eJournals körper tanz bewegung1/3

körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2013.art09d
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2013
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Der unerhörte Blick im Körper der Frau

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2013
Helga Krüger-Krin
In diesem Beitrag wird die Bedeutung des weiblichen Blicks im Sinne einer Spiegelung für die weibliche Selbstentwicklung beleuchtet. Auf der Grundlage einer Behandlungsstunde werden verschiedene Einflussfaktoren diskutiert, die dazu beitragen, dass das weibliche Begehren zu einem ‚unerhörten‘ wird. Damit wird auf die Doppelbedeutung von ‚unerhört‘ angespielt im Sinne einer Nichtbeachtung sowie von ‚unverschämt‘ bzw. ‚verboten‘. In diesen Bedeutungshof gehen soziokulturelle Weiblichkeitsvorstellungen ein, die die Weiblichkeit auf bestimmte Formen festlegen. Entsprechend wird das basale Bedürfnis nach umfassender sinnlich-affektiver Spiegelung der leiblich-affektiven Erfahrungen geschlechtsspezifisch eingeschränkt. Hierbei kommt v. a. die gesellschaftliche Tabuisierung weiblich-homosexueller Begehrensstrukturen zum Tragen. Im ersten Teil des Beitrags wird argumentiert, dass erst ein gendersensibler Blick Fehldeutungen und Pathologisierungen weiblich-sinnlicher Körperlichkeit im therapeutischen Raum verhindern kann, und dazu werden bedeutsame theoretische Hintergründe vorgestellt.
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103 körper - tanz - bewegung 1. Jg., S. 103-110 (2013) DOI 10.2378 / ktb2013.art09d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag Der unerhörte Blick im Körper der Frau Teil 1: Überlegungen zum körpersprachlichen Übertragungsraum in Frau-Frau-Therapien Helga Krüger-Kirn In diesem Beitrag wird die Bedeutung des weiblichen Blicks im Sinne einer Spiegelung für die weibliche Selbstentwicklung beleuchtet. Auf der Grundlage einer Behandlungsstunde werden verschiedene Einflussfaktoren diskutiert, die dazu beitragen, dass das weibliche Begehren zu einem „unerhörten“ wird. Damit wird auf die Doppelbedeutung von „unerhört“ angespielt im Sinne einer Nichtbeachtung sowie von „unverschämt“ bzw. „verboten“. In diesen Bedeutungshof gehen soziokulturelle Weiblichkeitsvorstellungen ein, die die Weiblichkeit auf bestimmte Formen festlegen. Entsprechend wird das basale Bedürfnis nach umfassender sinnlich-affektiver Spiegelung der leiblich-affektiven Erfahrungen geschlechtsspezifisch eingeschränkt. Hierbei kommt v. a. die gesellschaftliche Tabuisierung weiblich-homosexueller Begehrensstrukturen zum Tragen. Im ersten Teil des Beitrags wird argumentiert, dass erst ein gendersensibler Blick Fehldeutungen und Pathologisierungen weiblich-sinnlicher Körperlichkeit im therapeutischen Raum verhindern kann, und dazu werden bedeutsame theoretische Hintergründe vorgestellt. Schlüsselbegriffe weibliches Begehren, homosexuelle Übertragung-Gegenübertragung, psychisches Körpererleben, soziokulturelle Weiblichkeitsbilder The Outrageous Look - 1st part: Considerations on the Body-Lingual Transmission Space in Woman-to-Woman-Therapies This article discusses the importance of the female gaze for the female development of self. Based on a therapy session different influences will be highlighted, which contribute to the perception of female desire as something „unheard of“ - meaning both „forbidden“ and „without response“. Devaluating the female body by socio-cultural notions of femaleness plays a central role in this context. Consequently the client’s need to be reflected sensuously and affectively in all bodily and affective experiences faces significant gender-related restrictions such as the taboo of female homosexual desire. According to the first part of the article it is only the focus on gender issues which prevents misconstructions of female sensuous corporeality in a therapeutic setting. The client’s experience as well as the therapeutic handling of the „desire for the gaze“ are discussed against a fundamental theoretical background. Key words female desire, homosexual transference-countertransference, mental body experience, sociocultural idea of femaleness 104 3 | 2013 Helga Krüger-Kirn D er Körper gilt nicht nur im theoretischen und behandlungstechnischen Diskurs der Körperpsychotherapie als Schlüsselbegriff, sondern nimmt auch in der klinischen Praxis von Frau-Frau-Behandlungen eine prominente Stellung ein. Hier zeigt sich eine spannungsreiche Verknüpfung von konkreten Behandlungsanliegen mit prinzipiellen Identitätsthemen und einer Sehnsucht nach selbstbestimmter Verkörperung bzw. (Wieder-)Aneignung bestimmter in der biographischen Sozialisation verloren geglaubter Körperaspekte. Damit rückt der Körper als Ort des verkörperten Unbewussten in besonderer Weise in den Fokus. Wenn man die Körperinszenierungen jedoch lediglich auf der Ebene biographischer Selbstverhältnisse liest und entsprechend als „[…] Ausdruck problematischer geschlechtlicher Identifizierung“ (McRobbie 2010, 151) interpretiert, würde man den Symptomen und Sehnsüchten der Frauen nicht gerecht werden und deren gesellschaftlichen Kontext verschleiern. Denn trotz gesellschaftlicher Fortschritte in der Geschlechtergerechtigkeit gehen die soziokulturellen Weiblichkeitsvorstellungen bis heute mit einer Abwertung und Funktionalisierung des weiblichen Körpers (Butler 2009) einher und führen - so meine These - entsprechend zu einer lückenhaften Repräsentanz sinnhaftleiblicher Erfahrungen. Diese Perspektive wirft nicht nur behandlungsrelevante Fragen auf, sondern begründet gleichzeitig die Notwendigkeit, an die kulturkritische Tradition der Psychoanalyse sowie der Körperpsychotherapie anzuknüpfen. Diese ist eng mit Wilhelm Reich verbunden, der in seiner Theorie des Charakterpanzers den gesellschaftlichen Kontext von Reglementierung und Unterdrückung reflektiert, dabei jedoch eine geschlechtsspezifische Differenzierung versäumt hat. Um den therapeutischen Raum als einen Ort zu konstituieren, an dem spezifisch weibliche Erfahrungs- und Wahrnehmungsräume de- und resymbolisiert werden können, bedarf es einer Erweiterung um geschlechterkritische Perspektiven. Dieser veränderte Blickwinkel auf die Symptomatik der Frauen untersucht die weibliche Psychodynamik in Referenz auf den von Freud ausgearbeiteten Wiederholungszwang nicht nur auf einer diagnostisch pathologisierenden Ebene, sondern als unerhörtes Begehren nach „Wiedergutmachung“, d. h. einer (Wieder-)Aneignung körperlicher und identifikatorischer Selbstaspekte. Dabei spannt der Doppelaspekt des Begriffs „unerhört“ im Sinne von einer Nichtbeachtung einerseits und einem Verbot andererseits einen Bogen zum impliziten Interaktionsgeschehen. Mit Freuds Aussage, dass „[j]ede psychoanalytische Behandlung ein Versuch [ist], verdrängte Liebe zu befreien, die in einem Symptom einen kümmerlichen Kompromiss-Ausweg gefunden hat […]“(Freud 1907, 118), wird dieser Zusammenhang auf die körpertherapeutische Beziehung übertragen und betont die Allgegenwärtigkeit von Begehren als Movens der Entwicklung. Im Folgenden werde ich das verdrängte, bisher unerhörte Begehren der Klientin als latentes Motiv der Therapieaufnahme beleuchten und fragen, wie das Leibhaftige - hier: das weiblich Leibhaftige - in die Behandlung aufgenommen und zu einem „Versuch, verdrängte weibliche Potentiale zu befreien“ zurückfinden kann. Der ersehnte Blick Fallvignette Dora Folgender Text stammt aus den Tagebuchaufzeichnungen Doras über eine Therapiesitzung: „Abwechselnd werfe ich mal prüfende, mal sehnsüchtige Blicke auf ihren Körper, ihre Kleidung, ihr Gesicht. Eine Weile Stille. Wollte sie ansehen, ging nicht. Wut, Faust auf die Stuhllehne. Sie ist überrascht, ich erläuterte warum. - ‚Wenn ich es mir nur vorstelle, bin 3 | 2013 105 Der unerhörte Blick im Körper der Frau - Teil 1 ich ganz aufgeregt und habe tierisches Herzklopfen.‘ - Sie forderte mich auf, mal zu phantasieren, nachzuspüren, was passiere, wenn ich sie ansehen würde, was dann in mir abgehe oder so. Ich wollte erst nicht, forderte mich dann auf, weil ich doch wissen wollte, was los ist, will sie doch anschauen können. Ich schloss also meine Augen … weiter sehr aufgeregt und Herzklopfen. Ich möchte Mama sagen! Mama! …Mama! Sie soll nicht fortgehen! Bitte, geh nicht fort! - Weinte ein bisschen, erschüttert, überrascht. Ginge nicht zu weinen, sagte ich. Gefühl, mir schnürt jemand die Kehle zu. Es dauerte, bis ich mich beruhigen konnte. Die Therapeutin meinte: ‚Wollen Sie mal versuchen, mich anzusehen, und ich halte meine Augen geschlossen? Okay? ‘ - ‚Wir können es ja mal versuchen … okay? ‘ - ‚Ja! Okay! ‘, antwortete sie, und ich ging davon aus, dass sie ihre Augen jetzt geschlossen hielt. Dennoch brauchte ich eine Weile, bis ich sie anschauen konnte. Selbst so fiel es mir noch schwer. Sie saß ganz aufrecht da. Mir fiel auf, dass ich sie nicht erotisch wahrnahm wie sonst oft. Es war schön, sie anzugucken. Ich tat dies eine Weile lang. Dann, ganz mutig, wollte ich es doch versuchen und sagte: ‚Machen Sie jetzt Ihre Augen mal auf, bitte! ‘ - Ich schaute sie weiterhin an, sie öffnete ganz langsam ihre Augen und sah mich an. Das war schön, sie bei geschlossenen Augen anzusehen und jetzt zu sehen, wie sie diese langsam, fast zärtlich öffnete und mich ansah. Sie lächelte nicht, schaute einfach ganz normal. Mein Gefühl bei der Betrachtung der Therapeutin kann ich gar nicht beschreiben. Ich hielt es einige Sekunden aus. Dann senkte ich meine Augenlider. Nach einer Weile schaute ich sie wieder an, weiter sehr aufgeregt. Ich schaute ihr wieder richtig in die Augen. Mit geschlossenen Augen sagte ich dann: ‚Wenn ich Ihnen in die Augen sehe, ist das für mich wie … wie Energie! Mir fällt ein, was ich sagte, als Sie aus dem Urlaub wiederkamen: Es ist, wie wenn die Sonne auf eine Blume scheint.‘ - ‚Ehem! ‘ - ‚Es ist wie leben! ‘ - Nach einer Weile von ihr: ‚Das ist doch schön! ‘ - ‚Ja! ‘, kam leise und weich von mir. Ich war so verzaubert und dennoch so aufgeregt. Und es war auch irgendwie anstrengend. Auf meine Frage hin, was das alles wohl bedeute, kam von ihr nur: „Ich denke, wir ahnen langsam, was es bedeutet, was dahinter steht.“- Mehr wollte sie zu all dem nicht sagen. Ich war platt … Immer mal wieder Versuche, sie anzuschauen. Wenn sie lieb schaute, war das noch schwerer. Und das sagte ich noch: ‚Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie schön das für mich ist, in Ihre Augen schauen zu können. Es ist so schön! ‘ - Schweigen. Die Stunde war beendet. Ob ich sie nochmals anschauen wolle, fragte sie. Ich tat es und schloss dann langsam und glücklich meine Augen. Bemerkte dabei, dass ich ganz hell gekleidet war, dachte, das bedeutet Leben, und hatte ganz liebe Gefühle für mich! Als sie draußen war, musste ich sehr, sehr weinen. Endlich ging es! Ich dachte: Ich will leben! Ich will leben! “ Dora nähert sich ihrem Begehren zaghaft an. Dieses kündigt sich durch Veränderungen ihres Tonfalls, Verschiebung des Atemflusses und unerwartete körperliche Bewegungen (ihre Faust auf der Stuhllehne) an, womit in der Regel eine innere Mobilisierung und Annäherung an verdrängte Themenkomplexe angezeigt wird. Ausgehend von der theoretischen und behandlungstechnischen Überzeugung, dass ein selbstreflexiver Dialog zur Erforschung der subjektiven Innen- und Außensicht Fragen und Antworten braucht, z. B. „Ich sehe, dass Sie eine Faust machen und auf die Stuhllehne hauen, aber ich verstehe nicht, wie Sie sich fühlen“, aber auch ein Entgegenkommen der Therapeutin. Um Angstmachendes und Dissonantes zu beschwichtigen, reiche ich Dora „die Hand“, indem ich ihr den Vorschlag mache, sich meinem Blick in kleinen Schritten anzunähern, zunächst die Augen 106 3 | 2013 Helga Krüger-Kirn zu schließen und zu phantasieren, nachzuspüren, was passiert, wenn sie mich ansehen würde. Ziel ist hier, den sich anbahnenden potential space, der nach Winnicotts Konzept des Übergangsraums als intermediärer, schöpferischer Raum zwischen innerer psychischer und äußerer Realität liegt, zu unterstützen (Winnicott 1971). Damit Dora diesen Raum in eine Erfahrung transformieren kann, an der ihr eigenes Begehren beteiligt ist (sich trauen, der Therapeutin in die Augen zu schauen), muss dieser Raum auch von Seiten der Therapeutin mit - wie Winnicott sagt - Besetzungsenergien gefüllt sein (Winnicott 1971). Dies bedeutet, dass die Therapeutin Dora nicht nur mit ihrem Begehren sowie den damit in Verbindung stehenden Ambivalenzen und Konflikten versteht, sondern auf die unbewusst inszenierte Sehnsucht nach einem spiegelnden sinnlichen Blick antwortet. Theoretisch wird hier sowohl an die Ergebnisse der Säuglings-, Bindungs- und Mentalisierungsforschung angeknüpft als auch an den körpertherapeutischen Diskurs zur Körper- und Beziehungsarbeit (Marlock/ Weiss 2006). Grundsätzlich werden in einer Psychosomatik des emotionalen Verstehens (Beland 2003) Übertragung, Gegenübertragung und Regression einschließlich der Abwehrmechanismen nicht nur auf der psychischen und symbolhaften Ebene erforscht, sondern auch in ihrer emotionalen, affektiven und körperlich-vegetativen Gegenwärtigkeit. Denn was nicht symbolisiert ist, kann nicht bzw. nur körperlich sprechen. Körpererleben und Körperausdruck - sowohl der Klientin als auch der Therapeutin - gelten daher als Instrumente des Verstehens und ermöglichen eine Annäherung und Erweiterung der in der Szene verborgenen unbewussten Anteile (Krüger-Kirn 2001). Grundsätzlich kann der tiefere Sinn erst über die an der Interaktion beteiligten Körperbotschaften verstanden und Worte dafür gefunden werden. Im Speziellen bedarf es einer Erweiterung um gendersensible Körper- und Ausdrucksweisen. Auf diese Weise kann sich eine Intersubjektivität entfalten, in der die nonverbale Kommunikation von Doras Begehren als performative Praxis der körpersprachlichen Bewegungen (Faust, Augen schließen, sich in die Augen schauen, nachspüren etc.) einer gemeinsamen Sinnkonstituierung dient. Ausgehend von meiner verkörperten Gegenübertragung (Heisterkamp 1992: körperliches Mitschwingen) folge ich der körpersprachlich angedeuteten Sehnsucht von Dora und versuche, über meinen Blick einen Raum hin zu ihr zu öffnen. Meine Zurückhaltung erlebe ich dabei irritierend und entdecke, dass in der Sehnsucht von Dora auch eine Angst mitschwingt, die mehr von Beschämung denn von Zurückweisung gespeist scheint. Doch welche Wünsche müssen verborgen bleiben? In Anerkennung ihrer Sehnsucht nach einem zugewandten Selbstobjekt und dem therapeutischen Wissen um deren Bedeutung für die weibliche Entwicklung übersetze ich Doras suchenden Blick nach mir gleichzeitig als Begehren nach sich selbst und darum, sich mit ihrem Körper begehrt zu fühlen. Meine verstehende Erwiderung von Doras Sehnsucht verändert auch die leibliche Resonanz zwischen uns und führt zu einem positiven Selbstgefühl von Dora, welches sie als Liebe zu sich selbst übersetzt. Diese Begegnung von Antlitz zu Antlitz zeigte im Rückblick auch eine Wende an hinsichtlich ihrer anfänglichen Abwehr gegenüber diesen Wünschen und einem langsamen / stetem Zulassen ihrer Sehnsucht, ihren Körper und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Was sich in der Szene nur ahnungsweise andeutet, bestätigt Dora viel später, als sie mitteilt, welche Sehnsüchte nach sinnlicher Nähe mit Frauen bei ihr über die Erfahrungen in der Therapie geweckt worden sind. Im weiteren Verlauf erweist sich diese gemeinsam geteilte sinnliche Erfahrung immer wieder als Ausgangspunkt, um damit in Verbindung stehenden Abwehrbewegungen, die von aggres- 3 | 2013 107 Der unerhörte Blick im Körper der Frau - Teil 1 siven Abwehrformationen (vgl. dazu die zu Beginn der Szene beschriebenen prüfend, kritischen Blicke auf meinem Körper) über Unterwürfigkeit bis hin zu Idealisierung und Verliebtheit reichen, zu bearbeiten. Dieser Aspekt wird im zweiten Teil dieses Artikels näher beleuchtet. Obwohl diese Übertragungs-Gegenübertragungsformen sehr bedeutsam sind und von Anfang an eine Rolle spielen, steht zunächst Doras Sehnsucht nach einer grundlegenden Erfahrung des Verstanden-Werdens an erster Stelle. Denn die Sehnsucht nach verstehender Resonanz ist vitaler Bestandteil eines körperlichen und psychischen Entwicklungsprozesses. Derartig gemeinsam geteilte szenische Erfahrungen, die sowohl die körperlich-leiblichen wie auch psychischen Ebenen betreffen, tragen nicht nur zu einer Überwindung der Spaltung zwischen Körper und Selbst bei, sondern ermöglichen eine existentielle Erfahrung des Daseins. Auch auf therapeutischer Seite ist es ein beglückendes Gefühl, Dora mit dieser Deutung und Interaktion zu erreichen, ihr im richtigen Moment, in Kleinianischer Sprache formuliert, die „richtige Brust“ zu geben. Daniel Stern (2005) markiert diese Form des Verstehens aus dem Moment der Begegnung heraus als now moment, welches er als präsentisches Verstehen beschreibt und dem repräsentischen Verstehen gegenüberstellt. Plassmann (1983) spricht daher von einem semiotischen Sprung, wenn zu den Affekten und Körperempfindungen phantasiert werden kann. Bereits an dieser Stelle sei angemerkt, wovon weiter unten noch die Rede sein wird, dass sich diese now moments auf die gesamte Spannbreite affektiver Erfahrungen, also auch aggressive und erotischsinnliche, beziehen. Man kann sagen, dass die Entwicklung im therapeutischen Raum einer Logik folgt, die dem Prozess der (idealtypischen) kindlichen Entwicklung in gewisser Weise ähnlich, aber auch diametral gegenläufig ist. Während in der kindlichen Entwicklung via Spiegelung der affektiven Körpererfahrungen ein psychischer Raum entsteht, führt in der Therapie die Erforschung der psychischen Strukturen respektive der Abwehrmechanismen zu einer körperlichen und psychischen (Re-)Integration. Zunächst ist es naheliegend, sich die dargelegte Szene als eine Mutter-Kind-Situation vorzustellen und die Therapeutin in der Mutterposition zu denken. Diese Übertragungsfigur taucht in der Regel in jeder Behandlung auf und scheint als präödipales Mutter-Tochter-Übertragungsmuster ubiquitär. Doch - wie bei Dora angedeutet - inszeniert sich in diesem Beziehungsmuster neben ihrer Sehnsucht auch eine Angst vor Beschämung. Wie kann diese Angst im Übertragungsprozess verstanden werden? Bleibt Doras Begehren nach dem weiblichen Blick ausschließlich auf den präödipalen Erfahrungsraum bezogen, werden trotz eines konsensfähigen Paradigmas der Intersubjektivität die Erfahrungen im Hier und Jetzt auf ein Da und Dort verschoben und die Klientin und Therapeutin auf bestimmte Übertragungsfiguren festgelegt. Bis heute hat sich im therapeutischen Diskurs das Deutungsmuster der guten Mutter als kollektive Basis einer „weiblich-therapeutischen Verkehrsform“ etabliert und wird mit Stillmetaphern oder Containment theoretisiert. Hier deutet sich die Wirkmächtigkeit kollektiver Tabuisierungen an, die zu einer Trennung der Gleichzeitigkeit von haltender und erregender Mutter führt. Nur so lässt sich erklären, dass eine vertiefte und differenzierende Erforschung dieses weiblichen Begegnungsraumes in haltende und erotisch-sinnliche Begehrensweisen bis heute kaum erfolgen kann und eine Differenzierung und Verschränkung von erregender und versorgender, beruhigender Mutter, wie sie Winnicott in seiner theoretischen Unterscheidung von Objekt-Mutter und Umwelt-Mutter (Winnicott 1984) vorgelegt hat, nicht erfolgt. Damit realisiert sich ein kollektiv wirksames „Homosexualitätstabu“, demzufolge die (homo-)erotischen Erfahrun- 108 3 | 2013 Helga Krüger-Kirn gen und Übertragungen fälschlicherweise sowohl klinisch wie auch gesellschaftlich bis heute missdeutet werden und einer produktiven weiblichen Entwicklung im Wege stehen (Krüger-Kirn 2013). Der unerhörte Blick und die Angst vor weiblicher Homoerotik Um im therapeutischen Raum das Begehren in all seinen Ausgestaltungen und verschiedenen Entwicklungsstufen zulassen und explorieren zu können, muss in der therapeutischen Übertragungsfigur die konflikthafte Gleichzeitigkeit von erwachsenem Frauenkörper und kindlich-regressiven Bedürfnissen repräsentiert sein. Erst dann kann Doras Begehren nach selbst bestimmter Weiblichkeit „erhört“ werden. Ein erster Schritt hierzu ist, dass sich die Therapeutin nicht außerhalb der kollektiven Tabuisierung weiblicher Körperlichkeit und „Homosexualität“ stellt, sondern den vielfältigen Wirkungen selbstreflexiv begegnet. So schreibt Mitscherlich: „Wo immer man nicht weiter zu fragen wagt, oder nicht einmal auf den Gedanken kommt, es zu tun, hat man es mit einem Tabu zu tun. Die Gefühle, mit denen man ihm begegnet, können gar nicht anders als zwiespältig sein.“ (Mitscherlich 1975, 111) Wie bereits angedeutet, hat Scham einen bedeutenden Einfluss darauf, ob bestimmte Formen von Begehren, besonders jene erotischen Formen von Begehren, die sich aus der Lust des Entdeckens und Erkennens als Interesse am Anderen konstituieren, verstanden werden oder zu einem Rückzug und einer Verwerfung von Neugier führen. Erst dann kann in der Therapie eine Differenzierung der Arbeit in oder an der Übertragung erfolgen und ein Bezug zum Begehren als Movens für Entwicklung gefunden werden. Der Körper der Mutter als Matrix für die weibliche Entwicklung Diese beschriebene, bisher verfehlte Anerkennung und Symbolisierung des weiblichen Begehrens hebt den Blick der Mutter auf den Körper der Tochter in besonderer Weise hervor. Denn im Rahmen der geschlechtlichen körperlichen Aneignung führt in erster Linie nicht die körperlich-geschlechtliche Differenz (männlich-weiblich) zu einer Abwertung von Weiblichkeit, sondern deren mangelnde Anerkennung und Repräsentanz im gesellschaftlichen Raum. Muss die „homosexuelle“ Sehnsucht der Tochter nach dem Blick und Körper der Mutter „unerhört“ bleiben, stellt dies in Folge nicht nur eine psychische Kränkung dar, sondern auch eine wichtige Einschränkung in der Autonomieentwicklung des Mädchens / der Frau (Poluda-Korte 1999). Die Zurückweisung durch die Mutter ist deshalb so bedeutsam, da sie das Körperselbst des Mädchens betrifft: Sie wird als eine ganzkörperliche, narzisstische Zurückweisung erlebt, die folglich zu einer narzisstischen Wunde führt, welche sich entsprechend der kindlichen Phantasie wiederum als körperliche Wunde, in Unvollständigkeit oder Beschädigung konkretisiert (Mertens 1992). Die heutigen Kenntnisse weisen nach, wie sehr sich die Tochter mit den mütterlichen Bewertungen sowie dem Schamgefühl bzgl. ihrer Weiblichkeit identifiziert. Doch die Anerkennung des töchterlichen Begehrens durch die Mutter kann nur gelingen, wenn sie selbst über ein körperlich verankertes, weibliches Selbstbewusstsein verfügt. Diese Entwicklung hat zwar in der frühen Kindheit und in der präödipalen Phase seine Wurzeln, ist damit aber nicht beendet. Auf all die Einschränkungen und soziokulturellen Einflüsse, die einer positiven Besetzung des weiblichen sexuellen Körpers im Wege stehen, kann hier nicht eingegangen werden. Doch ist eindeutig, dass hier patriarchale und soziale Faktoren eine zentrale Rolle spielen und sich 3 | 2013 109 Der unerhörte Blick im Körper der Frau - Teil 1 nicht nur auf die Mutter-Kind-Beziehung und die Mütterlichkeit auswirken, sondern unsere Vorstellungen einer „guten Therapeutin“. Die Verzahnung von gesellschaftlichem und wissenschaftlichem Geschlechterdiskurs wird besonders in den Entwicklungstheorien augenfällig, in denen der weibliche Körper bis heute eine markante Leerstelle aufweist. In den bisherigen Auslassungen im Gesamtbild von Weiblichkeit spielen Ideologisierungen und Mythologisierungen eine Rolle, die vor allem das gesellschaftliche Verbot der sexuellen Vereinbarkeit von Mutter und sexuell aktiver Frau fixiert und zu einer Abwehr und Tabuisierung der erotisch-libidinösen Beziehung zwischen Mutter und Tochter beiträgt. Entsprechend bleiben auch die für die Adoleszenz bedeutsamen Entwicklungsaufgaben der Aneignung des geschlechtsreifen und fruchtbaren Körpers und der Bezug zu den prokreativen Fähigkeiten bis heute unterbelichtet (King 2006). Infolgedessen werden die körperlichen Erregungsmöglichkeiten der Frau im Zusammenhang mit dem Mutterkörper (Brust und weiblich-erogene Zonen) sowohl in der Mutter-Tochter-Beziehung als auch in der Theoriebildung über weibliche Körperlichkeit und Sexualität vernachlässigt. Eine wesentliche Funktion offener und verborgener Rituale scheint bis heute darin zu bestehen, Frauenkörperlichkeit und Sexualität nicht als Quelle von Potenz und Kraft zugänglich werden zu lassen (Krüger-Kirn 2010). Dämonisierung der Sinnlichkeit Gleichwohl auf der konzeptionellen Ebene die Übertragungsliebe und die Bedeutung nonverbaler Interaktionsmuster für die subjektive Entwicklung und das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen als zentrales Agens der Behandlung gilt, trägt gerade die Angst vor Sexualisierung zu einer Abwehr des libidinösen Interesses am Anderen und einer Tabuisierung von Körperlichkeit bei. Vor allem das Homosexualitätstabu führt in der weiblichen Beziehungsdynamik zu einer normativen Einengung des sinnlichen Begehrens und Verwerfung des libidinös-sinnlichen Begehrens. Infolgedessen wird auch die Körperpsychotherapie zunehmend körperloser und verhindert, dass die profunden Erkenntnisse der Säuglings-und Mentalisierungsforschung Eingang in die therapeutische Praxis finden. Demgegenüber - so wurde gezeigt - erweist sich gerade die Analyse der körperlichen Übertragung-Gegenübertragung als „Königsweg“, um die rätselhaften Botschaften (Laplanche 2006) des verkörperten Unbewussten zu entschlüsseln. Auf diese Weise öffnet sich ein Raum, in dem unbewusste Bedeutungszusammenhänge spürbar, sichtbar und aus der bisher „unerhörten“ Abwehr befreit werden können. In meiner Lesart müssen diese Erkenntnisse in eine Technikdebatte übersetzt werden, in der auch über gemeinsame Verwicklungen nachgedacht und aus der subjektiven Selbstanalyse heraus eine kritische Reflexion der kollektiven Abwehr der Homosexualität erfolgen kann. In der nächsten Ausgabe: Der unerhörte Blick im Körper der Frau - Teil 2: Überlegungen zur Interaktion und Abwehrformen mit dem weiblichen Körper Literatur Beland, H. (2003): Zur Psychosomatik des emotionalen Verstehens. Frankfurter Rundschau vom 4.11.2003 Butler, J. (2009): Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Suhrkamp, Frankfurt / M. 110 3 | 2013 Helga Krüger-Kirn Die Autorin Helga Krüger-Kirn Diplompsychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Psychoanalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Lehranalytikerin (DGPT), Dozentin für Paar- und Familientherapie, Körperpsychotherapie. Lehrbeauftragte der Philipps-Universität Marburg. Forschungsschwerpunkte: Genderkritischer weiblicher Körper- und Identitätsdiskurs, Mutterschaft. ✉ Helga Krüger-Kirn Wilhelmstr. 42 | D-35037 Marburg Freud, S. (1907): Der Wahn und die Träume in W. Jensens „Gradiva“.Gesammelte Werke VII, 29-125. Fischer, Frankfurt / M. Heisterkamp, G. (1993): Heilsame Berührungen. Pfeiffer, München King, V. (2006): Adoleszenz und Depression - intergenerationale Dynamiken. Kinderanalyse 14 (3), 213-243 Krüger-Kirn, H. (2013): Zum Verhältnis von Körperinszenierungen und weiblicher Körperlichkeit. In: Thielen, M. (Hrsg.): Körper - Gruppe - Gesellschaft. Psychosozial, Gießen (in Druck) Krüger-Kirn, H. (2010): Weiblichkeit zwischen Körper und Leib: Zur Bedeutung des Mutterkörpers in der weiblichen Identitätsentwicklung. In: Abraham, A., Müller, B. (Hrsg.): Körperhandeln und Körpererleben. Multidisziplinäre Perspektiven auf ein brisantes Feld. transcript, Bielefeld, 333-350 Krüger-Kirn, H. (2001): Zur körperlichen Dimension in der analytischen Paartherapie. In: Geissler, P. (Hrsg.): Über den Körper zur Sexualität finden. Psychosozial, Gießen, 245-267 Laplanche, J. (2004): Die rätselhaften Botschaften des anderen. Psyche 58 (9 / 10), 898-913 Marlock, G., Weiss, H. (Hrsg.) (2006): Handbuch der Körperpsychotherapie. Schattauer, Stuttgart McRobbie, A. (2010): Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. VS Verlag, Wiesbaden Mertens, W. (1992): Entwicklung der Psychosexualität und der Geschlechtsidentität. Bd. 1: Geburt bis 4. Lebensjahr. Kohlhammer, Berlin Mitscherlich, M. (1975): Die friedfertige Frau. Fischer, Frankfurt a. M. Plassmann, R. (1993): Organwelten. Grundriss einer analytischen Körperpsychologie. Psyche 47(3), 261-281 Poluda-Korte, E. (1999): Die psychosexuelle Entwicklung der Geschlechter im Vergleich. Forum der Psychoanalyse 15, 101-115 Reich, W. (1933): Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für Studierende und praktizierende Analytiker. Eigenverlag des Verfassers, Wien u. a. Stern, D. N. (2005): Das Gegenwartsmoment. Veränderungsprozesse in Psychoanalyse, Psychotherapie und Alltag. Brandes & Apsel, Frankfurt / M. Winnicott, D. W. (1971): Vom Spiel zur Kreativität. Klett- Cotta, Stuttgart Winnicott, D. W. (1963): Die Entwicklung der Fähigkeit zur Besorgnis (Concern). In: Ders. (Hrsg.): Reifungsprozesse und fördernde Umwelt. Fischer, Frankfurt / M., 93-105