eJournals Motorik49/4

Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
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Auf den Punkt gebracht: Wissen kompakt: Das Herz, das uns verbindet - die psychomotorische Haltung

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Nadezda Selyuzhenkova
Was könnte es sein, das Psychomotorikerinnen und Psychomotoriker in ihrem Tun verbindet, wenn nicht das Herzstück der Psychomotorik, die ihr zugrunde liegende humanistische Haltung? Für Köckenberger (2023) ist die Haltung ein verbindendes Element – sie trägt das Handeln, und umgekehrt führen einzelne Handlungen zur Entwicklung einer Haltung. Dabei bleibt die Haltung eher implizit mitgedacht als expliziert und damit abstrakt und schwer greifbar – trotz ihrer fundamentalen Bedeutung für das praktische Handeln (Kuhl / Schwer / Solzbacher 2014).
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[ 199 ] motorik, 49. Jg., 199-201, DOI 10.2378 / mot2026.art33d © Ernst Reinhardt Verlag 4| 2026 [ AUF DEN PUNKT GEBRACHT ] Wissen kompakt: Das Herz, das uns verbindet-- die psychomotorische Haltung Nadezda Selyuzhenkova Was könnte es sein, das Psychomotorikerinnen und Psychomotoriker in ihrem Tun verbindet, wenn nicht das Herzstück der Psychomotorik, die ihr zugrunde liegende humanistische Haltung? Für Köckenberger (2023) ist die Haltung ein verbindendes Element- - sie trägt das Handeln; und umgekehrt führen einzelne Handlungen zur Entwicklung einer Haltung. Dabei bleibt die Haltung eher implizit mitgedacht als expliziert und damit abstrakt und schwer greifbar- - trotz ihrer fundamentalen Bedeutung für das praktische Handeln (Kuhl/ Schwer / Solzbacher 2014). Jeder Mensch hat eine persönliche Haltung, die sein Handeln leitet. In ihr verbirgt sich eine innere Vielfalt, etwas, das unterschiedliche Facetten und Perspektiven einer Person einschließt. Zugleich beweglich als auch beständig, bildet sie sich lebenslang und bleibt niemals starr. Jeder Augenblick, jede Begegnung, jede Welterfahrung kann zu ihrer Verschiebung, Verwandlung oder Verfestigung führen (Halfmann 2023). Folgt man Schneider (2015), kann Haltung als Ensemble individueller wertbasierter Überzeugungen definiert werden, aus dem sich eigene Einstellungen, Ansichten und Standpunkte herleiten. Der Haltungsbegriff wandelte seine Gestalt im Laufe des pädagogischen Diskurses und passte sich den gesellschaftlichen Werten und Normen an oder spiegelte diese. Eine für den psychomotorischen Diskurs spannende Entwicklungsspur bietet das Konzept des Pädagogischen Taktes nach J. F. Herbart (1802). Für Herbart ist der Pädagogische Takt das Bindeglied zwischen Theorie und Praxis; er deutet ihn als spontane, situationsangemessene, intuitive Urteils- und Entscheidungsfindung in einer pädagogischen Situation (Muth 1983). Damit legte er einen Grundstein für die Verwissenschaftlichung der Pädagogik im Sinne einer reflexiven Professionalisierung (Drieschner / Staege 2015; Muth 1983). Interessanterweise ist pädagogisches Handeln nur bedingt an eine formale Ausbildung geknüpft. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür, wie Menschen auf ihre lebensweltliche Erfahrung zurückgreifen, um Kinder pädagogisch zu begleiten. Dabei vermitteln sie eine bestimmte persönliche Grundhaltung und handeln nach dieser; wobei noch nicht von Professionalität gesprochen werden kann (Selyuzhenkova 2026). Eine professionelle pädagogische Haltung resultiert in der Regel vielmehr als Produkt kollektiver und individueller Professionalisierungsprozesse und geht weit über das Aneignen von explizitem Fachwissen hinaus (Helsper 2021; Jessel/ Nickel 2023). Zentral für diesen kontinuierlichen, reflexiven Prozess ist die Herausbildung eines professionellen Selbst, das die innere Grundlage dafür bildet, pädagogisches Handeln bewusst, reflektiert und situationsangemessen, gar taktvoll zu gestalten (Kuhl/ Solzbacher / Zimmer 2017). Unter dem Begriff des [ 200 ] 4| 2026 Auf den Punkt gebracht »professionellen Selbst« ist die durch biografische Erfahrungen und reflexive Professionalisierungsprozesse gebildete Identität einer Fachkraft und somit das handlungsleitende Selbstkonzept zu verstehen (ebd.). Pädagogische Professionalität wird mittels Beziehungsgeschicklichkeit, biografischer Kompetenz, Selbstreflexionsfähigkeit sowie einer forschenden und neugierigen Haltung situativ und prozessorientiert realisiert- - Aspekte, welche im Rahmen von fachlichen Aus-, Fort- und Weiterbildungen gefördert werden können (Lochner / Hellmann / Thole 2022). Im strukturtheoretischen Professionsansatz von Helsper (2021) setzt Professionalität die Herausbildung eines »doppelten Habitus« voraus. Zentral ist die Fähigkeit, theoretisch-explizites Wissen mit erfahrungsbasiertem impliziten Praxiswissen, d. h. mit (Selbst-)Kompetenzen zu verbinden. Wadepohl (2015) verweist auf die Mehrdimensionalität und Erlernbarkeit von Kompetenzen, woraus sich zugleich deren Lehrbarkeit ergibt. Dabei umfassen (Selbst-)Kompetenzen verschiedene kognitive Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Affektregulation der eigenen emotionalen Befindlichkeiten, um Herausforderungen bewältigen zu können (Engel / Keßel 2017). Sie werden intuitiv wirksam und können lebenslang implizit erlernt werden. Beispielhaft sind (Selbst-)Kompetenzen wie Gelassenheit, Planungs- und Koordinationsfähigkeit oder Resilienz. Auf Grundlage dieser ist es möglich, die Persönlichkeit eines Menschen sowie dessen (professionelles) Handeln einzuschätzen (Kuhl / Solzbacher / Zimmer 2017). Was bedeutet dies nun für die professionelle Haltung in der Psychomotorik? Muth (1983) greift den Begriff des Pädagogischen Taktes auf, um ihn mit der Feinfühligkeit und dem »Gefühl für die Situation« des Leibes zu verknüpfen. In dieser Verknüpfung finden sich erste Spuren einer psychomotorischen Haltung, welche sich gerade in der Beziehungsgestaltung zeigt. Professionelle Beziehungsgestaltung findet in der Psychomotorik ihren Ausdruck nicht allein im konkreten Handeln, sondern in der diesem Handeln zugrunde liegenden Haltung. Im Rahmen einer prozessorientierten und wertschätzenden Begleitung gestalten Fachkräfte über Spiel- und Bewegungsangebote die Beziehung und den Dialog mit den Adressat: innen. Sie agieren weitestgehend begleitend und unterstützend sowie in hohem Maße intuitiv, leiblich und situationsabhängig. Mittels ihrer professionellen (Selbst-)Kompetenzen schaffen sie eine sichere, wertschätzende, spielerische und ungezwungene Atmosphäre, in der Offenheit, Freiwilligkeit und Selbstwirksamkeitserfahrungen möglich werden (Engel/ Keßel 2017; Buber 1999; Kuhlenkamp 2017). Ihr zentrales Handlungsprinzip ist die Beziehungs- und Dialogorientierung. Eine dialogische Haltung zeigt sich in der wertschätzenden Wahrnehmung und Anerkennung der kindlichen Individualität und Initiativen, in der Wahrnehmung eigener und fremder Bedürfnisse sowie in der achtsamen Vermittlung zwischen diesen Perspektiven. Ermöglicht wird dies durch den sprachlichen und tonischen Dialog- - der lebendigen, zwischenleiblichen Auseinandersetzung zwischen den Akteur: innen (Eckert 2004; Kuhlenkamp 2017; Engel/ Keßel 2017). Gestützt werden diese Erkenntnisse durch qualitative Forschungsergebnisse einer unveröffentlichten Bachelor-Studie an der Hochschule Darmstadt, die sich mit der psychomotorischen Haltung als Grundlage für das psychomotorische Handeln im U3-Bereich befasst. Sowohl die hermeneutische Untersuchung als auch Aussagen befragter psychomotorischer Fachkräfte, die alle über die dakp-Lehrqualifikation verfügen, bestätigen die Annahme: die Haltung ist für das Handeln konstitutiv. Bemerkenswert ist, dass die Interviewten ihre persönliche Haltung als stark verwoben mit der professionellen psychomotorischen Haltung wahrnehmen (Selyuzhenkova 2026). Aus Sicht der Interviewten besitzen Selbstreflexionsfähigkeit, Beziehungsgestaltung sowie (Zwischen-)Leiblichkeit eine zentrale Bedeutung für professionelles Handeln. Hier liegt ein großes Potenzial für zukünftige individuelle und kollektive psychomotorische Professionalisierungsprozesse. Für die Weiterentwicklung einer gelebten psychomotorischen Haltung und deren Lehrbarkeit in Aus- und Weiterbildungsprozes- [ 201 ] [ 201 ] Selyuzhenkova • Das Herz, das uns verbindet 4| 2026 sen sind Eigenerfahrungen und achtsame Reflexionsprozesse in einem geschützten Rahmen zentral. Literatur Buber, M. (1999): Ich und Du. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh Drieschner, E., Staege, R. (2015): Zur Relevanz des pädagogischen Taktes in der Spannung von Nähe und Distanz sowie Theorie und Praxis im frühkindlichen Handeln. In: Burghardt, D., Krinninger, D., Seichter, S. (Hrsg.): Pädagogischer Takt: Theorie, Empirie, Kultur. Schöningh, Paderborn, 89-104 Eckert, A. R. (2004): Menschen psychomotorisch verstehen und begleiten. In: Eckert, A. R., Hammer, R. (Hrsg.): Der Mensch im Zentrum. Beiträge zur sinnverstehenden Psychomotorik und Motologie. Verlag Aktionskreis Psychomotorik, Lemgo, 59-73 Engel, A. M., Keßel, P. (2017): Rahmung der Fortbildung und Arbeitsverständnis in den Workshops. In: Kuhl, J., Solzbacher, C., Zimmer, R. (Hrsg.): WERT: Wissen, Erleben, Reflexion und Transfer. Ein Konzept zur Stärkung der professionellen Haltung von pädagogischen Fach- und Lehrkräften. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, 101-121 Halfmann, K. (2023): Haltung: Ein Praxisbuch für mehr Professionalität im pädagogischen Alltag. Rowohlt, Hamburg Helsper, W. (2021): Professionalität und Professionalisierung pädagogischen Handelns: eine Einführung. Budrich, Opladen Jessel, H., Nickel, F. U. (2023): Professionalität und Professionalisierung in der Sozialen Arbeit: Die Bedeutung impliziten Wissens und Lernens. e & l, Heft 3-4, 15-18 Köckenberger, H. (2023): Vielfalt als Methode: Methodische und praktische Hilfen für lebendige Bewegungsstunden, Psychomotorik und Therapie. Verlag Aktionskreis Psychomotorik, Lemgo Kuhlenkamp, S. (2017): Lehrbuch Psychomotorik. Ernst Reinhardt, München / Basel Kuhl, J., Schwer, C., Solzbacher, C. (2014): Professionelle pädagogische Haltung: Persönlichkeitspsychologische Grundlagen. In: Schwer, C. Solzbacher, C. (Hrsg.): Professionelle pädagogische Haltung: Historische, theoretische und empirische Zugänge zu einem viel strapazierten Begriff. Klinkhardt, Bad Heilbrunn, 79-106 Kuhl, J., Solzbacher, C., Zimmer, R. (2017): WERT: Wissen, Erleben, Reflexion, Transfer: Eine Einführung in einen neuen Ansatz zur Persönlichkeitsbildung von pädagogischen Fach- und Lehrkräften. In: Kuhl, J., Solzbacher, C., Zimmer, R. (Hrsg.): WERT: Wissen, Erleben, Reflexion und Transfer. Ein Konzept zur Stärkung der professionellen Haltung von pädagogischen Fach- und Lehrkräften. Schneider Verlag Hohengehren, Baltmannsweiler, 13-48 Lochner, B., Hellmann, M., Thole, W. (2022): Pädagogische Professionalität und Professionalisierung. In: Braches-Chyrek, R., Röhner, C., Sünker, H., Hopf, M. (Hrsg.): Handbuch Frühe Kindheit. 2. Aufl. Budrich, Opladen / Berlin / Toronto, 513-528 Muth, J. (1983): Pädagogischer Takt. 3. Aufl. Neue Deutsche Schule Verlagsgesellschaft, Essen Schneider, J. (2015): Qualifikationsprofil »Bewegung in der frühen Kindheit«: Was frühpädagogische Fachkräfte wissen, können und tun sollten. Springer VS, Wiesbaden Selyuzhenkova, N. (2026): Professionelle pädagogische Haltung als Grundlage für psychomotorisches Handeln im U3-Bereich. Unveröffentl. Bachelorarbeit, Hochschule Darmstadt Wadepohl, H. (2015): Professionelles Handeln von frühpädagogischen Fachkräften. In: https: / / www. kita-fachtexte.de/ fileadmin/ Redaktion/ Publikationen/ KiTaFT_Wadepohl_2015.pdf, 14.06.2026 Zimmer, R. (2019): Handbuch Psychomotorik: Theorie und Praxis der psychomotorischen Förderung von Kindern, 14. Aufl. Herder, Freiburg Die Autorin Nadezda Selyuzhenkova B. A. Soziale Arbeit PLUS Psychomotorik, Sozialarbeiterin im Anerkennungsjahr, Darel Interkulturelle Sozialpädagogische Familienhilfe GmbH Anschrift Nadezda Selyuzhenkova nadezda.selyuzhenkova@gmail.com