körper tanz bewegung
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2195-4909
Ernst Reinhardt Verlag, GmbH & Co. KG München
10.2378/ktb2014.art02d
9_002_2014_1/9_002_2014_1.pdf11
2014
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Enaktive Tanztherapie
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2014
Sabine C. Koch
Diana Fischman
Dieser Artikel konzeptualisiert Tanz- und Bewegungstherapie als eine enaktive Form von Psychotherapie. Dem enaktiven Ansatz folgend (von ‚en-act‘: verkörpert und systemtheoretisch basiert) sind Individuen lebendige, organismische Systeme. Prinzipien lebendiger Systeme sind Plastizität im Denken und Handeln (z. B. flexible Anpassungen an andere lebendige Systeme), das Streben nach Balance (Homöostase), Embodiment, Synchronisation und Autonomie. Enaktion und Embodiment betonen die Rolle von Bewegung und sensomotorischen Erfahrungen bei der Ausbildung von Konzepten und abstraktem Denken. Dieser Artikel bietet einen neuen theoretischen Rahmen für die professionelle Praxis der Tanz- und Bewegungstherapie inspiriert durch die interdisziplinären Embodiment- und Enaktivismus-Ansätze aus den Kognitionswissenschaften und der Phänomenologie. Die Autorinnen schlagen vor, dass Tanztherapie, Enaktivismus- und Embodiment-Ansätze sich gegenseitig bereichern und zu einer neuen theoretischen Fundierung des Feldes der Körperpsychotherapien beitragen.
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3 körper - tanz - bewegung 2. Jg., S. 3-11 (2014) DOI 10.2378 / ktb2014.art02d © Ernst Reinhardt Verlag Fachbeitrag Enaktive Tanztherapie Systemtheoretische Ansätze in den Bewegungstherapien 1 Sabine C. Koch, Diana Fischman Dieser Artikel konzeptualisiert Tanz- und Bewegungstherapie als eine enaktive Form von Psychotherapie. Dem enaktiven Ansatz folgend (von „en-act“: verkörpert und systemtheoretisch basiert) sind Individuen lebendige, organismische Systeme. Prinzipien lebendiger Systeme sind Plastizität im Denken und Handeln (z. B. flexible Anpassungen an andere lebendige Systeme), das Streben nach Balance (Homöostase), Embodiment, Synchronisation und Autonomie. Enaktion und Embodiment betonen die Rolle von Bewegung und sensomotorischen Erfahrungen bei der Ausbildung von Konzepten und abstraktem Denken. Dieser Artikel bietet einen neuen theoretischen Rahmen für die professionelle Praxis der Tanz- und Bewegungstherapie inspiriert durch die interdisziplinären Embodiment- und Enaktivismus-Ansätze aus den Kognitionswissenschaften und der Phänomenologie. Die Autorinnen schlagen vor, dass Tanztherapie, Enaktivismus- und Embodiment-Ansätze sich gegenseitig bereichern und zu einer neuen theoretischen Fundierung des Feldes der Körperpsychotherapien beitragen. Schlüsselbegriffe Enaktion, Embodiment, (Neuro-)Phänomenologie, lebendiger Leib, Tanz- und Bewegungstherapie Enactive dance / movement therapy This article proposes that dance / movement therapy (DMT) can be conceptualized as an enactive form of psychotherapy. According to the enactive approach (with roots in dynamic systems theory and neurophenomenology) individuals are living organic systems. Principles of living systems are plasticity in thinking and action (flexible adaptations), striving for balance (homeostasis), embodiment, synchronization and autonomy. Enaction and embodiment emphasize the role of body motion and sensorimotor experience for the formation of concepts and abstract thinking. This article offers a theoretical framework, and a fresh perspective on professional practice in dance / movement therapy-- as influenced by interdisciplinary embodiment and enactive approaches from cognitive sciences and phenomenology. The authors propose that DMT, enaction and embodiment can mutually enrich one another forming a new theoretical base for body psychotherapies. Key words enaction, embodiment, phenomenology, living body, dance movement therapy 1 Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag von Sabine C. Koch und Diana Fischman zur Eröffnung des Masterprogramms für Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Unser Dank geht an Sophie Handel, die den Vortrag aus dem Englischen übersetzt hat. 4 1 | 2014 Koch, Fischman E naktive Tanztherapie als relativ neue wissenschaftliche Perspektive geht auf die Arbeiten von Varela, Flores und Maturana in den 1980er Jahren zurück und stellt einen theoretischen Rahmen zum besseren Verständnis der Tanz- und Bewegungstherapie dar. Im Folgenden wollen wir diesen interessanten Ansatz vorstellen. Tanz- und Bewegungstherapie entwickelt sich kontinuierlich, seit einzelne „Pionierinnen“ in den 1940er Jahren begannen, mit Gruppen und Einzelpersonen zu arbeiten. Der gemeinschaftliche, mitreißende Charakter, den Tanz und Rituale seit der Entstehung menschlicher Gruppen innehaben, wurde dabei bewahrt. Von Beginn an standen die Geist-Körper-Beziehung, zwischenmenschliche Beziehungen und die Verbindung des Menschen zur Umwelt im Fokus dieser Form der Psychotherapie. Bewegung und Tanz werden als Mittel der Verbundenheit und Kommunikation eingesetzt, um die Gesundheit einer Einzelperson, Gruppe und der Gemeinschaft zu stärken. Der enaktive Ansatz (Varela et al. 1991) zeigt eine auffällige Übereinstimmung mit Basisprinzipien der Tanz- und Bewegungstherapie. Diese beruhen auf einer phänomenologischen Konzeption des lebendigen Körpers, dessen wesentlicher Bedeutung und eines organismischen statt mechanistischen Verständnisses vom Menschen. Wir nennen diesen theoretischen Rahmen einen enaktiven Ansatz (von „en-act“: verkörpert und systemtheoretisch verankert), der in Übereinstimmung mit zwei wissenschaftlichen Traditionen die Bedeutung des Körpers und der Bewegung für Kognition, Emotion und (Inter-)Aktion hervorhebt. Der enaktive Ansatz ist auf die biologischen und systemtheoretischen Theorien von Maturana und Varela (1987, 1991) zurückzuführen. Der Embodiment-Ansatz baut auf einem kognitionswissenschaftlichen Hintergrund auf (Gibbs 2005; Niedenthal 2007). Beide Ansätze gehen über eine rein konstruktivistische Sichtweise hinaus und verwenden eine phänomenologische Wissensbasis sowie integrative neurowissenschaftliche Erkenntnisse. Der Embodiment-Ansatz misst dem individuellen Aspekt des Leib-Seins mehr Bedeutung bei, wohingegen der enaktive Ansatz die organismische Seite, die Interaktion und die umgebungsbedingten Aspekte des Leib-Seins betont (Kyselo 2013), Elemente, die vom kognitiven Paradigma nicht wirklich beachtet wurden. Enaktion und Tanz- und Bewegungstherapie Die Tanz- und Bewegungstherapie konzentriert sich auf Bewegung als nonverbalen Ausdruck, Interaktion und Kommunikation. Sie ist direkt mit der menschlichen Expression verbunden und unterstützt das Verständnis unseres Verhaltens auf der nonverbalen Ebene. Bewegung, Haltung, Gestik und Verhalten sind die ersten Ausdrucksmöglichkeiten des Individuums und begleiten uns unser ganzes Leben lang. Enaktion, vom englischen Verb „to enact“ (= in Aktion setzen, aufführen, handeln), stellt den Menschen als agierendes Wesen und lebendiges System ins Zentrum und beschäftigt sich mit der Rolle seines Verhaltens in der Welt. Individuen lernen die Welt durch ihr eigenes Verhalten in ihr kennen, entwickeln sich selbst und gleichzeitig die Welt, die wiederum das Individuum formt (Fischman 2009). Enaktion bedeutet in diesem Sinne Co-determination (gemeinsame Bestimmung) und Interbeing (Zwischenleiblichkeit). Enaktive Erkenntnis ergibt sich aus der dynamischen Interaktion des Selbst und der anderen, wodurch sie die Summe der individuellen Teile transzendiert. Die Entwicklung und Erkenntnis des Selbst ist an die spezifischen Körper- und Umweltgegebenheiten gebunden (body-environment coupling, siehe Abb. 1; Thelen / Smith 1994). Die Enaktive Tanztherapie 1 | 2014 5 Welt und unsere Verkörperung in ihr wird fortwährend von allen Lebewesen neu entwickelt. Der Begriff Autopoiesis, eingeführt vom Biologen Humberto Maturana, definiert die Natur von lebenden Systemen als autonom und operationell geschlossen (Maturana / Varela 1987). Dies bedeutet, dass die Prozesse innerhalb des Systems ihre Ganzheit behalten, zur gleichen Zeit jedoch strukturell mit ihrer Umgebung verbunden sind, eingebettet in eine Dynamik von Veränderungen, welche sensorymotor coupling (sensomotorische Verknüpfung) genannt werden. Diese Dynamik ist stetig und gilt als der Modus, in dem lebende Systeme arbeiten, um die Welt zu entdecken und sie zu konstruieren. Maturana und Varela (1987, 1991) bezeichneten diese Idee als zirkuläre Kausalität- - unabhängig davon, was zuerst da war, „Huhn“ oder „Ei“. Sie legen dar, dass lebende Systeme ihr Leben zur gleichen Zeit erschaffen, zu der sie eine präexistente Welt begreifen und anerkennen. Laban (1980) hält, genauso wie Bartenieff und Lewis (1980), fest, dass Bewegungen und ihre Qualitäten oder effort dynamics (Antriebsdynamik), die sich bei verschiedenen Tierarten, inklusive dem Menschen, entwickelt haben, Körperstrukturen formen, die gleichzeitig ein Handlungsrepertoire einschränken. Sinngemäß bestimmt die Körperstruktur die artspezifischen Bewegungsgewohnheiten. Über die Jahrtausende passte sich der menschliche Körper an die Gegebenheiten, Gewohnheiten und Anstrengungen seiner Umwelt an. Nach Maturana und Varela (1987, 1991) ist deshalb die subjektive Erfahrung unlösbar an die eigene Struktur gebunden. Menschen sind Erkenntnis suchende, Sinn suchende Wesen. Vom Moment der Geburt an erleben wir durch unsere Sinne und geben Sinn, und dadurch erschaffen wir die Welten, in denen wir leben. Enaktion umfasst eine erkenntnistheoretische Komplexität, die Wissen als konstruktive organische Erfahrung versteht: In einem einzigen Moment wird etwas wahrgenommen, erschaffen oder verändert. Diese Perspektive beinhaltet Handlung, Wahrnehmung, Emotion und Kognition. In der Tanz- und Bewegungstherapie werden Bewegungsmuster durch Enaktion auf eine bewusste Ebene gebracht und bieten somit Gelegenheit zur Erweiterung und Wachstum durch neue „intersubjektive Erfahrungen“. Embodiment und Tanz- und Bewegungstherapie Embodiment nimmt an, dass Kognition und Affekt in sensomotorischen Prozessen begründet sind. Wissen und Gedächtnis beinhalten immer sensomotorische Simulationen. Sie sind nicht bloß abstrakte amodale Repräsentationen (Barsalou 1999; Niedenthal 2007). Basierend auf der phänomenologischen Tradition von Merleau-Ponty (1965) und auf Abb. 1: Der menschliche Gang ist abgestimmt auf die Umgebung. Kleinkinder können z. B. ohne Probleme lernen, auf einer schiefen Ebene zu gehen. Diese Adaption folgt dynamischen Prinzipien. 6 1 | 2014 Koch, Fischman neurowissenschaftlichen Erkenntnissen weisen uns Embodiment-Ansätze auf die grundlegenden organismischen Prozesse und die hohe Plastizität des lebendigen Leibes hin. Embodiment-Ansätze haben die Computermetapher des kognitiven Paradigmas durch ein organismisches Verständnis des menschlichen Geistes ersetzt. Im Rahmen dieses Paradigmenwechsel wird die Annahme vertreten, dass Embodiment als vereinigende Perspektive für die Psychologie dienen kann. Embodiment-Untersuchungen haben gezeigt, dass körperliche Verbindungen ständig zwischen Menschen auftreten und adaptiert werden. Deutlich wird außerdem, wie der Körper das Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Eher auf kognitionswissenschaftlicher als auf enaktiver Grundlage formulierten Semin und Cacioppo (2008) ein sozialkognitives Modell, das über die traditionelle, auf das Individuum fokussierte Analyse hinausgeht. Diesem Modell nach besteht die Grundlage der Sozialpsychologie in neurophysiologischen Prozessen, die Gehirn und Körper umfassen und sich in der Ko-Regulation des Verhaltens manifestieren. Semin und Cacioppo haben damit für die mit sozialer Interaktion verbundenen Prozesse einen theoretischen Rahmen eingeführt, der die Prinzipien der Synchronisation, der Akkomodation und der Koordination umfasst. Tanz- und Bewegungstherapie wurde als Heilverfahren entwickelt, in dem Bewegung und Tanz Medium sind, um Kommunikation zu ermöglichen, Blockaden festzustellen und auf nonverbaler und verbaler Ebene zu intervenieren. Die bedeutenden Verbindungen zwischen Motivation, Bewegung und Emotion haben Tänzer, Tanzlehrer und Physiologen durch Intuition und eigene Erfahrungen entdeckt. Wie genau ist das passiert? Die Antwort darauf ist: Durch das Erleben. Pioniere des Felds beschrieben die Rolle von Tanz in ihrem Leben, seine heilungsfördernde Wirkung- - eine Art Steigerung des Wohlbefindens und der Selbsterkenntnis-- und untersuchten diese Aspekte ebenfalls in Bezug auf verschiedene Populationen. Einige der Basisannahmen der Tanz- und Bewegungstherapie lauten wie folgt: (a) Tanz ist Kommunikation, (b) Körper und Geist beeinflussen sich wechselseitig, (c) Emotion wird durch Bewegung ausgedrückt, (d) Kunst und ästhetischer Ausdruck sind Gesundheitsressourcen, (e) die therapeutische Beziehung wird durch Spiegeln, Attunement und kinästhetische Empathie getragen, und (f ) Bewegung ist paradoxerweise vorsymbolisch und gleichzeitig bedeutungsvoll (Koch / Fischman 2011). Auf diesen Prinzipien aufbauend können Klienten durch Bewegung Sinnhaftigkeit, Beziehung und Gesundheit entwickeln. Nach der Embodiment-Theorie entsteht menschlicher Sinn oder Bedeutung durch unsere organischen, sensomotorischen und emotionalen Transaktionen mit der Welt. Varela et al. (1991) vertreten die Überzeugung, dass körperlich-gefühlte Bewegung die präzise Erkundung unserer Umgebung entsprechend unserer spezifischen Verkörperung ermöglicht. Bedeutung entsteht auf einer unbewussten, präverbalen Ebene, verbunden mit dem perzeptuellen Erkennen anderer Menschen und intersubjektiver Interaktion. Ko-Determination ist mit der Wahrnehmung von Affekt und Emotion als kognitive Zustände verbunden. Der Phänomenologe und Metaphernforscher Mark Johnson (2007) schlägt vor, in diesem Zusammenhang gefühlte Qualitäten, Bilder, Gefühle und Emotionen zu betrachten, da diese die Grundlage für die abstrakteren Strukturen der Sinngebung darstellen: “It is our organic flesh and blood, our structural bones, the ancient rhythm of our internal organs, and the pulsing flow of our emotions that give us whatever meaning we can find and that shape our very thinking.” (S. 3) Johnson (2007) fasst die grundlegenden Annahmen körperbasierter Bedeutung folgendermaßen zusammen: (a) Es gibt keine absolute Trennung zwischen Körper und Geist, (b) Enaktive Tanztherapie 1 | 2014 7 Sinnhaftigkeit basiert auf körperlichem Erleben, (c) Vernunft ist ein verkörperter Prozess, (d) die Vorstellung ist an körperliche Prozesse gebunden und kann eine kreative und transformative Erfahrung sein, (e) es gibt keine absolute Freiheit, (f ) Vernunft und Emotion sind unauflöslich miteinander verflochten, und (g) menschliche Spiritualität ist verkörpert (embodied). Diese Annahmen spiegeln auch grundlegende Prinzipien der Tanz- und Bewegungstherapie wider. Der Vorteil daran ist, dass diese nun in wissenschaftlicher Forschung verankert sind und durch Theorien interdisziplinär aus Bereichen wie Biologie, Kognitionspsychologie, kognitive Linguistik, phänomenologische Philosophie und Neurowissenschaften ergänzt werden. Auf diese Weise wird der embodied enaktive Ansatz eine wissenschaftliche, philosophische, ästhetische und potentiell spirituelle Perspektive mit innerer Kohärenz. Auf der interpersonalen Ebene bedeutet eine embodied enaktive Perspektive für das Realitätsverständnis Folgendes: Realität ist eine Erfahrung, in der Bedeutung im gleichen Moment geschaffen wird, in dem sie wahrgenommen und entsprechend gehandelt wird. Realität ist verbunden mit Zusammentreffen, Schnittstellen, Begegnungen und Loslösungen. Statt der Objektivierung des Selbst enthüllt diese Perspektive die Einzigartigkeit des lebendigen Menschen. Sie versteht Bewusstsein als eine Art des Seins statt eines mentalen Zustandes. Sinn-Gebung De Jaegher und Di Paolo (2007) vertreten folgende Überzeugung: “Reaffirming the implications of autonomy, sense-making is an inherently active concept. (…) Sense-making is a relational and affect-laden process grounded in biological organization.” (S. 488) Nach der embodied enaktiven Perspektive erfolgt die Konstruktion von Sinn und Bedeutung einem Konsens nach, und Realität ist etwas, das wir durch Übereinkunft und geteilte Werte schaffen. Über Prozesse wie Spiegeln, Verhaltensansteckung und Differenzierung konstruieren Menschen sich ihre Welt entsprechend ihrer Körperstruktur in Verbindung mit der Umgebung. Aufgrund dieser Prozesse kann Empathie-- als Verständnis des gefühlten Erlebens anderer Menschen-- entstehen. Kognition als verkörperte Aktion Im enaktiven Ansatz ist Kognition verkörperte Aktion (cognition as embodied action). Varela et al. (1991) führen dies folgendermaßen aus: “We explicitly call into question the assumption- - prevalent throughout cognitive science-- that cognition consists of the representation of a world that is independent of our perceptual and cognitive capacities by a cognitive system that exists independently of the world. We outline instead a view of cognition as embodied action.” (S. XX) Authentische Bewegung und Improvisationsmethoden wecken freie Assoziationen in der Bewegung, welche die Klienten zu Bildern, Metaphern und Verbalisierungen führen, die wiederum den therapeutischen Prozess unterstützen. Dyadische Improvisation führt Spiegeln, Wechselseitigkeit, Attunement und Kollisionen ein. Themen wie Führen und Folgen, Nähe und Distanz, Kraft und Schwäche, Annäherung und Vermeidung sowie unterschiedliche Ausprägungen von Spannung und Intensität entstehen. Angeleitete Gruppenimprovisationen lassen Gruppenthemen und -dynamiken entstehen, die im therapeutischen Kontext aufgegriffen und bearbeitet werden können. In Bewegung erleben wir, was Husserl (1958) kinästhetische Bewusstheit nennt- - dadurch entdecken wir (wieder), wie es ist, „unseren Körper kennen zu lernen, indem wir unser Körper sind“. Auf diese Weise kann erlebt werden, was in unserer präreflektiven, präverbalen Zeit wichtig war, in der wir zu unserem bewussten Wissen keinen Zugang 8 1 | 2014 Koch, Fischman haben. Diese präverbalen Erfahrungen laufen über den felt sense (Gendlin 1998) und die Methode der urteilsfreien Einstellung. Buddhisten nennen diese Methode reine Aufmerksamkeit, Phänomenologen Epoché. Sie umfasst das Bracketing, eine Art der Beobachtung und Beschreibung mit einer urteilsfreien Einstellung gegenüber dem Erleben. Bezug zu klinischen Konzepten Der Zusammenhang von Tanz- und Bewegungstherapie und Enaktivismus besteht hauptsächlich im Bezug auf die Integration von Körper und Geist durch Bewegung und Bedeutung als Aspekt der Realitätskonstruktion. Tanz- und Bewegungstherapie gibt seit ihrer Entstehung Aufschluss über intersubjektive, sensomotorische, emotionale Kognition sowie ihre verschiedenen Ausdrucks- und Entstehungsarten. Ihr Fokus liegt auf der Basis von Sinn und Bedeutung, die durch geteilte intersubjektive Erfahrung entstehen, und macht uns so zu lebendigen, empfindsamen und kreativen Wesen, wie im von Varela et al. beschriebenen Enaktivismus. Therapie bedeutet die Behandlung von Krankheiten oder Störungen durch rehabilitierende oder kurative Prozesse. Ein Trauma beispielsweise ist ein Schock oder eine Verwundung des Körpers durch plötzliche physische Verletzungen, Gewalt, einen Unfall oder ein Erlebnis, das eine psychologische Verletzung oder Schmerz verursacht. Therapie arbeitet mit Neubewertungen des Erlebens, um die Fähigkeit zur Lebensfreude wiederherzustellen, indem Hindernisse der freien Selbstentfaltung und der Beziehungsbildung zwischen dem Selbst und anderen beseitigt werden. Tanz- und Bewegungstherapie konzentriert sich dabei auf die Wahrnehmung von Bewegung und darauf, wie Bewegung sinnhaft wird. Der Tanz- und Bewegungstherapeut ist durch Empathie Teil eines intersubjektiven Erlebens, das im Körper verwurzelt ist und nach Verständnis strebt. Als therapeutischer Ansatz hat die Tanz- und Bewegungstherapie ihre Wurzeln in den sogenannten „Image-Schemata“ wie sie Johnson (1987) beschreibt. Nach Lakoff und Johnson (1980, 1999) sind Konzepte und Sprache über Metaphern, die durch sensomotorisches Erleben entstehen, im Körpererleben verwurzelt (z. B. die Container-Metapher des Umschließens oder die Balance-Metapher des Gleichgewicht-Haltens). Der therapeutische Prozess impliziert die erneute Beschäftigung mit der Bedeutung von Erfahrungen, die bestimmte schmerzhafte oder schädigende Verhaltensweisen auslösen. Bei der Exploration der Körperbewegung werden Wahrnehmung und Sinngebung neu zusammengeführt. Auf diese Weise fördert die therapeutische Beziehung die Entstehung neuer Verhaltensweisen. Neue Bedeutung, Sinn und eine andere Art zu sein entstehen (Lyons-Ruth 1999). Duale Konzepte wie Analyse-Synthese, Anabolismus-Katabolismus, Wissenschaft-Kunst, Emotion-Vernunft, abstrakt-konkret, Körper- Geist sind gegensätzliche Dimensionen des menschlichen Erlebens, die nach Ergänzung streben. Sympathie-Antipathie, Annäherung- Rückzug, Wachsen-Schrumpfen, Öffnen-Schließen, sind grundlegende Bewegungskonzepte, die das elementare hedonische Erleben ausdrücken, aus dem Bedeutung und Sinn entstehen. Stark traumatisierte Patienten haben Schwierigkeiten mit solchen Integrationen, weil das, was sie erlebt haben, als extreme Desorganisation des organismischen Systems empfunden wurde. Sie sind oft unfähig, diese Erlebnisse zu verarbeiten. Harmonie und Konfusion können als notwendige Polaritäten angesehen werden, die das menschliche Erleben durchdringen. Enaktive Tanztherapie 1 | 2014 9 Was trägt die Perspektive des enaktiven Ansatzes zur Tanz- und Bewegungstherapie bei? Die psychotherapeutischen Aspekte der Tanz- und Bewegungstherapie beziehen sich auf die Förderung der Entfaltung des individuellen Beziehungsstils jedes Patienten. Durch urteils- und kritikfreies gemeinsames Erleben mit dem Patienten, durch Spiegeln, Attunement und Selbstentdeckung in Bewegung begreifen Therapeut und Klient und können gegenwärtiges mit vergangenem Erleben verknüpfen. Methodisch erlaubt die enaktive Perspektive, Beobachtungseinheiten auf subindividueller, individueller, intersubjektiver oder umgebungsbezogener Ebene zu erfassen und dabei den Beobachter immer als intrinsischen Teil des beobachteten Systems mit einzuschließen. Das hat weit reichende Implikationen, wie z. B. die Sichtweise, dass es keine „objektive Wirklichkeit“ gibt. Die Wissenschaft kann folglich nur kontextgebundene gemeinschaftliche Übereinkünfte darüber treffen, was als Realität aufgefasst wird. Dualismus und Monismus sind zwei Arten der Wahrnehmung. Analyse und Synthese sind zwei notwendige Arten der Organisation und Kategorisierung von Erleben. Keines dieser Konzepte funktioniert ohne das andere; sie beeinflussen und bestimmen sich wechselseitig. Der enaktive Ansatz ist eine ressourcenorientierte und befähigende Perspektive, weil sie den Menschen die Macht und die Verantwortung zurückgibt, durch Handeln zu sein. Der Bewegung bewusst zu sein erlaubt uns, an der Stärkung unserer Ressourcen für individuelles und gemeinschaftliches Wohlbefinden zu arbeiten. Unsicherheit, Existenzangst, Versuchung und Terror können dennoch nicht vermieden werden. Wir sind begrenzte, sterbliche Wesen, auch wenn wir in der Lage sind, das Leben anzureichern und verschiedene Überlebensmöglichkeiten zu schaffen. Zusammenfassung Es bleibt noch viel zu Embodiment, Enaktivismus und Tanz- und Bewegungstherapie zu sagen. Weitere Forschung zur sozialen Dimension enaktiver Prozesse, zu ihrer Entwicklung in der Interaktion mit engen Bezugspersonen in der frühen Kindheit, zur Erzeugung von Basisemotionen und intersubjektiven Verhaltensweisen, zur Beziehung zu aktuellen neurowissenschaftlichen Ansätzen, gesundheitsbezogenen Ansätzen und theoretischen Traditionen der Psychologie ist notwendig. Des Weiteren fehlen Studien zur konzeptuellen Metapherntheorie (Lakoff / Johnson 1999), ihrer Beziehung zu enaktiven Ansätzen und zur Tanz- und Bewegungstherapie, Studien zur Rolle von Ästhetik als fast exklusive menschliche Fähigkeit und zur Beziehung von Sprache und Bewegung. Während Embodiment und Enaktivismus danach streben, eine noch nicht vollständig geschlossene Lücke zwischen Körper und Geist in der westlichen Philosophie zu überwinden, und für eine ganzheitliche, integrative Sichtweise stehen, bringen die Grenzen der Sprache uns meist wieder an einen Punkt der Dissoziation von Körper und Geist. Dies ist teilweise auf die Tatsache zurückzuführen, dass Sprache diskret, Erleben aber kontinuierlich ist (Koch 2010). Kunst und Wissenschaft müssen verhandeln und definieren, wie Erleben als kontinuierlicher Prozess konzeptualisiert und repräsentiert werden kann. Zusammenfassend sind Perspektive, Anwendung und Prinzipien der Tanz- und Bewegungstherapie mit enaktiven und Embodiment-Ansätzen in weiten Teilen kompatibel. Enaktion, Embodiment und Tanz- und Bewegungstherapie sollten den gegenseitigen Austausch von Erkenntnissen und Perspektiven nutzen. Diese Perspektiven können zusammenwachsen, und zwar nicht nur, weil sie miteinander kompatibel sind, sondern auch, weil sie wie Körper und Geist Teile desselben Kontinuums darstellen. Statt in Beziehung ste- 10 1 | 2014 Koch, Fischman hende, aber getrennte Einheiten zu sein, bilden sie ein unteilbares lebendiges Ganzes. Literatur Barsalou, L. W. (1999): Perceptual Symbol Systems. Behavioral & Brain Sciences 22, 577-609 Bartenieff, I., Lewis, D. (1980): Body Movement. Coping With the Environment. Gordon and Breach, New York De Jaegher, H., Di Paolo, E. (2007): Participatory Sense-Making: An Enactive Approach to Social Cognition. Phenomenology and Cognitive Sciences 6, 485-507 Fischman, D. (2009): Therapeutic Relationship and Kinaestethic Empathy. In: Chaiklin, S., Wengrower, H. (Eds.): The Art and Science of Dance Movement Therapy. Life is Dance. Routledge, New York, 33-53 Gibbs, R. W. (2005): Embodiment in Cognitive Science. MIT Press, Cambridge Gendlin, E. (1998): Focusing. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg Husserl, E. (1958). Ideen II. Phänomenologische Untersuchungen zur Konstitution. Nijhoff, Den Haag Johnson, M. (2007): The Meaning of the Body. University of Chicago Press, Chicago Johnson, M. (1987): The Body in the Mind: The Bodily Basis of Meaning, Imagination, and Reason. University of Chicago Press, Chicago Koch, S. C. (2010): Bewegung und Bewusstsein. In: Hampe, R., Stalder, P. (Hrsg.): Multimodalität in den Künstlerischen Therapien. Frank & Timme, Berlin, 41-57 Koch, S. C., Fischman, D. (2011): Embodied Enactive Dance Movement Therapy. American Journal of Dance Therapy 33(1), 57-72 Kyselo, M. (2013): Enaktivismus. In: Stephan, A., Walter, S. (Hrsg.): Handbuch Kognitionswissenschaft. Metzler, Stuttgart, 197-201 Laban, R. v. (1980): The Mastery of Movement. McDonald & Evan, London Lakoff, G., Johnson, M. (1999): Philosophy in the Flesh. The Embodied Mind and its Challenge to Western Thought. Basic Books, New York Lakoff, G., Johnson, M. (1980): Metaphors We Live By. University of Chicago Press, Chicago Lyons-Ruth, K. (1999): The Two-Person Unconscious: Intersubjective Dialogue, Enactive Relational Representation, and the Emergence of New Forms of Relational Organization. Psychoanalytic Inquiry: A Topical Journal for Mental Health Professionals 19(4), 576-617 Maturana, H. R., Varela, F. J. (1991): Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living. Boston Studies in the Philosophy of Science, Boston Maturana, H. R., Varela, F. J. (1987): Der Baum der Erkenntnis. Scherz, Bern Merleau-Ponty, M. (1965): Die Phänomenologie der Wahrnehmung. DeGruyter, Berlin Niedenthal, P. M. (2007): Embodying Emotion. 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Koch SRH Hochschule Heidelberg Fakultät für Therapiewissenschaften Maasstr. 26 | D-69123 Heidelberg sabine.koch@hochschule-heidelberg.de Prof. Dr. Diana Fischman, PhD, BC-DMT Psychologin und Direktorin des BRECHA, Buenos Aires DMT Training Institute, Professorin im DMT Masterprogramm IUNA Instituto Universitario Nacional de las Artes, Universidad de Buenos Aires, und Gastdozentin an der Universidad Autónoma de Barcelona. Gründungsmitglied und Präsidentin der Associación Argentina de Danzaterapia. ✉ Diana Fischman, PhD, BC-DMT Quesada 3468 (CP 1430) | Buenos Aires Argentinien Tel. (00 54)-11-45 42-46 23 / 48 57 dfischman@brecha.com.ar www.brecha.com.ar
