Motorik
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0170-5792
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/mot2026.art34d
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Impulse für die Praxis: Bewegungsbaustelle im U3-Bereich
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Martin Stief
Kinder erschließen sich die Welt handelnd: Sie bewegen, tragen, schieben und bauen im Verhältnis zu Raum, Material und anderen. Über diese Körper- und Handlungserfahrungen entwickeln sich motorische, kognitive und emotionale Aspekte des Selbstkonzepts (Lienert / Sägesser / Spiess 2010). Die Bewegungsbaustelle übersetzt dieses Verständnis in ein offenes Setting. Erleben entsteht nicht über vorgegebene Übungen, sondern im eigenaktiven Tun. Werden Materialien verändert, kombiniert oder auf ihre Stabilität hin erprobt, verbinden sich Bewegungserfahrungen mit Problemlösen und sozialer Aushandlung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Ergebnis, sondern der Prozess des Erkundens.
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[ 202 ] 4| 2026 Impulse für die Praxis [ IMPULSE FÜR DIE PRAXIS ] Bewegungsbaustelle im U3-Bereich Psychomotorische Erfahrungsräume für die frühe Kindheit Martin Stief Die Welt handelnd erschließen Kinder erschließen sich die Welt handelnd: Sie bewegen, tragen, schieben und bauen im Verhältnis zu Raum, Material und anderen. Über diese Körper- und Handlungserfahrungen entwickeln sich motorische, kognitive und emotionale Aspekte des Selbstkonzepts (Lienert/ Sägesser / Spiess 2010). Die Bewegungsbaustelle übersetzt dieses Verständnis in ein offenes Setting. Erleben entsteht nicht über vorgegebene Übungen, sondern im eigenaktiven Tun. Werden Materialien verändert, kombiniert oder auf ihre Stabilität hin erprobt, verbinden sich Bewegungserfahrungen mit Problemlösen und sozialer Aushandlung. Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Ergebnis, sondern der Prozess des Erkundens. Die Bewegungsbaustelle als psychomotorisches Setting Die Bewegungsbaustelle arbeitet mit mobilen, kombinierbaren Materialien wie Kisten, Brettern, Rohren, Matten oder Holzklötzen. Es gibt keine vorgegebenen Aufgaben oder »richtige« Lösungen. Kinder planen, bauen, verwerfen und verändern eigenständig. Kennzeichnend sind offene Lösungswege, individuelles Tempo, Eigenaktivität, Selbstwirksamkeit und pädagogische Zurückhaltung. Miedzinski (2009) betont, dass psychomotorische Erfahrungsräume keine aufwendige Ausstattung benötigen. Gerade einfache Materialien eröffnen vielfältige Kombinationsmöglichkeiten und unterstützen kreatives sowie exploratives Handeln. Bewegungsbaustelle und frühe Kindheit (U3) Im U3-Bereich ist Bewegung ein zentrales Mittel der Welterschließung. Krabbeln, Klettern, Schieben oder Ziehen ermöglichen unmittelbare Körper- und Wahrnehmungserfahrungen. Im Unterschied zu älteren Kindern stehen hier weniger komplexe Bauvorhaben als vielmehr sensomotorische Erfahrungen im Vordergrund. Materialien werden getragen, geschoben, beklopft oder in Beziehung zum eigenen Körper gesetzt. Wiederholungen vermitteln Sicherheit und stabilisieren Wahrnehmungsprozesse. Abb. 1: Bewegungsbaustelle im U3-Bereich mit mobilen und kombinierbaren Materialien (alle Abb.: Martin Stief) [ 203 ] Impulse für die Praxis 4| 2026 Auch die Materialauswahl unterscheidet sich von Bewegungsbaustellen im Ü3-Bereich. Konstruktionen bleiben bodennah und überschaubar. Leichte Bretter, kleine Podeste, Rohre oder flache Übergänge ermöglichen erste Gleichgewichts- und Tiefensensibilitätserfahrungen. Häufig entstehen prozesshafte Bewegungslandschaften statt klassischer Bauwerke. Bereits flache Übergänge oder leicht geneigte Ebenen ermöglichen intensive Erfahrungen von Gleichgewicht, Körperspannung und Raumlage. Bewegungsbaustellen benötigen im frühen Kindesalter klare Strukturen, überschaubares Material und vor allem Regelmäßigkeit. Wiederkehrende Angebote ermöglichen Kontinuität und Sicherheit. Im Zentrum stehen Gleichgewicht, Tiefensensibilität, exploratives Handeln sowie emotionale Stabilisierung durch Co-Regulation. Kinder erleben ihren Körper als wirksam und entwickeln Vertrauen in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Praxisimpuls: 60 Min. Bewegungsbaustelle (U3) Rahmen 6-8 Kinder, 60 Minuten, Freifläche im Innen- oder Außenbereich (ca. 20-30 m²). Material 30-50 Bäckerkisten, 8-12 leichte Bretter, Rohre, Rohrverbindungen, Seile, Tennisbälle, Holzklötze, Matten oder Alltagsmaterialien. Weniger Material erhöht häufig die Tiefe der Prozesse. Entscheidend sind Tragbarkeit, Sicherheit und Kombinierbarkeit. 1. Ankommen und Erkunden (10-15 Min.) Die Materialien liegen verteilt im Raum. Es gibt keine direkte Aufgabenstellung. Kinder erkunden, beobachten, transportieren und testen erste Kombinationen. Manche Kinder bleiben zunächst in der Nähe der Fachkraft, andere beginnen sofort mit dem Bewegen von Materialien. Die Fachkraft begleitet beschreibend statt bewertend. Aussagen wie »Du trägst die Kiste ganz vorsichtig« oder »Das Brett bewegt sich noch« unterstützen Wahrnehmung und Eigenverantwortung. 2. Exploration (30-35 Min.) Aus ersten Handlungen entwickeln sich kleine Bewegungslandschaften. Kisten werden verschoben, Bretter aufgelegt oder Rohre gerollt. Kippen oder Verrutschen erzeugen Irritationen und neue Lösungen. Wahrnehmung und Bewegung stehen dabei in direkter Rückkopplung. Typisch sind Wiederholungen, Transportieren, paralleles Bauen und erste soziale Aushandlungen. Die Fachkraft bleibt präsent und greift nur sichernd ein. Psychomotorische Professionalität zeigt sich im bewussten Umgang mit Zurückhaltung. Statt Lösungen vorzugeben, begleitet die Fachkraft kindliche Suchbewegungen aufmerksam und schafft einen sicheren Rahmen für eigenaktive Erfahrungen. Gerade im U3-Bereich bedeutet dies zugleich eine hohe körperliche und emotionale Präsenz. Blickkontakt, ruhige Sprache und fein abgestimmte Unterstützung helfen Kindern, Unsicherheiten zu regulieren und neue Handlungsschritte zu wagen. Zur psychomotorischen Begleitung gehört zudem die sensible Gestaltung des Materials im laufenden Prozess. Die Fachkraft kann Anordnungen leicht verändern, Elemente neu kombinieren oder wenig genutztes Material unauffällig aus dem Raum nehmen. Dadurch entstehen neue Bewegungsimpulse und Freiräume, ohne das Spiel direkt zu unterbrechen. Pädagogisches Handeln zeigt sich hier weniger im Anleiten als im bewussten Öffnen von Erfahrungsräumen. Abb. 2: Explorationsphase-- Kinder erkunden Materialien und entwickeln erste Bewegungslandschaften [ 204 ] 4| 2026 Impulse für die Praxis 3. Soziale Verdichtung (10 Min.) Gemeinsam genutzte Übergänge oder Materialien fördern Impulskontrolle und Kooperation. Kinder warten, beobachten und helfen sich gegenseitig. Co-Regulation wird sichtbar, wenn sich unsichere Kinder an anderen oder an der Fachkraft orientieren. Im U3-Bereich stehen häufig Parallelspiel, Nachahmung und das gemeinsame Nutzen von Materialien im Vordergrund. Erste soziale Aushandlungen entstehen eher über Handlungen als über Sprache. Mit zunehmendem Alter gewinnen symbolisches Spiel und Rollenspiel an Bedeutung. Aus einer Balancierstrecke wird ein Zug, aus Kisten ein Haus oder ein Schiff. Die Bewegungsbaustelle entwickelt sich damit zunehmend zu einem sozialen und fantasievollen Handlungsraum. Bewegung, Wahrnehmung und Spiel verbinden sich zu komplexen Bildungsprozessen. 4. Abschluss und Übergang (5-10 Min.) Das gemeinsame Aufräumen strukturiert den Übergang und stärkt Verantwortungsübernahme. Wiederkehrende Rituale geben Orientierung und Sicherheit. Ankündigungen wie »Noch fünf Minuten Bauzeit« erleichtern vielen Kindern den Übergang und unterstützen die emotionale Vorbereitung auf den Abschluss. Regelmäßige Bewegungsbaustellen ermöglichen nachhaltige Entwicklungsprozesse und schaffen Vertrautheit mit Material, Raum und Gruppe. Bedeutung für pädagogische Praxis und Gesellschaft Die Bewegungsbaustelle steht für eine Haltung, die Kindern Gestaltung zutraut. Offene Bewegungsräume fördern Selbstwirksamkeit, Problemlösungsfähigkeit und Verantwortung. Gleichzeitig fordert sie Fachkräfte dazu auf, Erfahrungsräume zu gestalten, in denen Kinder eigenständig lernen und ihre Umwelt aktiv erschließen können. Offene Bewegungsräume fördern nicht nur motorische Kompetenzen, sondern unterstützen zentrale Zukunftskompetenzen wie Selbstregulation, Problemlösefähigkeit und kooperatives Handeln. Literatur Lienert, S., Sägesser, J., Spiess, H. (2010): Bewegt und selbstsicher. Psychomotorik und Bewegungsförderung in der Eingangsstufe. Schulverlag Plus, Bern Miedzinski, K., Fischer, K. (2009): Die neue Bewegungsbaustelle. Lernen mit Kopf, Herz, Hand und Fuss- - Modell bewegungsorientierter Entwicklungsförderung. Borgmann, Dortmund Der Autor Martin Stief Anschrift Martin Stief Psychomotorik-Verein Berlin- Brandenburg e. V. Erkstraße 4 12043 Berlin martinstief@yahoo.de www.bewegungsbaustelle.berlin Abb. 3: Soziale Verdichtung-- gemeinsames Nutzen von Materialien und erste kooperative Spielprozesse DOI 10.2378/ mot2026.art34d
