begründete Handlungstypen gebildet werden, die das Handeln von Fachkräften systematisch beschreiben und interpretieren. Nach sechs Jahren der Promotion kann ich die Frage, die sich mir im Praxisalltag gestellt hat, fundiert beantworten. Mein Ziel ist es jetzt, die gewonnenen Erkenntnisse sowohl in die Wissenschaft zu kommunizieren, als auch für die Praxis zugänglich zu machen, um Theorie und Praxis enger zu verbinden und um die motologisch-psychomotorische Profession zu stärken. [ 184 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik Wenn Rückenwind zum Gegenwind dreht: Herausforderungen auf dem Weg der wissenschaftlichen Qualifizierung Bei all den stärkenden Inhalten wurden im Austausch von erlebten Gemeinsamkeiten der Autorinnen beim Betreten des Feldes der Wissenschaft als Berufsqualifikation auch Lücken deutlich. Besonders drei Aspekte oder- - um im Bild zu bleiben- - kräftige Böen scheinen Motolog: innen aus dem Gleichgewicht zu bringen: ■ Erlebte Unsicherheiten im wissenschaftlichen Arbeiten, insbesondere im Umgang mit empirischen Methoden. ■ Hohe Anforderungen (z. B. auch impliziter hochschultypischer Leistungsdruck) und strukturelle Belastungen des universitären Alltags. ■ Herausforderungen, motologische Inhalte und Forschung interdisziplinär zu positionieren und ihre Anschlussfähigkeit zu sichern. Am eindeutigsten war das geteilte Empfinden bezüglich der Unsicherheit im wissenschaftlichen Arbeiten. Angesichts der Vielfalt und Unübersichtlichkeit wissenschaftlicher Methoden, die bei Überlegungen zur Ausarbeitung einer Dissertation unweigerlich aufkommen, ist das nicht verwunderlich. Im Kontext der Motologie scheint ein souveräner, selbstverständlicher Umgang mit Begrifflichkeiten und Vorgehensweisen empirischer Forschung häufig wenig eingeübt und kann die ohnehin aufkommende Unsicherheit so verstärken. Nicht nur auf den aktuellen motologischpsychomotorischen Fachtagungen wird überlegt, wie man sich den phänomenologischen Grundgedanken in ihrer Ganzheitlichkeit möglichst sinnvoll annähern und wie man sich dabei zu wiederkehrenden Forderungen des universitären Mainstreams nach Evidenzen positionieren kann oder muss. Während qualitative Forschungsansätze in diesem Zusammenhang häufiger als anschlussfähig und vergleichsweise zugänglicher erscheinen, wirkt quantitative Forschung mit ihrer Forderung nach Wirksamkeitsnachweisen und Evidenzen wie eine brodelnde Wetterfront, die im universitären Kontext präsent ist und nicht selten Spannungen im phänomenologisch-wissenschaftlichen Diskurs erzeugt. Natürlich ergeben sich diese Spannungen auch für Motolog: innen in der akademischen Qualifikation. Der gelingende Umgang mit empirischer Forschung scheint drängend, wurde jedoch im Studium neben inhaltlichen und erfahrungsbezogenen Schwerpunkten weniger in den Vordergrund gestellt. Im Verlauf von Promotionsprozessen-- und auch im Zuge der Ausarbeitung dieses Artikels-- kristallisierten sich jedoch zentrale Fragestellungen in Sachen Forschung heraus: Gibt es »motologische« Forschung und wenn ja, womit beschäftigt sie sich? Was will sie sichtbar machen? Welche Anforderungen aus dem Mainstream der Wissenschaft kann und möchte sie erfüllen? Wo sind gegebenenfalls Grenzen zu ziehen oder Verweigerungen bezüglich bestimmter Erwartungen nötig, um dem motologischen Kerngedanken treu zu bleiben? Auch wenn grundlegende wissenschaftliche Diskurse zu Herausforderungen der Forschung nicht zwingend Hauptbestandteil von Seminaren zum wissenschaftlichen Arbeiten sein müssen, erscheint es dennoch sinnvoll, die angestrebten Ziele des wissenschaftlichen Arbeitens durch eine vertiefte Methodenlehre und begleitende Diskussionen zu unterstützen. Nicht zuletzt könnten auf diese Weise motologisch-psychomotorische Forschungsarbeiten angeregt werden, die einerseits die spezifischen Inhalte und Besonderheiten der Motologie herausarbeiten und andererseits ihre Kooperationsfähigkeit im interdisziplinären Kontext sowie ihre hohe Anschlussfähigkeit an aktuelle gesellschaftliche Diskurse, Phänomene, Themen und Problemlagen sichtbar machen und so die motologisch-psychomotorische Fachdisziplin als relevante Akteurin in der wissenschaftlichen Landschaft positionieren. Motolog: innen, die sich mit Forschung und mit der interdisziplinären Anerkennung von Motologie und Psychomotorik im wissenschaftlichen Diskurs befassen, sind mit der Frage nach sinnvollen und hilfreichen Forschungsdesigns und -methoden konfrontiert und müssen einen herausfordernden Balanceakt zwischen Abgrenzung, Anschluss und selbstbewuss- [ 185 ] [ 185 ] Dambach, Rohleder • Motolog: innen auf dem Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung 4| 2026 ter Positionierung bewältigen. Daneben ergeben sich nicht selten Zweifel, ob im Zuge des eigenen Forschungsprojekts oder Dissertationsvorhabens von »motologischen Spuren« gesprochen werden muss, die an andere thematische Forschungskomplexe anschließen. Dies zeigt sich insbesondere auch bei der Zusammenstellung der Gutachter: innen im Rahmen einer Qualifizierungsarbeit. Zwar sind Motolog: innen in der Wissenschaft als potenzielle Wunschkandidat: innen zu finden, doch haben nur wenige von Ihnen eine Habilitation vorzuweisen und damit häufig nicht die entsprechende Qualifikation, um eine Promotion als Erst- oder Zweitgutachter: in zu betreuen. Da die Gutachter: innen aber grundsätzlich vielerorts die Inhalte der Arbeit fachlich begleiten können müssen, rückt der Fachbezug zur Motologie oder Psychomotorik oft nur an zweite Stelle. So werden z. B. in den Fachdisziplinen Sportwissenschaft oder Heilpädagogik motologisch-psychomotorische Überlegungen eingebracht und betreut. Auch wenn die Betreuungspersonen oft sehr offen und interessiert an motologisch-psychomotorischen Perspektiven sind, sind Motologie oder Psychomotorik dabei immer wieder in der Pflicht, sich verständlich und anschlussfähig zu machen, anstatt im wahrsten Sinne selbstverständlich zu sein. Diese Erklärungen kosten Energie, die im ungünstigsten Fall der dezidierten motologisch-psychomotorischen Forschung immer wieder neu aufgebracht werden muss. Neben diesen großen Böen im direkten Bezug zu Dissertationsvorhaben zeigt auch das zuvor gelobte motologische Ideal eine windige Eigendynamik, welche als beständiges Hintergrundrauschen innerhalb der Realität des Wissenschaftsbetriebs zu verzeichnen ist, aber schnell zu Diskrepanz-Erleben führen kann. Die fortwährenden Ansprüche der Wissenschaft- - egal, ob forciert, akzeptiert oder versuchsweise ignoriert- - stellen die eigene Leistungsfähigkeit auf die Probe. Dies wird oft leiblich spürbar und zeigt sich in einer unangenehmen Doppelrolle: Einerseits als Motologin oder Motologe mit umfassendem Wissen über Leiblichkeit und Körperlichkeit sowie dem Bewusstsein über deren unmittelbare Verbindungen zu Wohlbefinden und Gesundheit, andererseits als Teil einer »Leistungs-Mühle« mit unerbittlichen Mahlwerken wie Zeitverträgen, Teilzeitarbeit, Leistungsanforderungen, Einsparungen, Stellenknappheit oder familiären Unvereinbarkeiten. Diese Strukturen sind der Institution Wissenschaft inhärent, unabhängig davon, wie bemüht, achtsam oder wertschätzend Professor: innen und andere Teammitglieder agieren (Barkhausen 2020). Der universitäre Wind ergreift jede und jeden mehr oder weniger und Neuankömmlinge werden schnell durchgezaust. Die dritte Windschnelle zeigt sich nach dem allmählichen Ankommen im Wissenschaftsbetrieb: Viele der motologischen Praxisimpulse aus Studium und erster Berufspraxis bleiben im meist fachfremden wissenschaftlichen Alltag auf der Strecke. Kam man im Studium noch regelmäßig mit motologischer Praxis in Kontakt, so eröffnet sich praxisliebenden Motolog: innen häufig eine merklich reduzierte Umsetzung ihrer praxeologischen Kompetenzen. Aufgrund der wenigen explizit motologisch-psychomotorischen Qualifikationsstellen müssen sich Motolog: innen mit Promotionsvorhaben häufig in ihrem Profil flexibel aufstellen und geschmeidig machen, um auf andere Fachdisziplinen ausweichen zu können. Die Frage nach praxisorientierter Lehre stellt oft dennoch einen wesentlichen Bestandteil der Qualifikation dar. Die Rahmenbedingungen, die für die Umsetzung von Lehrinhalten einer motologisch-psychomotorisch orientierten Praxis nötig wären, sind jedoch meist nur begrenzt vorhanden. Die Besonderheiten des Leibkörpers in der Praxis werden im universitären Rahmen oftmals kaum bedacht, im schlechteren Fall gar abgewertet. Selbst wenn- - wie im Fall der beiden Autorinnen- - motologische Inhalte in die Lehre einfließen dürfen und sogar sehr erwünscht sind, bleiben strukturelle Hindernisse bestehen, die eine motologisch-psychomotorische Praxis nur eingeschränkt ermöglichen. Körperliche Bewe- Wissenschaftlicher Leistungsdruck steht oft im Widerspruch zu Wissen über Gesundheit und Leiblichkeit. [ 186 ] 4| 2026 Forum Psychomotorik gung löst bei vielen Menschen entweder eine starke Redundanz (»Ach das bisschen Bewegung«) oder aber auch ein kollektives Unbehagen aus. Besonders verwirrend scheint dabei für viele der Gedanke, dass sie auch als Ausdrucksform und nicht ausschließlich als Leistungsprinzip verstanden werden kann und darf. Das wird auch in der Lehre bemerkbar. Können sich Studierende nach anfänglichem Zögern und leichter Überforderung auf die- - für Motolog: innen eher homöopathisch dosierten- - (nicht ausschließlich kognitiven) Erfahrungsangebote einlassen, werden Staunen, Neugier und teilweise eine spürbare Befriedigung deutlich, welche die Autorinnen jedes Mal aufs Neue anrühren. Gleichzeitig bleibt der Eindruck, dass nach Abschluss dieser Angebote oder mit Beendigung eines Semesters viele Studierende wieder in den rein kognitiven Modus zurückkehren, was die Frage nach der Nachhaltigkeit der Bildungsprozesse oftmals unbeantwortet lassen muss. Und auch wenn Motolog: innen selbstständig für eine regelmäßige Praxis neben der wissenschaftlichen Tätigkeit sorgen wollen, bleibt trotz vieler befristeter Teilzeitstellen oft nur wenig Zeit oder kaum die nötige Energie, um in der häufig neu bezogenen Wohnumgebung die eigenständige motologisch-psychomotorische Arbeit voran treiben zu können. Lichtblicke bieten hier Kooperationen innerhalb der eigenen Hochschullandschaft und Referent: innentätigkeiten, die z. B. im Kontext von Berufsqualifikationen wie der der dakp oder psychomotorischen Fachtagungen durchgeführt werden können. Persönlicher Impuls zur idealtypischen Idee-- Was uns immer wieder Aufwind gibt Denise und Marlen Die theoretischen wie praktischen motologisch-psychomotorischen Grundlagen scheinen trotz aller Widrigkeiten der Umsetzung im Wissenschaftsbetrieb im besten Fall zu einem Abdruck bei den Studierenden zu führen, den wir durch unsere Lehre erreichen. Auch wenn wir als Wissenschaftlerinnen der Motologie an andere Fachdisziplinen angebunden sind, so ist es dennoch unser Bestreben, die Kerntheorien der Motologie für einzelne Personen und spätere Professionelle (z. B. aus den Bereichen Bildung, Entwicklung oder Pädagogik) in der Praxis erlebbar zu machen. Der Wermutstropfen bleibt die Vermutung, dass motologisches Wissen lediglich in ein großes Sammelbecken des meist intuitiven Handlungswissens der werdenden Fachkräfte einfließt, ohne dass dies mit motologisch-psychomotorischen Wissensbezügen mittelfristig in Verbindung gebracht werden würde. Marlen Im Anschluss an meine Tätigkeit in einer Psychosomatischen Klinik war es mir ein wichtiges Anliegen, ein gemeinsames Grundverständnis von Leiblichkeit mit meinen Kolleg: innen zu entwickeln und darauf aufbauend Anerkennung und Wertschätzung für meine Profession als Motologin mit Schwerpunkt Körperpsychotherapie zu erfahren. Dies hatte mir oft gefehlt. In meinem jetzigen Team aus Motolog: innen und Psychomotoriker: innen verbindet uns ein gemeinsames, grundlegendes Verständnis. Inhalte können durch die geteilte Sprache viel schneller Gestalt annehmen, als wenn ich sie mit fachfremden Personen bespreche. Dieses Verbundenheitsgefühl ist schön und motivierend. Die Idee, die möglichen (gesellschaftlichen) Potenziale des Leibkörpers herauszuarbeiten, treibt mich an. Der gemeinschaftliche Austausch und das Verstehen in den Gesichtern meiner Kolleg: innen und auch bei Fachtagen mit anderen Motolog: innen und Psychomotoriker: innen gibt mir Aufwind und lässt mich den Fokus halten. Eine gemeinsame Sprache und regelmäßiger Austausch stärken die eigene Profession und motivieren. [ 187 ] [ 187 ] Dambach, Rohleder • Motolog: innen auf dem Weg zur wissenschaftlichen Qualifizierung 4| 2026 Literatur Barkhausen, A. (2020): »Lebenslänglich (…) auf Bewährung«. Zur strukturell bedingten Verschuldung von Wissenschaftler*innen. Femina Politica 29 (1), 169-174, https: / / doi.org/ 10.3224/ feminapolitica. v29i1.20 Berger, P. L., Luckmann, T. (2010): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. 23. Aufl. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/ M. Breuer, F., Muckel, P., Dieris, B. (2019): Reflexive Grounded Theory. Eine Einführung für die Forschungspraxis. 4. Aufl. Springer VS, Wiesbaden, https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-658-22219-2 Dambach, M. (2025): Der Körper als dialogisches Gegenüber. Eine wertschätzende Begegnung auf Leibebene. Sonderpädagogische Förderung heute 70 (1), 76-92, https: / / doi.org/ 10.3262/ SZ2501076 Fischer, K. (2024): Einführung in die Psychomotorik. 5. Aufl. Ernst Reinhardt, München, https: / / doi. org/ 10.36198/ 9783838561783 Haas, R., Golmert, C., Kühn, C. (2014): Psychomotorische Gesundheitsförderung in der Praxis. Spiel- und Dialogräume für Erwachsene. Hofmann, Schorndorf Krus, A., Jasmund, C. (Hrsg.) (2015): Psychomotorik in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Kohlhammer, Stuttgart, https: / / doi.org/ 10.17433/ 978-3-17- 029049-5 Kuhlenkamp, S. (2022): Lehrbuch Psychomotorik. 2.- Aufl. Ernst Reinhardt, München (UTB Heilpädagogik, 8717), https: / / doi.org/ 10.36198/ 97838385 88209 Merleau-Ponty, M. (1974): Phänomenologie der Wahrnehmung. Photomechanischer Nachdruck der Ausgabe von 1966. de Gruyter, Berlin, https: / / doi. org/ 10.1515/ 9783110871470 Rosa, H. (2017): Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. 7. Aufl. Suhrkamp, Berlin Schmitz, H. (2007): Der Leib, der Raum und die Gefühle. Ed. Sirius, Bielefeld / Locarno Seewald, J. (2007): Der Verstehende Ansatz in Psychomotorik und Motologie. Ernst Reinhardt, München Waldenfels, B. (2000): Das leibliche Selbst. Vorlesungen zur Phänomenologie des Leibes. Suhrkamp, Frankfurt/ M. Weizsäcker, V. von (1986): Der Gestaltkreis. Theorie der Einheit von Wahrnehmen und Bewegen. 5. Aufl. Thieme, Stuttgart Wolf, B. (2019): Sinnverstehende Psychomotoriktherapie mit Erwachsenen. Ernst Reinhardt, München Die Autorinnen Marlen Dambach M. A. Motologin und Körperpsychotherapeutin (HpG), wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Bewegungsentwicklung und Psychomotorik der Universität zu Köln, Forschungsschwerpunkt: Leibbeziehung in der postnatalen Matreszenz. Denise Rohleder M. A. Motologin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sportpädagogik der Universität Bremen, Forschungsschwerpunkt: Bewegung und Psychomotorik in der Kindheit. Anschriften Marlen Dambach Universität zu Köln Arbeitsbereich Bewegungsentwicklung und Psychomotorik Frangenheimstr. 4 50931 Köln marlen.dambach@uni-koeln.de Denise Rohleder Universität Bremen Arbeitsbereich Sportpädagogik Am Fallturm 1 28359 Bremen rohleder@uni-bremen.de