eJournals Motorik49/4

Motorik
7
0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art31d
7_049_2026_4/7_049_2026_4.pdf101
2026
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Fachbeitrag: Das Eigene und das Andere in der Psychomotorik

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2026
Stefan Schache
Holger Jessel
Seit ca. zwei Jahrzehnten ist in zahlreichen Geistes- und Sozialwissenschaften eine interessante Ambivalenz zu beobachten: Einerseits lässt sich nach wie vor eine folgenreiche (theoretisch-konzeptionelle, methodisch-didaktische und handlungspraktische) Körpervergessenheit und Leibferne identifizieren und andererseits kann von einer Wiederentdeckung des Körpers bzw. Leibes im Sinne eines body turn gesprochen werden. Dieser betrifft nicht nur die theoretische und diskursive Auseinandersetzung mit körper-, leib- und bewegungsbezogenen Phänomenen, sondern auch zahlreiche pädagogische, therapeutische, entwicklungsfördernde bzw. -begleitende sowie gesundheitsfördernde Anwendungsbezüge. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungsdynamik sollte und muss die Psychomotorik sich selbst nach ihrem originären Profil befragen und dadurch zugleich ihre Bezüge zu relevanten mit Körper, Leib und Bewegung befassten Disziplinen, Diskursen und Handlungsfeldern klären. Das Eigene der Psychomotorik erscheint damit konturierter, das Andere als Dialogpartner und Entwicklungschance.
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Zusammenfassung / Abstract Seit ca. zwei Jahrzehnten ist in zahlreichen Geistes- und Sozialwissenschaften eine interessante Ambivalenz zu beobachten: Einerseits lässt sich nach wie vor eine folgenreiche (theoretisch-konzeptionelle, methodisch-didaktische und handlungspraktische) Körpervergessenheit und Leibferne identifizieren und andererseits kann von einer Wiederentdeckung des Körpers bzw. Leibes im Sinne eines body turn gesprochen werden. Dieser betrifft nicht nur die theoretische und diskursive Auseinandersetzung mit körper-, leib- und bewegungsbezogenen Phänomenen, sondern auch zahlreiche pädagogische, therapeutische, entwicklungsfördernde bzw. -begleitende sowie gesundheitsfördernde Anwendungsbezüge. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungsdynamik sollte und muss die Psychomotorik sich selbst nach ihrem originären Profil befragen und dadurch zugleich ihre Bezüge zu relevanten mit Körper, Leib und Bewegung befassten Disziplinen, Diskursen und Handlungsfeldern klären. Das Eigene der Psychomotorik erscheint damit konturierter, das Andere als Dialogpartner und Entwicklungschance. Schlüsselbegriffe: Psychomotorik, Motologie, Körper, Leib, Bewegung, body turn, Zwischenleiblichkeit, Resonanz, Dialog, Situationsverständnis The Self and the Other in Psychomotricity For about two decades, an interesting ambivalence has been observable in numerous humanities and social sciences: on the one hand, a consequential neglect of the body and detachment from the lived body can still be identified and on the other hand, there has been a rediscovery of the body in the sense of a body turn. This affects not only theoretical and discursive but also numerous pedagogical, therapeutic, developmental, and health-promoting application contexts. Against the backdrop of this dynamic development psychomotricity should and must examine its original profile and, in doing so, clarify its relationship to relevant disciplines, discourses and fields of action concerned with the body, the lived body, and movement. This allows the unique characteristics of psychomotricity to emerge more clearly, while other approaches are seen as dialogue partners and opportunities for development. Keywords: psychomotricity, motology, body, lived body, movement, body turn, intersubjectivity, resonance, dialogue, situational understanding [ 188 ] 4| 2026 motorik, 49. Jg., 188-195, DOI 10.2378 / mot2026.art31d © Ernst Reinhardt Verlag Das Eigene und das Andere in der Psychomotorik Stefan Schache, Holger Jessel [ FACHBEITRAG ] Ambivalenzen zwischen Körpervergessenheit und body turn Immer wenn Jubiläen begangen werden, neigt man dazu, Bilanz zu ziehen: Zurückschauen, um das Entstandene zu würdigen; vorausschauen, um Entwicklungspotenziale zu erkennen. Die (akademische) Psychomotorik und Motologie feiern in diesen Jahren Jubiläen: 50 Jahre Deutsche Akademie- - Aktionskreis Psychomotorik e. V. (dakp), 45 Jahre Deutscher Berufsverband der MotopädInnen / MototherapeutInnen e. V. (DBM), 40 Jahre Berufsverband der Motologie e. V. (BVDM), 20 Jahre Deutsche Gesellschaft für Psychomotorik e. V. (DGfPM), 20 Jahre Wissenschaftliche Vereinigung für Psychomotorik und Motologie e. V. (WVPM). Sie verdienen einen Blick auf ihre Erfolge, sind aber zugleich gut beraten, ihre Situation kritisch zu betrachten, um zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten auszuloten. Das ist umso notwendiger, wenn der Blick auf angrenzende Disziplinen und Professionen fällt, die allesamt den Körper (wieder-)entdeckt haben und diesen theoretisch-konzeptionell, aber auch methodisch-didaktisch und handlungspraktisch thematisieren und bearbeiten. Damit rücken verschiedene Disziplinen dichter an die Psychomotorik und Motologie heran, so dass nach deren Legitimation gefragt werden muss. In der (phänomenologischen) Erziehungswissenschaft (u. a. Brinkmann 2019), in der Sozialen Arbeit (u. a. Dummann / Linßer / Schliermann 2026; Schär / Ganterer / Grosse 2021), in [ 189 ] Schache, Jessel • Das Eigene und das Andere in der Psychomotorik 4| 2026 der Schulpädagogik (Peterlini 2018), in der (kritischen) Psychiatrie (Fuchs 2020), in der Heilpädagogik (Lanwer 2022), in den Disability und Mad Studies (Waldschmidt 2020; Boger 2022), in der Soziologie (Gugutzer 2022) wird der Körper und damit oft auch der Leib (wieder) fokussiert. Dadurch werden sowohl das Subjekt als auch die Disziplin als verkörpert verstanden, sie sind demnach sowohl Produkt als auch Produzent gesellschaftlicher Wirklichkeit. Dieses Spannungsfeld wird mit (post-)phänomenologischen und poststrukturalistischen Zugängen bearbeitet, um der Materialität und Konstruktion des Leibkörpers nahe zu kommen (Schache 2023; Jessel 2023). Der Begriff ›Leibkörper‹ soll hier mit Waldenfels (2000) verwendet werden, um die »Doppelheit des Leibes« (Waldenfels 2000, 254) herauszustellen, so dass klar wird, dass auch bei der Konstitution von Welt der Leib beteiligt ist. Selbst die Betrachtung des Körpers als Körperding geschieht also nicht von einem neutralen Standpunkt aus. »[…] Leib und Körper [bilden] eine Differenz innerhalb der Leiblichkeit« (Waldenfels 2000, 189). Er spricht von einem Leibkörper statt von einem Körperleib, »weil der Leib […] nicht ein Etwas ist, das von einem Außenblick her von anderem unterschieden wird, sondern weil er an dieser Unterscheidung selbst beteiligt ist. Er fungiert in der Unterscheidung selber« (Waldenfels 2000, 252). Diese Konkretion ist wichtig, sollen im Folgenden exemplarisch die Soziale Arbeit und die Heilpädagogik nach ihrem Körperverständnis befragt werden und das Eigene der Psychomotorik davon unterschieden werden. Wir nutzen exemplarisch die beiden Disziplinen, um eine Ambivalenz deutlich zu machen, die sich zwischen eben dieser Wiederentdeckung des Körpers und einer gleichzeitigen Leibferne und Körpervergessenheit in unterschiedlichen Disziplinen und Professionen aufspannt. Die Ambivalenz kann sowohl auf theoretischer wie auch auf praktischer Ebene nachgezeichnet werden und findet abschließend Illustration in der philosophischen Unterscheidung von Situationen und Konstellationen nach Hermann Schmitz (2005), welche aktuell prominent soziologisch gewendet wird (Rosa 2026). Der (Leib-)Körper in der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit In kursorischen Zügen sollen die Disziplinen der Heilpädagogik und der Sozialen Arbeit nach ihrem Körperbzw. Leibverständnis befragt werden. Die Disziplinen stellen exemplarisch das Andere dar, das es für eine Selbstvergewisserung der Psychomotorik braucht. Alterität bedingt Vergleich, Reflexion und Abgrenzung und lässt damit das Eigene klarer erscheinen. Soziale Arbeit und Heilpädagogik können nur ausschnitthaft betrachtet werden, sie sollen aber wertschätzend als Dialog- und Diskurspartner dargestellt sein. So kann die (psychomotorischmotologische) Systematik durch die Perspektive des Anderen betrachtet werden, um die eigene Position im breiten Feld der Diskurse um Leibkörper, Bewegung, Entwicklung und Gesundheit zu benennen. Weder Soziale Arbeit noch Heilpädagogik sind über ein einziges und klares Selbstverständnis zu greifen, zu vielschichtig sind die (wissenschafts-)theoretischen Verortungen in der jeweiligen Disziplin. Im Folgenden werden daher bestimmte Aspekte herausgestellt, die imstande sind, unterschiedliche Dimensionen dieser Ambivalenz darzustellen. Die Heilpädagogik hat, anders als die Soziale Arbeit, durch die Fokussierung ihres besonderen und damit verbesonderten Klientels früh die Relevanz des Körpers sowie der leiblichen Situiertheit herausgestellt. Mit sehr unterschiedlichen Autor: innen, zumeist jedoch einer anthropologischen Pädagogik entspringend, werden Menschen in ihrer Körperlichkeit erkannt und das Zur-Welt-Sein leiblich begriffen. Mit den Referenztheorien, v. a. Merleau-Pontys Leibphänomenologie (1966), die auch aktuell die (Wieder-) Entdeckung des (Leib-)Körpers grundieren, und bspw. Binswangers Daseinsanalyse (1953) oder Paul Moors Innerem Halt (1965), wurden theoretische Perspektiven erarbeitet, die jenseits einer intellektualistischen und kognitiv-rationalen Zugangsweise ihre Relevanz entfalteten. Vor allem in anthropologischen Fragen wurden leibphänomenologische Arbeiten herangezogen, galt es doch in der Geschichte immer wieder, gerade, aber nicht nur, (schwerst-)mehrfachbehinderte [ 190 ] 4| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Menschen, besser: Menschen mit komplexen Behinderungen, vor Verdinglichung und Objektivierung zu schützen und deren Würde und Lebensrecht allumfassend klarzustellen (bspw. Fornefeld 1997; Kobi 1983; Haeberlin 2005). Der teils advokatorische, aber teils auch übergriffige Impetus der Heilpädagogik, die besonderen Lagen von behinderten Menschen in allen Belangen mitzudenken und einzufordern, hat zumindest dazu geführt, ein gesättigtes Menschenbild in der Heilpädagogik auszubilden, das sehr klar auf die leibliche Situiertheit des Menschen verweist und damit den Leibkörper- - in kommunikativen, zwischenleiblichen Aspekten- - im disziplinären Denken und Handeln festschreibt (s. o.). In methodischen Konzeptionen jedoch erfahren die Begriffe Leibkörper, Leib, Leiblichkeit eine eigentümliche Übersetzung: So wird die beschwörte Formel der Ganzheitlichkeit, die im explizierten Menschenbild mit dem Begriff der Leiblichkeit verankert wird, in den methodischen Zugängen in einzelne Bestandteile zerlegt. Die methodische (und teils notwendige) Reduktion (der Mensch als bio-psycho-soziale Einheit, Wahrnehmungsmodalitäten, Kompetenzraster) findet allerdings keine anschließende Rück-Einbettung in das leibliche Zur-Welt-Sein, sondern verharrt in dualistischen Sichtweisen, die den Körper letztlich als zerlegbares, objektiv zu durchdringendes Körperding (s. o.) sehen (Schache 2021). Das ist insofern relevant, da mit dieser Verkürzung eine ganze Reihe zu kritisierender Entwicklungen einhergeht. Auch die basale Stimulation und Kommunikation, die explizit den Körper herausstellen und methodisch zentrieren, reihen sich hier ein. Die leibliche Verankerung des explizierten Menschenbildes findet wenig angemessene Übersetzung in heilpädagogische Methoden (bspw. in Reichenbach 2023) und stellt damit eine sichtbare Form der Ambivalenz von Leibferne und Körpervergessenheit und gleichzeitiger Betonung des Leibkörpers dar. In der Sozialen Arbeit, anders als in der Heilpädagogik, erachtete es Homfeldt (1999) noch Ende der 1990-er Jahre als notwendig, »auf die grundlegende Bedeutung des Körpers für die Soziale Arbeit aufmerksam zu machen« (Homfeldt 1999, 4), um ihn aus seiner Ausblendung herauszuholen. Mittlerweile lässt sich jedoch beobachten, dass der Körper als »Ausgangspunkt einer konsequent lebensweltorientierten Sozialen Arbeit« (Wendler / Huster 2015, 5) betrachtet und positioniert wird. Damit »unterliegt die Thematisierung des Körpers einer gewissen Selbstverständlichkeit« (Schär / Ganterer / Grosse 2021, 2), wobei jedoch der Leib eher randständig diskutiert wird. Aktuelle Publikationen zu diesem Themenbereich zeigen außerdem, dass der Diskurs in erster Linie entlang der Phänomene Bewegung und Sport (Matzner / Wojciechowski 2025), Sportsozialarbeit (u. a. Löwenstein / Steffens / Kunsmann 2020) oder Bewegung, Sport und Körper (Dummann / Linßer / Schliermann 2026) verläuft, wobei der letztgenannte Sammelband zwar den Körper im Titel führt, diesen in seiner Struktur jedoch nicht durchgängig systematisch verhandelt. Diese Schwerpunktsetzungen führen zu Fokussierungen und zur Reflexion bedeutsamer Verbindungslinien, die jedoch auch mit Verengungen (Bewegung und Sport, Sportsozialarbeit) und mit begrifflichen Leerstellen verbunden sind. So hat Welsche (2026) gezeigt, dass in der Publikation zur Sportsozialarbeit (Löwenstein / Steffens / Kunsmann 2020) zwar der Bewegungsbegriff thematisiert wird, als menschliches Existenzial jedoch keine systematische Berücksichtigung findet. Zwar werden hier auch die Begriffe Körper und Leib sowie die Psychomotorik als Bezugswissenschaft verhandelt, dies allerdings ebenfalls nicht in systematisierender Weise. Dem »Handbuch Bewegung und Sport in der Sozialen Arbeit« (Matzner / Wojciechowski 2025) liegt zwar eine interdisziplinäre Konzeption zugrunde, aber auch hier erfolgt keine methodisch stringente Diskussion körper- und leibbezogener bzw. leibphänomenologischer, -philosophischer oder körpersoziologischer Perspektiven. Das aktuelle Handbuch »Bewegung, Sport und Körper in der Sozialen Arbeit« (Dummann / Linßer / Schliermann 2026) hingegen ist aus der Arbeit der gleichnamigen Fachgruppe der Deutschen Gesellschaft für Soziale Arbeit hervorgegangen und enthält u. a. explizit psychomotorisch orientierte Beiträge (Jessel/ Eckert/ Nickel/ Staschke 2026; Jessel 2026b; Kuhlenkamp 2026). Darüber hinaus haben Krus [ 191 ] [ 191 ] Schache, Jessel • Das Eigene und das Andere in der Psychomotorik 4| 2026 und Jasmund (2015) bereits vor über einem Jahrzehnt die Bedeutung der Psychomotorik in sozialpädagogischen Handlungsfeldern mehrperspektivisch diskutiert. In ihrem Sammelband gehen Schär, Ganterer und Grosse (2021, 2) aus einer analytischen und epistemologischen Perspektive »von einer zusammenhängenden Differenz der Begriffe Körper und Leib in Bezug auf das Theorie-, Handlungs- und Forschungsfeld Soziale Arbeit aus«. Einerseits zeigen sich in der Sozialen Arbeit damit teilweise interdisziplinäre Diskurslinien, die versuchen, dem leiblichen In-der-Welt- und Zur-Welt-Sein des Menschen theoretisch und praxeologisch gerecht zu werden, andererseits sind jedoch nach wie vor folgenreiche Schwerpunktsetzungen und Ausblendungen zu beobachten, die die Stringenz von Theoriebildung, Konzeptionsentwicklung und professionellem Handeln beeinträchtigen. So ist laut Magyar- Haas (2021, 79) »in den differenten Theoriepositionen der Phänomenologie, der Praxistheorie und des Poststrukturalismus, auf welche im Rahmen erziehungswissenschaftlicher und sozialpädagogischer Forschung Bezug genommen wird, äußerst strittig, wie die beiden Begriffe ›Leib‹ und ›Körper‹ auszulegen sind«. Hier zeigt sich einerseits exemplarisch die Notwendigkeit begrifflicher Präzisierungen und Differenzierungen, die in der Sozialen Arbeit bislang- - wie skizziert-- nur teilweise erfolgt. Andererseits bleibt häufig ungeklärt, wie die theoretischen und in der Sozialen Arbeit in den vergangenen Jahren zunehmend auch empirischen Arbeiten eine stringente Entsprechung im methodischen Handeln, das notwendigerweise immer zwischenleibliches Handeln ist, finden können. Das Eigene der Psychomotorik-- ein Gespür für Situationen In der fachlichen Genese der akademischen Psychomotorik und der Motologie haben sich mit dem Aufkommen des Verstehenden Ansatzes (v. a. Seewald 1992; 2007) ein Begriff und ein Verständnis von Leib und Leiblichkeit etabliert, die im heutigen Diskurs und in der Praxis grundlegende Marker darstellen. Die Besonderheit ist unseres Erachtens darin zu sehen, dass die theoretisch-konzeptionelle Entfaltung phänomenologischer und philosophischer Perspektiven auf den Leib- - wie sie auch in unterschiedlichen anderen Disziplinen beobachtet werden kann (s. o.)- - in der Psychomotorik und Motologie eine klare Entsprechung in der didaktisch-methodischen und handlungspraktischen Gestaltung psychomotorischer Bewegungs- und Erfahrungssituationen sowie in der Begleitung der Professionalisierungsprozesse von Psychomotoriker: innen findet. Das (explizierte) Menschenbild in der Psychomotorik und Motologie, bspw. markiert durch Leibbewusstsein und Symbolisierungsfähigkeit (Seewald 2007, 19), liefert die Grundlage für eine kohärente psychomotorische Konzeption und Praxis durch die Schaffung situativer (Bewegungs-)Angebote: Sie eröffnen Gelegenheiten und Möglichkeiten des Leib-Seins. Mit der Berücksichtigung der Eigensphäre und Eigenregulation können sich Adressat: innen auf das spontane Werden des Leibes einlassen (Böhme 2003, 169). Statt des instrumentalisierten, verdinglichten und objektivierten Körpers geht es in der Psychomotorik um den leiblichen Lebensvollzug (Schache 2018; Jessel 2026a). Dieser kann mit Schmitz (2005) mit den Begriffen der Situation und der Konstellation illustriert werden: In diesem Kontext kann nur angedeutet werden, welches Potenzial den Begriffen im Sinne einer psychomotorischen Entwicklungsbegleitung innewohnt: Die methodische Berücksichtigung des affektiven Betroffenseins und damit des Subjektiven in der Psychomotorik ist für das (präpersonale) Selbstbewusstsein (Schmitz (2005) spricht von »Sichbewussthaben«) und für die Selbstzuschreibung eine Notwendigkeit. Dieses präpersonale Erleben, in dem Identität und Verschiedenheit, selbes und anderes (aber keineswegs Einzelnes), schon gegeben sind, kann sich nur in »ganzen Situationen« (Schmitz 2021, 246), die in leiblicher Kommunikation gebildet werden, vollziehen. »Eine Situation […] ist charakterisiert durch Ganzheit (d. h. Zusammenhalt in sich und Abgehobenheit nach außen), ferner eine integrierende Bedeutsamkeit aus Sachverhalten, Programmen und Problemen und eine Binnendiffusion dieser Bedeutsamkeit in der Weise, das die in ihr enthaltenen [ 192 ] 4| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Bedeutungen (d. h. Sachverhalte, Programme, Probleme) nicht sämtlich-- im präpersonalen Erleben überhaupt nicht-- einzeln sind« (Schmitz 2021, 247). Die Situation wird ganzheitlich erlebt, erst in der Rückschau aus personaler Perspektive kann sie zum einzelnen Ereignis werden, zu einem Fall einer Gattung. Damit tritt eine Bedeutung aus der binnendiffus-ganzheitlichen Situation hervor, wird mit Sprache, d. h. satzförmiger Rede zugänglich, analysiert und damit objektiviert- - als ein Schritt auf dem Weg zur Person mit Persönlichkeit (Schmitz 2021, 248). Genauer als Keimzelle der persönlichen Situation, »die [die Persönlichkeit, Verf.] fortan als Hülle und Partner zugleich umgibt und mit sich konfrontiert, durch Prozesse der personalen Emanzipation und Regression aus bzw. in präpersonales affektives Betroffensein, der Explikation und Implikation in Auseinandersetzung mit begegnenden Situationen sich lebenslang fortwälzend« (Schmitz 2021, 249). In psychomotorischen Angeboten sind diese Situationen, in denen die persönliche andere berührt und in diese eingebettet ist, Grundlage der methodischen Gestaltung, so dass nicht nur von der leiblichen Situiertheit und der affektiven Betroffenheit ›gesprochen‹, sondern diese gelebt wird. Situationen können sich jedoch, wie Schmitz (2005) und Rosa (2026) darlegen, in Konstellationen und Vernetzungen auflösen. Angetrieben wird dies durch nachvollziehbare Motive, die menschliche Welt berechenbar, vorhersagbar, handhabbar, beherrschbar und verlässlich zu machen. Problematisch wird es allerdings, wenn der Drang groß wird, sich über-- unhintergehbar komplexe, ganzheitliche und mehrdeutige- - Situationen hinwegzusetzen und im Sinne eines »Verfügbarmachens von Welt« (Rosa 2026, 15) vor allem in Konstellationen zu denken und zu handeln. Nach Schmitz (2021, 253) ist das Leitbild der modernen Technik in Form der Maschine Auslöser dieser gesellschaftlichen Entwicklung. Rosa (2026, 15) beschreibt aus soziologischer Perspektive die Entwicklung vom (kreativen, expressiven und situationsangemessenen) Handeln (Situation) hin zum Vollziehen (Konstellation, Verfügbarmachen von Welt) und weist darauf hin, dass damit Fingerspitzengefühl und Urteilskraft, also Handlungs- und Ermessensspielräume sowie Handlungsenergie verloren gehen. Die konstellationistische Durchdringung der Gesellschaft zeichnen Schmitz (2021) und Rosa (2026) für viele Lebensbereiche nach: in Wissenschaft, Politik, Recht, Freizeit oder auch am Phänomen Körper schaffen konstellative Zugänge eine Beherrschbarkeit, die neben den Erfolgen der Objektivierung, des technischen Fortschritts, der Gleichheit und Fairness und vielem mehr eben das subjektiv Situative und eine situationsangemessene Urteilskraft vermissen lassen. Dies könnte ein wesentlicher Grund dafür sein, dass sich körper-, v. a. aber leibzentrierte Verfahren in Pädagogik und Therapie, eben psychomotorische Angebote, großer Beliebtheit erfreuen. Im Rückgriff auf Rosa (2026) ließe sich die Beliebtheit so beschreiben, dass es in der Psychomotorik sowohl für die Adressat: innen als auch für die Professionellen um »Spielräume des Urteilens und Handelns [geht; d. Verf.], die es ihnen ermöglichen, zwischen der analytischen, kontextlosen Schärfe konstellativer Relationen (insbesondere in Gestalt von Regeln und Vorgaben) und der diffusen, ausgreifenden, niemals ganz auslotbaren Komplexität konkreter Handlungssituationen zu vermitteln« (Rosa 2026, 53). In ähnlicher Weise lässt sich die Attraktivität psychomotorischer Angebote und Situationen auch mit der Sehnsucht nach Resonanz erklären: »Menschen sehnen sich danach, die Welt als tragend, nährend, wärmend und entgegenkommend und sich selbst als in ihr wirksam zu erfahren, und sie fürchten sich vor einer schweigenden, mitleidlosen Welt, der sie ohnmächtig ausgesetzt sind« (Rosa 2016, 748). Psychomotorische Situationen eröffnen in besonderem Maße einen Kontext, der Resonanzerfahrungen und -beziehungen ermöglicht. Betrachtet man die von Rosa (2016, 298) formulierten Kernelemente von Resonanz, so zeigen sich fundamentale Bezüge zur Gestaltung und Begründung psychomotorischer Situationen. Resonanz Das subjektiv Situative und eine situationsangemessene Urteilskraft kennzeichnen die Psychomotorik. [ 193 ] [ 193 ] Schache, Jessel • Das Eigene und das Andere in der Psychomotorik 4| 2026 ist eine Form der Weltbeziehung (d. h. zu anderen Menschen, zu Dingen, zum Weltganzen (Natur, Leben, Universum, Geschichte etc.) und zu uns selbst (unserem Körper, unseren Emotionen, Bedürfnissen und unserer Biografie (Rosa 2021, 249)), die durch Af← fizierung (»Berührung«), E → motion (selbstwirksame Bewegung nach außen), intrinsisches Interesse und Selbstwirksamkeitserwartung gebildet wird. Es ist eine Antwortbeziehung, bei der Mensch und Welt mit je eigener Stimme sprechen und die deshalb unverfügbar, d. h. nicht herstellbar ist. Im Sinne einer Individuums-, Bedürfnis-, Dialog-, Erlebnis-, Handlungs- und Prozessorientierung wird in der Psychomotorik ein Rahmen angeboten, der ein ganzheitliches und subjektiv bedeutsames Erleben solcher Beziehungsqualitäten in leiblicher Situiertheit und affektiver Betroffenheit (Schmitz 2021, 249) ermöglicht. Das Eigene der Psychomotorik ist mit Eckert (2004, 63 f ) darin zu sehen, dass psychomotorische Situationen eine direkte und aktive Körperpräsenz (oder leibliche Situiertheit) erfordern, in denen die Fachkräfte »durchlässig« und »mit dem Herzen« dabei und bereit sind, sich von anderen berühren und verändern zulassen. Dies ermöglicht erst eine Verständigung auf einer gemeinsamen (zwischen-)leiblichen und symbolischen Ebene im Sinne eines tonischen bzw. psychomotorischen Dialogs. Psychomotorik kann demnach als Beziehungsraum verstanden werden, in dem die verkörperte Ko-Regulation von Gefühlen ein wesentliches Prinzip darstellt (Fuchs 2020, 26). Dies erfolgt zwar auch über passende verbale Interventionen, vor allem aber über eine zugewandte, empathische und verkörperte Beziehung (Jessel 2026a, 60), deren wesentliche Potenziale in der überwiegend unbewussten leiblichen Resonanz und Synchronisierung von Handlungen liegen (Fuchs 2024, 86). Eine grundlegende Perspektive psychomotorischen Handelns kann darin gesehen werden, Adressat: innen dabei zu begleiten, eine innere Orientierung für ihre persönliche Lebensgestaltung zu entwickeln. Ein wichtiger Schlüssel dafür ist das Leibbewusstsein, verstanden als Fähigkeit, einen fortlaufenden inneren Dialog mit der eigenen leiblichen Gestimmtheit und Resonanz auf die Welt zu führen (Seewald 2007, 18). Psychomotorische Situationen eröffnen einerseits die Möglichkeit, sich affizieren zu lassen, in leiblicher Kommunikation (s. o.) und zwischenleiblicher Resonanz (Fuchs 2021, 211), und dadurch die persönliche leibliche Spür- und Resonanzfähigkeit auf einer vorsprachlichen, impliziten Ebene zu erleben und zu entwickeln. Sie ermöglichen es Adressat: innen im Sinne einer reflexiven Leiblichkeit (Seewald 2007, 96) aber auch, ihre Leiblichkeit intentional bzw. als Grundlage für Reflexion und Analyse zu nutzen. Mit Schmitz (2021, 164) gehen wir davon aus, dass eine Erweiterung der persönlichen Situation, d. h. der Persönlichkeit, nur durch Prozesse der personalen Emanzipation und der personalen Regression möglich ist: »Personale Emanzipation ist Abstandnahme von primitiver Gegenwart durch Objektivierung subjektiver Sachverhalte, Programme und Probleme, personale Regression dagegen deren Resubjektivierung im Rückfall auf primitive Gegenwart« (Schmitz 2021, 164), z. B. durch lebhaftes affektives Betroffensein durch Gefühle oder durch leibliche Regungen im Lachen oder Weinen. Im methodischen ›Handwerkskasten‹ der Psychomotorik laden Spiel- und Bewegungsthemen genau dazu-- spielerisch auffordernd und voraussetzungslos-- ein. Ausblick Dieses Verständnis von Persönlichkeitsentwicklung ist sowohl für die Adressat: innen psychomotorischer Angebote als auch für psychomotorische Fachkräfte von zentraler Bedeutung. In ihm treffen sich theoretisch-konzeptionelles und praxisbezogenes Denken und Handeln auf kohärente und stimmige Weise. Das Eigene der Psychomotorik ist unseres Erachtens in einer professionellen Perspektive zu finden, die das ganzheitlich erlebte und subjektiv bedeutsame Psychomotorik bietet Gelegenheiten zur personalen Emanzipation und personalen Regression. [ 194 ] 4| 2026 Fachbeiträge aus Theorie und Praxis Situative betont und im Sinne eines fortlaufenden Ausbalancierens von personaler Emanzipation und personaler Regression einen fundamentalen Beitrag zur Personwerdung und Persönlichkeitsentwicklung leistet. Dieser Balanceprozess ist ohne eine Berücksichtigung der Leiblichkeit und Zwischenleiblichkeit des Menschen nicht zu fassen. Im Sinne eines verkörperten Humanismus (Fuchs 2023, 122) basiert psychomotorisches Handeln auf einem leiblichen Gespür für Situationen und auf zwischenleiblicher Resonanz. Beides zusammen schafft erst die Voraussetzungen dafür, sein Leben in Verantwortung für sich und andere gelingend gestalten zu können. Daraus entstehen Spielräume für sowohl individuelle als auch interaffektive, relationale Entwicklungsprozesse, die weder vorhersehbar noch planbar oder gar zu vereinheitlichen sind. Dieses Eigene der Psychomotorik gilt es zukünftig im Dialog mit dem Anderen theoretisch weiter zu entfalten, in der Begleitung von Adressat: innen achtsam und sensibel zu berücksichtigen und in der Begleitung von Professionalisierungsprozessen zukünftiger Psychomotoriker: innen systematisch einzubinden. Ganz im Sinne von Waldenfels (s. o.) ist der Leib bei der Konstitution von Welt zentral. Dies gilt es auch in den notwendigen empirisch-quantitativen Zugängen und Entwicklungen zu berücksichtigen: solche konstellativen Zugriffe benötigen stets die Einbettung in die situative Ganzheit, in die Psychomotorik. Literatur Böhme, G. (2003): Leibsein als Aufgabe. Leibphilosophie in pragmatischer Hinsicht. SFG Servicecenter Fachverlage, Kusterdingen Boger, M.-A. (2022): Risse in der Inklusionsforschung - Aktuelle Entwicklungen und offene Fragen. In: Schimek, B., Kremsner, G., Poryer, M., rubich, R., Paudel, F., Grubich-Müller, R. (Hrsg.): Grenzen. Gänge. Zwischen. Welten. Kontroversen - Entwicklungen - Perspektiven der Inklusionsforschung. Klinkhardt, Kempten, 43-58 Binswanger, L. (1953): Grundformen und Erkenntnis menschlichen Daseins. Max Niehans Verlag, Zürich Brinkmann, M. (2019): Verkörperungen. (Post-)Phänomenologische Untersuchungen zwischen erziehungswissenschaftlicher Theorie und leiblichen Praxen in pädagogischen Feldern. Springer, VS Wiesbaden Dummann, J., Linßer, J., Schliermann, R. (Hrsg.) (2026): Bewegung, Sport und Körper in der Sozialen Arbeit. Ein Handbuch. Kohlhammer, Stuttgart Eckert, A. R. (2004): Menschen psychomotorisch verstehen und begleiten. In: Eckert, A. R., Hammer, R. (Hrsg.): Der Mensch im Zentrum. Beiträge zur sinnverstehenden Psychomotorik und Motologie. Verlag Aktionskreis Psychomotorik, Lemgo, 59-73 Fornefeld, B. (1997): »Elementare Beziehung« und Selbstverwirklichung Schwerstbehinderter in sozialer Integration-- Reflexionen im Vorfeld einer leiborientierten Pädagogik (Zugl.: Dissertation, Univ. Köln). 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Vorsitzender der Deutschen Akademie-- Aktionskreis Psychomotorik e. V. Anschriften Prof. Dr. Stefan Schache Evangelische Hochschule Bochum Immanuel-Kant-Straße 18-20 44803 Bochum schache@evh-bochum.de Prof. Dr. Holger Jessel Hochschule Darmstadt Fachbereich Soziale Arbeit Adelungstr. 51 64283 Darmstadt holger.jessel@h-da.de